Fake News beim Bayerischen Rundfunk

BR Titel

Die Auswirkungen der hier besprochenen Meldung werden sich zwar stark in Grenzen halten – sie ist allerdings einmal mehr ein Beispiel dafür, wie unkritisch und inkompetent der Bayerische Rundfunk über Kirchenthemen berichtet. Ein betont sachlicher Kommentar von mir dazu wurde nicht freigeschaltet.

Am 15. Januar 2020 meldete der BR auf seiner Website: Drei Viertel der Jugendlichen glauben an Gott“. Offenbar gab es dazu auch einen halbminütigen Fernsehbeitrag, dieser ist derzeit allerdings nicht mehr abrufbar. (Stand 25. Januar 2020.)

Nun weiß jeder, der die letzten Jahrzehnte nicht unter einem Stein verbracht hat, dass in Nürnberg garantiert nicht drei Viertel der Jugendlichen an Gott glauben. Dementsprechend wurde auch gleich im Anreißer relativiert: „Mehr als drei Viertel der Jugendlichen in Nürnberg glauben an Gott oder an ein höheres Wesen.“

Als Quelle für diese Behauptung wurde eine große Jugendstudie der Evangelischen Jugend Nürnberg (ejn) mit rd. 1.000 Teilnehmern angeführt. „Mehr als drei Viertel” der Befragten gaben dabei an, an Gott oder ein höheres Wesen zu glauben.

Die naheliegende Frage, wie viele davon tatsächlich an Gott glauben und wie viele lediglich an ein „höheres Wesen“, hat beim Bayerischen Rundfunk offenbar niemanden interessiert. Selbst die Evangelische Kirche verzichtet in ihrem Überblick über die Umfrageergebnisse darauf, die Gläubigen an eine höhere Macht „einzugemeinden“, und sagt klipp und klar, dass 48,6% der Befragten angaben, an Gott zu glauben (Studie S. 19). Im BR-Artikel findet sich diese Information nicht.

Gleich darauf folgt im BR-Artikel eine noch erstaunlichere Aussage: „Ein weiteres Ergebnis: Mehr als 80 Prozent der Befragten wollen später ihre Kinder taufen lassen oder kirchlich heiraten.“

In Nürnberg gehört knapp die Hälfte der Bevölkerung einer der beiden Großkirchen an. Unter den Jugendlichen wird der Anteil noch geringer sein. Wenn dort eine Umfrage zu dem Ergebnis kommt, dass 80% der Befragten kirchlich heiraten oder ihre Kinder taufen lassen wollen, wirft das sofort die Frage auf, ob die Umfrage überhaupt repräsentativ ist.

Und ein kurzer Blick in die Unterlagen hätte sofort gezeigt, dass die Studie hoffnungslos verzerrt ist: Knapp 95% der Befragten waren Mitglied einer Religionsgemeinschaft, 92,2% Mitglied einer christlichen Kirche (evangelisch, katholisch oder Freikirche; Tabellen- und Grafikband S. 23). Als „zentrales Ergebnis“ wird gleich auf S. 16 der Studie angegeben: „Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die an der Befragung teilnahmen, waren mit 78,9 % zum größten Teil evangelisch-lutherisch.”

Dies ist der Hintergrund, vor dem die zuvor genannten Zahlen zu interpretieren sind: Obwohl knapp 95% der Befragten einer Religionsgemeinschaft angehört (davon gut 92% einer christlichen Kirche) glaubt nicht mal die Hälfte (48,6%) an Gott. Weitere 30% glauben an ein höheres Wesen oder eine höhere Kraft.

Der viel zu hohe Anteil an Kirchenmitgliedern macht allerdings nur eine der Verzerrungen bei der Umfrage aus. Ein weiterer Blick in die Studie (Abschlussbericht S. 21-23) zeigt, dass die Altersklasse der 12- bis unter 18-Jährigen stark überrepräsentiert ist, während 18- bis 27-Jährigen stark unterrepräsentiert sind. (Jüngere Teilnehmer als 12 und ältere Teilnehmer als 27 sind nicht enthalten, weil es sich um eine Jugendstudie handelt.) Das deutet – zusammen mit dem überhöhten Anteil an Kirchenmitgliedern – darauf hin, dass überhaupt keine repräsentative Umfrage durchgeführt wurde. Vielmehr wurden offenbar vor allem Teilnehmer am Religions- und Konfirmandenunterricht befragt. Dem Abschlussbericht selbst (S. 19) ist zu entnehmen, dass die rd. 1.000 Befragten erst erreicht wurden, nachdem Pfarrer und Religionslehrer Fragebögen verteilten:

Am Anfang der Untersuchung wurde die Erhebung der Daten durch einen Online-Fragebogen durchgeführt. Der Fragebogen war durch einen allgemeinen Link erreichbar, der intern innerhalb der Evangelischen Jugend Nürnberg kommuniziert wurde. Durch Werbemaßnahmen wurde der Link auch Jugendlichen außerhalb der Evangelischen Jugend Nürnberg zugänglich gemacht. […]

Im Erhebungszeitraum wurde u. a. von Pfarrer/innen und Religionslehrer/innen der Wunsch nach einem schriftlichen gedruckten Fragebogen geäußert um diesen verteilen zu können. Aus diesem Grund wurde die Online-Erhebung um eine Print-Erhebung ergänzt und es konnte damit ein höherer Rücklauf erzielt werden. Insgesamt nahmen 1.068 Jugendliche und junge Erwachsene an der Befragung teil.

Dementsprechend weist die Studie als weiteres „zentrales Ergebnis“ auf S. 16 aus: „24 % engagierten sich ehrenamtlich in der Gemeindejugendarbeit. 26,2 % kannten die Angebote der Gemeinden als Teilnehmende […] 66,4 % der Befragten waren Schüler*innen.“

Mit anderen Worten: Es wurde überhaupt keine repräsentative Umfrage durchgeführt. Zwar wurde versucht, auch Jugendliche außerhalb von Religionsunterricht und kirchlicher Jugendarbeit zu erreichen – die starken Verzerrungen bei den Teilnehmern hinsichtlich Kirchenmitgliedschaft und Alter belegen aber, dass tatsächlich wohl vorwiegend Jugendliche teilgenommen haben, die ohnehin von der evangelischen Jugendarbeit erreicht werden.

Das heißt: Die Ergebnisse der Studie sind überhaupt nicht repräsentativ. Sie lassen allenfalls erkennen, dass der Glaube an Gott selbst bei den kirchenaffinen Teilnehmern nicht sehr ausgeprägt ist.

Zwar behauptet der Bayerische Rundfunk in seiner Meldung nirgends ausdrücklich, dass die Umfrage repräsentativ sei. Er impliziert dies aber, wenn er meldet „Nürnberg: Drei Viertel der Jugendlichen glauben an Gott“ und „Mehr als drei Viertel der Jugendlichen in Nürnberg glauben an Gott oder an ein höheres Wesen.“ Dies wird auch nicht dadurch korrigiert, dass der Anteil später auf die Befragten bezogen wird. Denn Anteile in Umfragen ergeben sich immer aus den Anteilen der Befragten – ob sie nun repräsentativ sind oder nicht.

Man könnte dem BR noch nachsehen, dass dort davon ausgegangen wird, wenn die Evangelische Hochschule Nürnberg eine Befragung mit über 1.000 Teilnehmern durchführt, dass die Ergebnisse repräsentativ seien. Wenn aber offensichtlich unplausible Dinge dabei herauskommen wie „Drei Viertel der Jugendlichen glauben an Gott“ oder „Mehr als 80 Prozent der Befragten wollen später ihre Kinder taufen lassen oder kirchlich heiraten“ – dann ist das kein Grund für eine entsprechende Schlagzeile, sondern dafür, zu prüfen, wie belastbar diese Studie eigentlich ist. Ein kurzer Blick in die Studie hätte gezeigt, dass sie extrem verzerrt ist und die Anteile nicht repräsentativ.

Den Leserinnen und Lesern des Bayerischen Rundfunks wird genau das Gegenteil dessen vermittelt, was tatsächlich der Fall ist: Ein überraschend hoher Anteil der Jugendlichen soll an Gott – oder zumindest an ein höheres Wesen – glauben. Wer weiß, dass nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen einer Kirche angehört, muss anhand der BR-Meldung zu dem Schluss kommen, der Glaube sei auch unter nichtkirchlichen Jugendlichen verbreitet. Tatsächlich verhält es sich genau anders herum: Selbst unter den jugendlichen Kirchenmitgliedern glaubt offenbar nur etwa die Hälfte an Gott – und selbst, wenn man noch diejenigen hinzunimmt, die an ein höheres Wesen oder eine höhere Kraft glauben, kommt man nicht auf die Zahl der Kirchenmitglieder.

An der Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks zeigen sich wieder einmal zwei Mängel der sog. „Qualitätsmedien“, auf die ich schon seit Langem hinweise:

  1. Material der Kirchen wird völlig unkritisch weiterverbreitet – gerade so, als ob die Kirchen kein Interesse hätten oder nicht Meister darin wären, Sachverhalte in einem für sie möglichst günstigen Licht erscheinen zu lassen.
  2. Kirchenthemen werden von Kirchenredakteuren behandelt – auch, wenn es sich der Sache nach um finanzielle, statistische oder juristische Themen handelt, für deren Einschätzung Finanz-, Zahlen- oder Rechtsexperten vonnöten wären.

Der Bayerische Rundfunk erweist sich hier wieder einmal als nützlicher Idiot für die Kirche.

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