Noch mal Gotteswahn

3. Dezember 2010

In einer Adventspredigt für den Papst kritisierte der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa den „militanten Atheisten“ Richard Dawkins und führte aus:

Ein Wissenschaftler oder Atheist, der behauptet ‚Es gibt keinen Gott‛, urteilt über eine Welt, die er nicht kennt, und wendet seine Gesetze auf ein Objekt an, dass außerhalb seiner Erreichbarkeit liegt.

Wie bereits gestern beim Beethoven-Trugschluss hat sich Dawkins in seinem Buch Der Gotteswahn bereits zu diesem Einwand geäußert (S. 95):

Welche Fachkenntnisse, die ein Naturwissenschaftler nicht besitzt, können Theologen in die Untersuchung weitreichender kosmologischer Fragen einbringen? In einem anderen Buch habe ich berichtet, was mir ein Astronom aus Oxford antwortete, als ich ihm eine dieser weit reichenden Fragen stellte: »Ach, damit verlassen wir den Bereich der Naturwissenschaft. An dieser Stelle muss ich das Wort meinem guten Freund erteilen, dem Kaplan.« Ich war damals nicht schlagfertig genug, um die Antwort zu geben, die ich später zu Papier brachte : »Aber warum dem Kaplan? Warum nicht dem Gärtner oder dem Koch?« Warum sind Naturwissenschaftler so voll kriecherischem Respekt vor den Ambitionen der Theologen – und das in Fragen, zu deren Beantwortung die Theologen sicher keine größere Qualifikation mitbringen als die Naturwissenschaftler selbst?

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Spaemann: „Menschenwürde durch europäische Zivilisation bedroht“

28. Mai 2010

„Si tacuisses, philosophus mansisses“ („Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben“) – es gibt meines Erachtens niemanden, auf den dieser Spruch so gut – und so oft! – zutrifft wie auf Robert Spaemann. Spaemann, der meint, Gott per Grammatik beweisen zu können, erklärte kürzlich:

„Durch keine Zivilisation ist die Menschenwürde so bedroht wie durch die europäische“ […]. Der Grund liege darin, dass die europäische eine wissenschaftliche Zivilisation sei, die den Menschen „strikt objektiviert, ihn analysiert und nicht als Subjekt wahrnimmt“. [kathweb]

Leider schweigt sich der Artikel darüber aus, ob Spaemann sich auch dazu geäußert hat, welche Länder bzw. Zivilisationen die Menschenwürde weniger schlimm bedrohen. Auch wäre es interessant zu erfahren, welchen Platz im Spaemann-Ranking Länder wie Saudi-Arabien, Iran, China oder Nordkorea einnehmen – offenbar alles Gesellschaften, die für die Menschenwürde weniger bedrohlich sind als Europa.

Man achte auch auf die Begründung: Grund für die Bedrohung ist Spaemann zufolge die Wissenschaftlichkeit und Objektivität, die die europäische Zivilisation auszeichnet. Im Gegensatz zu Spaemanns „Logik“ bedeutet das freilich keineswegs, dass der Mensch nicht trotzdem als Subjekt wahrgenommen werden kann. (Man kann z.B. jemanden lieben und gleichzeitig „wissenschaftlich-objektiv“ im Auge behalten, dass es keine gute Idee wäre, wenn dieser Mensch vor ein fahrendes Auto läuft.)

Spaemann lehnt sich m.E. auch sehr weit aus dem Fenster, da er als Hardcore-Katholik einem Weltbild anhängt, das den Menschen als von Natur aus „sündhaft“ ansieht und dessen Lebenszweck vor allem anderen darin besteht, Jesus als „HERRN“ (im Sinne der damaligen Verhältnisse Sklave/Untertan vs. Herr/Herrscher) anzunehmen, wobei dieser HERR (Gott) den Menschen jeglicher Willkür wie z.B. Krankheit, Schicksalsschlägen usw. aussetzen kann, ohne dass dies kritisiert oder infrage gestellt werden darf. Es ist nicht einzusehen, wieso eine demokratische Zivilisation wie die europäische die Menschenwürde stärker bedrohen sollte als solch eine vordemokratische Ideologie.

Dass Spaemann („europäische Zivilisation ist die größte Bedrohung für die Menschenwürde“) und Joseph Ratzinger/Papst Benedikt („Benutzung von Kondomen verschlimmert AIDS-Problem“) als katholische Vorzeige-Intellektuelle gelten – mehr braucht man über den Katholizismus eigentlich nicht zu wissen.


Das Internet: Sterbehilfe für Religionen

13. März 2010

Der großartige Thunderf00t hat ein neues Video, in dem er die These aufstellt, dass das Internet der Verbreitung und Aufrechterhaltung von Religion entgegenwirkt. Der Grund ist, dass Religion davon lebt, nicht kritisch hinterfragt zu werden (während demgegenüber Wissenschaft gerade davon lebt, dass Ideen kritisch durchleuchtet werden) – und das Internet macht es schwer, die Leute von der Kritik fernzuhalten.

Was nach einer Woche voller kirchlicher Heuchelei zumindest das Wochenende gerettet hat war die Erkenntnis, dass Thunderf00ts YouTube-Kanal viermal soviele Abonnenten hat wie der Vatikan:

Also, hier Thunderf00ts Video:

Killt das Handy die Kirche?

Dazu passt noch ein Artikel, den ich gestern gelesen habe: Killt das Handy die Kirche? Warum Gemeinden so schwer wachsen. Darin geht es darum, dass kirchliche Gemeinden ihre soziale Vernetzungsfunktion verlieren, da diese Funktion heute von Handy, Facebook usw. übernommen wird.

Schönes Wochenende!


Wissenschaft und Religion

4. Januar 2010

Eine offenbar viel zu wenig bekannte  Quelle für interessante (englischsprachige) Videos von Vorträgen und Diskussionen ist FORA.tv. Ich habe die Podcasts abonniert, und es sind immer wieder interessante Beiträge aus Bereichen dabei, von denen ich sonst nicht viel mitbekomme.

Gestern sah ich eine interessante Diskussion mit Daniel Dennett, der mich immer wieder beeindruckt. Highlight für mich: Gegen Ende (ca. 1:12:30) sagt Dennett, im Hinblick auf die „Militanz“ der „vier apokalyptischen Reiter“ (Sam Harris, Christopher Hitchens, Richard Dawkins und er selbst):  „Es gibt einfach keine höfliche Möglichkeit zu sagen: Entschuldigen sie, haben sie schon einmal in Erwägung gezogen, dass sie ihr Leben mit einer Wahnvorstellung vergeudet haben?“

Dennett befasst sich ja mit der Erforschung von Religion aus evolutionärer Sicht. Zu diesem Thema verwies sein Kollege zur Rechten, David Sloan Wilson, folgende Website: Evolutionary Religious Studies. Der Herr links im Bild ist der katholische Theologe John F. Haught.

verquer hat auf seinem Blog gestern übrigens auch auf eine höchst interessante Quelle aufmerksam gemacht: TED. Da gibt es sogar deutsche (bzw. deutsch untertitelte) Beiträge.


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