Falsches Signal

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die gestern vom Bundestag geforderte Regelung, die Knabenbeschneidung straffrei zu stellen, nicht zustandekommt oder vom Bundesverfassungsgericht kassiert wird. Deshalb ist es höchst problematisch, dass der Bundestag den Beschneidern mehrheitlich und quasi von höchster Stelle signalisiert hat: IHR SEID IM RECHT!

Wohlwollend könnte man sagen, dass der Deutsche Bundestag gestern ein Signal an die Muslime und Juden in Deutschland gesendet hat: „Ihr seid hier willkommen und dürft auch Eure Religion hier ebenso praktizieren wie jeder andere auch! Der Großteil der Bevölkerung (oder zumindest des Bundestages) ist nicht antisemitisch eingestellt oder islamophob.“

Ein solches Signal hätte ich sogar anlässlich des Kölner Beschneidungsurteils für sinnvoll gehalten, denn es ist absolut nachvollziehbar, dass gerade die Muslime nach Kopftuchverboten, dem unseligen „Gebetsraum-Urteil“ in Berlin (das keines war), absurden Hürden bei der Erteilung von Lizenzen zum Schächten, und den Diskussionen um Burka- und Moscheebauverbote den Eindruck haben müssen, es handele sich bei dem Kölner Beschneidungs-Urteil um ein religionsfeindliches Urteil. (Was nicht der Fall ist: Das Landgericht hat festgestellt, dass eine Beschneidung nicht Einwilligungsfähiger ohne medizinische Notwendigkeit eine strafbare Körperverletzung darstellt. Das ergibt sich aus dem allgemeinen Strafrecht und ist erst einmal nicht auf irgendeine Religion gemünzt, es verbietet übrigens m.E. auch das vorschnelle Beschneiden bei einer Vorhautverengung, weil es dort zur Behandlung schonendere Verfahren gibt, die selbst bei einer Operation die Vorhaut erhalten.)

Ein solches Signal hat der Bundestag allerdings nicht gesetzt, es wäre auch hohl gewesen, denn Taten zählen in den oben aufgezählten Fällen mehr als bloße Lippenbekenntnisse.

Vielmehr hat der Bundestag den Beschneidern leider mehrheitlich und quasi von höchster Stelle deutlich signalisiert: IHR SEID IM RECHT!

Damit ist er dann gleich auch noch all den Juden und Muslimen in den Rücken gefallen, die sich für die Abschaffung der Knabenbeschneidung einsetzen.

Entgegen der Beteuerungen der Befürworter der Straffreiheit wird dies spätestens dann problematisch werden, wenn die angestrebte Regelung sich nicht realisieren lässt oder vom Bundesverfassungsgericht gekippt wird. Dass bisher noch nicht einmal klar ist, wie GLEICHZEITIG das Kindeswohl und die Beschneidung gewährleistet werden sollen, ist ja nicht gerade vielversprechend.

Der Fehler liegt bereits darin, Religion als Quelle von Verhaltensvorschriften zu akzeptieren

Aus meiner Sicht offenbart die derzeitige Debatte um die Knabenbeschneidung, dass es bereits ein grundsätzlicher Fehler ist, den Religiösen um des lieben Religionsfriedens willen zuzugestehen, dass sie überhaupt irgendwelche sinnvollen Verhaltensregeln aus ihren religiösen Offenbarungen, Büchern und Traditionen erhalten können. Wenn man  so tut – etwa, weil man denkt, die halten sich dann besser an die geltenden Gesetze – kann man nämlich im „Ernstfall“, wie jetzt bei der Beschneidung, nicht mehr erklären, weshalb die meisten religiösen Lehren richtig, die fragliche aber falsch sein soll.

Ich will damit nicht die Religionsfreiheit einschränken – es kann und soll ja ruhig jeder weiter glauben, was er will. Aber die Vorstellung, man könne durch göttliche Offenbarung ethische Maßstäbe gewinnen, sollte aber nicht weiter „respektiert“ oder geradezu gehätschelt und mit „Ehrfurcht“ behandelt zu werden.

Religiöse Lehren sind nicht überprüfbar, nicht verifizierbar, deshalb gibt es ja auch so viele und widersprüchliche davon. Wer Religion als Maßstab anerkennt, öffnet bestenfalls eine Wundertüte und nicht selten die Büchse der Pandora: Bestenfalls werden sich die Religiösen gesetzeskonform verhalten (was sie ohnehin tun müssten und, wenn sie vernünftig sind, i.d.R. auch tun werden), schlimmstenfalls fliegen sie Flugzeuge in Hochhäuser oder fangen Kriege an.

4 Antworten zu Falsches Signal

  1. Linus Heilig sagt:

    Bravo, kurz und bündig Tacheles.

  2. Petra sagt:

    Ja das sehe ich genauso. Ich bin eh mal gespannt wo die Rechtssprechung in 10 Jahren steht.

  3. W.Müller sagt:

    Guter Artikel Bravo.
    Das Problem besteht darin, dass die Parteien um jede Stimme kämpfen auch um die Millionen Stimmen der Muslime, Juden und Immigranten. Da werden alle Schleußen geöffnet wie Beschneidung von wehrlosen Babies, die sich später niemals mehr beschneiden lassen würden,ebenso wie ich mich niemals mehr taufen ließe, obwohl es keine Schmerzen verursacht.
    Die Dummheit der Gläubigen muss unendlich groß sein, wenn sie den Anweisungen (aus tausenden von Jahren, für Schaf und Ziegenhirten verfasst), alter seniler Männer folgen, die nur ihre Macht festigen wollen und dabei das Lebensglück unzähliger Menschen zerstören. Wir brauchen uns nicht davon ausnehmen, wir sind einem geisteskranken Postkartenmaler gefolgt und Millionen haben geschrien: Führer befiehl, wir folgen Dir. Es ist die Schwarmdummheit von Menschen, die dies alles erklärt.
    nicht nachlassen
    W.Müller

  4. Linus Heilig sagt:

    Danke Hr. Müller,
    ein wunderbares Pläydoyer zur Abschaffung des §166 inklusive erstzlose Streichung des Reichskonkordats. Das Glück der späten Geburt (Helmut Kohl) schützt nicht vor der Scharmdummheit der Religioten (MSS). Individuellen Respekt z.B. Ihnen, unsonsten respektlos gegenüber gesellschaftlichem Humbug unter Gefühlsbeleidigten.
    Mit brennender Geduld, Eiligheilig

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