Ketzerpodcast Outtakes

5. April 2010

Bis der nächste Ketzerpodcast online ist, hier drei Outtakes aus dem letzten. (Das heißt, es handelt sich um Sachen, die wir zwar während der Aufnahme besprochen haben, die aber nicht in der Endfassung enthalten sind, da der Podcast immer nur höchstens eine Stunde lang sein soll.)

  • Kondome für Mönche, Dildos für Nonnen
    Christian weist darauf hin, dass auch das Ende der DDR durch einen runden Tisch eingeläutet wurde. Daraufhin spekulieren die Ketzer über die möglichen Folgen des rundes Tisches zum Missbrauchsskandal.
  • Kirchenasyl im Vatikan
    Die Ketzer diskutieren, ob der Vatikan wohl kriminelle Geistliche an andere Länder ausliefert.
  • Runder Tisch und rote Käppchen
    Anhand der Menschenrechtsthematik und des runden Tisches zum Kindesmissbrauch spekulieren die Ketzer über die Bedeutung der roten Kardinalskäppchen.
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Grob irreführend: „300 Fälle von Pädophilie“

14. März 2010

Derzeit ist bei mehreren Quellen (z.B. bei SPIEGEL ONLINE und FOCUS ONLINE) zu lesen, beim Vatikan seien in den letzten neun Jahren „nur“ 300 Fälle von Pädophilie bearbeitet worden. Zu den 300 Fällen mit vorpubertären Kindern kommen aber noch 1.800 Fälle mit pubertären Jungen. Und mit „Fall“ sind hier Priester gemeint – die Zahl der Opfer dürfte damit noch deutlich höher liegen!

Die Angaben stammen aus einem Interview mit Charles Scicluna, einem Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation. Den Wortlaut des Interviews auf Deutsch gibt es bei Radio Vatikan.

Darin sagt Scicluna:

Insgesamt haben wir in diesen letzten neun Jahren (2001 bis 2010) Anzeigen beurteilt, die etwa 3.000 Fälle von Diözesan- und Ordenspriestern betrafen und die sich auf Vergehen bezogen, die in den letzten fünfzig Jahren begangen worden sind.

Also 3.000 Fälle von pädophilen Priestern?

So kann man das korrekterweise nicht sagen. Wir können sagen, dass es sich grosso modo in sechzig Prozent dieser Fälle vor allem um Akte von Ephebophilie handelt, das heißt: Akte, die mit dem sexuellen Hingezogensein zu Heranwachsenden desselben Geschlechts zusammenhängen. Weitere dreißig Prozent beziehen sich auf heterosexuelle Beziehungen, und zehn Prozent sind tatsächlich Akte der Pädophilie, also bestimmt durch das sexuelle Hingezogensein zu Kindern im vorpubertären Alter. Die Fälle von Priestern, die der Pädophilie im strengen Sinn des Wortes beschuldigt werden, sind also etwa dreihundert binnen neun Jahren. Das sind – um Gottes willen! – immer noch zu viele Fälle, aber man sollte doch anerkennen, das das Phänomen nicht so verbreitet ist, wie einige glauben machen wollen.

60 Prozent der Fälle betreffen demnach Ephebophilie, d.h. pubertäre Jungen. Damit dürfte der Großteil der Opfer minderjährig sein. Diese, bei SPIEGEL und FOCUS als „heterosexuell“ bezeichneten Fällen dürften demzufolge ebenfalls Minderjährige beinhalten.

Von daher erscheint es grob irreführend, wenn es heißt, nur 300 Fälle beträfen Pädophilie, 60 Prozent homosexuelle und 30 Prozent heterosexuelle Fälle. Richtig wäre: Es handelt sich um 300 Fälle mit vorpubertären Kindern und 1.800 Fälle mit pubertären Jungen! Und, wie gesagt: Mit „Fall“ sind hier Priester gemeint, nicht Opfer. Deren Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Der Wortlaut beim SPIEGEL:

Von 2001 bis 2010 habe es rund 3000 Beschwerden über Geistliche gegeben. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte, nur in zehn Prozent der Fälle gehe es um pädophile Übergriffe Geistlicher. Insgesamt seien in neun Jahren damit 300 von 400.000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt worden.

Der Wortlaut beim FOCUS:

Laut Scicluna gingen im Vatikan seit 2001 rund 3000 Beschwerden über Geistliche ein. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte und in nur zehn Prozent der Fälle um pädophile Übergriffe Geistlicher. Insgesamt seien in neun Jahren also nur 300 von 400 000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt worden, rechnete Scicluna vor.

Vermutlich steckt der Fehler bereits in einer der zugrundeliegenden Agenturmeldungen.

Kirchenstrafen

In dem Interview erfährt man auch, welche Strafen verhängt werden:

Man kann in etwa sagen, dass es in zwanzig Prozent der Fälle einen richtigen Prozess gegeben hat, ob straf- oder verwaltungsrechtlich, […]. Doch hat es in sechzig Prozent der Fälle vor allem wegen des fortgeschrittenen Alters der Beschuldigten keinen Prozess gegeben; allerdings wurden gegen sie Verwaltungs- und Disziplinarmassnahmen ergriffen wie etwa die Auflage, keine Messen mit den Gläubigen mehr zu feiern, keine Beichte mehr zu hören, ein zurückgezogenes Leben des Gebets zu führen. Man sollte noch einmal betonen, dass es sich in diesen Fällen, unter denen auch einige besonders eklatante sind, mit denen sich die Medien beschäftigt haben, nicht um Freisprüche handelt. Zwar hat es keine formale Verurteilung gegeben, aber wenn jemand zu Schweigen und Gebet verpflichtet wird, dann gibt es dafür schon einen guten Grund…

Da sind aber noch zwanzig Prozent weitere Fälle…

Sagen wir: In zehn Prozent der Fälle, nämlich den besonders schwerwiegenden und bei denen erdrückende Beweise vorliegen, hat der Heilige Vater die schmerzliche Verantwortung auf sich genommen, ein Dekret über den Rückzug aus dem Klerikerstand zu autorisieren. Eine äußerst schwerwiegende Maßnahme, die auf dem Verwaltungsweg getroffen wird, aber unvermeidlich. In den übrigen zehn Prozent der Fälle waren es dann die beschuldigten Kleriker selbst, die um Dispens von den Pflichten gebeten haben, die sich aus dem Priesteramt ergeben. Was auch prompt angenommen wurde. Zu diesen letztgenannten Fällen gehören die Priester, die im Besitz von kinderpornographischem Material gefunden wurden und die dafür von der zivilen Autorität verurteilt worden sind.

Das sind ja schlimme Strafen: keine Messen mehr feiern, keine Beichte mehr abnehmen, schweigen und beten…insbesondere, wenn es sich um Leute handelt, die zu alt für einen Prozess sind. Wieviele von denen zelebrieren denn noch Messen?


Vatikanische Fensterpredigten

13. März 2010

domradio.de meldet: Vatikan will mehr Schutz für religiöse Minderheiten:

Rund 70 Prozent der Weltbevölkerung lebten in Ländern mit eingeschränkter Religionsfreiheit, sagte Erzbischof Silvano Tomasi vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf.

Der Vatikan hat hier gut reden – ist er doch (neben Weißrussland) der einzige europäische Staat, der die Europäische Menschenrechtskonvention nicht ratifiziert hat.

Um Verfolgung und Diskriminierung künftig zu verhindern, [sei] unter anderem eine unabhängige Rechtsprechung […] notwendig, […] , forderte Tomasi.

Eine unabhängige Rechtsprechung (wie oben gefordert) oder gar Gewaltenteilung kennt man im Vatikan natürlich auch nicht. Vielmehr heißt es im Grundgesetz des Vatikans ausdrücklich:

Art. 1 

1. Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt. [Hervorhebung von mir.]

Übrigens stammt das Grundgesetz des Vatikans – aus dem Jahr 2000!


Militärbischof Mixa phantasiert über das Grundgesetz

2. Januar 2010

Der Augsburger Allgemeinen zufolge hat Militärbischof Walter Mixa bei seiner Jahresschlusspredigt in der Augsburger Marienkathedrale folgendes zum Besten gegeben:

„Damit nie mehr so ein Unglück über unser Volk komme, steht im ersten Satz [des Grundgesetzes], es möge Gott allein die Ehre geben; und kein Mensch darf sich an seine Stelle setzen“

In der Präambel des Grundgesetzes heißt es bekanntlich:

Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.

Dass Gott die Ehre zu geben ist, steht dort genauso wenig, wie dass sich kein Mensch an seine Stelle setzen darf.

Mixa ist als Militärbischof auch für den berufsethischen Unterricht der Soldatinnen und Soldaten des Bundeswehr (Lebenskundlichen Unterricht, LKU) zuständig.

Es sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, wie das Grundgesetz des Vatikans vom 26. November 2000 (!) lautet:

JOHANNES PAUL II.

Nachdem Wir als notwendig erkannt haben, den im Laufe der Zeit in der Rechtsordnung des Vatikanstaates vorgenommenen Änderungen eine systematische und einheitliche Form zu geben, im Willen, sie immer mehr der institutionellen Zweckbestimmung des Staates näher zu bringen, der besteht, um eine angemessene Garantie der Freiheit des Apostolischen Stuhles zu gewährleisten, wie auch als Mittel, um die tatsächliche und sichtbare Unabhängigkeit des Papstes in der Ausübung Seiner Mission in der Welt zu ermöglichen, haben Wir aus eigenem Antrieb und sicherem Wissen, im Vollbesitz Unserer höchsten Autorität, das Nachstehende angeordnet und ordnen es an, zu befolgen als Staatsgesetz:

Artikel 1

1. Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt. [Hervorhebungen von mir.]

Mixa muss als Katholik also durchaus der Meinung sein, dass ein Mensch im Besitz „sicheren Wissens“ und „im Vollbesitz der höchsten Autorität“ sein kann, und dass es eine gute Idee ist, wenn ein solcher Mensch ohne Gewaltenteilung (Trennung von gesetzgebender, ausführender und richterlicher Gewalt – also genau das, was es im Vatikan nicht gibt) „durchregieren“ kann.


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