Bistum Freiburg: „Der Wunsch des Opfers“…

Der Generalvikar des Bistums Freiburg erklärte am 22. März dieses Jahres, das Erzbistum habe 2006 „den Wunsch des Opfers respektiert, nicht die Staatsanwaltschaft einzuschalten“. Das Opfer stellt die Sache etwas anders dar.

Zu dem Missbrauchsfall Birnau („Fall“ meint hier: ein Opfer, aber mindestens 30 bis 50 Missbräuche) erklärte der Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Dr. Fridolin Keck, am 22.03.2010:

„Uns ist in Birnau nur ein Missbrauchsfall bekannt: Ende 2006 hat uns darüber ein Mann informiert. […] Wir haben Hilfe und Gespräche angeboten. […] Wir haben den Wunsch des Opfers respektiert, nicht die Staatsanwaltschaft einzuschalten.“

Mittlerweile habe ich im Internet die Website des Opfers gefunden, und dort hört sich der Sachverhalt ganz anders an (Hervorhebung von mir):

12/2006: Ich informierte die Erzdiözese Freiburg und die Abtei Mehrerau von den Übergriffen auf mich. Ich wies schon damals darauf hin, dass ich den Verdacht habe, dass weitere Kinder/Ministranten Opfer dieses Pädophilen sein könnten.

Ausser diesem Telefongespräch wurde ich nicht über den Ausgang der Ermittlungen informiert und bekam keine konkreten persönlichen Hilfsangebote. Den Verzicht auf eine staatsanwaltschaftliche Anzeige erreichte man, indem man mich „über den Tisch zog“ und mir vorgaukelte, dass man Nachforschungen anstellen würde und man mir verschwieg, dass

a) der Kirche bereits weitere Übergriffe des Täters bekannt und dokumentiert waren

b) der Täter ein weiteres Mal in Deutschland, zudem in Birnau aktiv war – und das zu einer Zeit, die noch nicht verjährt war.

Inwieweit sich die beiden letzten Punkte auch gegen das Erzbistum Freiburg richten, kann ich nicht sagen. Der Abtei müssten aber weitere Missbrauchsfälle bekannt gewesen sein:

In seinem Archiv hat das Schweizer Bistum Basel Teile der Vorgeschichte des Paters gefunden, der unter anderem im Vorarlberger Kloster Mehrerau Minderjährige sexuell missbraucht haben soll. Die Verantwortlichen im Bistum waren demnach informiert über die Missbrauchsvorwürfe aus Deutschland und Österreich – und stellten ihn trotzdem an.

Der Pater war von 1971 bis 1987 im Bistum Basel tätig. […] Als der Pater in ihren Dienst übernommen wurde, „wussten die Verantwortlichen des Bistums Basel offenbar, dass er die vorherigen Einsatzorte wegen unerlaubter sexueller Handlungen hatte verlassen müssen“, teilte das Bistum am Freitag mit. [Vorarlberg Online, 19.03.2010]

Da Missbrauchsvorwürfe aus Deutschland und Österreich erwähnt werden, muss es also (neben Birnau, Deutschland) mindestens einen weiteren Fall gegeben haben. Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass die Abtei, der der Pater angehörte, davon nichts gewusst haben soll. Der jetzige Abt (der erst seit einem Jahr im Amt ist und damit für die Vorgänge 2006 nicht verantwortlich) hat ja bereits eingestanden, dass „auch in unserer Gemeinschaft in der Vergangenheit leider ein nicht adäquater Umgang mit Tätern und Opfern sexuellen Missbrauchs gepflegt wurde“.

Ob man sich beim Erzbistum Freiburg darüber im Klaren war, dass ein pädosexueller Pater wieder in dem Kloster eingesetzt war (für welches der Erzbischof kirchenrechtlich nicht zuständig ist, wie wir ja während der letzten Tage hinreichend oft hören und lesen durften), vermag ich nicht zu sagen. Mittlerweile hat das erzbischöfliche Ordinariat ja Personalverzeichnisse (sog. Schematismen) gefunden, aus denen hervorgehen soll, dass Pater G. von 1989 bis 1995 wieder im Einzugsgebiet des Erzbistums (wenn auch nicht in dessen Auftrag) tätig war. Ob dies dem Bistum bereits 2006 bekannt war, ist fraglich – die Abtei, die das Opfer 2006 ja ebenfalls kontaktiert hat,  müsste allerdings über den damaligen Einsatz ihres Paters in Birnau Kenntnis gehabt haben.

Mag sein, dass die Vorwürfe in erster Linie die Abtei treffen und nicht das Erzbistum. Aber mal angenommen, die Darstellung des Opfers ist korrekt – und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln: Ist es dann wirklich vertretbar, zu erklären, man habe damals „den Wunsch des Opfers respektiert, nicht die Staatsanwaltschaft einzuschalten“?

Man hat eher den Eindruck, dass es der Wunsch des Bistums bzw. der Abtei war, die Staatsanwaltschaft nicht einzuschalten, und dass das Opfer durch Versprechungen von einer Anzeige abgebracht wurde.

Der pädophile Pater kann übrigens nicht befragt werden: Er ist untergetaucht. (Stand: 28.03.2010)

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