EKDemagogin Petra Bahr

„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“
– Martin Morlock 1977, nach Wikipedia

Offiziell gilt die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr als deutsche Theologin. Ich habe allerdings mittlerweile den Verdacht, dass es sich bei ihr in Wahrheit um eine australische Theologin handelt, deren Niveau dermaßen unterirdisch ist, dass es sie nach Deutschland verschlagen hat.

Außer zu Kultur äußert sich Frau Bahr auch gerne über Atheisten, obwohl wir ihren Ausführungen zufolge eigentlich das komplette Gegenteil von Kultur sein müssten.

Wer sich sonst schon darüber ärgert, dass die Kirchen anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, der wird an Frau Bahr seine reine Freude haben:

„Religionskritik darf alles, nur sollte sie sich auf dem Niveau abendländischer Religionskritik bewegen“, sagte die Theologin in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Ich kann ihr diesen Artikel ja mal schicken und fragen, ob ich ihr Imprimatur erhalte…

Wenn ich dann noch Begriffe lese wie „entgrenzte Vernunft“ (was meint Frau Bahr damit – einen IQ über 99?), dann frage ich mich: Kann man wirklich so dummdreist sein, oder hatte Frau Bahr lediglich das Pech, dass evangelisch.de verzerrend über sie berichtet hat – das Portal für Meldungen, für die sich andere Anbieter zu schade sind?

Gut – eigentlich wäre das nicht „Pech“, sondern ausgleichende Gerechtigkeit. Denn mittlerweile habe ich ein komplettes Vortragsmanuskript von Frau Bahr gelesen. „Kleinkariert“, wie wir Atheisten nun mal sind, habe ich meine Anmerkungen dazu aufgeschrieben, da will ich sie hier auch zur Verfügung stellen. Ich sag mal so: Wenn man Frau Bahrs Argumentation mit denen des katholischen Philosophen Robert Spaemann vergleicht, freut sich vermutlich Frau Bahr, Atheisten wissen aber, was zu erwarten ist.

Frau Bahr hat nämlich diese Woche einen Vortrag auf dem „Foyer Kirche und Staat“ gehalten, einer regelmäßigen kirchlichen Lobbyveranstaltung in Karlsruhe, bei der die evangelische und die katholische Kirche Verfassungsrichter und andere hochrangige Mitarbeiter des Bundesgerichtshofs und der Bundesanwaltschaft einladen, die sich für so etwas hergeben. Denn natürlich hat außer den Kirchen keine andere Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft einen derartigen „direkten Draht“ zu den Schlüsselpersonen der Judikative. Die Giordano-Bruno-Stiftung hat dies früher bereits als „religiöse Beeinflussung der Gerichte“ kritisiert.

Um nun die Verfassungsrichter über „Salafisten, Atheisten und Co.“ zu informieren hat das „Foyer Kirche und Staat“ natürlich nicht etwa Salafisten oder gar Atheisten eingeladen, stattdessen stellte Frau Bahr deren Positionen vor. Oder was sich jemand, der sich um „entgrenzte Vernunft“ sorgt, darunter vorstellt.

Gut – der Vortrag war zumindest insofern ausgewogen, dass die Positionen von Matthias Matussek und den Atheisten wohl in etwa gleich verzerrt wiedergegeben worden sein dürften.

Frau Bahr begann:

Manchmal lohnt es sich, das eigenes Land, die eigene Stadt, das eigene Stadtviertel mit dem Blick einer Ethnologin zu durchstreifen, die mit ungezielter Neugier und ohne festgelegte Perspektiven ein fremdes Volk beobachtet. [S. 1]

Frau Bahr heimst sogleich Glaubwürdigkeits-Punkte ein, weil ihr natürlich JEDER abkauft, dass nun völlig ungezielte Beobachtungen ohne irgendeine Perspektive kommen werden. Oder diente dieser Einleitungssatz dazu, die Gutgläubigkeit des Publikums auszuloten, um zu testen, wieviel Dreistigkeit akzeptiert wird?

So kann das Auge an den Dingen hängen bleiben, die von innen kaum bemerkenswert erscheinen, oberflächliche Kleinigkeiten, die zum Symbol für den Zustand einer Gesellschaft werden. [S. 1]

Angesichts all der „Kleinigkeiten“ die Frau Bahr im weiteren Verlauf ihres Vortrags „übersieht“, sollte man aber auch nicht zu viel erwarten…

Ich lade Sie ein zu einem ethnologischen Erkundungsgang an einem Samstag vor Ostern durch Berlin. Mitten im Gewimmel aufgeregter Touristen aus aller Welt, die sich mit Stadtplan und elektronischem Reiseführer einen Weg durch die kulturelle Landschaft der Hauptstadt machen, stehen sie, die Tapeziertische mit Broschüren, Kugelschreibern und Plakatwänden, die sich einem in den Weg stellen. [S. 1]

Also, bei jemandem, der schon Plakatwänden ein Eigenleben zuschreibt verwundert es natürlich nicht, wenn derjenige auch an Gott glaubt.

Was meist im blinden Winkel des Alltagsgeschäfts liegt, rückt nun in den Mittelpunkt. [S. 1]

Ja, wie z.B. die salafistische Koranverteilungsaktion, von der man ohne den Bericht von Frau Bahr vermutlich nie etwas mitbekommen hätte. Oder „schicke junge Frauen“:

Der erste Tisch – zwei schicke junge Frauen drücken mir einen Zettel in die Hand: „Recht auf Homeschooling“. Beschulung durch die Eltern zuhause. „Wir wollen unsere Kinder nicht dem Staat ausliefern.“ Auf dem Flyer stehen die ganz großen Reizworte. Menschenwürde. Elternrecht. Totalitärer Staat. [S. 1]

Doch zum Glück (oder Unglück, darüber lässt sich streiten) kann Frau Bahr den Tapeziertischen gerade noch einmal entkommen:

Ich kann mich losreißen, da druckt mir ein Mann mit Bart eine Tüte in die Hand. Ein Taschenbuch baumelt darin, billiges Papier, billige Aufmachung. Der Koran. [S. 1]

Hätte Frau Bahr ihren Osterspaziergang vor drei Jahren gemacht, hätte sie in Berlin Flyer und Plakate der Aktion „Pro Reli“ – von den beiden Großkirchen unterstützt – gesehen mit Botschaften wie „In Berlin geht’s um die Freiheit. Sagen Sie nicht, Sie hätten keine Wahl gehabt.“ 2010 gab der nordrhein-Westfälische Diakoniesprecher Günther Barenhoff 2010 die Losung aus „Gott kann man nicht bestreiken“. 2012 warb die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau – anlässlich der Kritik an den Tanzverboten an stillen Feiertagen – mit einer Plakataktion um „Respekt für den Karfreitag“. (Als ob man Respekt mit Tanzverboten erzwingen könnte.) Und auch den Bereich der Kulturbeauftragten auf der EKD-Website ziert ein großes Zitat von Dietrich Bonhoeffer: „Kultur ist der Spielraum der Freiheit“:

„Freiheit“, „Gott“, „Respekt“ – ganz große Reizworte. Nur, dass man sich bei den Großkirchen natürlich nicht mit „billigem Papier“ oder „billiger Aufmachung“ abgibt – man hat‘s ja. Statt hinterm Tapeziertisch mit Flyern in Berlin steht man lieber beim Jahresempfang des „Foyers Kirche und Recht“ in Karlsruhe hinterm Rednerpult und hält Vertretern der höchsten deutschen Gerichte Vorträge über Salafisten, Atheisten und Co. Billig ist hier höchstens der Inhalt, aber sicher nicht das Drumherum. Lohnt sich aber natürlich, wenn dadurch bewirkt werden kann, dass Milliardenbeträge auch nur etwas länger an die Kirchen fließen.

Frau Bahr erzählt weiter, in ihrem typischen, einfühlsamen Stil, der Menschen mit ihren Sorgen und Problemen ganz annimmt:

Ich bin auf der Höhe des Berliner Doms angekommen. […] „Treten Sie aus der Kirche aus“, ermuntert mich ein junger Kerl mit rotem T-Shirt. „Gott ist tot“, steht da in den Lettern, die normalerweise Coca-Cola für seine Werbung nutzt, auf seiner Brust. „Die Kirche ist eine Zwangsanstalt. Befreien Sie sich!“, ruft der Knabe den Passanten zu, als sei die Kirchenmitgliedschaft mit Zwängen und der Austritt mit Sanktionen belegt. [S. 2]

Sagt die Frau, die bei einem Kirchenaustritt ihren Job los wäre. Frau Bahr blendet aus, dass die Kirchenmitgliedschaft üblicherweise durch die Säuglingstaufe begründet wird, also keineswegs freiwillig ist. Sie führt auch automatisch zum Abzug der Kirchensteuer, sobald man eigenes Einkommen hat. Will man austreten, muss man in den meisten Städten eine Gebühr bezahlen, die bis zu 50 Euro betragen kann. Von der „Rasterfahndung“ nach Getauften, die den Beleg für ihren Kirchenaustritt nicht mehr haben und deshalb über Jahre rückwirkend zur Kirchensteuer herangezogen werden, mal ganz abgesehen. Und wer das Pech hat, auch noch in einer kirchlichen Einrichtung, z.B. einem Krankenhaus, beschäftigt zu sein – und sei es nur als Putzfrau – muss dann auch noch um seinen Arbeitsplatz fürchten. In der katholischen Kirche wird man in Deutschland bei einem Kirchenaustritt auch noch automatisch exkommuniziert.

Frau Bahr, die ja gerne von anderen Niveau und Differenzierung einfordert, tut hier so, als sei sie zu blöd, solche Zusammenhänge zu erkennen.

Dann lädt er noch zur nächsten Party ein und erzählt stolz von den Karfreitagsstöraktionen des letzten Tages. „Heidenspaß statt Todesangst“ heißt die Bewegung, die im ganzen Bundesgebiet kein anderes Ziel hat, als die Karfreitagsruhe zu torpedieren. [S. 2]

„Kein anderes Ziel, als die Karfreitagsruhe zu torpedieren.“ Sehr differenziert, Frau Bahr! Wenn Sie das so formulieren, ist es ja auch nicht mehr nötig, dass die Betreffenden ihre Positionen selbst vortragen.

Wer freilich bei Google nach „Karfreitag“, „Party“ und „Heidenspaß“ sucht, findet allerdings nichts, wovon sich „voller Stolz“ berichten ließe. Die einzige auffindbare „Heidenspaß-Party“ am Karfreitag scheint eine Aktion des Bundes für Geistesfreiheit 2007 gewesen zu sein, die aber verboten wurde.

Natürlich belässt es Frau Bahr wieder dabei, von „Karfreitagsstöraktionen“ zu sprechen, ohne konkret zu sagen, was sie meint. Die einzige andere Heidenspaß-Veranstaltung am Karfreitag, die ich finden konnte, war die „Religionsfreie Zone“ im Kölner Filmhaus, wo 2012 die beiden Filme „Religulous“ und „Das Leben des Brian“ gezeigt wurden. Wer sich dadurch gestört fühlt, der dürfte auch ohne solche Veranstaltungen gestört sein.

Vielleicht handelte es sich bei dem „Kerl“ ja um einen Schachspieler. Denn auch Schachturniere gelten als „Torpedierung der Karfreitagsruhe“.

Wie gesagt: Wir können nur spekulieren, worauf sich Frau Bahr bezog. Vielleicht auf Flashmobs gegen das Tanzverbot. Flashmobs zielen aber nicht auf die Störung der Religionsausübung ab – es werden ja keine Gottesdienste gestört – sondern sie richten sich gegen das Tanzverbot. Ohne Tanzverbot gäbe es auch solche Flashmobs nicht.

Auf meinen Einwand, man könne doch an 350 Tagen im Jahr ungehemmte Heidenfreuden genießen, lacht er schief und sagt: „Aber dann macht es ja keinen Spaß, weil sich keiner ärgert.“ [S. 2]

Frau Bahr, die kurz zuvor noch den Salafisten bescheinigte, „mit Freiheitsrechten und Zugeständnissen an die moderne Gesellschaft äußerst geizig“ zu sein [S. 1], hält es offenbar für ausreichend, dass Andersdenkende ihre Rechte an 350 Tagen wahrnehmen dürfen, während ihre eigene Kirche das ganze Jahr über exzessive Privilegien genießt, und an Feiertagen noch mehr.

Man fragt sich auch, ob Frau Bahr dies tatsächlich erlebt hat, oder ob sie sich das nur ausgedacht hat. Christen denken sich ja gerne mal „aus didaktischen“ Gründen“ Geschichten aus, in denen Andersdenkende grotesk karikiert werden. Von meinen Bekannten in Berlin, die sehr gut mit der atheistischen Szene vernetzt sind, wusste jedenfalls heute keiner von einer solchen Aktion. Da die Kirchenmitgliedschaft in Berlin ohnehin sehr niedrig ist und auch das Tanzverbot am Karfreitag nur eingeschränkt gilt – von 4 Uhr morgens bis 21 Uhr abends – erscheint es auch fragwürdig, ob dort tatsächlich solche Aktionen durchgeführt werden. Und auf der einzigen Kirchenaustrittsfeier („es ist ja schon fast schwer, in Berlin noch Gläubige zu finden“) findet sich auf den Gruppenfotos jedenfalls kein Teilnehmer mit einem roten „Gott ist tot“-Shirt.

Natürlich ist mein ethnologisches Experiment deutlich überzeichnet. [S. 2]

Ist das Theologensprech für „Ich habe mir das alles nur ausgedacht“?

Die Menschen hinter den Tapeziertischen und vor meiner morschen Holzbank vertreten nur eine Minderheit.

Dasselbe gilt allerdings auch für Frau Bahr. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist kümmerlich, und die einzelnen Punkte des christlichen Glaubensbekenntnisses, die z.B. (auch bei den Evangelen) die Jungfrauengeburt beinhalten, werden höchstens noch von einer Minderheit geglaubt. Die neueste mir bekannte Statistik (der Universität von Chicago) besagt, dass 2008 in Westdeutschland noch 32 Prozent an einen persönlichen Gott glaubten, in Ostdeutschland 8,2 Prozent. Und da sind die Muslime schon mit enthalten. Und – höchstwahrscheinlich – die „geschlossenen Milieus“ „an den Rändern des Christentums“, von denen sich Frau Bahr in ihrem Vortrag distanziert. DIE glauben den ganzen Kram nämlich! Da bleibt für gläubige EKD-Kuschelchristen nicht mehr viel übrig.

Offene Gesellschaften zeichnen sich ja vor allem dadurch aus, dass jeder und jede ständig am eigenen Weltbild bastelt, weil die Traditionen, die familiären Zusammenhänge oder die regionalen Bindungen locker und brüchig geworden sind. [S. 3]

Atheisten haben da nichts zu basteln. Und unter „Weltbild“ verstehen wir etwas, was nicht von Tradition, Familie oder regionaler Bindung abhängt. Das ist nur bei den Religionen so.

Denn das, was wir in Deutschland lange nur aus dem Fernsehen oder von USA-Besuchen kannten, wird auch in unserer Gesellschaft Realität. Mitten in der offenen Gesellschaft wachsen geschlossene Milieus mit starken Weltbildern, die durch die üblichen Diskurse in Medien, Universitäten und Akademien kaum noch zum Einstürzen gebracht werden. [S. 3]

Sagt die Frau, die später in ihrem Vortrag von „Wahrheitsansprüchen, die unverhandelbar sind“, reden wird, und mit Karl Barth sagt: „Die Wahrheit, dass die Erlösung von den überzogenen Selbstbildern und den Selbsterrettungsträumen im Glauben an Gott durch Jesus Christus geschenkt wird, steht nicht zur Disposition.“

[M]ein Anliegen heute ist es aber, den Veränderungsprozess, in dem wir uns als Gesellschaft befinden, zu beschreiben und theologisch zu kommentieren, weil es hier auch um das Gefüge der demokratisch verfassten Gesellschaft geht, in dem die Kirchen möglicherweise in Zukunft eine andere Rolle spielen. [S. 3]

Sehen Sie, Frau Bahr, das ist das Putzige an Leuten wie Ihnen: Ohne jeglichen Beweis glauben Sie ziemlich absurde Dinge und bezeichnen diese auch noch als „Wahrheiten“. Aber angesichts des Mitgliederschwundes der Kirchen, des Priestermangels, der Kirchenschließungen und Zusammenlegungen von Gemeinden und Landeskirchen sagen Sie, dass die Kirchen „möglicherweise“ in Zukunft eine andere Rolle spielen.

Durch die Wiedervereinigung ist auch der in zwei Diktaturen herangereifte und von oben verordnete Antiklerikalismus mehrheitsfähiger geworden. Zwei Generationen ererbter Gottlosigkeit hinterlassen ihre Spuren nun auch in der Mitte unserer Gesellschaft. [S. 3]

Wieder ist unklar, was Frau Bahr meint – aber sollte sie der Auffassung sein, das Erbe der Nationalsozialisten sei Gottlosigkeit, so liegt sie falsch. Eine Bewegung, die sich in ihrem Parteiprogramm zum „positiven Christentum“ bekannte und deren Soldaten mit der Aufschrift „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss in den Krieg zogen, lässt sich einfach nicht als gottlos darstellen. Undifferenzierter geht es eigentlich nicht mehr, Frau Bahr!

Frau Bahr tut auch wieder, was sie gerne tut, nämlich als Ursache für den von ihr wahrgenommenen Antiklerikalismus anzugeben, dass dieser „von oben verordnet“ gewesen sei. Das mag zwar für den Nationalsozialismus und die DDR zutreffen, Frau Bahr lässt aber außen vor, dass heutige Kirchen- und Religionskritik sich wohl aus anderen Gründen speisen dürfte. So erscheint z.B. der „Neue Atheismus“ als Gegenbewegung zum Kreationismus und der damit verbundenen Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA sowie als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001. Immer mehr Menschen merken, dass Kirchen die Menschen verblöden, manipulieren und Religionen die Saat der Gewalt in sich tragen. Da braucht es dann keine Nazis oder Sozis mehr für Kirchen- und Religionskritik.

Nicht jeder, der seine Konfession nicht mehr an eine Mitgliedschaft binden will, ist ein oberflächlicher, ganz dem materiellen Glanz der Konsumgesellschaft verfallener Mensch. [S. 4]

Nicht JEDER? Das ist offenbar, was Frau Bahr unter niveauvoller Differenzierung versteht.

Doch tiefe Skepsis gegenüber lebenslangen Bindungen, die innere Distanz zu großen Institutionen, auch das Misstrauen, das die großen Skandale der letzten Jahre befördert haben, sorgen für eine äußere Distanz zur verfassten Kirche. [S. 4]

Wie gehabt: „Distanz zu lebenslangen Bindungen“, „Distanz zu großen Institutionen“ – das Naheliegendste, dass nämlich die Menschen mit dem christlichen Glauben nichts mehr anfangen können oder ihn schlicht und einfach nicht mehr glauben, scheint für die niveauvolle, differenzierende Frau Bahr außerhalb der Möglichkeiten zu liegen. Kurz zuvor sagte sie noch in Bezug auf andere:

Mitten in der offenen Gesellschaft wachsen geschlossene Milieus mit starken Weltbildern, die durch die üblichen Diskurse in Medien, Universitäten und Akademien kaum noch zum Einstürzen gebracht werden. [S. 3]

Wie gezeigt, scheint Frau Bahr selbst allerdings auch immer wieder das Offensichtliche nicht wahr haben zu wollen.

So ist längst nicht mehr sicher, dass ein junger Richter, der begeistert in der Kantorei seiner Stadtkirche singt, auch Gefallen am Kreuz im Gerichtssaal findet. Und Ministeriale, die aus Pfarrhäusern oder der katholischen Jugendarbeit kommen, sind noch nicht zwangsläufig glühende Verfechter des konfessionellen Religionsunterrichts. [S. 4]

Sagt die Frau, die sich darüber wundert, dass sich Nichtchristen über christliche Zumutungen durch den Staat beklagen. Denn früher war das ja offenbar der Fall, wie man Frau Bahrs Formulierung „längst nicht mehr sicher“ entnehmen kann.

Übrigens: Höre ich da einen leisen Ton des Bedauerns heraus? Jeder, dem etwas an der Verfassung und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung liegt, muss froh sein, wenn Politiker, Beamte und Richter versuchen, ihre Entscheidungen unbeeinflusst von ihrer religiösen Sozialisation zu treffen.

Da nehmen sie als Referenz eher das prägende Studienjahr an einer amerikanischen Law-School und die Erfahrungen mit einem ganz anderen System von Religion, Staat und Gesellschaft. [S. 4]

Soll wohl heißen: Liebe Verfassungsrichter, die strikte Trennung von Staat und Kirche, wie sie in den USA praktiziert wird (wo Kreuze oder Darstellungen der 10 Gebote in Gerichten und öffentlichen Gebäuden verboten sind und entsprechenden Klagen auf Entfernung immer stattgegeben wird) und die im Prinzip auch von der deutschen Verfassung gefordert wird, die wäre in Deutschland verfehlt, weil wir hier ein „ganz anderes System von Religion, Staat und Gesellschaft“ haben.

Aber wie üblich sagt Frau Bahr nicht deutlich, was sie meint. Damit würde sie ja sofort die Diskussion auslösen, die sie zwar verbal fordert, tatsächlich aber meidet.

Gleichzeitig vervielfältigen sich die geschlossenen Weltbilder und die Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur Moderne mit ihren Zumutungen. [S. 5]

Sagt die Frau, die nicht wahrhaben will, dass Menschen gute Gründe dafür haben können, sich von der Kirche abzuwenden und sie zu kritisieren. Und die später Demokratie und die Existenz von Andersdenkenden als „Zumutung“ bezeichnet.

Im Islam ist das mit Händen zu greifen. Hier lassen sich diese Strömungen ja als globalisiertes Phänomen beobachten. Die Ursachenbündel sind kompliziert und haben Gründe sowohl in den Migrationsströmen, die ein tiefes kollektives Gefühl von Heimatlosigkeit hinterlassen, der mangelnder sozialer Teilhabe in den Mehrheitsgesellschaften und der politischen Demütigung. Angst und das Gefühl der Unterlegenheit wandeln sich in Ablehnung und Aggression. [S. 5]

Migration, Heimatlosigkeit, mangelnde Teilhabe… Dass der Religion etwas Intolerantes und Gewalttätiges innewohnen könnte, blendet Frau Bahr wieder aus. Sie sollte mal Franz Buggle lesen („Denn sie wissen nicht, was sie glauben: Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann.“) Immerhin war Buggle Psychologieprofessor in Freiburg, vielleicht ist das ja niveauvoll genug für Frau Bahr.

Aber der Erfolg der Rekrutierung für diese Kampfesreligion liegt tiefer. Sie deutet auf das Versagen von Familien und auch auf das Versagen der Kirchen und Moscheegemeinden, die diese jungen Menschen schon lange nicht mehr erreichen. [S. 5]

Frau Bahr spricht von „Versagen“ der Kirchen und Moscheegemeinschaften, wenn Jugendliche eine wörtliche Interpretation des Korans glaubwürdiger finden als die „freie individuelle Interpretation der Gebote“, wie sie Frau Bahr kurz zuvor veranschaulicht hat, bei der nämlich

viele Muslime längst in der modernen Unentschiedenheit zwischen religiöser Bindung und freier individueller Interpretation der Gebote angekommen sind, die den Ramadan halten und trotzdem mit Freunden mal einen Hamburger essen, die der Großmutter zur Liebe das Kopftuch tragen und die Verheiratungsträume des Vaters charmant unterlaufen [S. 5]

Es geht weiter:

Meistens bleibt die Gewaltbereitschaft nur eine verbale Kraftmeierei, aber spätestens seit den jüngsten Ausschreitungen in Bonn ist die hässliche Fratze dieser militanten Interpretation des Islam augenfällig geworden. [S. 5-6]

Ja, SPÄTETENS! Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York, die das World Trade Center in Schutt und Asche legten und wegen denen die Bundeswehr mehr als zehn Jahre später immer noch in Afghanistan eingesetzt ist, die hätte man ja noch ausblenden können. Aber Messerattacken auf zwei Polizisten in Bonn – IRGENDWO hört der Spaß auf! Bei diesem „Gewaltexzess“ (gemeint ist die Messerattacke) wird die Militanz dann auch für Frau Bahr augenfällig.

Das ist besonders gefährlich, …

Ja, Frau Bahr: Erklären Sie doch bitte den versammelten Verfassungsrichtern und Juristen der Bundesanwaltschaft, weshalb Messerattacken auf Polizisten gefährlich sind:

… weil diese radikalen Splittergruppen die Ressentiments gegenüber dem Islam insgesamt wieder wachsen lassen. [S. 6]

Ressentiments („heimlicher Groll“) sind Frau Bahr natürlich völlig fremd. Der Begriff befindet sich nur deshalb in ihrem Wortschatz, um sich niveauvoll geben zu können.

Das ist Wasser auf die Mühlen rechtsradikaler Bewegungen und atheistischer Kampagnen. [S. 6]

Ja, Gerüchten zufolge arbeitet die Richard-Dawkins-Foundation schon an einer Neuauflage der „Imagine No Religion“- Kampagne, auf der statt der Skyline von New York MIT World Trade Center das Bild eines unversehrten Bonner Polizisten zu sehen sein wird.

Doch auch an den Rändern des Christentums entwickeln sich geschlossene Milieus. [S. 6]

Merke: Die „Ränder des Christentums“ befinden sich nach Auffassung von Frau Bahr offenbar dort, wo das Glaubensbekenntnis noch in allen Punkten geglaubt wird und wo regelmäßig in die Kirche gegangen wird.

ACHTUNG: Frau Bahr wird im Folgenden recht konkret – so konkret, dass ich mich frage, ob Matthias Matussek sich hier korrekt wiedergegeben sieht:

Für manche soll die Kirche vor allem eine ästhetische Gegenwelt sein. Das sind die sogenannten Feuilletonkatholiken, … [S. 6]

Auf die wäre ich auch neidisch, wenn meine Äußerungen hauptsächlich von evangelisch.de verbreitet würden.

… die mal elegant, mal wuchtig und derbe, mit den gegenwärtigen Zuständen der Kirche abrechnen. Die Sehnsucht nach dem Ästhetisch-Erhabenen, das wie ein Monolith aus der Welt der religiösen und politischen Kompromisse herausragt, fasziniert Matthias Matussek und Martin Mosebach. Ihre Kritik an der Formlosigkeit mancher Liturgie und am Funktionärsjargon von Geistlichen ist ja auch berechtigt. Aber ihre Kritik reicht tiefer. Sie wollen im Grunde eine Kirche ohne Volk, jedenfalls ohne dieses widerspenstige, anspruchsvolle, nörgelnde, zweifelnde Alltagschristenvolk, das sich in den Gemeinden versammelt. Ihre societas perfecta kommt am besten ohne Gläubige aus. Vor allem soll sich diese Kirche aus der Gesellschaft und ihren Problemen heraushalten. Sie soll sich, wie es im Unternehmensberatersound heißt, auf ihre Kernkompetenz zurückziehen. Und das ist ausschließlich der Kultus. Diakonische und kulturelle Aufgaben verwässern dagegen in dieser Perspektive das Alleinstellungsmerkmal des Christlichen. Die Kirche soll als Kryptagemeinde existieren und auch jeden Eindruck von zivilreligiöser Öffnung meiden.

Wenn diese Worte nicht von Frau Bahr stammen würden, könnte man glatt den Eindruck gewinnen, hier würde ein absurder argumentativer Strohmann aufgebaut.

Das Bodenpersonal für dieses weltlose Christentum – das gibt es in Varianten übrigens in beiden Kirchen – sammelt sich zum Beispiel in der Bewegung gegen die öffentlichen Schulen, in radikalen Lebensschützergruppen und in Milieus, die mit der Forderung nach einem Recht auf „Homeschooling“ auftreten. [S. 6]

Ja, genau! Gerade die LEBENSSCHÜTZER treten ja dafür ein, dass die Kirche zur Kryptagemeinde wird, sich nur noch auf das Ästhetisch-Erhabene konzentriert und sich „aus der Gesellschaft und ihren Problemen heraushalten“ soll. Ihr Scharfsinn, Frau Bahr, Ihre Stringenz… das gibt wieder Punkte für Niveau und Differenzierung.

Und Ihre Formulierung „Das Bodenpersonal … sammelt sich…“ klingt wahrscheinlich nur zufällig wie „Bodensatz“, der sich „sammelt“. Also etwa das Niveau, von den Sie glauben, es nicht zu haben.

Die öffentliche Schule, Spiegel und Lernort für die pluralistische Gesellschaft, ist kein Ort für das gesellschaftlich Gemeinsame der Verschiedenen mehr, sondern nur noch ein dämonischer Ort der Verführung durch das Fremde, das Andere, sei es eine andere Religion, eine andere Lebensphilosophie, ein anderer Lebensstil. [S. 6-7]

Ja, diese Auffassung kann man natürlich kritisieren – allerdings nicht sehr überzeugend, wenn man sich, wie Frau Bahr,  in Berlin gegen einen für alle verbindlichen, gemeinsamen Ethikunterricht ausgesprochen hat, um den Schülern stattdessen nach Konfessionen getrennten Religionsunterricht zu verpassen. Mit der Begründung, der Berliner Ethikunterricht habe das Ziel, die Schüler von allen religiösen Bindungen zu distanzieren. Der Religionsunterricht hingegen sei ein Ort, an dem man zweifeln, fragen und suchen könne.

Es folgt eine m.E. recht treffende Zusammenfassung der kirchenkritischen Position:

Vor diesem Hintergrund leuchten die heftigen Attacken der atheistischen, humanistischen und laizistischen Bewegungen in Deutschland auf den ersten Blick sogar ein. Schließlich warnen sie vehement vor den Gewaltpotentialen der Religionen. [S. 7]

Der Unterschied zwischen Frau Bahr und uns ist, dass wir vor dem Gewaltpotenzial der Religionen warnen, Frau Bahr nur vor dem Gewaltpotenzial anderer Religionen. Frau Bahr zufolge sind die bereits erwähnten „geschlossenen Milieus“, die Frau Bahr den „Rändern des Christentums“ zuschreibt, „auf der Oberfläche ungefährlich und nicht gewaltbereit“ [S. 6]. Wenn man davon absieht, dass z.B. im evangelikalen Spektrum die gesetzlich verbotene körperliche Züchtigung von Kindern durchaus als biblische Erziehungsmaßnahme gehandelt wird, dass Leute, die das Abhängen von Kreuzen in Klassenzimmern fordern, regelmäßig Morddrohungen erhalten… von Aktivitäten in anderen Ländern wie der Ermordung von Abtreibungsärzten, den Bestrebungen, die Todesstrafe für Homosexualität einzuführen oder der Ermordung von „Hexen“ abgesehen… Frau Bahrs Vorstellung von den „Rändern des Christentums“ scheint etwas eng gefasst zu sein.

Aber auch hier gibt es verbale Eskalationsstufen, die mit dem Bedürfnis nach Aufklärung im anspruchsvollen Sinne nur wenig zu tun haben. [S. 7]

Hier ist es wieder: Frau Bahr kann es einfach nicht ertragen, wenn jemand sich nicht anspruchsvoll artikuliert. Hoffentlich führt sie keine Selbstgespräche.

Das Bild des Christentums wird mit finsteren Farben grundiert. [S. 7]

Ja – aber Leute, die ihre Umgebung gerne durch die Darstellung einer gekreuzigten Leiche dekorieren, sollte das doch wohl nicht überraschen, oder?

Darüber werden in grellen Tönen die vermeintlich freiheitsfeindlichen Exzesse der Gläubigen gemalt, die sich in der selbstverschuldeten Unmündigkeit nicht nur privat eingerichtet, sondern auch noch den Staat und seine Institutionen mitgefesselt haben. [S. 7]

Mit den „vermeintlich freiheitsfeindlichen Exzessen der Gläubigen“ sind offenbar all die Punkte gemeint, die Frau Bahr bisher konsequent ausgeblendet hat.

Als innertheologische Religionskritik beginnt sie im Grunde schon in der prophetischen Tradition der Bibel, die die geistliche Führungselite nie gut aussehen lässt. [S. 7]

Selbst aus diesem Satz ist erkennbar, dass sich die Kritik der Propheten natürlich nicht gegen Gott oder die Religion als solche richtete, sondern gegen die herrschenden Zustände. Zudem war die Logik der Propheten, vereinfacht gesagt: Gott hatte dem Volk Israel ja jede Menge tolle Versprechungen gemacht, wenn sie sich gottgefällig verhalten würden. Als nun diese Versprechungen nicht eintrafen, sondern im Gegenteil den Israeliten auch noch von anderen Völkern übel mitgespielt wurde, kamen die Propheten natürlich nicht auf den Gedanken, dass da irgendetwas mit den göttlichen Versprechungen nicht stimmen könnte – stattdessen forderten sie, NOCH gottgefälliger zu leben, denn das Unheil sei ja offensichtlich die Bestrafung dafür, dass sich das Volk Israel  bisher nicht gottgefällig genug verhalten hätte.

Wer nun die Messlatte für „Religionskritik“ derart niedrig legt, sollte sich dann aber bitte nicht über mangelndes Niveau bei den heutigen Religionskritikern beschweren.

Zur christlichen Theologie gehören die radikale Frage und der unerbittliche Zweifel, das Ringen mit den Hierarchien und Traditionen, die kalkulierte Häresie und der fromme Spott. Das hat zu vielen innerkirchlichen Verwerfungen geführt, ja sogar zu Kirchentrennungen, gehört aber im Grunde zur Kulturgeschichte des Christentums bis in die Gegenwart, auch wenn zarte religiöse Gemüter oder machtbewußte Kirchenführer diese Kritik schwer erträglich finden. [S. 7]

Das ist keine „innertheologische Religionskritik“, sondern das sind die üblichen Streitereien und Schismen zwischen Gläubigen, die sich nicht lösen lassen, weil sie sich auf Hirngespinste beziehen, die nicht überprüfbar sind. Und am Ende verstehen sich immer noch alle als Christen. Das hat mit dem Verständnis von Religionskritik, wie es die neuen Atheisten pflegen, nichts zu tun.

Doch die atheistischen und antiklerikalen Bewegungen der Gegenwart haben die Flughöhen der philosophischen Kirchen- und Religionskritik längst verlassen. [S. 7-8]

Ist wohl abwertend gemeint im Sinne von “weniger Niveau”, muss aber anhand der vorherigen Beispiele für “Religionskritik”, die Frau Bahr lieferte, positiv aufgefasst warden. Das war die Flughöhe intellektueller Stubenfliegen. Im Tiefflug.

Ihre theoretische Munition finden sie in einer zur Weltanschauung aufgerüsteten Wissenschaftsgläubigkeit eines Richard Dawkins und anderer. [S. 8]

Frau Bahr, was Sie – aus Ihrer Perspektive völlig zu Recht – als „Munition“ wahrnehmen, das nennt man „Argumente“. Aber es ist ja bekannt, dass inkompetente Menschen dazu neigen, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und die Leistungen kompetenterer Menschen zu unterschätzen. (Dunning-Kruger-Effekt) Deshalb werde ich versuchen, es Ihnen zu erklären:

Dawkins ist nicht „wissenschaftsgläubiger“ als jeder andere auch, der sich in ein Flugzeug setzt und davon ausgeht, unversehrt und planmäßig an seinem Ziel anzukommen. Auch, wenn er nicht im Einzelnen versteht, wie ein Flugzeug funktioniert oder warum es überhaupt fliegen kann. Das ist allerdings kein „Glaube“, sondern täglich bestätigtes und somit begründetes Vertrauen in die Technik. Natürlich nicht grenzenlos, aber doch hinreichend, dass man sich nicht den ganzen Tag ins Bett verkriecht.

Was Dawkins und viele andere bekannte Atheisten von anderen Leuten unterscheidet, ist der Umstand, dass Dawkins versteht, wie Wissenschaft funktioniert. Was Sie als „Wissenschaftsgläubigkeit“ empfinden, ist der Versuch, Gläubigen zu erklären, wie Wissenschaft funktioniert.

Nun kann man Ihnen ja nicht gerade den Vorwurf machen, Sie beriefen sich auf Argumente, Vernunft oder gar Logik. Viele Apologeten (Religions-Verteidiger) tun aber so oder glauben tatsächlich, sie hätten vernünftige Argumente. Denen muss man halt erklären, wo ihre Denkfehler liegen.

„Wissenschaft“ heißt so, weil sie Wissen schafft. Mit „Wissen“ sind Dinge gemeint, die überprüfbar oder zumindest nachvollziehbar sind. Halt genau das, was Theologie – also Ihre Zunft – nicht tut. Sie haben ja selbst sehr schön dargelegt, wie sich die Gläubigen untereinander streiten und nicht einigen können, so dass es immer wieder zu neuen Abspaltungen kommt. Das liegt daran, dass religiöse Behauptungen eben nicht überprüfbar sind, d.h. es gibt keine Möglichkeit, eine Streitfrage der Sache nach beizulegen. Sie beschäftigen sich mit Hirngespinsten. Deshalb verdanken wir auch alle technischen Errungenschaften Wissenschaftlern und Ingenieuren und nicht Theologen.

Abgesehen von typischen Denkfehlern wie logischen Zirkelschlüssen meinen aber viele Gläubige auch, mit ihren Alltagserfahrungen oder -eindrücken Gott beweisen zu können. Dahinter stecken ebenfalls falsche Vorstellungen darüber, wie man zu richtigen Erkenntnissen kommt. Da es der Beruf von Wissenschaftlern ist, (nachprüfbare) Erkenntnisse zu schaffen, sind sie nun einmal besonders qualifiziert, den Menschen zu erklären, wie man zu richtigen Erkenntnissen kommt und wie zu falschen.

Was Leute wie Dawkins und seine Mitstreiter machen ist nichts anderes, als den Menschen zu erklären, wie man Wissen schafft. Das läuft sehr stark darauf hinaus, den Leuten Denkfehler wieder auszutreiben, die ihnen Theologen bzw. die Religion erst eingeimpft haben.

Andernorts sprachen Sie im Zusammenhang mit „Wissenschaftsgläubigkeit“ auch vom „Wahn einer entgrenzten Vernunft“. Ist Vernunft für Sie etwas, was man nicht überdosieren sollte? Müsste ich bei einem Theologiestudium etwa befürchten, wenn meine Antworten im Examen zu vernünftig sind, dann verschlechtern sie meine Note? Glauben Sie, dass auch „Gerechtigkeit“ oder “Liebe“ „entgrenzt“ werden können? Oder sind die Grenzen der Vernunft für Sie einfach da, wo es für Ihr Weltbild gefährlich wird? Wo einem Vernunft wie „Munition“ vorkommt und Verständnis wie „Gläubigkeit“? Dann bewegen Sie sich allerdings auf dem Niveau derer, von denen Sie sagen:

Die eigene Wahrheit stellt sich nicht mehr dem Widerspruch, sie entzieht sich einfach. [S. 7]

Über Dawkins schreiben Sie weiter:

Was die Wissenschaft nicht festgestellt hat, entlarvt sich ihnen als Märchen. [S. 7]

Sie müssen zugeben, dass das aber schon mal besser ist als die Propaganda von evangelikaler Seite – auch in Deutschland – die die Dinge, DIE die Wissenschaft festgestellt hat, als Märchen darstellt. (Z.B. Evolution.)

Richtigerweise könnte man auch sagen: Was die Wissenschaft nicht festgestellt hat, ist kein Wissen.

Wissen Sie, was an Dawkins sympathisch ist? Er wendet sein Kriterium universell an. Es gibt keinen Grund, Dinge zu glauben, für die es keine Beweise oder zumindest überzeugende Belege gibt.

Und wissen Sie, was Sie unsympathisch macht? Sie legen doch genau dasselbe Kriterium an alle anderen Religionen an. Sie würden doch niemals irgendwelche – zumindest nicht dem Christentum widersprechende – Dinge glauben, ohne dass dafür vernünftige Belege vorgelegt werden. Glauben Sie an Tausende Hindu-Götter statt Ihres dreieinigen Gottes? Offensichtlich nicht. Glauben Sie an Reinkarnation? Vermutlich auch nicht, weil das der christlichen Vorstellung vom Leben nach dem Tode widersprechen würde. Nur bei Ihrer eigenen Religion, da sehen Sie das nicht so eng. Das nennt man „Extrawurst“ (special pleading). Dawkins legt lediglich denselben Maßstab, den Sie und er an alle nichtchristlichen Weltbilder anlegen, auch an das Christentum an. Deshalb ist Dawkins‘ Weltbild auch stimmig und Ihres nicht.

Im Grunde geht es den antiklerikalen Aktivisten vor allem darum, Religion und ihre Lebensäußerungen ganz aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Religionsfreiheit ist für sie die Freiheit, die erst da entsteht, wo einen keine Religion mehr behelligt, weder in der Schule, noch an anderen öffentlichen Orten, auch nicht durch kirchliche Feiertage oder den Rhythmus des Sonntags. [S. 8]

Es geht keineswegs darum, überhaupt nicht mit Religion behelligt zu werden. Das Tragen von Kopftüchern, Kreuzen, Kippas, Prozessionen, Gotteshäuser – dagegen hat meines Wissens von den Kirchenkritikern, auf die Sie sich beziehen, niemand etwas. Es geht darum, dass sich der Staat – „als Heimstatt aller Bürger“, wie es das Bundesverfassungsgericht mal formuliert hat (das war allerdings vor der Gründung des „Foyers Kirche und Staat“) – sich weltanschaulich neutral zu verhalten hat. Das heißt, in öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Gerichtssälen  haben keine religiösen Symbole zu hängen. Es können keine weitreichenden „Tanzverbote“ verhängt werden, wo überhaupt niemand gestört würde. Und so weiter. Sie bauen hier wieder einen argumentativen Strohmann auf, weil Ihnen offensichtlich die Argumente fehlen.

Diese antiklerikale Bewegung gibt sich libertär, ist aber nicht liberal, wenn es um die Freiheit anderer geht. [S. 8]

Ein EINZIGES Beispiel, wo die Freiheit von Religiösen eingeschränkt werden soll, wäre hier angebracht gewesen. Werden Sie in Ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt, weil im Industriegebiet in einer Disco Leute tanzen? Wenn gar – horribile dictu – ein Schachturnier stattfindet? Wird Ihre Religionsfreiheit eingeschränkt, wenn in Schulen oder Gerichten kein Kreuz mehr hängt?

Mal ganz abgesehen von der Dreistigkeit, das Schreckgespenst dieser „Freiheitsberaubung“  ausgerechnet bei einem Empfang der Kirchen für Verfassungsrichter an die Wand zu malen. Ihnen geht es wirklich noch zu gut!

Die Intoleranz im Gewand einer kämpferisch-aufklärerischen Weltanschauung ist überraschend etatistisch, erhofft sie sich doch vom Staat und seinen Gerichten die Befreiung von den Zumutungen der Religion. [S. 8]

Wir erwarten vom Staat, dass er das Menschenrecht auf Religionsfreiheit (Art. 4 Grundgesetz), das auch die Freiheit von der Religion beinhaltet und aus dem sich die Trennung von Staat und Kirche und das Gebot der weltanschaulichen Neutralität ableitet, durchsetzt bzw. sich dementsprechend neutral verhält. Wo setze jetzt gleich Ihre Kritik an?

Ach ja, beim Etatismus. Sagen Sie, Frau Bahr, wie dreist oder blind muss man eigentlich sein, um die Gottesdienste der eigenen Religion durch staatliche Gesetze gegen „Zumutungen“ wie Tanzveranstaltungen und Schachturniere „schützen“ zu lassen, seine Mitgliedbeiträge vom Staat einziehen zu lassen, staatlich bezahlten Religionsunterricht in öffentlichen Schulen zu haben – und dann den „Etatismus“ von Kirchenkritikern zu beanstanden?

Offene Foren für kontroverse Diskussionen, für Argument und Gegenargument können beglückende Erfahrungen der intellektuellen Auseinandersetzungen sein, sind aber selten. [S. 8]

Intellektuelle Auseinandersetzung? Argument und Gegenargument? Dazu tragen Sie ja nun gerade nichts bei. Haben Sie Angst vor der „entgrenzten Vernunft“?

Auch hier entwickelt sich ein geschlossenes Milieu, das für Religionsfreiheit streitet, aber dem Anspruch nach gerade die Neutralität des Staates gegenüber den religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen seiner Bürger unterläuft. [S. 8]

Diese Sorge spricht jemand aus, der auf einem Kirchenempfang für die höchsten Mitglieder der Judikative Vorträge über die weltanschauliche Konkurrenz hält, die leider draußen bleiben muss. Wenn man ein Beispiel für ein geschlossenes Milieu bräuchte, das vorgeblich für die Religionsfreiheit streitet, tatsächlich aber dem Anspruch nach gerade die Neutralität des Staates gegenüber den religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen seiner Bürger unterläuft – dann böte sich das „Foyer Kirche und Staat“ geradezu an!

Der Staat soll sich nämlich die laizistische Weltanschauung zu Eigen machen. [S. 8]

Mehr Niveau, Frau Bahr! Laizismus ist keine Weltanschauung, sondern ein „religionsverfassungsrechtliches Modell, dem das Prinzip strenger Trennung von Staat und Kirche zu Grunde liegt“ (Wikipedia).

Und als religionsverfassungsrechtliches Modell spricht – im Gegensatz zu einer Weltanschauung – eben auch prinzipiell erst einmal nichts dagegen, dass der Staat sich den Laizismus zu eigen macht. Zumal ja schon das Grundgesetz die Trennung von Staat und Kirche vorschreibt.

So, wie Sie es darstellen, ist die Trennung von Staat und Kirche derzeit eben noch nicht erfolgt – schließlich spricht man ja in Deutschland auch von einer „hinkenden Trennung“. Und so wie Sie es darstellen, sind sie offenbar gegen eine Trennung von Kirche und Staat. Leider sagen Sie ja nicht, was Sie eigentlich meinen oder wollen, aber so ist es wohl zu verstehen.

Dieser laizistischen Versuchung erliegen zunehmend auch die politischen Parteien. Ihre Vertreter rücken bis in die erste Reihe einer großen Volkspartei vor, … [S. 8]

Meinen Sie den SPD-Vorstand, der die Einrichtung eines laizistischen Arbeitskreises untersagt hat? Ach nein…

… sie findet sich bei den Grünen und bei dem Shootingstar unter den Parteien, den Piraten. [S. 8]

Also wenn ich Sie richtig verstehe, bringen Sie gegenüber den Verfassungsrichtern Ihre Sorge darüber zum Ausdruck, dass überhaupt irgendwelche Politiker für die Trennung von Staat und Kirche sind?

Bei ihnen ist bislang wenig so klar wie die Tatsache, dass sie das humanistisch-laizistische Programm gekapert haben, mit durchaus stalinistischen Zügen. [S. 8]

Stalinistische Züge? Solche Anschuldigungen stellt man nicht einfach mal so in einen Raum voller Verfassungsrichter, Frau Bahr! Was meinen Sie damit?

In dem Maße, wie die Weltanschauungskonflikte in der deutschen Gesellschaft sich verschärfen, werden auch die Gerichte weiter letzte Instanz zur Befriedung dieser Konflikte sein. Meines Erachtens wäre es manchmal ehrlicher und konsequenter, wenn diese Konflikte politisch ausgetragen würden, … [S. 8]

Äh… aber gerade haben Sie sich doch noch BEKLAGT, dass es jetzt Parteien gibt, in denen einige „der laizistischen Versuchung“ erlegen sind.

… aber es gibt eine lange Tradition, in der das Recht einspringen muss, weil handfeste Religionskonflikte politisch selten befriedigend ausgetragen werden. [S. 8]

Wir wissen doch beide, woran es liegt, dass solche Konflikte selten politisch ausgetragen wurden, sondern die Gerichte bemüht werden mussten: Sie sprachen doch selber eben noch vom

Schatten einer christlich geprägten Religionskultur, die seit fünfzig Jahren auf die kritische Solidarität mit dem demokratisch verfassten Rechtsstaat setzte und umgekehrt bei den staatlichen Institutionen und Verfassungsorganen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf wohlwollendes Gehör stoßen konnte. [… Eine] Selbstverständlichkeit, die auch mit biographischen Prägungen der Akteure zu tun hatte [S. 4]

Und davon, dass es früher offenbar sicher war, „dass ein junger Richter, der begeistert in der Kantorei seiner Stadtkirche singt, auch Gefallen am Kreuz im Gerichtssaal findet.“ Oder dass früher „Ministeriale, die aus Pfarrhäusern oder der katholischen Jugendarbeit kommen“ scheinbar „glühende Verfechter des konfessionellen Religionsunterrichts“ wurden. [S. 4]

Finden Sie es nicht verfehlt, bei einem Vortrag auf einem Kirchenempfang für Verfassungsrichter von „wohlwollendem Gehör“ in der Vergangenheitsform zu sprechen?

Das ist ehrenvoll für die Rolle der Gerichte, besonders des Bundesverfassungsgerichtes, zeigt aber auch auf das gesellschaftliche Unvermögen, mit diesem religionspolitischen Zündstoff produktiv umzugehen. [S. 8]

Das ist kein „gesellschaftliches Unvermögen“, sondern das Beharren der Kirchen bzw. christlicher Politiker auf ihren Privilegien. Sie gehen ja nun auch nicht sonderlich produktiv mit dem Thema um.

Für einen Moment dachte ich schon, Frau Bahr  wird differenziert:

Gegenüber der laizistischen Versuchung steht die kulturalistische Versuchung im Raum. Sie wird gerne auch von Kirchenvertretern und Kirchenvertreterinnen in Anspruch genommen und klingt auf den ersten Blick sehr überzeugend. Das Christentum habe unsere Kultur geprägt, deshalb müsste es von Staat und Recht auch gegenüber allen anderen Weltanschauungen und Religionen bevorzugt werden, und zwar in der Form der beiden verfassten großen christlichen Kirchen. [S. 9]

Aber nein:

Das kulturalistische Argument, dass auf Grund der historischen Prägekräfte eine Art christlichen Kulturvorbehalt begründet, der auch für das Recht gelten muss, kann schon da zur Falle werden, wo sich die Größenverhältnisse durch Demographie und weiteren Vertrauensschwund weiter verschieben zugunsten einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen Christen sind. [S. 9]

Sehen Sie, Frau Bahr, das ist der Grund, weshalb Richard Dawkins Ihnen „wissenschaftsgläubig“ vorkommt: Sie beurteilen ein Argument danach, ob es zu dem von Ihnen gewünschten Ergebnis führt. (Hier: Staatliche Bevorzugung des Christentums. Ein typisches Verhalten von Theologen übrigens.) Intellektuell redliche Menschen wie Dawkins beurteilen ein Argument danach, ob es plausibel ist.

Es muss dann auch die spöttische Frage von außen erlaubt sein, warum aus der inneren Affinität für die Demokratie erst so spät, genau genommen in den Lehrdokumenten und Denkschriften beider Kirchen erst vor fünfzig Jahren auch ein versöhntes Verhältnis zur demokratischen Verfassung erfolgte.  [S. 9]

Danke, Frau Bahr, dass Sie die Verfassungsrichter darauf hingewiesen haben, dass diese Frage erlaubt ist. Nachdem wir sie schon so oft gestellt haben, dass offenbar selbst Sie nicht mehr daran vorbei kommen. Bitte lassen Sie uns wissen, wann auch die Antwort auf diese Frage erlaubt wird.

Einen großen Anteil an der innerlichen Bereitschaft, sich auch aus theologischen Überzeugungen auf die Demokratie mit ihren Zumutungen einzulassen, hatten übrigens die Kirchen in Europa und Amerika. Rudolf Smend beschreibt eindrücklich, dass das Motto „Demokratie wagen“ auf der ökumenischen Vollversammlung in Amsterdam 1953 eine große Rolle gespielt habe. [S. 9-10]

Kleiner Tipp, Frau Bahr: Gehen Sie bei Ihrem Publikum nicht davon aus, dass es Demokratie als „Zumutung“ empfindet. Ich weiß auch nicht, ob es jeder als Pluspunkt für die Kirchen empfindet, dass man sich dort offenbar selbst nach dem Zweiten Weltkrieg erst noch „theologisch“ mit der Demokratie anfreunden musste. Manch einer könnte denken, die Kirchen hinkten mal wieder dem gesellschaftlichen Fortschritt hinterher.

Es ist Karl Barth gewesen, der große Theologe der Barmer Theologischen Erklärung und nicht von ungefähr Schweizer, der mit seiner Abwandlung des Themas Staat und Kirche zu der Unterscheidung von Christengemeinde und Bürgergemeinde jeglicher christlicher Staatsmetaphysik, dem lutherischen Naturrechtsdenken und seiner weichgespülten, kulturalistischen Variante eine Absage erteilt und so den theologischen Zugang zur Demokratie ermöglicht hat. [S. 10]

Wir brauchen uns an dieser Stelle nur zu merken: Es ist Karl Barth gewesen, der den theologischen Zugang zur Demokratie ermöglicht hat. Hat sich Gott ja mal wieder mächtig Zeit gelassen.

Es folgt „niveauvolles“ Gesülze, von dem sich nur hoffen lässt, dass es die anwesenden Richter zu dem Entschluss bewegt hat, zum nächsten Empfang nicht mehr zu kommen.

Darin heißt es unter anderem über Karl Barths theologisches Konzept:

Demokratie ist die Gesellschaftsform, wo Wahrheitsansprüche, die unverhandelbar sind, ungebremst aufeinandertreffen, ohne dass es zum Bürgerkrieg oder zur totalitären Verdrehung der Machtverhältnisse käme. [S. 11]

Und:

Die Wahrheit, dass die Erlösung von den überzogenen Selbstbildern und den Selbsterrettungsträumen im Glauben an Gott durch Jesus Christus geschenkt wird, steht nicht zur Disposition. [S. 11]

Das muss wohl so gedeutet werden, dass Frau Bahr sich im Besitz von „unverhandelbaren Wahrheiten“ wähnt, die „nicht zur Disposition“ stehen.

Frau Bahr verfügt damit ebenso über ein geschlossenes Weltbild wie die anderen religiösen Spinner, von denen sie sich abzugrenzen versucht. Der Unterschied dürfte darin bestehen, dass bei Frau Bahr  der „harte Kern“, der nicht zur Disposition steht, im vollkommen irrelevanten, jenseitigen Bereich der Hirngespinste liegt, so dass sie ihre Positionen, die das Diesseits betreffen, gegebenenfalls anpassen kann. Besonders intellektuell redlich ist das aber auch nicht. Hat aber wohl auch niemand erwartet.

Und wir müssen ertragen, dass andere glauben, andere Wahrheiten zu beanspruchen. [S. 11]

Kleiner Tipp, Frau Bahr: Es wird einfacher, wenn man die “Wahrheiten” als das bezeichnet, was sie sind: Hirngespinste, die das Wort “Wahrheit” nicht verdienen. Es sollte Ihnen doch eigentlich einleuchten, dass es nicht mehrere Wahrheiten geben kann.

So ist das in der unerlösten Welt. [S. 11]

An dieser Stelle möchte man dazwischenrufen: “Und erlöse uns von den Blöden! Amen!”

Aber Frau Bahr ist noch nicht fertig:

Ich glaube, die größte Herausforderung für die Kirchen sind nicht die Lautsprecher unter den Laizisten und auch nicht die radikalen religiösen Strömungen, … [S. 12]

Die Rede war überschrieben mit: “Salafisten, Atheisten und Co. – die Verschärfung von Weltanschauungskonflikten als Herausforderung der offenen Gesellschaft”. Gemeint war aber offenbar die Herausforderung für die Kirchen.

… obwohl das Werben für die christlichen Ressourcen unserer Gesellschaft zu den Gesten einer glaubwürdigen christlichen Bewegung ebenso dazugehört wie die aufgeklärte und kluge Abwehr falscher Argumente. [S. 12]

Und, Frau Bahr? Hat die EKD schon jemanden gefunden, der glaubwürdig ist und in der Lage, Argumente klug abzuwehren?

Die größte Herausforderung ist eine geistliche: dem grassierenden Fatalismus der Menschen, die mitten in den drohenden Katastrophen leben, zu begegnen. Denn Angst, Unsicherheit und Überforderung schüren das Feuer einfacher Weltbilder und schlichter Lösungen. [S. 12]

Glücklicherweise hat die EKD-Kulturbeauftragte diesen einfachen Weltbildern und schlichten Lösungen etwas entgegenzusetzen: Ein zweitausend Jahre altes Weltbild, demzufolge Gott eine Jungfrau geschwängert hat, um die dabei entstandene Person – ihn selbst – sich selbst als Menschenopfer darzubringen, um die Menschen zu erlösen – sofern sie diesen Unsinn glauben.

Und so, wie sie bisher Salafisten, Atheisten, Matussek und Mosebach selektiv negativ dargestellt hat, malt sie jetzt ein völlig undifferenziertes und völlig vereinfachendes positives Bild vom “Christentum”:

Der christliche Glaube ist zutiefst antifatalistisch. Dieser Antifatalismus gilt für das persönliche Leben ebenso wie für die gesellschaftlichen Horizonte, die in Europa ja genug Stoff für Albdruck geben. Der christliche Glaube hilft den mental und auch politisch Erschöpften auf, zeigt mit dem Finger auf die, die am Wegesrand liegen, wenn sie bei der Geschwindigkeit der Veränderungen nicht mithalten und materiell oder geistig verarmen. Er kann Phasen der Ratlosigkeit, auch der politischen Ratlosigkeit, ertragen, ist skeptisch bei technokratischen Heilsversprechen und tatkräftig, wenn es darum geht, die Spielräume der Freiheit gegen ihre Verächter zu verteidigen. Und er hilft zu einer Existenz in der Art innerer Freiheit, die Andersdenkende nicht fürchten muss. [S. 12]

„Andersdenkende nicht fürchten müssen“ sieht dann so aus, dass die Andersdenkenden ihre Positionen bitteschön nicht über die Gerichte durchsetzen sollen, es aber auch unschön ist, wenn Politiker ihre Positionen vertreten?

Aus der Vielzahl der Spielarten des Christentums greift Frau Bahr sich hier – sofern man das ob der vagen Phrasen überhaupt sagen kann – eine Art EKD-Kuschelchristentum heraus und tut so, als sei dies repräsentativ für das Christentum als solches. Nun ist aber etwa die Hälfte der Christen schon mal katholisch, und die „radikalen Lebensschützer“, die Frau Bahr zuvor am christlichen Rand verortete, vertreten exakt die katholische Position zur Abtreibung. Weltweit ist auch der Protestantismus viel konservativer als die EKD. In den meisten protestantischen Kirchen weltweit gibt es z.B. keine Frauenordination. Schon rein zahlenmäßig sind z.B. die rund 150 Millionen Protestanten aus den USA (wo fast die Hälfte der Bevölkerung die Evolutionstheorie ablehnt), die in Europa gerne belächelt werden, wesentlich repräsentativer als die knapp 25 Millionen EKD-Christen in Deutschland. Angesichts der Ausnahmestellung, die ihre eigene Ausprägung des Christentums hat, kann sich Frau Bahr schlicht und einfach nicht hinstellen und sagen: „Der christliche Glaube ist…“. Das ist zu undifferenziert!

Man braucht sich ja auch bloß anzuschauen, worauf sich die „Randchristen“ und Frau Bahr berufen: Die „Randchristen“ berufen sich auf die Bibel, Frau Bahr bemüht Karl Barth, der „den theologischen Zugang zur Demokratie ermöglicht“ haben soll. Ist natürlich doof, wenn die niveaulosen Randchristen der Auffassung sind, dass man den Willen Gottes auch ohne Barth aus der Bibel herauslesen kann.

Das beste Argument gegen den kämpferischen Laizismus ist ein lebendiges Christentum, … [S. 12]

Üblicherweise nennt man so etwas nicht „Argument“, aber was red‘ ich…

… das sich nicht abschließt in kirchliche Kreise … [S. 12]

Die Kreise der Verfassungsrichter dürfen natürlich auch nicht vernachlässigt werden!

… oder beleidigt auf seine Bestände pocht, … [S. 12]

Ich nehme an, „Bestände“ ist das Wort, das Sie für die gleichen Sachverhalte verwenden, die Sie – wenn Sie vorgeben, Kirchenkritiker wiederzugeben – als „vermeintlich freiheitsfeindliche Exzesse der Gläubigen“ bezeichnen? Und da Sie ja durchaus auf diese Bestände pochen, nehme ich an, das Wesentliche für Sie ist, dass dieses Pochen nicht „beleidigt“ erfolgt? Dann sollten Sie vielleicht in Zukunft weniger von „Zumutungen“ sprechen, wenn es um Demokratie und die „Wahrheiten“ anderer geht.

… sondern geistliche Phantasie entwickelt … [S. 12]

Bitte nicht noch mehr!

… für den Umgang mit den entfremdeten Milieus der Eliten wie der Ränder der Gesellschaft und die die inneren Distanzen und Nähen der Menschen zur Kirche ernstnimmt und achtet. [S. 12]

Sie bilden sich doch nicht etwa ein, dass sich Kirchendistanzierte durch Ihre Ausführungen ernst genommen oder geachtet fühlen?

Doch in den härter werdenden Auseinandersetzungen sind die geistlichen Tugenden, von denen der Barockdichter Paul Gerhardt singt, Haltungen in haltlosen Zeiten. Wie sagt er es? „Gelassen und unverzagt.“ [S. 12]

„Haltlos“ sind vor allem Ihre Ausführungen! Frau Bahr, was Sie hier abgezogen haben, ist nicht unverzagt, sondern dreist!

13 Antworten zu EKDemagogin Petra Bahr

  1. deradmiral sagt:

    Bravo, Skydaddy! Dieser Vortrag vor den Verfassungsrichtern war eine Unverschämtheit. Atheisten in die Nähe von radikalen Islamisten zu Rücken ist aber wenigstens kreativ.

    Jetzt sind wir Atheisten wohl amoralische vernunftentgrenzte stalinistische wissenschaftsgläubige rassistische Nazisalafisten. Wenn man das nur oft genug wiederholt, dann glaubt das vielleicht auch jemand…

  2. sputnic sagt:

    Vielen Dank Skydaddy; Viel Übeles war mir in der Vagheit des Vortrags Bahrs entgangen, weil mir die Erfahrung fehlt, zwischen den Zeilen zu lesen.

  3. wvs sagt:

    ”Weniger kann oft mehr sein!\”

    Ich habe dieses Weblog in meiner Link-Liste und bin mit dem Grundgedanken – die Trennung von Kirche und Staat nun endlich in die Tat umzusetzen – durchaus einverstanden.

    Viele der Anmerkungen zu Redeelementen der Frau Bahr sind angemessen, einige deuten auf ein Mißverständnis dessen was sie sagt hin, andere sind in Art und Ausdruck schlicht verfehlt. Auch die Andersdenkende muß noch als Mensch gesehen und geachtet werden – sonst wären Atheisten nicht besser als \’Kleriker\’ und ihre Schäfchen ….

    Wieso schrieb ich oben: Weniger kann oft mehr sein\”?

    Weil sich der durchschnittliche Leser nicht die Mühe machen wird dieses umfangreiche Elaborat zu lesen – kurz & knackig wäre dem Zweck daher dienlicher.

    Nach mehreren Wochen und einigen Beiträgen hier komme ich zu dem Schluß:
    Der Verfasser ist auf einem Kreuzzug – und aus der Geschichte wissen wir, daß Kreuzzüge nicht zu dem anvisierten Ergebnis führen.

    Also nochmal zusammengefaßt:
    Kürzer, pars-pro-toto, das wird eher gelesen;
    Weniger Angriff gegen die kritisierte Person, mehr sachliche Differenzierung;
    Bei allem notwendigen Eifer nicht selbst zum Eiferer werden ….

    • Skydaddy sagt:

      Ich freue mich immer, wenn meine Leser zu einem gepflegteren Stil aufrufen. Das zeigt mir, dass es sich bei uns eben nicht um „militante“ Atheisten handelt. Ich schreibe eigentlich auch lieber auf höherem Niveau, versuche mich meinen argumentativen Gegenübern aber anzupassen. Bei Frau Bahr halte ich es für einen Fehler, sich auf den Niveau-Popanz, den sie sich anmaßt, einzulassen. Auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil.

      Der hpd hat vorhin einen etwas gepflegteren Artikel von mir zum Thema veröffentlicht. Kurz ist er immer noch nicht, er bietet aber viele neue Aspekte.

  4. Noch ein Fragender sagt:

    Super, Skydaddy!

    Mit treffsicherem Witz hast du die impertinenten Unterstellungen und Anmaßungen dieser „Kulturbeauftragten“ zurechtgestutzt. Ohne deinen Artikel hätte ich mich über den Vortrag meiner Lieblingstheologin wahrscheinlich nur wieder geärgert, jetzt muss ich nur noch lachen, wenn ich an diese Veranstaltung des „Foyers Kirche und Staat“ denke.🙂

    Ich vermute, dass dort der Schuss nach hinten losgegangen ist. Es kommt nämlich bei Richtern nicht sehr gut an, wenn man über abwesende Gegenparteien herzieht.

    • Skydaddy sagt:

      Es kommt nämlich bei Richtern nicht sehr gut an, wenn man über abwesende Gegenparteien herzieht.

      Einersetis. Andererseits bestand das Publikum aber aus Juristen, die es überhaupt für angebracht hielten, zu so einer veranstaltung zu kommen. Vermutlich kirchen-affin. Ob die das so sehen, bin ich mir nicht sicher.

    • wvs sagt:

      Möglicherweise waren darunter eine gewisse Zahl von Teilnehmern die eine solche Abwesenheit vom ‚Arbeitsplatz‘ & kostenfreie Bewirtung auf hohem Niveau als willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag sahen …?

  5. Udo sagt:

    Bin ein neugieriger Mensch. Zu einem Vortrag, dessen Titel schon lautet „Salafisten, Atheisten & Co.“, zumal von einer Staatskirchenrepräsentantin, wäre ich auch als atheistischer Verfassungsrichter gegangen. Und das hätte sich gelohnt, wie Skydaddy mit seinem Beitrag beweist.
    Zur Länge des Beitrags: Der ganze Vortrag von Frau Bahr ist dermaßen inkonsistent, dass ein einfacher Kommentar dazu nur schwer einen richtigen Eindruck wiedergeben kann. Manchmal muss man sich, statt ein Ergebnis zu resümieren, mit dem „Wortprotokoll“ auseinandersetzen. Das ist hier wohl der Fall. Frau Bahrs Konglomerat aus unbelegten Behauptungen, Diffamierungen, schwer hinkenden Vergleichen und Für-Dumm-Verkaufen kriegt man nicht so einfach auseinandergenommen. Immerhin auch eine Leistung von ihr.

  6. Tammox sagt:

    Hallo Skydaddy!
    Von mir ein dickes Lob gerade dafür, daß Du die Bahr so ausführlich am Text entlang auseinder pflückst.
    Das muß ja mal „jemand“ tun.
    Wer macht sich aber schon die Mühe mal genau hinzuhören, was eigentlich eine EKD-Kulturbeautragte so zu sagen hat.

    Es lohnt sich aber!

    LG
    Tammox

  7. spritkopf sagt:

    Frau Bahr ist mir seinerzeit schon im ZDF Nachtstudio aufgefallen, welches 2007 aus Anlass des Erscheinens von „Der Gotteswahn“ ausgestrahlt wurde:

    Dort beschränkte sich ihre Auseinandersetzung mit Dawkins – den sie Duawkins/Dwawkins ausspricht – auf Ad-hominem-Argumente. Mit keinem Wort ging sie auf den Inhalt von Dawkins‘ Buch ein.

  8. […] deutschen Gerichte (Bundesverfassungsgericht, Bundesgerichtshof) und der Bundesanwaltschaft. (Ich berichtete.) Die Veranstaltung war unter dem Titel „Salafisten, Atheisten und Co.“ angekündigt, dem Titel […]

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