Missbrauchsstatistik: „Experte“ arbeitet für die Kirche

25. Februar 2010

Update: Prof. Kröber hat mir eine Stellungnahme mit zusätzlichen Informationen zukommen lassen.

Kriminalpsychiater springt der Kirche zur Seite

Als der SPIEGEL (6/2010) vorletzte Woche groß über den Missbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen berichtete, sprang der Kirche noch vor der Veröffentlichung des Heftes der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber zur Seite. Nichtzölibatär lebende Männer würden mit einer 36mal höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern als katholische Priester, sagte Kröber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, wie domradio.de meldete. [Update: Hier noch ein längerer Artikel bei domradio.de.]

So berichtete dann z.B. RP ONLINE:

Das Magazin „Spiegel“ berichtet über das Ergebnis einer Recherche bei den 27 deutschen Diözesen. Nach Auskunft von 24 Diözesen (diejenigen von Limburg, Regensburg und Dresden-Meißen verweigerten Auskünfte) wurde seit 1995 gegen 94 Priester und kirchliche Laien wegen sexueller Übergriffe gegen Schutzbefohlene ermittelt. Aktuell stünden mindestens zehn Kirchenleute unter Verdacht. Dazu sagte der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, diese Zahlen belegten, dass sexueller Missbrauch bei Geistlichen der katholischen Kirche sehr viel seltener vorkomme als bei anderen erwachsenen Männern. Kröber, der als Professor für Forensische Psychiatrie an der Berliner Klinik Charité wirkt, ergänzte, dass nicht-zölibatär lebende Männer mit einer 36fach höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern würden als katholische Priester. Seit 1995 habe es in Deutschland insgesamt rund 210 000 polizeilich erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Es bestehe die Gefahr, dass die Kirche Selbstgeißelung betreibe und aus Angst vor neuem Unrecht an vermeintlichen Opfern alle Anschuldigungen ungeprüft akzeptiere.

kathnews erwähnte außerdem, dass Kröber auch Mitherausgeber des Standardwerkes „Handbuch der Forensischen Psychiatrie“ ist.

Und die ZEIT meldete:

[D]ie hauseigene katholische Nachrichtenagentur [verbreitete] die Aussage des Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité: „Es ist geradezu auffällig, wie wenig Fälle von sexuellem Missbrauch es im Bereich der Kirche gibt“ – verglichen mit der Gesamtgesellschaft. [Hervorhebung von mir.]

„Tendenziöse Meldung“

In einer Stellungnahme („Gipfel der Scheinheiligkeit“) zum Missbrauchsskandal kritisierte der Vorstand der Giordano-Bruno-Stiftung gestern (24. Februar 2010) auch die obige Argumentation scharf, der sich in der Folge auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, bedient hatte:

Besonders scharf kritisierte der gbs-Sprecher den Versuch des Freiburger Erzbischofs, „die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen herunterzuspielen.“ Wie die ‚Taz’ am Montag berichtete, hatte Zollitsch behauptet, dass das Risiko, sexuell missbraucht zu werden, in Familien „36 mal größer“ sei als beim Kontakt mit einem katholischen Priester, weshalb es „völlig falsch“ sei, der katholischen Kirche ein „strukturelles Problem“ zu unterstellen. „Mit dieser Aussage erklimmt Zollitsch gewissermaßen den Gipfel der Scheinheiligkeit! “, sagte Schmidt-Salomon. „Man sollte in diesem Zusammenhang wissen, dass der bischöfliche Vergleich nicht auf einer seriösen, wissenschaftlichen Untersuchung beruht, sondern auf einer tendenziösen Meldung des Domradios. Dort wurden die 94 kircheninternen Missbrauchsfälle, über die ‚Der Spiegel’ vor kurzem berichtete, einfach mit der Gesamtstatistik der polizeilich erfassten Missbrauchsfälle verrechnet. Abgesehen davon, dass die zugrunde liegende Datenlage höchst problematisch ist, führt ein solcher Vergleich schon allein deshalb zu verzerrten Ergebnissen, weil viele Kirchenbedienstete im Unterschied zur Gesamtbevölkerung keinen regelmäßigen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben.

Schmidt-Salomon zufolge hätten für einen Vergleich mit Familien nur jene Zölibatäre herangezogen werden dürfen, die etwa in kirchlichen Internaten und Heimen permanenten Zugang zu Kindern haben: „Dadurch wäre sofort sichtbar geworden, dass die Kirche sehr wohl mit strukturellen Problemen zu kämpfen hat! Denn über Jahrzehnte hinweg war das Risiko sexueller Gewalterfahrungen für Kinder und Jugendliche, die in christlichen Heimen lebten, um ein Vielfaches höher als das Risiko derer, die in Familien aufwuchsen! Nicht ohne Grund sind die Kirchen heute mit den Forderungen vieler Tausend ehemaliger Heimkinder konfrontiert, die endlich eine Entschädigung für die Verbrechen verlangen, die an ihnen begangen wurden!“ [Hervorhebung von mir.]

Kriminalpsychiater – für die Katholische Kirche!

Heute erfahre ich nun aus der Badischen Zeitung, dass Kröber gar kein unabhängiger* Experte ist, wie man es anhand der Meldungen z.B. bei domradio.de glauben könnte. Kröber ist einer von fünf Gutachtern, die für die Katholische Kirche Priester begutachten, die des Missbrauchs verdächtig sind:

In Deutschland gibt es zwei Lehrstühle zur forensischen Psychiatrie: Neben Norbert Leygraf arbeitet auch Hans-Ludwig Kröber für die Kirche. Kröber ist Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Außerdem prüfen Max Steller und Renate Volbert (beide FU Berlin) sowie Friedemann Pfäfflin vom Universitätsklinikum Ulm katholische Geistliche. Ausgewählt hat sie der Kölner Theologe und Psychiater Manfred Lütz.

Das hätte man m.E. auch gleich melden können. Aber die Verantwortlichen werden schon wissen, weshalb sie diese Information unterschlagen haben.

Anmerkungen:

* Mit „unabhängig“ meine ich oben, dass er keine geschäftlichen oder ähnliche Beziehungen zur Kirche pflegt. Also quasi „ohne Verbindungen zur Kirche“.

Um das klarzustellen: Prof. Kröber arbeitet natürlich auch nicht hauptberuflich für die Katholische Kirche. Kröber ist – wie man in dem obigen Zitat lesen kann – Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Und ja: Es gibt tatsächlich noch andere psychopathische Kriminelle als katholische Priester 😉 Mit ersteren befasst er sich hauptsächlich. Wie mir Prof. Kröber mitteilte, hat er in 6 Jahren nur 3 Fälle für die Kirche begutachtet.

 


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