evangelisch.de zu Guttenberg: Steinwürfe aus dem Glashaus

25. Februar 2011
Bei evangelisch.de berichtet man ausgiebig über den Splitter im Auge des Verteidigungsministers.

Über die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg wurde wohl schon alles gesagt. Nur noch nicht von jedem, und so berichtet auch die EKD-Website evangelisch.de ausgiebig über die Affäre. Hanno Terbuyken und Anne Kampf finden: „Die grundsätzliche Ehrlichkeit fehlt Plagiator Guttenberg“, und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider vermisst das „Ich“ in Guttenbergs Erklärung. Die restliche Berichterstattung macht ebenfalls einen ziemlich Guttenberg-kritischen Eindruck.

Und dies natürlich zu Recht. Trotzdem ist es interessant, sich einmal vor Augen zu führen, von welcher Seite Guttenberg hier kritisiert wird – und für was:

Zu Guttenberg wird vorgeworfen, dass er sich mit fremden Federn geschmückt, gegen die wissenschaftliche Arbeitsweise verstoßen und die Herkunft seiner Texte nicht ausreichend deutlich gemacht haben soll.

Verglichen mit den Kirchen ist er in dieser Hinsicht allerdings nur ein kleines Licht:

1. Die Kirchen schmücken sich ständig und unglaublich dreist mit fremden Federn, indem sie die Errungenschaften der Aufklärung – wie z.B. Menschenrechte, Gleichberechtigung, Abschaffung der Sklaverei und Religionsfreiheit – wieder und wieder als „christliche Werte“ etikettieren. Man schaue sich nur an, was die EKD zu den Zehn Geboten schreibt:

Die Werteordnung unserer westlichen Gesellschaft basiert  auf diesen Geboten, gleichermaßen wie die französische oder amerikanische Verfassung oder die UN-Menschenrechtscharta. […] Die zehn Gebote gehören zu den „Basics“ christlicher Verkündigung. Darüber hinaus  sind sie sowohl das Urmaterial der Gesetzgebung in allen westlichen Zivilisationen als auch die unbestrittene Grundlage unserer Kultur: Emanzipation der Geschlechter, soziale Gerechtigkeit, Sozialgesetzgebung, Demokratie und Schulpflicht, das Recht des Kindes auf Kindheit sind ohne die zehn Gebote nicht denkbar.

Hierzu hatte ich ja schon mal Stellung genommen. Aber unabhängig davon, dass die zehn Gebote eben keineswegs die Grundlage unserer Zivilisation sind, fällt auch auf, dass die christlichen Kirchen gut tausend Jahre Zeit gehabt hätten, um den oben vereinnahmten Werten Geltung zu verschaffen – haben sie aber nicht! Vielmehr mussten die Menschenrechte nicht selten gegen die Kirchen verteidigt werden – und müssen es immer noch.

Das ist auch kein Wunder, denn während Jesus bereits für Kleinigkeiten – wie z.B., dass jemand zu seinem Bruder  sagt: „Du Narr!“ – höllisches Feuer als Strafe androhte (Mt 5,22) und forderte, sich das Auge herauszureißen, wenn es einen zum Bösen verführe (Mt 5,29 – beides aus der ach so „hochwertigen“ Bergpredigt), hat er sich z.B. zum Verbrechen der Sklaverei überhaupt nicht geäußert. In einer Stelle (Mk 7,21-22) verurteilt Jesus ausdrücklich – und in dieser Reihenfolge (!): böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. – Wieder erwähnt er die Sklaverei nicht, hält es aber für wichtig, Hochmut und Unvernunft ausdrücklich hervorzuheben.

Wer tatsächlich meint, Jesu Lehren seien die Grundlage irgendeiner Zivilisation, der zeige mir das Land, in dem die Menschen gesetzlich angehalten sind, jemandem, der sie schlägt, auch noch die andere Backe hinzuhalten.

Nein, die Behauptung – auch und gerade der EKD (s.o.) – unsere Gesellschaft basiere auf irgendwelchen speziellen (positiven) christlichen Werten, ist ebenso absurd wie dreist – Größenordnungen dreister, als es eine abgekupferte Doktorarbeit je sein könnte.

2. Guttenberg wird vorgeworfen, eklatant gegen wissenschaftliche Standards verstoßen zu haben. Was aber im Falle Guttenbergs selbst bei einer kritischen Position gegenüber der Erlangung von Doktortiteln als Ausnahme gelten kann, ist bei den Kirchen die Regel: Die sogenannte Wissenschaft „Theologie“ verstößt schon per Definition gleich gegen zwei Grundpfeiler wissenschaftlicher Arbeit: nämlich die Überprüfbarkeit und die Ergebnisoffenheit. Stattdessen wird bei der Theologie vorgegeben – je nach Religion bzw. Konfession unterschiedlich, wohlgemerkt – was zu lehren ist und wer es lehren darf. Siehe z.B. den Fall von Prof. Gerd Lüdemann. Die Doktortitel der Theologie von Nikolaus Schneiders Vorgängern als EKD-Ratsvorsitzender, Dr. Margot Käßmann und Dr. Wolfgang Huber, sollten eigentlich nicht weniger unangebracht erscheinen als der des Verteidigungsministers. (Dass Huber, der es immerhin fertigbrachte, als EKD-Ratsvorsitzender in einem Schreiben für „Pro Reli“ in 11 Sätzen 6 mal die Unwahrheit zu sagen, heute als Redner und Berater (Hubers Homepage: „Vordenker“) zum Thema „Ethik“ unterwegs ist und sich „vor allem der Wertevermittlung in Wirtschaft und Gesellschaft“ widmet, erinnert in seiner Dreistigkeit ebenfalls an den Verteidigungsminister.)

Wieder zeigt sich: Guttenbergs Verfehlungen im Hinblick auf die wissenschaftliche Vorgehensweise sind unbedeutend, verglichen mit den Verstößen, die bei der Theologie das Fach gerade erst begründen.

3. Guttenberg hat seine Leser über seine Quellen im Unklaren gelassen. Auch hier gilt: Was im wissenschaftlichen Bereich als unrühmliche Ausnahme gelten kann, hat bei den Kirchen Methode: Obwohl längst bekannt ist, dass z.B. die 5 Bücher Mose nicht von Mose, die vier Evangelien nicht von Aposteln – erst recht nicht mit den Namen Matthäus, Markus, Lukas, und Johannes – und mehrere sogenannte „Paulusbriefe“ nicht von Paulus geschrieben wurden, glaubt die Masse der Gläubigen immer noch genau das – und die Kirchen lassen jedenfalls keine Bemühungen erkennen, das zu ändern – ebenso wenig wie bei der bekannten Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin (Joh 8,1-11, „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“) oder den Auferstehungsgeschichten und dem Himmelfahrtsbericht bei Markus (16,9-20) darauf hingewiesen wird, dass diese in den ältesten Handschriften fehlen. Auch wird oft und gerne mit den angeblichen Worten Jesu aus dem Johannesevangelium geworben: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6), obwohl praktisch kein Theologe mehr glaubt, dass Jesus diese Worte tatsächlich so oder auch nur so ähnlich gesagt hat.

Aufgrund dieses „Jesuswortes“ glauben aber Kinder und Erwachsene, dass nur Christen „in den Himmel“ kommen, was zu schlimmen Ängsten und Spannungen führen kann, wenn jemand, der so etwas glaubt, erfährt, dass ein geliebter Mensch – Vater, Mutter, Kind, Ehemann, Freund, Freundin – nicht Jesus als „Herrn“ und „Retter“ akzeptiert. Richard Dawkins zitiert in seinem Buch „Der Gotteswahn“ aus dem Brief einer Frau, den er erhielt:

Vom Priester gestreichelt zu werden hinterließ (im Geist einer Siebenjährigen) nur den Eindruck von „Igitt“, aber dass meine Freundin zur Hölle gefahren war, führte bei mir zu einer Erinnerung an kalte, unermessliche Angst. Wegen des Priesters hatte ich keine schlaflosen Nächte – aber ich lag so manche Nacht wach mit dem entsetzlichen Gedanken, dass Menschen, die ich liebte, in die Hölle kommen konnten. Das verursachte mir Albträume. [Der Gotteswahn (Taschenbuch), S. 525]

Auch hier gilt: So sehr Guttenbergs Umgang mit seinen Quellen zu verurteilen ist – er verblasst im Vergleich zur kirchlichen Praxis.

Guttenbergs dreistes Verhalten wird völlig zu Recht kritisiert – dafür braucht es allerdings die Kirchen nicht. Bei evangelisch.de und der EKD sollte man lieber stille Demut üben statt Schlagzeilen zu produzieren wie „Die grundsätzliche Ehrlichkeit fehlt Plagiator Guttenberg“.

Ja, liebe Leute von evangelisch.de – aber nicht nur Ihm!

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EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider lehnt „Sühnopfer“ ab

6. August 2010

Stellt sich der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und amtierende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider gegen DEN zentralen christlichen Glaubensinhalt?

Gegenüber der Frankfurter Rundschau sprach er sich dagegen aus, dass man „einem Einzelnen alle Schuld aufbürdet und gleichsam ein Sühnopfer verlangt“.

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E-Mail an Präses Nikolaus Schneider: Belege, bitte!

3. August 2010

Sehr geehrter Präses Schneider,

ich lese soeben in der Neuen Osnabrücker Zeitung:

Kein Verständnis äußerte der EKD-Ratsvorsitzende für Ex-Moderatorin Eva Herman. Sie hatte in einem Internet-Blog die Loveparade als „Sodom und Gomorrha“ bezeichnet und die Vorkommnisse als Strafe Gottes umschrieben. Dazu sagte Schneider: „Es gibt in der Bibel genügend Beispiele, in denen Jesus davor warnt, solche Ereignisse mit einer Strafe Gottes gleichzusetzen.“ Jesus mache klar, dass solche Vorkommnisse nichts mit Sünden des Einzelnen zu tun hätten und stattdessen jeder bei sich selbst nachschauen solle. „Diese Empfehlung kann man Eva Herman nur geben“, sagte Schneider. [Hervorhebung von mir.]

Können Sie bitte die von Ihnen angesprochenen Beispiele nennen?

Neben der Geschichte von Sodom und Gomorrha kam mir als erstes die Geschichte der Sintflut in den Sinn: In beiden werden offensichtlich Menschen für „gott-ungefälligen“ Lebenswandel mit dem Tode bestraft.

Jesusworte wie oben angegeben fallen mir dagegen spontan keine ein – ich schlug die Geschichte vom Turm von Siloah bei Lukas 13, 1-5 nach, da sie naheliegend erschien; dort scheint Jesus aber eher umgekehrt zu sagen: Die achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turmes umgekommen sind, waren auch nicht schuldiger als alle anderen – und droht, dass alle, die nicht Buße tun, eben so umkommen werden:

1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. 2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? 3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. 4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. [Hervorhebungen von mir.]

Die Beispiele werde ich gerne auch auf meinem Blog veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Krause


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