Bischofskonferenz: Gesichtswahrung geht vor Opferschutz

Heute treffen sich die deutschen Bischöfe (ohne Mixa :-)) zu einer Routineversammlung, bei der auch Änderungen an den Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch besprochen werden sollen.

Aus diesem Anlass hier ein offener Brief an die Bischöfe, den ich kürzlich konzipiert hatte. Mir gegenüber wurde nämlich noch vor kurzem behauptet, die Leitlinien seien „vorbildlich“. Man fragt sich, wie es dann größere Änderungen geben kann.

Sehr geehrte Herren,

am 16. März teilte mir die Diözese Freiburg per E-Mail mit:

Unabhängige Fachleute halten das Vorgehen der katholischen Kirche bei der Prävention und der Aufklärung von sexuellem Missbrauch für vorbildlich.

Auf meine Bitte um Belege für diese Behauptung erhielt ich am 20. April von der Deutschen Bischofskonferenz den Verweis auf einen Artikel, in dem nur ein einziger Satz entfernt an einen Beleg für die obige  Behauptung erinnert. Darin erklärte Norbert Leygraf, der für die katholische Kirche auffällig gewordene Priester begutachtet:

„Diese Leitlinien müssen offenbar funktionieren, denn unter den bekannt gewordenen Fällen ist keiner als Rückfall aufgetreten.“

Diese Aussage erscheint mir absurd, denn die Frage ist doch, ob Gutachter überhaupt von möglichen Missbrauchsfällen Kenntnis erhalten. Die Leitlinien sind doch nicht dazu da, dass Täter nicht wieder rückfällig werden.

Wie Ihnen bekannt sein dürfte, werden die bischöflichen Leitlinien zum sexuellen Missbrauch seit ihrer Verabschiedung 2002 von ausgewiesenen Fachleuten stark kritisiert, etwa der Gewerkschaft der Polizei, dem Weißen Ring, Opferschutz- und Opferorganisationen. Neben dem Umstand, dass die Leitlinien zunächst eine kircheninterne Untersuchung vorschreiben und nur bei erwiesenem Missbrauch eine Meldung an die Staatsanwaltschaft erwähnen, wird z.B. auch die fehlende Berücksichtigung der Opfer- und Täterrechte (z.B. Anwesenheit eines Anwalts bei der Befragung) und die unnötige zusätzliche Belastung der Opfer in Form der Befragung durch kirchliche Sonderermittler, die noch nicht einmal für diese hochsensible Tätigkeit qualifiziert sein müssen, beanstandet.

Von „Opferschutz“ scheint seitens der deutschen Bischöfe in letzter Zeit nur die Rede zu sein, wenn es darum geht, eine Meldepflicht zu verhindern. Was ist mit den Belangen der Opfer während der kirchlichen Untersuchung?

Wenn Sie angesichts der gravierenden, nachvollziehbaren Kritik ausgewiesener Experten behaupten, unabhängige Fachleute hielten das Vorgehen der katholischen Kirche für vorbildlich, und dafür nicht mehr als Sätze wie den obigen vorzuweisen haben („Diese Leitlinien müssen offenbar funktionieren, …“), dann muss der Eindruck entstehen, dass es den deutschen Bischöfen nach wie vor in erster Linie um Gesichtswahrung geht, nicht um die Belange der Opfer.

Wenn Sie weiterhin behaupten, die Leitlinien seien „vorbildlich“, dann schließen Sie damit größere Änderungen praktisch aus – es wird aber großer Änderungen bedürfen, um den berechtigten Interessen der Missbrauchsopfer und der Gesellschaft Rechnung zu tragen.

In Ihrer Erklärung zum sexuellen Missbrauch vom 25. Februar dieses Jahres bitten Sie „um die Unterstützung durch den Sachverstand derer, die außerhalb der Kirche aktiv sind.“ Die Sachverständigen haben bereits ihr Urteil abgegeben, seit 2002. Wenn Sie tatsächlich „ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme“ wünschen, dann nehmen Sie diese Kritik an!

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