Falschdarstellungen im BR zu Kirchensteuer

18. Januar 2018
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Der BR tut so, als flössen von 100 Euro Kirchensteuer 28,12 Euro in die Bildung.

Kirchliche Darstellungen sind oft irreführend. Beim Bayerischen Rundfunk ist man darauf hereingefallen.

Die Kirchen sind zwar daran interessiert, dass man ihnen möglichst nicht direkt Lügen oder falsche Darstellungen nachweisen kann. (Siehe z.B. hier oder hier.) Sie sind aber Meister darin, Journalisten zu täuschen, so dass diese dann falsch berichten.

So war es auch gestern in der Sendung „Stationen: Kirchensteuer und Kollekte – Wie reich sind die Kirchen wirklich?“ im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks.

Der Beitrag basierte auf einer Darstellung des Erzbistums München und Freising, die zwar leicht einen falschen Eindruck vermitteln kann, die aber mittlerweile zumindest nicht offensichtlich falsch ist.

Die eigentliche Falschdarstellung übernahmen dann der Bayerische Rundfunk und Irene Esmann, die nämlich genau auf die irreführende Darstellung des Erzbistums reingefallen sind.

Hierzu habe ich heute dem BR gemailt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

die gestrige Sendung “Stationen: Kirchensteuer und Kollekte – Wie reich sind die Kirchen wirklich?” enthielt mehrere Falschdarstellungen:

Erstens, und dies betrifft das Grundkonzept des Beitrags: Es wurde immer wieder so getan, als ob es um die (prozentuale) Verteilung der KIRCHENSTEUERN ging. Tatsächlich wurde allerdings die Verteilung der kirchlichen EINNAHMEN dargestellt. Die Zahlen stammten nämlich aus der Finanzbroschüre des Erzbistums. Darin ist von Einnahmen die Rede, nicht von der Kirchensteuer:

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Die Verteilung der Kirchensteuern und der Einnahmen ist nicht dasselbe. Das zeigt sich auch daran, dass das Erzbistum München in seiner ersten derartigen Broschüre (s.u.) tatsächlich noch behauptete, bei den Zahlen handele es sich um die Verteilung der Kirchensteuer, in den Folgejahren dann allerdings korrekterweise nur noch von den Einnahmen sprach (s.o.):

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Die unterschiedliche Verteilung der Kirchensteuern gegenüber den Einnahmen kommt daher, dass die Kirchensteuer beim Erzbistum München nur rd. 70% der Erträge ausmacht:

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Die erhaltenen Zuschüsse betreffen dem Haushaltsbericht 2017 (S. 84) zufolge im Wesentlichen staatliche Zuschüsse für Schulen. In den sonstigen Erträgen sind gut 13 Millionen Schulgeld, Tagesheimerträge sowie Einnahmen aus Kindertagesstätten enthalten. Damit belaufen sich allein die im Haushaltsbericht auf S. 84 ausdrücklich bezifferten größeren Positionen auf gut 90 Mio. Euro, die der Staat, im Wesentlichen für Bildung, zahlt. Das sind knapp 11% des Diözesanhaushalts.

Das heißt: Das Erzbistum mag zwar – wie auch im BR-Beitrag dargestellt, allerdings falsch – 28,12 Euro von 100 (28,12%) seiner EINNAHMEN für Bildung ausgeben. Speziell im Bildungsbereich stammt aber ein ganz erheblicher Teil dieser Gelder nicht aus der Kirchensteuer, sondern vom Staat.

Grob überschlagen: Wenn der Staat beim Erzbistum 11% des Haushaltsvolumens für Bildung zuschießt und das Bistum gibt 28% des Haushalts für Bildung aus, dann werden – Pi mal Daumen – nur 17% der Kirchensteuer für Bildung ausgegeben, nicht 28%, wie es im BR-Beitrag suggeriert wird.

Zwar wird der durchschnittlichen Bürgerin der Unterschied zwischen der Aufschlüsselung der Einnahmen und der Kirchensteuer nicht bekannt sein, und zweifellos präsentieren die Kirchen ihre Finanzen bevorzugt in der dargestellten Form, weil dadurch höhere Anteile bei den staatlich geförderten Bereichen ausgewiesen werden und entsprechend niedrigere Anteile bei den rein kirchlichen Bereichen. Aber die Darstellung in der BR-Sendung, wo immer wieder gesagt wird, es handele sich um die Kirchensteuer, und wo eingangs noch der Eindruck vermittelt wird, die Schlüsselung nach Kirchensteuern und Einnahmen sei das gleiche, ist schlichtweg falsch.

Profi-Tipp: Wenn man über Kirchenfinanzen berichten will, sollte man nicht ausschließlich Kirchenvertreter befragen!

Zweitens: Zum Schluss wird gesagt, der verbleibende Betrag ginge an das Finanzamt, für den Kirchensteuereinzug. Zwar wird der konkrete Betrag nicht genannt, wer nachrechnet, kommt aber auf den in der Broschüre genannten Betrag von 6,69.

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Hier sollten eigentlich gleich die Alarmglocken schellen, denn wer sich auch nur ein bisschen mit Kirchenfinanzen auskennt – oder wer die Aufstellung (s.o.) gelesen hat, auf der Ihr Beitrag beruht! –, der weiß, dass die Gebühr für den Einzug der Kirchensteuer in Bayern 2% des Kirchensteueraufkommens beträgt. Das wären 2 Euro von 100. “An das Finanzamt” gehen sogar noch weniger als 2 Euro, weil die Vergleichsgröße hier ja nicht bloß das Kirchensteueraufkommen, sondern der Gesamthaushalt ist. Die Darstellung im BR-Beitrag ist also falsch und unentschuldbar.

Vielmehr dürfte der Großteil des Betrages, jedenfalls ausweislich der Erläuterung, zurück an die Kirchensteuerzahler gehen.

Fazit: Der BR-Beitrag ist geprägt von groben Fehlern, grob mangelhaftem Verständnis für die Sachverhalte, über die berichtet wird, und dem Fehlen jeglicher kritischen Prüfung.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Krause

 

NACHTRAG: Die Kirchensteuer selbst wird durch die steuerliche Absetzbarkeit zu einem Drittel (33%) aus allgemeinen Steuergeldern subventioniert. Selbst wenn, wie in der Sendung suggeriert, knapp 30% der Kirchensteuer für gesellschaftliche Zwecke ausgegeben würden, würde der Staat durch die Kirchensteuer immer noch nicht finanziell entlastet. Da der tatsächliche Anteil der Kirchensteuer, der für gesellschaftliche Zwecke ausgegeben wird, selbst beim reichen Erzbistum München deutlich geringer sein wird, entlasten Kirchenaustritte den Staat.

NACHTRAG 2: Frau Esmann, die den Beitrag präsentiert hat, war an der katholischen Journalistenschule.

FUN FACT: Ich erhielt den Tipp, mich auch an der Rundfunkrat des BR zu wenden. Dort wurde ich von Kirchenlobbyist Lorenz Wolf begrüßt, der auch Vorsitzender des Rundfunkrates ist:

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Experten mit Scheuklappen (1): Prof. Christian Pfeiffer

22. Juli 2011

Prof. Christian Pfeiffer, der von den deutschen Bischöfen mit einer Untersuchung beauftragt wurde, u.a. Einflussfaktoren zum sexuellen Missbrauch zu erfassen, zeigt sich geradezu sträflich blind für offensichtliche Zusammenhänge, die er selbst erläutert.

Die deutschen Bischöfe haben Forschungsprojekte zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bereich der deutschen Diözesen in Auftrag gegeben – „ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme” durch „unabhängige Experten“.

Ich hatte ja neulich schon darauf hingewiesen, dass die drei federführenden Experten – Prof. Norbert Leygraf, Prof. Christian Pfeiffer und Prof. Hans-Ludwig Kröber – in der Vergangenheit mit Statements an die Öffentlichkeit getreten sind, die den Eindruck erwecken, dass diese Herren zugunsten der Kirche auch mal die intellektuelle Redlichkeit hintanstellen.

Anlässlich des jetzt bekannt gewordenen Falls des Pfarrers Andreas L. aus Salzgitter, der in den letzten Jahren mindestens drei Jugendliche missbraucht hat, hat Prof. Pfeiffer jetzt noch einmal nachgelegt und unter Beweis gestellt, dass er zugunsten der katholischen Kirche durchaus auch das Gegenteil des Offensichtlichen insinuiert. Pfeiffers 90 Sekunden-Auftritt im NDR vom 18. Juli 2011 muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Vor dem großen Finale allerdings ein paar Anmerkungen am Rande:

Pfeiffer hatte zugunsten der Kirche ja letztes Jahr schon darauf hingewiesen, dass nur 0,1 Prozent der seit 1995 des Missbrauchs Beschuldigten Priester seien. In dem besagten NDR-Interview liefert ihm die Moderatorin nicht nur eine Steilvorlage, um diesen Sachverhalt noch einmal zu wiederholen – sie weist auch gleich noch einmal selbst darauf hin, dass der Großteil der Beschuldigten keine Priester seien:

Moderatorin: Nun hört man ja viel von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche – wie häufig sind diese Fälle eigentlich, auf den gesamten Missbrauch sozusagen gesehen?

Prof. Christian Pfeiffer: In den letzten 15 Jahren ganze 0,1 Prozent aller bekannt gewordenen Fälle sind Priestern zuzurechnen. Es mag sein, dass die seltener angezeigt werden, von daher machen wir ja diese Riesenforschung – um rauszufinden, wie es im Dunkelfeld der nicht angezeigten Fälle aussieht. Aber trotzdem: Es würde mich überraschen, wenn der Anteil der Priester über 1 Prozent läge.

Moderatorin: Das heißt also 99 Prozent werden tatsächlich woanders begangen?

Prof. Christian Pfeiffer: Richtig. Aber die Bevölkerung glaubt, jeder dritte Fall ist ein Priester – weil es uns so entsetzt, und weil dann intensiv berichtet wird. Dadurch entsteht der falsche Eindruck, die Kirche würde einen ganz großen Anteil des Missbrauchs zu verantworten haben – was sicherlich nicht stimmt.

Wieder blendet Prof. Pfeiffer den Umstand aus, dass der Anteil der Priester an der in Frage kommenden Bevölkerungsgruppe unter 0,1 Prozent liegen dürfte und Priester somit im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil überproportional stark in der Statistik vertreten sind. Ich hatte ja letztes Jahr einen Priesteranteil von 0,066 Prozent geschätzt, was bedeutet, dass Priester 1,5 mal häufiger verdächtigt werden, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Bei einem Anteil von 1 Prozent an den Tätern, wie Pfeiffer ihn als Obergrenze nennt, wären sie sogar 15 mal häufiger übergriffig, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde.

Das besondere öffentliche Interesse an den Priestern ist also durchaus berechtigt. Für besorgte Eltern kommt noch hinzu, dass die Frage, ob man sein Kind einem Geistlichen oder einer kirchlichen Einrichtung anvertraut, selbst entschieden werden kann und deshalb von größerem Interesse ist als der Großteil der Missbräuche, die in der Familie vorkommen und denen deshalb nicht so einfach vorgebeugt werden kann wie einem Missbrauch durch Geistliche.

Im Einklang mit den übrigen Kirchen-Fürsprechern ignoriert Prof. Pfeiffer auch, dass die öffentliche Empörung über die Missbräuche gerade in kirchlichen Einrichtungen wohl weniger die Missbräuche selbst betrifft als vielmehr den Umstand, dass die katholische Kirche damit jahrzehntelang und weltweit äußerst nachlässig umgegangen ist – gelinde gesagt.

Pfeiffer sagt aber auch etwas (für deutsche Verhältnisse) Neues:

Moderatorin: Gibt es eigentlich Strukturen in der katholischen Kirche, die diese Fälle forcieren – also die das begünstigen?

Prof. Christian Pfeiffer: Möglicherweise hat früher Zölibat eine gewichtige Rolle gespielt, aber in den USA haben wir einen Rückgang auf ein Viertel des früheren Umfangs, obwohl Zölibat unverändert weiter gegolten hat, weil in der Gesellschaft Liberalität im Umgang mit Sexualität immer ausgeprägter ist, und dann muss man sich nicht mehr an Kindern vergreifen, wenn man schon gegen Zölibat verstoßen will.

Pfeiffer zufolge ist also der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen deshalb massiv zurückgegangen, weil es den Priestern durch die zunehmende Liberalisierung heute möglich sei, mit Erwachsenen Sex zu haben. (Soll wohl heißen: Es stört sich heute keiner mehr daran, wenn ein Priester eine Geliebte oder einen Geliebten hat – sofern er das nicht an die große Glocke hängt.) Anders ausgedrückt: Der Zölibat ist kein Problem, wenn man ihn nicht ernst nimmt. Daraus kann man aber nur den Schluss ziehen, dass der Zölibat eben doch massiv zum Missbrauch von Kindern beigetragen hat. (In Pfeiffers Worten: „Möglicherweise früher“.) Glaubt Prof. Pfeiffer, dass sich heute kein Priester mehr „ersatzweise“ an Kindern vergreift? Ab wie vielen „ersatzweise“ missbrauchten Kindern würde Prof. Pfeiffer den Zölibat als problematisch sehen? 10? 100? 1000?

Pfeiffers Aussage ist schon allein deshalb infam, weil die sexuelle Liberalisierung wohl in erster Linie in westlichen Ländern stattgefunden haben dürfte. Ich nehme mal an, in osteuropäischen, asiatischen und afrikanischen Ländern dürfte die von Pfeiffer angesprochene Liberalität noch deutlich hinterherhinken, was Pfeiffers eigener Statistik zufolge mit einem erhöhten „ersatzweisen“ Kindesmissbrauch einhergehen dürfte – und zwar heute noch!

Für deutsche Eltern ist dies auch deshalb von Interesse, weil der Anteil ausländischer Priester in deutschen Diözesen bereits bis zu 15 Prozent beträgt. Da mindestens die Hälfte der deutschen Priester über 60 Jahre alt sein dürfte und die ausländischen Priester jünger, dürfte der Anteil der ausländischen Priester in der normalen Gemeindearbeit bis zu einem Drittel betragen. Davon kommt fast ein Drittel aus Indien, ein weiteres Viertel aus Polen, 10 Prozent aus Afrika. Ob die von Prof. Pfeiffer angeführte „Liberalität im Umgang mit Sexualität“ dort auch schon so weit fortgeschritten ist?

Derlei Spekulationen sind allerdings müßig, denn Prof. Pfeiffer hatte sich zuvor bereits selbst widerlegt. Unmittelbar vor dem obigen Austausch sagte er nämlich folgendes:

Moderatorin: Herr Pfeiffer, jetzt kommen ja noch aktuelle Fälle dazu. Ist jetzt dieser Fall typisch?

Prof. Christian Pfeiffer: Er ist insoweit nicht typisch, als die meisten Täter, die im letzten Jahr bekannt geworden sind, sich eher ersatzweise an den Kindern vergriffen haben, nicht unbedingt Pädophile sind. Nach allem, was wir bisher wissen. Und hier scheint es sich doch klar um jemanden zu handeln, der fixiert ist auf Kinder.

Mit anderen Worten: Prof. Pfeiffer zufolge waren die meisten Täter, die im letzten Jahr bekannt geworden sind, gar nicht auf Kinder fixiert, sondern haben sich ersatzweise an ihnen vergriffen. Das steht aber in direktem Gegensatz zu seinem Statement gleich darauf, wo er sagt:

„[Heute] muss man sich nicht mehr an Kindern vergreifen, wenn man schon gegen Zölibat verstoßen will.“

Aus dem von Prof. Pfeiffer angeführten Rückgang des Kindesmissbrauchs im Zuge der sexuellen Liberalisierung in den USA ergibt sich, dass der Zölibat tatsächlich ersatzweisen Missbrauch fördert, und dementsprechend in Ländern, die weniger liberal sind, nach wie vor zu Kindesmissbräuchen führen dürfte. Und Pfeiffer sagt selbst, dass die meisten Täter sich ersatzweise an Kindern vergriffen haben. Trotzdem antwortet er auf die Frage nach missbrauchsfördernden Strukturen in der katholischen Kirche:

Möglicherweise hat früher Zölibat eine gewichtige Rolle gespielt, aber […] weil in der Gesellschaft Liberalität im Umgang mit Sexualität immer ausgeprägter ist, […] muss man sich nicht mehr an Kindern vergreifen, wenn man schon gegen Zölibat verstoßen will.

Drei Fragen, drei Antworten:

  • Pädophilie ist „nicht typisch“ für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche
  • Der Zölibat ist (zumindest heute) kein Grund mehr für Missbrauch
  • Der Anteil der Priester an der Gesamtzahl der Täter ist verschwindend gering

Das hätte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz auch nicht besser vermitteln können. Das Problem ist nur:

  • Punkt eins ist reine Wortklauberei: Welche Unterschied macht es, ob ein Kind von einem Pädophilen oder „nur ersatzweise“ missbraucht wird?
  • Punkt zwei dürfte schlicht und ergreifend falsch sein – Pfeiffers eigenen Informationen zufolge.
  • Punkt drei übersieht geflissentlich, dass Priester vermutlich überdurchschnittlich oft auffällig werden.

Das ist der „Experte“, der das Forschungsprojekt „Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ leiten soll. Unter anderem mit dem Ziel „die Bedeutung der Einflussfaktoren zu erfassen, die ihre Taten gefördert haben.“

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Hier das von mir transkribierte Interview:
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Bertelsmann-Studie: Konfessionslose krimineller?

12. November 2010

Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie „Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität“ vorgestellt, die Verfasser sind Prof. Dr. Horst Entorf und Philip Sieger. In der Studie wird Konfessionslosigkeit als eine Ursache von Kriminalität dargestellt:

Individuelle und familiäre Faktoren, wie Vorstrafen im Elternhaus oder Konfessionslosigkeit, haben einen signifikanten Einfluss auf kriminelles Verhalten – das zeigt auch die vorliegende Studie. [S. 6]

Etwas überraschend ist der über alle Spezifikationen hinweg festgestellte kriminogene Einfluss der Konfessionslosigkeit. Alternative Schätzungen (ohne Dokumentation in den Tabellen) zeigen gleichzeitig, dass bei Mitgliedern der christlichen Kirchen eine messbar geringere Kriminalität feststellbar ist. Das Resultat bestätigt ähnliche Erkenntnisse in der kriminologischen Literatur (siehe dazu z.B. Kerner 2005). Es kann vermutet werden, dass die (Nicht-)Mitgliedschaft in einer Amtskirche ein Indikator für ein (fehlendes) moralisches Verhalten ist, dass durch die anderen Variablen des Schätzmodells nicht abgedeckt wird. [S. 29, Hervorhebung durch mich.]

Dem festgestellten Zusammenhang zwischen Kirchenmitgliedschaft und Kriminalität dürfte in Wirklichkeit der „Stadt-Land-Gegensatz“ zugrunde liegen. In der Anonymität einer Großstadt ist es leichter, Verbrechen zu begehen. Es ist aber auch leichter, aus der Kirche auszutreten.


Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt?

25. März 2010

Hier eine hochinteressante Pressemitteilung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung:

Glaube, Macht und Kinder

Dr. Margret Karsch, 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

25.03.2010 09:00

Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt?

Mindestens ein halbes Jahrhundert lang war die Religion in Europa auf dem Rückzug. Glaubten um das Jahr 1950 in vielen Ländern Europas noch rund 80 Prozent aller Menschen an Gott, so ging dieser Wert bis etwa 1990 überall deutlich zurück. Doch vor dem Hintergrund der niedrigen Geburtenraten in nahezu allen hoch entwickelten Industrieländern vermuten nun einige Wissenschaftler, der Anteil religiöser Menschen an der Bevölkerung nehme wieder zu. Nicht wegen einer Renaissance der Religiosität aus innerem Antrieb, sondern weil Gläubige deutlich mehr Kinder haben als Atheisten. Das Diskussionspapier „Glaube, Macht und Kinder“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung beleuchtet dieses Thema.

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Katholische Priester überdurchschnittlich oft pädokriminell?

16. März 2010

Eins vorweg: Ich will hier ganz bestimmt nicht alle katholischen Geistlichen unter Generalverdacht stellen. Die Überschrift ist tatsächlich als Frage gemeint, deren Diskussion ich hier anstoßen will.

Ich sehe ich mich nämlich erneut veranlasst, auf seltsame Äußerungen eines Kriminologen einzugehen – diesmal von einem, von dem es im Internet eine Predigt zum Thema „Verbot von Killerspielen“ gibt:

(domradio.de) Der Kriminologe Christian Pfeiffer […] widersprach [..] dem Eindruck, dass Priester massenhaft Missbrauchstäter seien. Dem stehe die Kriminalitätsstatistik entgegen, die für die vergangenen 15 Jahre nur 0,1 Prozent der Tatverdächtigen als katholische Geistliche ausweise.

Soso, „nur“ 0,1 Prozent der Tatverdächtigen sind katholische Geistliche? So etwas kann der gute Skydaddy nicht lesen, ohne sofort zu prüfen, wie groß denn der Anteil der katholischen Geistlichen an der Gesamtbevölkerung ist. Wenn er kleiner ist als 0,1 Prozent würde das darauf hindeuten, dass katholische Priester überdurchschnittlich häufig in der Statistik zum sexuellen Missbrauch von Kindern (§ 176 StGB) vertreten sind.

Dem Artikel Priestermangel bei Wikipedia zufolge sank die Zahl der Priester in Deutschland von 1978 bis 2007 von 24.659 auf 15.759. Nimmt man an, dass die Abnahme linear erfolgte, so ergibt sich für die 15 Jahre von 1993 bis 2007 abschätzungsweise eine durchschnittliche Priesterzahl von 17.907.

Als Vergleichsgröße habe ich die Anzahl der Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl 2009 (62,2 Mio) gewählt. Es können ja nur Volljährige straffällig werden (glaube ich – als guter Atheist komme ich mit den Strafverfolgungsbehörden nicht so oft in Kontakt), man darf also nicht die komplette Bevölkerung zum Vergleich heranziehen. Ich habe auf die Schnelle keine vergleichbaren Zahlen für die Wahlberechtigten in den letzten 15 Jahren gefunden, aber da die Bevölkerung der Bundesrepublik abnimmt, dürften die Wahlberechtigten 2009 weniger sein als die durchschnittliche Zahl der Wahlberechtigten in den letzten 15 Jahren, was sich in dieser Untersuchung „zugunsten“ der Geistlichen auswirkt.

Setzt man nun die 17.907 Geistlichen ins Verhältnis zu den 62,2 Mio. Wahlberechtigten, so erhält man einen Anteil von 0,029 Prozent. Nun sollte man berücksichtigen, dass vermutlich der ganz überwiegende Teil der Sexualstraftäter männlich ist. Setzt man die Zahl der Priester ins Verhältnis zu den 30 Mio. männlichen Wahlberechtigten, so kommt man auf einen kath. Priesteranteil von 0,06%.

Zugunsten der Priester könnte man jetzt noch anführen, dass diese ja nicht gleich am 18. Geburtstag zum Priester geweiht werden. Eine kurze Stichprobe im Internet zu beliebten Geistlichen ergab, dass deren Priesterweihe meist in den 20ern erfolgte (Walter Kardinal Kasper: mit 24, Ratzinger Josef: mit 24, Ratzinger Schorsch: mit 27, Joachim Kardinal Meisner: mit ca. 29, Bischof Mixa: mit 29). Bei Bischof Müller dauerte es etwas länger, er wurde kurz nach seinem 30. Geburtstag zum Priester geweiht.

Wenn man aus der Statistik der Wahlberechtigten alle Männer unter 30 herausnimmt (was hier unrealistisch günstig für die Priester ist), kommt man auf 24,8 Mio. Daran haben die 17.907 Priester einen Anteil von 0,072 Prozent.

In der Kriminalstatistik dürften allerdings auch Nicht-Wahlberechtigte auftauchen, das könnten z.B. kriminelle Ausländer sein. Der Ausländeranteil an der Bevölkerung soll bei ca. 8,8 Prozent liegen. (Wobei die Ausländer unter den jüngeren Jahrgängen stärker vertreten sein dürften während die Priester unter den älteren Jahrgängen stärker vertreten sein dürften, das kann ich hier aber nicht berücksichtigen.)

Korrigiert man jetzt die Wahlberechtigten um den Ausländeranteil von 8,8%, so ergibt sich eine Vergleichgruppe von 27.192.982 Männern ab 30. Die 17.907 Priester haben daran einen Anteil von 0,066 Prozent.

Nun kann Pfeiffers Angabe von 0,1 Prozent alles bedeuten von 0,05 bis 1,49 Prozent. Nachdem uns Prof. Pfeiffer allerdings mit dieser Statistik beglückt hat stellt sich aber doch die Frage, ob katholische Geistliche nicht in der Statistik überrepräsentiert sind.

Das Problem ist nämlich: Einerseits könnten die 0,1 Prozent mehr oder weniger die aufgerundeten 0,066 Prozent sein. (Ich halte das aber für unwahrscheinlich, denn Pfeiffer wollte die Priester ja entlasten und hätte vermutlich den niedrigeren Wert benutzt, wenn er deutlich von den 0,1 Prozent nach unten abweichen würde.)

Andererseits: Wenn meine Abschätzung stimmt und außerdem die Priester tatsächlich zu 0,1 Prozent in der Kriminalstatistik zum sexuellen Kindesmissbrauch auftauchen, dann hieße das, dass Priester 50% häufiger verdächtigt werden, als man es aufgrund ihres Anteils an der Bevölkerung erwarten würde. Es soll Untersuchungen in den USA geben, denen zufolge Priester doppelt so häufig auffällig werden wie der Bevölkerungsdurchschnitt. (Ich habe das noch nicht konkret geprüft, es heißt auch, es gäbe keine belastbaren Untersuchungen.) Das könnte derselbe Effekt sein, der sich auch hier zeigt.

Kennt jemand die Original-Statistik? Es wäre interessant, die Dezimalstelle nach den 0,1 Prozent zu erfahren. Habe ich bei meiner Abschätzung etwas unberücksichtigt gelassen?

Update: Dank Condorcets Hinweis (unten) und etwas Googeln bin ich auf eine Meldung von Radio Vatikan gestoßen, derzufolge der Vatikan-Verantwortliche für Priester, Kardinal Claudio Hummes, sagte, etwa vier Prozent der Priester weltweit seien pädophil. (Ob damit lediglich die Veranlagung gemeint ist oder die Praxis, erfährt man leider nicht.)


Post von Professor Kröber

26. Februar 2010

Bild von Prof. Dr. H.-L. KröberGestern hatte ich ja etwas über Prof. Kröber geschrieben – den Kriminalpsychiater, der die Argumentation in die Welt gesetzt hatte, nichtzölibatär lebende Männer würden mit einer 36mal höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern als katholische Priester.

Wenn ich Personen hier kritisiere, maile ich sie in der Regel an, um meine Kritik auch noch einmal direkt anzubringen – aber auch, um ihnen die Gelegenheit für eine Stellungnahme oder Richtigstellungen zu geben.

Bei dem gestrigen Artikel ging es mir weniger um Prof. Kröber als um die Berichterstattung, deshalb hatte ich ihn nicht kontaktiert. Nachdem mir allerdings in einem Kommentar jemand vorwarf, ich hätte selektiv zitiert (was ich nach wie vor nicht finde), dachte ich, ich maile Prof. Kröber an, ob er etwas beizusteuern hat.

Er hat mir auch umgehend und sehr freundlich geantwortet. Und nicht nur das – er hat mir erlaubt, seine Mail hier zu veröffentlichen. (Im Vergleich zu den Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, erscheine ich ihm vermutlich noch nett. ;-))

Ich muss mich ja hier im Blog auf bestimmte Kritikpunkte konzentrieren. Dadurch besteht die Gefahr, dass Sachverhalte, aber auch Personen, im Zuge meiner Artikel auf eben jede Kritikpunkte reduziert werden, was letztlich zu einem Gut-Böse-Schema oder Schwarz-Weiß-Denken führen könnte.

Deshalb freue ich mich über die Möglichkeit, Prof. Kröber selbst zu Wort kommen zu lassen. Er schrieb mir heute, am 26.2.2010, per E-Mail:

Lieber Herr Krause,

offenbar gehört es zu Ihren Glaubenssätzen, dass sich alle Menschen kaufen lassen und zwar von jedem, der ihnen jemals für irgendeine Dienstleistung Geld gegeben hat. Selbstverständlich bin ich von der kathol. Kirche unabhängig, ich bin nicht katholisch und stehe in keinem Dienstverhältnis mit ihr. Die Reise in den Vatican 2003, von der die ZEIT durchaus berichtet hat, war nicht gegen Honorar, sondern reine Flugkostenerstattung plus kostenlose Unterbringung, und die ZEIT schreibt auch, dass Verdachtsfälle von einer kleinen Gruppe renommierter Gutachter begutachtet werden. Zu der gehöre natürlich auch ich, ich habe in 6 Jahren 3 Fälle begutachtet, also 0,5 Fall pro Jahr, und dafür die übliche Vergütung anhand Zeitaufwand kassiert. Im gleichen Zeitraum habe ich zu den gleichen, gesetzlich (ZVEG) vorgegeben Vergütungssätzen ein Vielfaches von Gutachten für Staatsanwaltschaft und Gerichte gefertigt, ohne dass ich deswegen von einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht abhängig geworden wäre. Ich habe Sachbuch-Rezensionen für die FAZ geschrieben, ohne dass ich von der FAZ abhängig wäre.

Ich habe übrigens den scheinheiligen Spiegel* nicht gelesen und habe auch schon aus Zeitgründen nicht die Absicht, Blogs zu lesen. Ich habe volles Verständnis, dass jetzt alle Kirchen- und Religionsfeinde auf den Beinen sind und begeistert losschlagen, teils mit minimalem geistigen Aufwand, das berührt mich nicht; die antireligiösen Argumente sind seit Jahrhunderten bekannt und interessieren mich nicht, ich bin Atheist. Mich interessiert, dass die Debatte ablenkt von den wirklichen Pädophilen und den wirklichen gegenwärtigen Gefahren für Kinder, ich kenne viele hundert Täter (die ich gegen Vergütung, nicht gegen Gotteslohn, für staatliche Stellen begutachtet habe), und ich weiß, dass die Gefahr nicht von verstorbenen und dementen Ordensleuten ausgeht. Wenn von den 150 Fällen, die Frau Raue gesammelt hat, nur 1 nicht verjährt und verfolgbar ist (bei immerhin Verfolgbarkeit bis zum Alter von 28 Jahren des Opfers, 18 .Geburtstag plus 10 Jahre), wie sie gesagt haben soll – ein Junge wurde nackt photographiert – dann sagt das viel über vergangene verklemmte Zeiten, denen durch die sexuelle Normalisierung in den 60er/70er Jahren ein heftiger Änderungsdruck folgte; interessant wäre die gegenwärtige Situation, und das werden wir Fall für Fall klären und gegen Jahresende berichten. Nur dann wird sich keiner mehr dafür interessieren, weil dann gerade eine andere Kampagne laufen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Kröber

Anmerkung:

* Wenn Prof. Kröber vom „scheinheiligen Spiegel“ schreibt, dann spielt er vermutlich auf den Titel „Die Scheinheiligen“ der betreffenden Ausgabe an. Ich glaube nicht, dass er dem Spiegel Scheinheiligkeit unterstellen will.


Missbrauchsstatistik: „Experte“ arbeitet für die Kirche

25. Februar 2010

Update: Prof. Kröber hat mir eine Stellungnahme mit zusätzlichen Informationen zukommen lassen.

Kriminalpsychiater springt der Kirche zur Seite

Als der SPIEGEL (6/2010) vorletzte Woche groß über den Missbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen berichtete, sprang der Kirche noch vor der Veröffentlichung des Heftes der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber zur Seite. Nichtzölibatär lebende Männer würden mit einer 36mal höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern als katholische Priester, sagte Kröber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, wie domradio.de meldete. [Update: Hier noch ein längerer Artikel bei domradio.de.]

So berichtete dann z.B. RP ONLINE:

Das Magazin „Spiegel“ berichtet über das Ergebnis einer Recherche bei den 27 deutschen Diözesen. Nach Auskunft von 24 Diözesen (diejenigen von Limburg, Regensburg und Dresden-Meißen verweigerten Auskünfte) wurde seit 1995 gegen 94 Priester und kirchliche Laien wegen sexueller Übergriffe gegen Schutzbefohlene ermittelt. Aktuell stünden mindestens zehn Kirchenleute unter Verdacht. Dazu sagte der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, diese Zahlen belegten, dass sexueller Missbrauch bei Geistlichen der katholischen Kirche sehr viel seltener vorkomme als bei anderen erwachsenen Männern. Kröber, der als Professor für Forensische Psychiatrie an der Berliner Klinik Charité wirkt, ergänzte, dass nicht-zölibatär lebende Männer mit einer 36fach höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern würden als katholische Priester. Seit 1995 habe es in Deutschland insgesamt rund 210 000 polizeilich erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Es bestehe die Gefahr, dass die Kirche Selbstgeißelung betreibe und aus Angst vor neuem Unrecht an vermeintlichen Opfern alle Anschuldigungen ungeprüft akzeptiere.

kathnews erwähnte außerdem, dass Kröber auch Mitherausgeber des Standardwerkes „Handbuch der Forensischen Psychiatrie“ ist.

Und die ZEIT meldete:

[D]ie hauseigene katholische Nachrichtenagentur [verbreitete] die Aussage des Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité: „Es ist geradezu auffällig, wie wenig Fälle von sexuellem Missbrauch es im Bereich der Kirche gibt“ – verglichen mit der Gesamtgesellschaft. [Hervorhebung von mir.]

„Tendenziöse Meldung“

In einer Stellungnahme („Gipfel der Scheinheiligkeit“) zum Missbrauchsskandal kritisierte der Vorstand der Giordano-Bruno-Stiftung gestern (24. Februar 2010) auch die obige Argumentation scharf, der sich in der Folge auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, bedient hatte:

Besonders scharf kritisierte der gbs-Sprecher den Versuch des Freiburger Erzbischofs, „die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen herunterzuspielen.“ Wie die ‚Taz’ am Montag berichtete, hatte Zollitsch behauptet, dass das Risiko, sexuell missbraucht zu werden, in Familien „36 mal größer“ sei als beim Kontakt mit einem katholischen Priester, weshalb es „völlig falsch“ sei, der katholischen Kirche ein „strukturelles Problem“ zu unterstellen. „Mit dieser Aussage erklimmt Zollitsch gewissermaßen den Gipfel der Scheinheiligkeit! “, sagte Schmidt-Salomon. „Man sollte in diesem Zusammenhang wissen, dass der bischöfliche Vergleich nicht auf einer seriösen, wissenschaftlichen Untersuchung beruht, sondern auf einer tendenziösen Meldung des Domradios. Dort wurden die 94 kircheninternen Missbrauchsfälle, über die ‚Der Spiegel’ vor kurzem berichtete, einfach mit der Gesamtstatistik der polizeilich erfassten Missbrauchsfälle verrechnet. Abgesehen davon, dass die zugrunde liegende Datenlage höchst problematisch ist, führt ein solcher Vergleich schon allein deshalb zu verzerrten Ergebnissen, weil viele Kirchenbedienstete im Unterschied zur Gesamtbevölkerung keinen regelmäßigen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben.

Schmidt-Salomon zufolge hätten für einen Vergleich mit Familien nur jene Zölibatäre herangezogen werden dürfen, die etwa in kirchlichen Internaten und Heimen permanenten Zugang zu Kindern haben: „Dadurch wäre sofort sichtbar geworden, dass die Kirche sehr wohl mit strukturellen Problemen zu kämpfen hat! Denn über Jahrzehnte hinweg war das Risiko sexueller Gewalterfahrungen für Kinder und Jugendliche, die in christlichen Heimen lebten, um ein Vielfaches höher als das Risiko derer, die in Familien aufwuchsen! Nicht ohne Grund sind die Kirchen heute mit den Forderungen vieler Tausend ehemaliger Heimkinder konfrontiert, die endlich eine Entschädigung für die Verbrechen verlangen, die an ihnen begangen wurden!“ [Hervorhebung von mir.]

Kriminalpsychiater – für die Katholische Kirche!

Heute erfahre ich nun aus der Badischen Zeitung, dass Kröber gar kein unabhängiger* Experte ist, wie man es anhand der Meldungen z.B. bei domradio.de glauben könnte. Kröber ist einer von fünf Gutachtern, die für die Katholische Kirche Priester begutachten, die des Missbrauchs verdächtig sind:

In Deutschland gibt es zwei Lehrstühle zur forensischen Psychiatrie: Neben Norbert Leygraf arbeitet auch Hans-Ludwig Kröber für die Kirche. Kröber ist Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Außerdem prüfen Max Steller und Renate Volbert (beide FU Berlin) sowie Friedemann Pfäfflin vom Universitätsklinikum Ulm katholische Geistliche. Ausgewählt hat sie der Kölner Theologe und Psychiater Manfred Lütz.

Das hätte man m.E. auch gleich melden können. Aber die Verantwortlichen werden schon wissen, weshalb sie diese Information unterschlagen haben.

Anmerkungen:

* Mit „unabhängig“ meine ich oben, dass er keine geschäftlichen oder ähnliche Beziehungen zur Kirche pflegt. Also quasi „ohne Verbindungen zur Kirche“.

Um das klarzustellen: Prof. Kröber arbeitet natürlich auch nicht hauptberuflich für die Katholische Kirche. Kröber ist – wie man in dem obigen Zitat lesen kann – Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Und ja: Es gibt tatsächlich noch andere psychopathische Kriminelle als katholische Priester 😉 Mit ersteren befasst er sich hauptsächlich. Wie mir Prof. Kröber mitteilte, hat er in 6 Jahren nur 3 Fälle für die Kirche begutachtet.

 


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