Bertelsmann-Studie: Konfessionslose krimineller?

Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie „Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität“ vorgestellt, die Verfasser sind Prof. Dr. Horst Entorf und Philip Sieger. In der Studie wird Konfessionslosigkeit als eine Ursache von Kriminalität dargestellt:

Individuelle und familiäre Faktoren, wie Vorstrafen im Elternhaus oder Konfessionslosigkeit, haben einen signifikanten Einfluss auf kriminelles Verhalten – das zeigt auch die vorliegende Studie. [S. 6]

Etwas überraschend ist der über alle Spezifikationen hinweg festgestellte kriminogene Einfluss der Konfessionslosigkeit. Alternative Schätzungen (ohne Dokumentation in den Tabellen) zeigen gleichzeitig, dass bei Mitgliedern der christlichen Kirchen eine messbar geringere Kriminalität feststellbar ist. Das Resultat bestätigt ähnliche Erkenntnisse in der kriminologischen Literatur (siehe dazu z.B. Kerner 2005). Es kann vermutet werden, dass die (Nicht-)Mitgliedschaft in einer Amtskirche ein Indikator für ein (fehlendes) moralisches Verhalten ist, dass durch die anderen Variablen des Schätzmodells nicht abgedeckt wird. [S. 29, Hervorhebung durch mich.]

Dem festgestellten Zusammenhang zwischen Kirchenmitgliedschaft und Kriminalität dürfte in Wirklichkeit der „Stadt-Land-Gegensatz“ zugrunde liegen. In der Anonymität einer Großstadt ist es leichter, Verbrechen zu begehen. Es ist aber auch leichter, aus der Kirche auszutreten.

9 Antworten zu Bertelsmann-Studie: Konfessionslose krimineller?

  1. […] schreibt auf seinem Blog: Dem festgestellten Zusammenhang zwischen Kirchenmitgliedschaft und Kriminalität dürfte in […]

  2. Bernd Schenck sagt:

    Das ist eine Idee zu simpel. Ein Faktor, der statistisch nicht gemessen werden kann, ist die Frage der Verankerung und Beeinflussung des Einzelnen durch ein Weltbild, dass etwas anderem als dem eigenen Wohlergehen einen höheren Stellenwert zuweist. Mitglieder von Kirchen stehen zumindest unter dem Generalverdacht (auch hier: kein Muss), ein solches Weltbild zu haben und subkutan auch weiterzugeben. Ohne eine Einbindung in ein moralisches Korsett ist der Schritt in die Kriminalität einfacher.

    Und das jetzt bitte genauso lesen, und nichtbabsichtlich mißverstehen …

  3. […] This post was mentioned on Twitter by mBloging Tester, To and ice man, LinguaSite. LinguaSite said: Bertelsmann-Stiftung: Konfessionslosigkeit führt zu mehr Kriminalität http://j.mp/9CDnir – Zwangsmissionierung zur Kriminalitätsprävention? […]

  4. In der Bertelsmann-Studie fand man bei ca. 1000 Befragten der nicht-inhaftierten Kontrollgruppe ca. 100 Menschen, die angaben, schon einmal von einem Gericht verurteilt worden zu sein. Bei den Konfessionslosen waren es ca. 103, nämlich 3.1% mehr. Ich vermute, dass es in Deutschland etwa doppelt so viel „christliche“ Richter und Richterinnen gibt wie konfessionslose. Da viele Christen Konfessionslose nicht mögen und bei ihnen eine geringere Moralität annehmen („Moral braucht Gott“), ist es möglich, dass sich dies im Sinne einer self fulfilling prophecy zuerst auf die Zahl der Strafanzeigen, dann auf die Zahl der staatsanwaltschaftlichen Anklagen und dann auf die Zahl der gerichtlichen Verurteilungen jeweils positiv ausgewirkt hat.

    Ich hab schon mal so einen ähnlichen Mist gelesen. In einer McKinsey-Studie (Sonderauswertung zum Weltjugendtag, 2005) wurde behauptet, junge Katholiken würden sich zu 27% ehrenamtlich betätigen, der Schnitt läge dagegen lediglich bei 24%. Besonders groß war der Unterschied im Bereich Kirche/Religion. Wer hätte das gedacht? Bei Umwelt, Tierschutz und Politik war die Differenz null. Mit solchen pseudowissenschaftlichen Studien gehen die Kirchenfunktionäre dann öffentlich hausieren.

  5. @ Bernd
    Deine Ausführung halte ich für falsch in zwei Punkten:
    1. Mitglieder von Kirchen stehen nicht unter dem Generalverdacht, etwas anderem als dem eigenen Wohlergehen einen höheren Stellenwert zuzuweisen, sondern haben sich selbst unter diesen Generalverdacht gestellt.

    2. Die Frage der Verantwortung und Beeinflussung durch ein Weltbild ist statistisch meßbar. Bisher haben Untersuchungen ergeben, dass mit der Zunahme von Religionsität in der Gesellschaft Gewalt nicht sinkt, sondern steigt. Einige Beispiele unter
    http://fsmuckermark.foren-city.de/topic,249,-gewalt.html

    Besonders ergiebig war eine Studie, in der klar ein Zusammenhang zwischen Religiosität und Kriminalität nachgewiesen wurde. Leider habe ich die jetzt nicht zur Hand. Es ging darum, dass nicht nur in Ländern mit weniger Religiösen die Kriminalität sinkt, sondern auch innerhalb religiöser und weniger religiöser Gebiete innerhalb von Ländern. (z.B. Biblebelt und Ostküste USA).

    • Bernd Schenck sagt:

      Okay, ich habe es befürchtet.

      Erstens: solange Faktoren wie die „soziale Erwünschtheit“ nicht mittels sehr komplexer Lügendetektortests aus den Antworten ausgeschlossen werden, glaube ich nicht, dass eine statistische Auswertung der Frage unter 2. legitim ist.

      Ich habe mir den Artikel durchgelesen. Es ist kein Geheimnis: der dem christlichen und mohammedanischen Glauben zugrundeliegende jüdische Glaube entstand als eine Stammesreligion, die in einer extrem kompetitiven lebensfeindlichen Umgebung nomadisierender Stämme eine Selbstbehauptung in der Existenz eines Gottes fand, der nur für das erwählte Volk galt. Prägungen dieser Art finden sich bis heute in den drei Religionen, insbesondere in den fundamentalistischen Richtungen. Dass z.B. die gerade im bible belt nach wie vor praktizierte unterdrückte Sexualität eine immer größere Schere zwischen Lebensrealität und Anspruch öffnet — alles außer Frage. Jetzt aber im Umkehrschluß in der organisierten Religion die Wurzel allen Übels zu predigen halte ich für extrem schädlich.

    • skydaddy sagt:

      @Bernd:

      Hier „predigt“ niemand, und schon gar nicht, dass Religion die Wurzel allen Übels sei.

      Bruder Spaghettus erwähnt einen Zusammenhang: eine Korrelation, nicht gleichzusetzen mit Kausalität.

      Es darf aber legitimerweise darauf hingewiesen werden, dass diese Korrelation darauf hindeutet, dass Konfessionslosigkeit keine Ursache von Kriminalität ist. Dann wäre nämlich der gegenteilige Zusammenhang zu erwarten.

  6. skydaddy sagt:

    @Wolfgang:

    Dass Kirchenmitglieder sich stärker freiwillig engagieren, kommt ebenfalls daher, dass die Kirchenmitgliedschaft auf dem Land stärker ausgeprägt ist. Da gibt es nämlich weniger Angebote der öffentlichen Hand, also muss man selbst aktiv werden.

  7. W.Müller sagt:

    Die Frage einer angeblich erhöhten Kriminalität von Nichtreligiösen sollte man auch aus historischer Sicht betrachten. Die Millionen Toten verursacht durch Glaubenskriege u.a 30 jähriger Krieg etc. Kreuzzüge. Inquisition, Hexenverbrennung hat ausschließlich die katholische Kirche mit ihren gläubigen Gotteskriegern zu verantworten und war damit eine der größten Brutstätten für Kriminalität, so wie es heute der Islam ist, mit dem Glaubens-terror seiner Repräsentanten wie Taliban etc.,für deren Terror unsere jungen Soldaten ihr Leben lassen müssen wie gestern eindringlich im Fernsehen zu sehen war. Zentrales Thema dieser Gotteskrieger: Tötet die Ungläubigen, identisches Thema bei der katholischen Kirche während der Kreuzzüge und der Inquisition.
    Da fast 90% aller Nobelpreisträger ungläubig sind, glaube ich, dass bei den Professoren der obigen Studie die Tatsache gilt: Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.Bei der Besetzunghochrangiger Stellen (auch Gerichten) werden leider auch heute noch Religionszugehörigkeit bevorzugt.
    Zum Glück gilt dies nicht beim Europäischem Gerichtshof, die kassieren laufend Entscheidungen unserer Richter.
    Danke fürs Lesen

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