Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde

„Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel steht, sondern der Mensch schuf, wie ich im »Wesen des Christentums« zeigte, Gott nach seinem Bilde.“ – Ludwig Feuerbach (1804-1872)

Die obige Vermutung Feuerbachs und vieler anderer Atheisten wurde jetzt durch eine Studie* an über 1.000 US-Amerikanern erhärtet.

Die Wissenschaftler befragten die überwiegend christlichen Probanden zu Themen wie der Todesstrafe, Abtreibung oder gleichgeschlechtlichen Ehen. Anschließend mussten die Teilnehmer die vermutete Haltung ihres Gottes einschätzen und mit der bekannter Persönlichkeiten oder des Durchschnittsamerikaners vergleichen. Die Probanden nahmen ihre eigene Meinung als gottesnah wahr.


Meine eigene Erklärung für dieses Phänomen besteht darin, dass Gott, da er ja so überragend ist sein soll (allwissend, allmächtig, allgütig), von den Menschen auch als vernüftig eingeschätzt wird. (Dies bezieht sich auf rein theoretische Überlegungen zu Gott, etwa „Wenn es einen Gott gibt, dann muss er super-gerecht, super-vernünftig usw. sein.“ Die Schilderung Gottes in der Bibel steht dem natürlich entgegen.) Nun wird sich aber jeder Mensch tendenziell selbst auch als vernünftig einschätzen, d.h. er wird seine eigenen Entscheidungen und Meinungen subjektiv für vernünftig halten. Demzufolge müsste ein „vernünftiger“ Gott „logischerweise“ dieselben Ansichten vertreten.

Das ist meiner Meinung nach auch der Grund dafür, dass die meisten Christen heute grundsätzlich für Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Frieden und Umwelt eintreten. Diese Werte lassen sich durchaus vernünftig begründen. Und der obigen „Logik“ zufolge muss demnach auch Gott dafür sein.

Wie verhält es sich bei Nicht-Christen?

Die Verfasser der Studie weisen darauf hin, dass sie fast nur mit Christen gearbeitet haben. Deshalb seien die Ergebnisse nicht automatisch  auf andere Weltreligionen übertragbar.

Dies wirft einen interessanten Punkt auf: Eine derartige Untersuchung ist nur möglich, wenn der jeweilige Gott personalen Charakter hat – denn nur als solcher könnte er (oder sie) ja eine Meinung haben. Bei Vorstellungen von „Gott als der Welt (bzw. der Natur)“ oder religiösen Vorstellungen ohne Gott ist das Experiment in der oben genannten Form nicht durchführbar. Beim Glauben an mehrere Götter wäre zu klären, ob diese immer dieselbe Meinung vertreten und welchen Gottes Meinung ggf. maßgeblich wäre.

Das Experiment könnte allerdings durchgeführt werden, sofern die betreffende Religion ihren Anhängern bestimmte Auffassungen zu bestimmten Themen vorgibt, unabhängig davon, ob diese Auffassungen auf Gott zurückgeführt werden oder lediglich „traditionelle“ Lehre sind. Es wäre interessant zu erfahren, ob sich bei Anhängern „nicht-personaler“ Religionen eine größere Abweichung zwischen der Selbsteinschätzung und religiösen Autorität (z.B. Lehre, Tradition) beobachten lässt.

Religion wirkt auch in die „falsche“ Richtung

Oben habe ich meine Vermutung geäußert, dass die meisten Christen heute für Menschenrechte usw. sind, weil sie diese für vernünftig halten und demzufolge annehmen müssen, dass auch Gott dafür ist. Wiederum nehmen die Wissenschaftler eine alte Atheisten-Vermutung auf:

Der Glaube an die „selbstgemachte“ göttliche Meinung könne als Verstärker dienen, um die eigene Gedankenwelt zu bestätigen und zu rechtfertigen.

Das Problem hierbei ist, dass dieser Effekt ebensogut un die „verkehrte Richtung“ losgehen kann: Wer z.B. der Auffassung ist, dass der Westen gegenüber nicht-westlichen Ländern mit zweierlei Maß misst bzw. die Menschenrechte immer nur dann hochhält, wenn es ihm passt (und um zu dieser Auffassung zu gelangen muss man beileibe kein Fundamentalist sein), der wird, sofern er an einen personalen Gott glaubt, natürlich zu dem Schluss kommen, dass Gott dies für ungerecht halten wird und wünscht, dass man dagegen ankämpft.

Wer der Auffassung ist, dass menschliches Leben den höchsten Schutz genießt und dass es bereits mit der Befruchtung beginnt, der wird annehmen müssen, dass Gott dieselbe Auffassung vertritt und dass man gegen jedwede Art von Schwangerschaftsabbruch ankämpfen muss.

(Natürlich könnte man in den beiden obigen Beispielen auch zu dem „logischen Schluss“ kommen, dass ohnehin alles Gottes Wille ist, gegen den man nicht angehen muss bzw. darf. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass dies die überwiegende Auffassung von Gläubigen ist, jedenfalls nicht von Christen und Muslimen. Wobei man natürlich von den „laissez-faire-Gläubigen“ naturgemäß wenig hören wird, so dass sie bei meinem Eindruck unterrepräsentiert sein könnten.)

Religion lässt Logik von falschen Annahmen ausgehen

Bei dem obigen Beispiel würde ich noch sagen: Wenn es so ist, dass der Westen sich ungerecht verhält, dann muss dagegen angegangen werden. Das wäre aber lediglich eine vernünftige Schlussfolgerung ohne religiöse „Verstärkung“. Und natürlich gäbe es allgemein akzeptierte Mittel, ein solches Ziel zu verfolgen.

Ein weiteres Problem mit Religion ist aber, dass deren Angehörige zwar durchaus logische Schlüsse ziehen können, dass diese Schlussfolgerungen aber falsch sein können, wenn sie nämlich auf falschen – hier religiös bedingten – Annahmen basieren.

So hat ja z.B. die Logik der Kreationisten durchaus etwas für sich: Wenn die Bibel wörtlich (oder zumindest eng) auszulegen ist, dann kann die Evolutionstheorie nicht richtig sein. Eine weitere Betrachtung der Belege für die Evolutionstheorie erübrigt sich dann – genauso, wie sich für manche Atheisten die „Belege“ für Gott erübrigen, sofern dieser als allmächtig, allwissend und allgütig definiert wird: Ein solcher Gott kann angesichts des Leids auf der Welt nicht existieren, und „Belege“ wie heilige Schriften können daran nichts ändern.

Allgemein werden Anhänger einer Religion zu der Annahme neigen, dass Gott die eigene Religion bevorzugt, bzw. dass die eigene Religion zu verbreiten ist. Von solchen Annahmen ausgehend ist es dann durchaus „logisch“, dass z.B. Kreuze in Klassenzimmern aufgehängt werden oder Minarette verboten – oder der Abfall vom Glauben mit Todesstrafe bedroht wird, oder Land illegal besiedelt wird, weil es „von Gott verheißen wurde“.

Die beiden obigen Aspekte – Religion kann auch in die „falsche“ Richtung wirken und lässt Logik von falschen Annahmen ausgehen – sprechen auch dagegen, Religion aus „Gründen der Nützlichkeit“ zu fördern, wie dies nicht selten gefordert wird.

* Die Zitate hier stammen aus einem Artikel über die Studie. Der dort angegebene Link zu der Studie hat bei mir leider nicht funktioniert. Vermutlich wird die Studie bald auf der Homepage des Hauptautors verlinkt.

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5 Antworten zu Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde

  1. verquer sagt:

    „So hat ja z.B. die Logik der Kreationisten durchaus etwas für sich: Wenn die Bibel wörtlich (oder zumindest eng) auszulegen ist, dann kann die Evolutionstheorie nicht richtig sein. Eine weitere Betrachtung der Belege für die Evolutionstheorie erübrigt sich dann – genauso, wie sich für manche Atheisten die „Belege“ für Gott erübrigen, sofern dieser als allmächtig, allwissend und allgütig definiert wird: Ein solcher Gott kann angesichts des Leids auf der Welt nicht existieren, und „Belege“ wie heilige Schriften können daran nichts ändern.“

    Ich habe den Eindruck, dass Du hier zwei Argumentationen bzgl. ihrer Wertigkeit auf ein Niveau stellst – vielleicht unbewusst, vielleicht auch aus Gründen der Beitragslänge…

    Der Kreationist argumentiert letztlich auf der Basis von „Ich glaube, dass es wahr ist und deswegen ist es wahr“. Mit dieser Argumentation kann man alles begründen und somit werden die Glaubensinhalten vollkommen beliebig.

    Der gnostische Atheist, der wegen des Theodizee-Problems die Existenz Gottes ablehnt, argumentiert jedoch auf dem Grundsatz, dass in sich logisch widersprüchliche Dinge nicht existieren können. Da man mit diesem Grundsatz nicht alles begründen kann, ist dessen „Glaube“ eben nicht beliebig.

  2. skydaddy sagt:

    Hallo verquer, vielen Dank für Deinen Beitrag. Zur Klarstellung:

    Natürlich halte ich das kreationistische Ergebnis für falsch und das atheistische für korrekt.

    Mein Punkt war: Die Logik (gemeint: das Schlussfolgern, im Gegensatz zu den Annahmen) ist zwar in beiden Fällen korrekt, aber die Religion führt unbewiesene bzw. falsche Prämissen ein. Deshalb gelangt man dann selbst bei richtiger Logik (Ableitung) zu falschen Schlüssen – eben wegen der falschen Ausgangsannahmen.

    Für die logische Ableitung ist es egal, ob die Basisannahmen ihrerseits angenommen werden, weil sie in sich plausibel sind (wie bei dem atheistischen Beispiel) oder lediglich, weil man daran „glaubt“ (wie beim kreationistischen Beispiel). Für den Schlussfolgernden sind die Annahmen jedenfalls gültig, und damit auch die Schlussfolgerung.

    Darin liegt ja m.E. gerade die Gefahr: Jede Religion fügt zu den plausiblen Annahmen unplausible hinzu. Damit besteht die Gefahr, dass religiöse Menschen selbst bei korrekter Logik (Ableitung) zu falschen Schlussfolgerungen kommen, welche für sie absolut überzeugend sind – weil sie ja die falschen Grundannahmen bereits für wahr halten.

  3. Dem kann ich nur zustimmen,
    dass „jede von Menschen organisierte Religion,Kirche, Tempel, Gemeinde und Sekte, mit der Zeit, fügt zu den plausiblen Aussagen,Gebote und Annahmen- unplausible hinzu“ die als Ersatz-drogen in ihrer Religion, verkündet und zum Ausdruck kommen.
    Wenn Christus von sich selber zeugt: „Ich bin die Tür in das Reich Gottes, wer durch mich eingeht, wird (geistige) Weide und das ewige Leben finden;
    Alle jedoch, die woanders einsteigen, durch eine von Menschen verfälschte Religion und Lehre, die sind Diebe und Mörder“! Johannes 10,1-9
    Mehr brauch man zu den Zustand, der von Gott abgefallenen „christlichen“ Religionen, Kirchen, Tempeln, Gemeinden und Sekten nichts sagen, denn sie sind woanders eingestiegen um sich als Christen zu bezeichnen.

  4. […] à la Vatikan – oder eher Orwell? Gestern hatte ich über das Problem geschrieben, dass religiöse Menschen, selbst wenn sie logische Schlussfolgerungen ziehen, diese u.U. auf der […]

  5. […] Solange das Parlament um die religiösen Aspekte herumeiert, die das Zusammenleben der Menschen erschweren, und die anderen Themen immer erst dann aufgreift, wenn sich bereits ein gesellschaftlicher Konsens herausgebildet hat – solange ist das Parlament der Weltreligionen nicht viel mehr als eine gigantische Echokammer. […]

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