Religiöse Kaffeefahrten (2): Zivildienst

Unter der Überschrift „Sonderurlaub für religiöse Kaffeefahrten?“ hatte ich kürzlich darüber geschrieben, wie Schulen, aber auch z.B. die Bundeswehr Sonderurlaub für kirchliche Veranstaltungen gewähren müssen, bei denen die Teilnehmer gerade mit der Aussicht auf Sonderurlaub und attraktiven Angeboten „geködert“ werden, ohne dass deren religiöser Charakter immer vorab klar erkennbar wäre.

Ein wenig Recherche ergab, dass – wie zu erwarten war – die Situation beim Zivildienst ganz ähnlich ist.

(Hervorhebungen in den folgenden Zitaten stammen von mir, sofern nicht anders gekennzeichnet.)

Im Leitfaden für die Durchführung des Zivildienstes heißt es:

Rüstzeiten oder Werkwochen (Exerzitien) sind Veranstaltungen, die von Geistlichen oder beauftragten Seelsorgern der beiden großen Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften durchgeführt werden.

Den Zweck dieser Veranstaltungen beschreibt das Bundesamt für den Zivildienst folgendermaßen:

Werkwochen und Rüstzeiten sind die Angebote der katholischen und evangelischen Kirche an die anerkannten Kriegsdienstverweigerer. Sie wollen das Gespräch über Situationen und Erfahrungen im Zivildienst ermöglichen, Motivation zur Friedensarbeit fördern, christlich geprägte Gewaltlosigkeit und Fragen des Glaubens ins Gespräch bringen. Zivildienstleistende können im Laufe der Dienstzeit wenigstens einmal an Werkwochen oder Rüstzeiten teilnehmen.

Rüstzeiten und Werkwochen sind also kirchliche Veranstaltungen, deren Ziel u.a. darin besteht, Glaubensfragen ins Gespräch zu bringen, und die deshalb von Geistlichen bzw. Seelsorgern durchgeführt werden. Der oben genannte Bezug zum Zivildienst ist „nötig“, um den Sonderurlaub zu rechtfertigen. Die kirchliche Zielsetzung wird in einer  Broschüre der Deutschen Bischofskonferenz beschrieben (S. 19):

Als Angebot der Kirche sind sie zuallererst einer pastoralen Zielsetzung verpflichtet: eine ganzheitliche Lebenshilfe aus dem Glauben zu geben und zu einer Lebensgestaltung aus christlicher Verantwortung einzuladen.

Das allein würde aber vermutlich noch nicht allzu viele Zivis zur Teilnahme bewegen, deshalb erhalten diese Veranstaltungen oft ausgesprochenen Freizeitcharakter und werden massiv mit dem Sonderurlaub beworben, den es dafür gibt. So bewirbt z.B. die Katholische Zivildienstseelsorge München  ihre „Seminare“ wie folgt:

Hallo Zivi,

[…] Spring mal raus aus deinem Zivi-Alltag! […] Wenigstens einmal soll die Dienststelle jedem Zivi für so eine Werkwoche Sonderurlaub geben (Leitfaden A 8!). Also nutz deine Rechte, die dir das Zivildienstgesetz gibt, und mach was draus.

Abgesehen von einer „Friedensfahrt nach Israel“ handelt es sich bei den Angeboten derzeit um eine zwei Ski- und Snowboardwochen sowie eine Schneeschuh-Expedition.

Die Möglichkeit, zusätzlichen Urlaub zu erhalten, wird hier in den Vordergrund gerückt und stellt das primäre „Verkaufsargument“ dar. Der religiöse Charakter der Veranstaltungen wird selbst  im „Kleingedruckten“ nicht deutlich:

SEMINAR-WERKWOCHEN sind ein Angebot der evangelischen und katholischen Kirche in Bayern für Zivildienstleistende. Sie wollen Lebenshilfe im persönlichen Bereich, Anstoß und Ermutigung zu Besinnung und Aktion im gesellschaftlichen Bereich sein. Meinungsaustausch, Diskussion, Aussprache über persönliche Dinge sind Mittel und Methoden dieser Tagungen. Einbringen von Erfahrungen und Informationen im Gespräch zwischen den Teilnehmern und fachkundigen MitarbeiterInnen stehen neben Referat und Diskussion. Dabei soll auch der Kontakt untereinander gefördert werden. [Hervorhebung im Original.]

Es wird auch nochmal in Fettschrift auf den Sonderurlaub hingewiesen:

SONDERURLAUB für die Teilnahme an SEMINAR-WERKWOCHEN wird im „Leitfaden für die Durchführung des Zivildienstes“ unter A 8 geregelt. Der SONDERURLAUB beträgt bis zu 5 Werktage. Eine mehrmalige Teilnahme an SEMINAR-WERKWOCHEN ist möglich. [Hervorhebungen im Original.]

Tatsächlich haben derartige Veranstaltungen aber religiösen Charakter bzw. religiöse Elemente, wie z.B. aus der Beschreibung einer Werkwoche unter dem Motto „Bike & Soul“ hervorgeht:

Bei dieser Werkwoche wollen wir ganz bewusst Natur erleben, Gipfel des Hochschwarzwaldes mit dem Mountainbike bezwingen und in einem urigen Schwarzwaldhaus die Seele baumeln lassen.

Wir werden dem Tag durch religiöse Morgen- und Abendimpulse einen Rahmen geben, uns als Gruppe kennen lernen, Gespräche über interessante Lebensthemen führen, Biketouren selbst planen und durchführen, für uns selbst kochen und die Abende kreativ gestalten. [Kursivschrift im Original.]

Auch bei der Evangelischen Kirche im Rheinland wird der Freizeitcharakter der „Rüstzeiten“ in den Vordergrund gerückt: Die drei Fotos auf der Seite zeigen: einen jungen Mann beim Billard, junge Männer auf einem Boot, junge Männer bei einem Brettspiel und Bier. In Fettschrift hervorgehoben: „Anspruch auf Sonderurlaub“.

Die darunter aufgeführten Angebote haben nicht alle „Urlaubscharakter“, es sind aber zahlreiche Segelangebote dabei. Anhand der folgenden Beschreibung kann sich der Leser dieses Blogs zwar denken, dass die Teilnehmer dabei religiös „angeregt“ (um nicht zu sagen: beeinflusst) werden, aber es findet sich wiederum kein Hinweis auf den religiösen Charakter der Veranstaltung:

„Hart am Wind im Gegenstrom…“ – Segeln und Standortbestimmungen

Segeln und segeln lernen bis zum Nachmittag in kleinen Gruppen (5-Personen-Valken).  Nachmittags und an den Abenden Gesprächs- und Workshopangebote. Dabei soll ganz viel Raum sein für: Musik, Kommunikation, Medien und Kreativität – und natürlich SeglerLatein…Die Gespräche zu ‚Standortbestimmungen’ drehen sich natürlich nicht nur ums Segeln, sondern bewegen sich auch im Kontext von Zivildienst und der persönlichen und globalen Zukunftsperspektive.

Untergebracht sind wir in der Segelschule de Ulepanne in Balk.

Leitung: Olaf Jellema, Heinrich Hellwig; zusammen mit dem Team der Segelschule. [Hervorhebungen im Original.]

Es wäre für die Teilnehmer vielleicht interessant zu wissen, dass der Leiter der Veranstaltung, Olaf Jellema, Pfarrer ist (Fotoalben der Segelveranstaltungen hier). (Bei der obigen Mountainbike-Woche ist wenigstens noch ersichtlich, dass der Leiter ein Diplom-Theologe ist.)

Nun, wenn in der Werbung auf den „eigentlichen“ Zweck der kirchlichen Angebote nicht hingewiesen wird, ist es natürlich nicht verwunderlich, wenn es dann während der Veranstaltungen zu Situationen wie diesen kommt:

Änderung:

An dieser Stelle hatte ich aus einem recht humorigen (fiktiven) „Rüstzeitbericht“ zitiert. Der Verfasser war aber offenbar weniger humorvoll als der Text es vermuten ließ, und forderte mich auf, das Zitat herauszunehmen. Ich halte diese Reaktion für übertrieben, da ich lediglich vier Absätze eines wesentlich längeren Textes zitiert hatte, das Zitat als solches gekennzeichnet und auf den Originaltext verlinkt hatte.

Aber bitte…

In dem Zitat wurde eine Situation geschildert, in der der Betreuer eine Diskussionsrunde „anleiert“. Dabei stellt sich heraus, dass das Thema der Rüstzeit den meisten Teilnehmern nicht einmal bekannt ist. Ein Teilnehmer hatte sogar völlig falsche Vorstellungen von den geplanten Aktivitäten.

Dass die „Ahnungslosigkeit“ der Teilnehmer, worauf sie sich eingelassen haben, scheinbar keine Seltenheit ist, geht sogar aus einem „offiziellen“ Rüstzeitbericht (diesmal von der Evangelischen Militärseelsorge) hervor. Dort heißt es:

Mit dem Thema „Der Soldat in unserer Zeit!“ konnten die Luftwaffensoldaten zunächst wenig anfangen. Das änderte sich jedoch, als in der Einweisungsrunde der konkrete Ablaufplan präsentiert wurde.

Das ist wohl nicht anders zu verstehen als dass sich die Teilnehmer zu einer mehrtägigen Veranstaltung angemeldet haben, obwohl sie weder mit dem Thema etwas anfangen konnten noch konkrete Vorstellungen vom Ablauf hatten.

Die Kirchen befürchten offenbar – und vermutlich zu Recht – dass schon kleinste Hinweise auf eine religiöse Ausrichtung abschreckend auf die potentiellen Teilnehmer wirken. Oder wie anders sind die folgenden Ausführungen auf den Internetseiten des Magazins „Zivil“ der Evangelischen Zivildienstseelsorge zu deuten: 

Zugegeben, der Begriff klingt abschreckend: „Rüstzeiten“, so nennen viele kirchliche Arbeitsstellen ihre Seminarangebote für Zivis. In den Ohren des Zivi-Neulings mag das nach Ritterspielen, geistlicher Aufrüstung oder religiösen Updates klingen, irgendwie nach vorvorgestern jedenfalls.

Dem werden sofort im Anschluss die „attraktiven Angebote“ und „preiswerten Reisen“ gegenübergestellt:

Wer sich dennoch die Mühe macht, die Programme der einzelnen Landeskirchen einmal genauer zu betrachten,der wird auf ein äußerst attraktives und zeitgemäßes Angebot stoßen: „Filmwerkstatt“, „Training zur Selbstbehauptung“, „Zivi-Filmfestival“, „Musik und Kabarett“, „Berufs- und Studienorientierung“… Außerdem gibt es vielfältige Chancen auf interessante und preiswerte Reisen, etwa zu sozialen Trägern in der Millionenstadt London, zur Jugendbegegnung in Taizé, auf die „Insel der Widersprüche“ nach Sizilien
Eine „Rüstzeit“, so das Internet-Lexikon Wikipedia, meint entweder die Dauer des Einrichtens einer Maschine, oder – „besonders in der Evangelischen Kirche“ – einen „mehrtägigen Kurs, in dem eine geistige Vertiefung angestrebt wird“. Um Letzteres also geht es: ein paar Tage, die intensiv dem eigenen Geist, der eigenen Seele und dem eigenen Körper gewidmet sind. Raus aus dem Zivi-Alltag, rein in ein neues Thema, ein neues Arbeitsfeld, eine unbekannte Lebenswelt.

Unter der Überschrift „Was der Zivi wissen muss“ wird erläutert:

Die von der Evangelischen Zivildienstseelsorge angebotenen Seminare und Reisen sind kirchliche Begleitveranstaltungen, die für alle Zivis offen sind: das Interesse am Thema ist entscheidend, nicht die Konfessionszugehörigkeit. Die Veranstaltungen wollen den Austausch über Erfahrungen im Zivildienst fördern, christlich geprägte Gewaltlosigkeit ins Gespräch bringen und die Motivation zur Friedensarbeit fördern.

Es fällt auf, dass sich insbesondere der letzte Satz erkennbar und z.T. wörtlich an der Formulierung des Bundesamtes für den Zivildienst orientiert, die da lautet:

Werkwochen und Rüstzeiten sind die Angebote der katholischen und evangelischen Kirche an die anerkannten Kriegsdienstverweigerer. Sie wollen das Gespräch über Situationen und Erfahrungen im Zivildienst ermöglichen, Motivation zur Friedensarbeit fördern, christlich geprägte Gewaltlosigkeit und Fragen des Glaubens ins Gespräch bringen.

Was der Zivi nach Ansicht der Evangelischen Zivildienstseelsorge offenbar nicht wissen muss ist, dass es bei den Veranstaltungen auch darum geht, „Fragen des Glaubens ins Gespräch zu bringen“ – das ist nämlich der einzige Punkt aus der „offiziellen“ Beschreibung, der unter „Was der Zivi wissen muss“ nicht genannt wird.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass Rüstzeiten und Werkwochen auch beim Zívildienst auffälligen „Kaffefahrten-Charakter“ haben: Die Veranstaltungen werden massiv mit der Möglichkeit auf Sonderurlaub, attraktiven Angeboten oder preiswerten Reisen beworben, während der eigentliche Grund, weshalb die Kirchen diese Veranstaltungen anbieten (die „pastorale Zielsetzung“), nämlich „Fragen des Glaubens ins Gespräch bringen“ und „zu einer Lebensgestaltung aus christlicher Verantwortung einzuladen“ bewusst verschwiegen oder zumindest in den Hintergrund gerückt werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: