Rheinischer Merkur: Bischöfe leisten Sterbehilfe

28. November 2010

Jahrzehnte währte das Siechtum (FAZ) des Patienten. Währenddessen hing er am Finanztropf der deutschen Bischöfe. Und der Militär- und Gefängnisseelsorge, die (wenigstens zeitweise) jeweils 12.000 Exemplare der Wochenzeitung für eine „gehobene und gebildete Leserschaft“ abnahmen und damit die Auflage stützten. Seinem Zwillingsbruder, dem Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, hatte die EKD schon vor zehn Jahren die lebenserhaltenden Maßnahmen abgestellt, und dessen untoter Wiedergänger Chrismon geistert seitdem als „absenderfinanzierte“ Beilage in Zeitungen wie der ZEIT, FAZ oder der Süddeutschen herum.

Bei der katholischen Kirche dauert alles immer etwas länger, aber jetzt steht das Schicksal als ZEIT-Beilage auch den sterblichen Überresten unseres Patienten bevor, denn im September entschieden die Bischöfe, dem Rheinischen Merkur, der „Wochenzeitung für Deutschland“ den Stecker raus zu ziehen. Offenbar stieß der schon flehentliche Untertitel der Zeitung „Weil Ihnen das Wesentliche wichtig ist“ dort auf taube Ohren.

Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Robert Zollitsch, schreibt in seinem Nachruf:

Es ist angebracht, zum Ende des Rheinischen Merkur als selbstständiger Zeitung Dank zu sagen. 64 Jahre – und davon die meiste Zeit in kirchlicher Trägerschaft – hat diese Zeitung auf höchstem journalistischem Niveau das Zeitgeschehen begleitet und darauf hingewirkt, dass in Deutschland die Lebensprinzipien des Christentums Eingang finden in die politischen Entscheidungen, dass unser Land sich also seiner christlichen Wurzeln bewusst bleibt. Beim Lebensschutz, in der Sozialpolitik, der Familienpolitik, der Bioforschung – das sind nur einige der großen Themen, in denen die Stimme des Rheinischen Merkur zu vernehmen war.

Freilich galt auch hier: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die „Stimme des Rheinischen Merkur“, von der Zollitsch spricht, war stets die Stimme der Kirche – nur eben nicht sofort als solche erkennbar. Das haben sich die Bischöfe Jahr für Jahr einige Millionen kosten lassen. Dass Zollitsch angesichts der nicht selten manipulativen Darstellung staatskirchlicher Verhältnisse im Merkur und angesichts der offensichtlichen finanziellen Abhängigkeit des Blattes von der Kirche von „höchstem journalistischen Niveau“ spricht, sagt mehr über Zollitschs Vorstellungen von Journalismus als über den Merkur.

Hier nur einige Beispiele aus den letzten zwölf Monaten:

  • Hans Michael Heinig, Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält im Merkur das Kruzifix-Urteil des EGMR für ein Fehlurteil.
  • Der Merkur veröffentlich Unsinn von Robert Spaemann zu Richard Dawkins‘ Buch „Der Gotteswahn“.
  • Merkur-Redakteur Wolfgang Thielmann schreibt von einer „Faustformel“, derzufolge sich jeder Kirchensteuer-Euro [für den Staat] verdreifache, reagiert aber nicht auf Anfrage, was damit gemeint sein soll oder wie er zu dieser Auffassung kommt.
  • Merkur-Redakteur Wolfgang Thielmann lobt im Merkur-Blog den „Mut“ seiner Geldgeber in der Mixa-Affäre.

Am Freitag erschien die letzte Ausgabe des Merkur. Sein Verschwinden wird vermutlich kaum jemandem auffallen. Und zu Gefängnisaufständen wird es wohl auch nicht kommen.

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Nur 5 Prozent für soziale Zwecke

1. März 2010

Künftig wird man legitim argumentieren dürfen, dass von den Kirchensteuern nur etwa 5% direkt für soziale Zwecke ausgegeben werden.

Die „10 Prozent-Legende“

Einer der besten Finanzexperten der Katholischen Kirche, der ehem. Finanzdirektor des Erzbistums Köln und zeitweise Caritas-Direktor Norbert Feldhoff, hatte 1990 in der Kirchenzeitung des Erzbistums Köln erklärt:

„Vielfach geht man von falschen Tatsachen aus und operiert mit Scheinargumenten. So wird der Kirche immer wieder unterstellt, sie benötige die Kirchensteuer, um ihre umfangreiche Sozialarbeit zu finanzieren. Die Gegner der Kirchensteuer haben mit diesem Argument leichtes Spiel, weil es in der Tat nicht stimmt und meines Wissens auch noch nie von einem Kenner der Sache so vorgetragen worden ist. Wie wird die Sozialarbeit der Kirche tatsächlich finanziert, und welche Rolle spielt dabei die Kirchensteuer?

Die meisten Sozialeinrichtungen ‚verdienen‘ die Mittel, die sie benötigen, als Leistungsentgelte (beispielsweise über Pflegesätze), und die Finanzierung ist durch staatliche Kostenträger weithin gesetzlich geregelt. […] Kirchliche soziale Einrichtungen werden nach denselben Regeln finanziert wie die der Kommunen. Trotz der klaren gesetzlichen Bestimmungen muß allerdings auch hier in manchen Fällen das Bistum aus Kirchensteuermitteln helfen. Kaum eine Kapelle in diesen Sozialeinrichtungen wäre ohne Kirchensteuerzuschuß finanzierbar.“

Seit den neunziger Jahren versuchen Kirchenkritiker und Kritiker der Kirchensteuer abzuschätzen, welcher Anteil der Kirchensteuern für soziale Zwecke ausgegeben wird. Umgekehrt versuchen die Kirchen, diese Information so gut es geht zu verschleiern, da sie gerne – freilich ohne Nennung des geringen Anteils – auf ihr soziales Engagement verweisen und genau wissen, dass es genau dieser Irrtum (s.o.) ist, der viele Leute weiterhin ihre Kirchensteuer zahlen lässt.

So schrieb Gerhard Rampp vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg bereits vor Jahren:

Nur 8 % der Kirchensteuern kommen sozialen Zwecken zu. […] Die Daten wurden von kompetenten kirchlichen Stellen nicht bestritten, in den letzten Jahren sogar vielfach bestätigt, z.B. von WiSo (ZDF, 4.3.92), Monitor (ARD, 11.5.92 u. 24.2.94), dem Spiegel (10.1.94 u. 6.3.95), Focus (30.12.96) sowie innerkirchlich in der Kirchenfunksendung Die Kirche und die Kohle (BR III, 28.5.92), in Weltbild (11.1.91), in der Kirchenzeitung der Erzdiözese Köln (21.9.90) durch den Finanzdirektor und Generalvikar Feldhoff, in Doppelpunkt (ZDF, 29.4.93) durch den Paderborner Theologieprofessor Eicher, vom Kirchenfinanzexperten Peter Wingert in der Fernsehdokumentation Die Wohlfahrts-GmbH (ARD, 3.11.94), in der Dokumentation Die Kirche und ihr Geld vom Münchner Evangelischen Kirchentag vom 26.5.90 u.a. In den letzten Jahren vermieden die Kirchen offizielle Angaben, um das Thema aus der Diskussion zu bringen, doch alle Andeutungen ergaben übereinstimmend, dass der Ausgaben-Anteil für Soziales seit 1995 sogar noch gesunken ist (vgl. Panorama, 17.10.2002). [Hervorhebung von mir.]

In Anbetracht der großen Ungewissheit hielt ich bisher die „Hausnummer“ 10 Prozent für gerechtfertigt.

Neue Info: 5 Prozent

Nun schrieb Wolfgang Thielmann letzte Woche im Rheinischen Merkur*

Zwar werden nur etwa fünf Prozent der Kircheneinnahmen direkt für soziale Zwecke ausgegeben, besonders bei den Einrichtungen für Kinder. Doch das eigene Geld der Kirchen hilft, Mittel im Sozialstaat günstig und effizient einzusetzen. Eine Kirchengemeinde, die einen Kindergarten betreibt, steckt unendlich viel Planungsarbeit und Engagement in ihr Projekt, auch wenn zwei Drittel der Betriebskosten von der öffentlichen Hand aufgebracht werden. Jeder Kirchensteuer-Euro verdreifacht sich, sagt eine Faustformel. Kirchensteuern sind ein volkswirtschaftliches Sparprogramm. Caritas und Diakonie können ihre Einrichtungen günstiger führen als öffentliche Betreiber. Und sie können leichter Ehrenamtliche gewinnen. [Hervorhebung von mir.]

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Der Rheinische Merkur interviewte einen Papst-Berater, und alles was sie kriegten war dieses lausige Argument

14. November 2009

Der Rheinische Merkur bringt diese Woche ein Interview mit dem Philosophen und Papst-Berater Robert Spaemann. Dabei geht es auch um das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins.

RM: Der Glaube an einen Schöpfergott ist also durchaus vereinbar mit der Evolutionstheorie?

Spaemann: Ein Gottesargument ist die Evolutionstheorie selbst. Wir glauben zu wissen, wie der Mensch im Laufe der Jahrmillionen entstanden ist. Dann taucht die Frage auf, wie es kommt, dass ein vollkommen bedingtes materielles Wesen in sich den Gedanken von Unbedingtheit, von Wahrheit und von dem in sich Guten hat. Ich denke an Maximilian Kolbe, der im KZ sein Leben opfert für einen Familienvater, der am Leben bleibt, weil Kolbe stellvertretend für ihn in den Tod geht. […] Die Evolutionsbiologen haben dafür keine Erklärung. Das ist ein Sprung. Eine plausible Erklärung gibt es nur dann dafür, wenn man einen Schöpfergott annimmt, der die ganze Evolution in Gang gesetzt hat.

Man fragt sich, ob Spaemann Dawkins tatsächlich gelesen hat. In „Der Gotteswahn“ geht Dawkins in den Kapiteln „Die Wurzeln der Religion“ und „Die Wurzeln der Moral: Warum sind wir gut?“ auf 90 Seiten darauf ein, wie Evolution, wie „das egoistische Gen“ – ein Begriff, den Dawkins selbst geprägt hat – altruistisches Verhalten hervorbringen kann.
 
Ich versuche es kürzer zu machen: Als hätter er Spaemanns Kolbe-Beispiel vorhergesehen, zeigt Dawkins zunächst anhand des „Selbstmords“ von Motten, die in offene Flammen fliegen, dass offensichtlich unvorteilhaftes Verhalten eine „Nebenwirkung“ ursprünglich nützlicher „Faustregeln“ sein kann. (Bei den Motten ist dies die Regel, immer im gleichen Winkel zu einer Lichtquelle zu fliegen. Über Jahrmillionen gab es nur den Mond und Sterne als Lichtquellen – die sind so weit weg, dass die Motte bei Anwendung dieser Regel geradeaus fliegt. Das Aufkommen von künstlichen Lichtquellen in „jüngerer“ Zeit führt dazu, dass die Motte bei Anwendung dieser Regel spiralförmig in die Lichtquelle fliegt.)
 
Als nächstes weist Dawkins darauf hin, dass das „egoistische“ Gen seinen Träger durchaus zu altruistischem, also uneigennützigem Verhalten programmieren kann. Er nennt das Beispiel, dass Eltern für ihre Kinder sorgen oder Verwandten einen Gefallen zu tun. Diese sind ja mit hoher wahrscheinlichkeit Träger derselben Gene.
 
Außer diesem „genetischen“ Grund für Altruismus nennt Dawkins noch vier weitere Gründe für selbstloses Verhalten. Es reicht hier aber, sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen über zigtausende von Jahren in relativ kleinen Gruppen zusammengelebt haben, und dass altruistisches Verhalten dabei aus genetischen oder sozialen Gründen vorteilhaft war. Der Umstand, dass Menschen heute in Städten leben, „wo sie nicht ihre Verwandten um sich haben und jeden Tag mit Personen zusammentreffen, die sie nie wieder sehen“, ist aus Sicht der Evolution erst vor so kurzer Zeitaufgetreten, dass die unbewussten „Faustregeln“ – sei gegenüber Deinen Mitmenschen selbstlos – immer noch wirken. So wie bei der Motte.
 
Es stimmt also nicht, wenn Spaemann behauptet, Evolutionsbiologen hätten keine Erklärung für Verhalten wie das von Pater Kolbe. Einmal mehr wird Richard Dawkins mit einem „Argument“ kritisiert, das er in „Der Gotteswahn“ bereits widerlegt hat.
 
Übrigens: Selbst, wenn es wahr wäre, dass es (noch) keine wissenschaftliche Erklärung für, nun ja, irgend etwas gäbe, so lässt sich daraus doch nie und nimmer der Schluss ziehen, Gott müsse dahinter stecken. Und selbst wenn – welcher Gott sollte das sein? Wotan? Zeus? – Spaemann präsentiert hier das Argument des „Lückenbüßer-Gottes“ („god of the gaps“) – viel Spaß damit! Rückzugsgefechte aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse sind vorprogrammiert.

Frag den Frosch!

13. November 2009

“Wer einen Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen.” Daran musste ich denken, als ich heute einen längeren Artikel im Rheinischen Merkur zum Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte las: „Kruzifix: Europa überhebt sich“.

Der Autor, Hans Michael Heinig, hält das Urteil für ein Fehlurteil. Herr Heinig ist allerdings auch der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Der Leser hat somit die Wahl, dem einstimmigen Urteil der sieben Straßburger Richter zu folgen, dem Bundesverfassungsgericht, das 1995 praktisch zu dem selben Urteil gekommen ist – oder einem großkirchlichen Sprachrohr. Gut – wer den Rheinischen Merkur liest, wird möglicherweise letzterem den Vorzug geben. Aber im Ernst: Wer glaubt ernsthaft, vom Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD eine ausgewogene, unvoreingenommen Einschätzung zu erhalten?

Möglicherweise gilt beim („katholischen“) Rheinischen Merkur ein Protestant bereits als „Außenstehender“ und damit als unparteiisch. Erstaunlich ist allerdings, dass Herr Heinig selbst die Stellungnahmen seiner evangelischen Glaubensgeschwister in Italien ignoriert. Dem Adventistischen Pressedienst zufolge hat nämlich der Sprecher der Vereinigung Evangelischer Christen Italiens (FCEI) das Urteil ausdrücklich begrüßt, da es der Religionsfreiheit diene. Auch von den Lutheranern, Baptisten, Adventisten und Waldensern kam Zustimmung.

Die Anbringung von Kruzifixen in Schulen wird also in Italien offenbar nicht einmal von den christlichen Minderheiten als Symbol für Toleranz, Freiheit und Nächstenliebe gedeutet.


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