Kirchensteuer als Austrittsgrund?

23. Februar 2010

Sven Speer vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Uni Münster kommentiert auf seinem Blog „Religionspolitik in Deutschland“ die gegenwärtigen Schlagzeilen a la „Die meisten Kirchen-Austritte wegen Steuer“ (BILD – noch dazu im BILD „Ratgeber-Telegramm“ – was sind das denn für Ratschläge?):

Treten die Deutschen also aus den Kirchen aus, weil sie sparen müssen? Lässt die wirtschaftliche Lage ihnen vielleicht gar keine andere Wahl? Das ist wohl die Botschaft, die mit derartigen Meldungen verbreitet werden soll. Wer sich die Sachlage aber einmal genauer anschaut, der sieht, dass es nicht allein der Sparzwang sein kann, der die Mitglieder aus den Kirchen treibt. [Kirchensteuer und Kirchenaustritt: Die halbe Wahrheit]

Er weist auch darauf hin, dass sein Kollege Detlef Pollack diesen Sachverhalt bereits im letzten September kommentiert hatte:

Die Austritte hätten zugleich mit einer sinkenden Religiosität zu tun, erläuterte der Wissenschaftler. „Menschen, die austreten, haben zumeist die Beziehung zu Glauben und Kirche verloren. Die Wirtschaftslage ist dann der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Dabei sind es laut Statistik vor allem Besserverdiener, Städter und Männer, die der Kirche den Rücken kehren. „Für sie lohnt sich der Austritt finanziell am meisten. Die Bindung zur Kirche bleibt jedoch oft über die schlechter verdienende Frau bestehen. Dies erlaubt es, die Kinder dann dennoch taufen zu lassen.“ [„Wirtschaftskrise erhöht Kirchenaustrittsbereitschaft“]

Speer äußert sich auch zu den Bestrebungen, eine „Ethiksteuer“ einzuführen (zuletzt kurz vor Weihnachten durch „Comical Uli“ Blum):

Die eigentliche Zielrichtung der Ethiksteuer ist […] die gleiche wie auch beim Ethikunterricht. Er wurde eingeführt, als sich in den 1970er Jahren immer mehr religionsmündige Schüler vom Religionsunterricht abmeldeten […] Wenn der Religionsunterricht oder die Kirchensteuer keinen nennenswerten Mehraufwand bedeutet, bleiben sie Teil des Systems. Sobald aber auch nur minimale Erleichterungen bei einem Ausscheiden aus dem System erfolgen, kehren sie der Kirche den Rücken zu. Es ist bezeichnend für die religiös-weltanschauliche Lage in Deutschland, dass der Staat Anreize setzen muss, damit die Kirchen ihre Mitglieder nicht verlieren. Noch funktioniert das vergleichsweise gut. Warten wir ab, was passiert, wenn die politischen Entscheider eine noch losere Bindung zu den Kirchen haben als bisher.


E-Mail an Prof. Ulrich Blum (Kirchenaustritt ist Steuerhinterziehung)

6. Januar 2010

Ulrich „Kirchenaustritt ist Steuerhinterziehung“ Blum hat mir auf meine E-Mail geantwortet. Oder besser: reagiert, die eigentliche Antwort soll offenbar erst noch kommen:

Re: Ulrich Blume – Eine Peinlichkeit  für Ihr Institut!

Sehr geehrter Herr Krause,

Sie erhalten gelegentlich von mir Nachricht.

Bis dahin mit freundlichem Gruß

Ulrich Blum

Eigentlich hatte ich gar keine Antwort erwartet – jedenfalls nicht von Blum, denn der hat seine Auffassung ja schon ausführlich in diversen Medien dargelegt. Da er aber offenbar tatsächlich antworten will, habe ich ihm einige Punkte genannt, zu denen er bisher noch nicht Stellung genommen hat:
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In eigener Sache: Der Text zu „Kirchenaustritte entlasten die Allgemeinheit“

29. Dezember 2009

Heute bin ich dazu gekommen, den versprochenen Text zu meinem Eintrag vom 24. Dezember (der mit den Grafiken) nachzuliefern: Kirchenaustritte entlasten die Allgemeinheit.

Ich habe versucht, mich klar auszudrücken. Leider sind die Zusammenhänge nicht völlig trivial – aber macht euch nichts draus, falls ihr es nicht gleich versteht – selbst Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich „Comical Uli“ Blum vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) scheint es nicht zu kapieren!

Trotzdem bin ich für Anregungen oder Hinweise auf Unverständliches dankbar.


Kirchenaustritte entlasten die Allgemeinheit

24. Dezember 2009

Wenn die Kirchen gelegentlich darauf hinweisen, dass die Ersparnis durch den Kirchenaustritt „wesentlich geringer ausfällt als erhofft“, dann liegt das gerade daran, dass der Kirchenaustritt keine „Entsolidarisierung“ darstellt und Konfessionslose keine „Trittbrettfahrer“ sind. Denn zwischen 15 und 42% der „eingesparten“ Kirchensteuer kommen der Allgemeinheit zugute!

Update: Wie aus sachkundiger, kirchennaher Quelle verlautet, beträgt der Anteil der Kircheneinnahmen, der direkt für soziale Zwecke eingesetzt wird, nur etwa 5 Prozent und nicht 10. Damit lohnt sich der Kirchenaustritt für die Allgemeinheit noch mehr! Der Artikel ist noch nicht angepasst. 

Zwar geben die Kirchen einen Teil der Kirchensteuern (ca. 10%, vielleicht 1 Milliarde Euro pro Jahr) für Zwecke aus, die der Allgemeinheit zugute kommen. Andererseits geht aus dem Subventionsbericht der Bundesregierung hervor (S. 94), dass die steuerliche Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer den Staat ein Mehrfaches davon kostet (ca. 3 Milliarden Euro pro Jahr, also etwa das Dreifache).

Dies gilt auch für jeden einzelnen Kirchenaustritt, sofern ansonsten Kirchensteuer gezahlt werden müsste:

Die Kirchen selbst weisen gelegentlich darauf hin, dass der Kirchenaustritt nur zu einer anteiligen Ersparnis führt. Z.B. die Kirchengemeinde Kücknitz:

Viele Austrittswillige machen sich aber nicht klar, dass die durch einen möglichen Austritt erhoffte Ersparnis deswegen wesentlich geringer ausfällt als erhofft! Die eingesparte Kirchensteuer muss jetzt nicht nur als Einkommen versteuert werden, sondern wird auch nicht mehr als Spende bei der Ermittlung der Jahressteuer angerechnet. Im Klartext: statt der Kirche kassiert jetzt der Staat!

[Anmerkung: Hier wird ein und derselbe Sachverhalt so präsentiert, als ob es sich um zwei verschiedene Dinge handeln würde: Die Besteuerung ist nämlich bloß die Folge der fehlenden „Spendenanrechnung“.]

Das bedeutet nichts anderes, als dass beim Kirchenaustritt der Staat – also die Allgemeinheit – finanziell profitiert. Da selbst bei der niedrigsten Besteuerung (derzeit 15%) der Staat immer noch mehr von der Besteuerung der „eingesparten“ Kirchensteuer profitiert als von den 10%, die die Kirchen andernfalls davon für gemeinnützige Zwecke ausgeben würden, steht der Staat also sogar noch in diesem „worst case“-Beispiel bei einem Kirchenaustritt finanziell 50% besser da als ohne (15% sind 50% mehr als 10%).

Zahlt der oder die Austrittswillige den Spitzensteuersatz von 42%, fließt dem Staat sogar das 4,2fache dessen zu, was die Kirchen rechnerisch von dessen Kirchensteuer für die Allgemeinheit ausgeben würden.

Im Durchschnitt profitiert der Staat finanziell von einem Kirchenaustritt dreimal soviel, wie wenn der Kirchensteuerzahler in der Kirche verbleibt.

Also: Wenn darauf hingewiesen wird, dass die Ersparnis durch den Kirchenaustritt „wesentlich geringer ausfällt als erhofft“, dann liegt das daran, dass der Kirchenaustritt keine „Entsolidarisierung“ darstellt und Konfessionslose keine „Trittbrettfahrer“ sind! Denn zwischen 15 und 42% der „eingesparten“ Kirchensteuer kommen der Allgemeinheit zugute!

Zu den Grafiken:

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