Interessenkonflikte bei Missbrauchs-Untersuchung

11. Juli 2011

Die deutschen Bischöfe haben angekündigt, sexuelle Missbräuche von „unabhängigen“ (SPIEGEL Online) Experten untersuchen zu lassen. Allerdings dürften die maßgeblich Beteiligten kein Interesse daran haben, dass irgendetwas Kritisches dabei herauskommt. Wundert das irgendwen?

Nachdem Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger letztes Jahr zu Beginn der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, am Abend des 22. Februars 2010, in den „Tagesthemen“ die Verantwortlichen in der katholischen Kirche für ihre mangelnde Zusammenarbeit mit den staatlichen Ermittlungsbehörden kritisiert hatte, präsentierten die deutschen Bischöfe Journalisten nur Stunden später (am 23. Februar) drei Experten, die bestätigen sollten, dass die 2002 von der Bischofskonferenz beschlossenen Leitlinien zum sexuellen Missbrauch „funktionierten“. Es waren dies der Kölner Psychiater und Theologe Dr. Manfred Lütz – der die Bischöfe zum Thema „sexueller Missbrauch“ berät und somit über seine eigene Arbeit urteilte –, „Deutschlands bester Psychiater“ (BILD) Prof. Norbert Leygraf von der Universität Essen-Duisburg, sowie Direktor Dietfried Scherer von der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg.

Ob diese Veranstaltung kurzfristig als Reaktion auf die Kritik der Bundesjustizministerin anberaumt worden oder bereits längerfristig geplant war, entzieht sich meiner Kenntnis. In der Ankündigung der Frühjahrs-Vollversammlung, keine drei Wochen vorher – eine Woche nach dem Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg – rangierte das Thema „Sexueller Missbrauch“ jedenfalls noch unter „ferner liefen“.

Jedenfalls erklärte Prof. Leygraf am 23. Februar 2010 gemäß der Badischen Zeitung:

„Diese Leitlinien“, sagt Leygraf […], „müssen offenbar funktionieren, denn unter den bekannt gewordenen Fällen ist keiner als Rückfall aufgetreten.“

Mal abgesehen von dem eigenartigen Kriterium für das Funktionieren der Leitlinien – das Verhindern von Rückfällen ist ja wohl nicht deren Hauptaufgabe – stimmte Leygrafs Behauptung so jedenfalls schon damals nicht:

In dem sog. Riekofen-Fall (Bistum Regensburg) war der Pfarrer Peter K. 2008 wegen des Missbrauchs eines Ministranten zu drei Jahren Haft und psychiatrischer Unterbringung verurteilt worden, nachdem er bereits 2000 wegen ähnlicher Vorfälle zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden war. Entgegen der Leitlinien war Peter K. weiter in der Arbeit mit Kindern eingesetzt, seine neue Gemeinde war nicht informiert worden.

Ebenfalls 2008 war ein Ermittlungsverfahren gegen den Pfarrer Peter Hullermann (Erzbistum München und Freising) eingeleitet worden, Erzbischof Marx ließ ein psychiatrisches Gutachten erstellen, Hullermann wurde in die Tourismusseelsorge nach Bad Tölz versetzt und ihm wurde untersagt, Kinder- Jugend- und Ministrantenarbeit auszuüben. (Später stellte sich allerdings heraus, dass Hullermann auch dort in Vertretung Jugendgottesdienste durchgeführt hat, Mitte März – nur drei Wochen nach Prof. Leygrafs obigem Statement – wurde er suspendiert.) Hullermann hatte nach gegen ihn erhobenen Vorwürfen bereits 1979 gestanden, Kinder missbraucht zu haben, unterzog sich daraufhin einer Therapie und wurde in die Erzdiözese München und Freising versetzt – unter Erzbischof Joseph Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI. Dort arbeitete er wenig später wieder mit Kindern.

Beide Rückfälle wurden 2008 bekannt, Prof. Leygraf müsste also von ihnen Kenntnis gehabt haben, zumal er seit 2003 für die katholische Kirche auffällige Pfarrer begutachtet. Zwar könnte Leygraf seine obige Aussage möglicherweise damit rechtfertigen, dass die jeweils ersten Fälle noch vor der Verabschiedung der bischöflichen Leitlinien im Herbst 2002 bekannt wurden – dann erwiese sich sein Kriterium „kein Täter wurde rückfällig“ allerdings als völlig unsinnig, denn wie realistisch ist es, dass ein Täter innerhalb von sieben Jahren (Verabschiedung der Leitlinien am 26.9.2002 bis zu Leygrafs Statement am 23.2.2010) auffliegt, ggf. seine Strafe verbüßt, rückfällig wird und dies bekannt wird?

Prof. Leygraf ist einer der Experten, die von den deutschen Bischöfen mit der „wissenschaftlichen Aufarbeitung“ des Missbrauchsskandals beauftragt wurden. Er wird wohl kaum zu dem Schluss kommen, dass die Leitlinien – entgegen seinem Statement vor einem Jahr – nicht funktioniert haben.

Der andere Experte ist Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Pfeiffer, von dem im Internet auch mal eine – mittlerweile entfernte – Predigt zum Thema „Verbot von Killerspielen“ existierte, schrieb am 14. März 2010 in der Süddeutschen Zeitung –, die katholische Kirche habe „kein primär quantitatives, sondern vor allem ein qualitatives Problem“ und verwies darauf, dass nur 1 Promille der des sexuellen Missbrauchs Verdächtigten katholische Priester seien. Allerdings „vergaß“ Prof. Pfeiffer, diese Zahl in Bezug zum Priesteranteil an den potenziellen Tätern zu setzen: Wie ich hier gezeigt habe, dürfte der Anteil der Priester an den (vermutlich hauptsächlich als Täter infrage kommenden) Männern über 30 Jahre nur 0,66 Promille betragen – somit wären Priester ca. 40% öfter verdächtig als der Durchschnitt. Und Pfeiffers Verdächtigenzahlen (aus dem SPIEGEL Nr. 6 vom 8. Februar 2010) stammen noch aus der Zeit, bevor die Masse der Missbräuche 2010 bekannt wurde.

Erst vor kurzem machte Pfeiffer mal wieder von sich reden, als er mit der These an die Öffentlichkeit trat, katholische Jugendliche seien gewaltfreier. (Domradio meldete: Mehr Ministranten = weniger Gewalt.) Nun mag es zwar durchaus einen Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit und Kirchlichkeit oder Katholizismus geben. Der Grund dafür dürfte allerdings im Stadt-Land-Gefälle liegen: In Städten ist die Kriminalität höher als auf dem Land  und die Kirchlichkeit niedriger. Das heißt allerdings nicht, dass die Kirchlichkeit die Straftaten verhindert, sondern dürfte ganz einfach daran liegen, dass die Anonymität der Stadt sowohl Straftaten begünstigt als auch den Kirchenaustritt. Ein Zusammenhang ist nicht gleichbedeutend mit einem Wirkungszusammenhang: Korrelation ist nicht gleich Kausalität – diese statistische Binsenweisheit müsste Prof. Pfeiffer eigentlich bekannt sein.

Sowohl Pfeiffers „1 Promille“-Artikel als auch seine Behauptung, katholische Jugendliche seien weniger gewalttätig, erwecken den Eindruck von Gefälligkeiten für die katholische Kirche, und beide weisen methodische Mängel auf. Habe ich erwähnt, dass Prof. Pfeiffer der andere Experte ist, der die Missbräuche in den deutschen Bistümern „wissenschaftlich aufarbeiten“ soll?

Ein Team von Pfeiffers Institut, bestehend aus pensionierten Staatsanwälten und Richtern, soll alle Personalakten der katholischen Diözesen aus den letzten zehn Jahren – in neun Bistümern sogar zurück bis ins Jahr 1945 – auswerten, um mit den möglichen Opfern und Tätern Kontakt aufzunehmen. Dazu sollen in einem ersten Schritt Kirchenmitarbeiter die Akten „unter Aufsicht [des] KFN-Teams“ auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen.

Man fragt sich natürlich, was da – ein Jahr nach dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals – noch zu finden sein soll. Insbesondere, nachdem z.B. bekannt wurde, dass in der Erzdiözese München und Freising systematisch Akten vernichtet und ausgelagert hat, Taten geschönt und offenbar homosexuelle Mitarbeiter erpresst wurden, um Aufklärung zu verhindern. Oder dass sich im Bistum Rottenburg-Stuttgart der Diözesanpriesterrat und der Bischof 1984 darauf verständigten,

dass künftig in den Personalakten keine Verfahrensunterlagen mehr abgeheftet werden dürfen, was auch für Meldungen der unangenehmen Art galt. „Die Akten in der Registratur sind seitdem klinisch sauber“, bestätigt ein Insider. So bleibt auch von der Anzeige der Kirchenleute aus jener Zeit nichts weiter als die Erinnerung.“ [Hervorhebung von mir.]

Davon abgesehen: Was für „Kirchenmitarbeiter“ sollen das sein, die die Akten auf Hinweise untersuchen sollen? Die gleichen, die in den vergangenen Jahren die Akten geführt haben? Sollen die jetzt etwa die Hinweise finden, denen sie damals nicht nachgegangen sind?

Es dürften also weder die federführenden Experten noch die beteiligten Kirchenmitarbeiter ein Interesse an einer wirklich kritischen Aufarbeitung der Akten haben. Beide beauftragten Experten sind bereits durch wissenschaftlich äußerst zweifelhafte Statements zugunsten der katholischen Kirche aufgefallen. Am Ende der (offenbar) dreijährigen Untersuchung dürfte wohl ein ähnlich wertloses Ergebnis stehen wie bei einer ganz ähnlichen Untersuchung im Auftrag der US-amerikanischen Bischofskonferenz, die im Mai veröffentlicht wurde.

Dafür spricht auch die erste Erklärung der Bischofskonferenz:

„Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung werden verlässliche Informationen zu den Fällen des Missbrauchs, zu Vorgehensweise und Motiven der Täter und den Opfererfahrungen angestrebt“, teilte die Bischofskonferenz am Donnerstag in Bonn mit. Die Untersuchungen sollten vor allem zu einer wirksameren Vorbeugung vor sexuellem Missbrauch beitragen, hieß es.

Mit der Frage, ob Missbräuche vertuscht oder die Leitlinien ignoriert wurden, sollen sich die pensionierten Staatsanwälte und Richter offenbar gar nicht befassen.

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SPIEGEL: Missbrauchsfall im Zuständigkeitsbereich von Erzbischof Zollitsch wirft Fragen auf

1. August 2010

Dem SPIEGEL (31/2010, S. 37-38) ist aufgefallen, dass der Missbrauchsfall in Birnau im Erzbistum Freiburg Fragen aufwirft, nämlich u.a. diese: „Hat Erzbischof Zollitsch alles für die Aufklärung getan?“ – Skydaddy hat die Antwort auf diese Frage.

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Katholischer Pfarrer und Opfer erheben Vertuschungsvorwürfe gegen Robert Zollitsch im Oberharmersbacher Missbrauchsfall

18. Juli 2010

Zollitsch in einem Brief 1995: „Aufklärung“ sei „Racheakt“ gegenüber dem mutmaßlichen Täter

Hier die Pressemitteilung von Report Mainz (18.07.2010) im vollen Wortlaut:

Achtung: Diese Original-Pressemitteilung ist ausführlicher als die Meldungen beim SWR, Zeit, Süddeutsche usw.

Presseinformation REPORT MAINZ, Montag, 19.07.2010, 21:45 Uhr im ERSTEN

REPORT MAINZ:

Katholischer Pfarrer und Opfer erheben Vertuschungsvorwürfe gegen Robert Zollitsch im Oberharmersbacher Missbrauchsfall

Zollitsch in einem Brief 1995: „Aufklärung“ sei „Racheakt“ gegenüber dem mutmaßlichen Täter

Mainz. Gegen den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, gibt es neue Vertuschungsvorwürfe. Dem ARD Politikmagazin REPORT MAINZ liegen zwei, von Robert Zollitsch selbst unterschriebene Briefe aus dem Jahr 1995 vor, in denen er sich zum Missbrauchsfall in Oberharmersbach äußert. Darin schildert er detailliert die Vorgehensweise  der Erzdiözese bei der Aufklärung der Vorwürfe. So sollte zum Beispiel die Gemeinde Oberharmersbach nicht über wesentliche Details des Skandals informiert werden. Zollitsch wörtlich: „Eine solche „Aufklärung hätte zudem … nur noch den Sinn eines Racheaktes gegenüber einem alten und kranken Mann … Eine solche nachträgliche Rache nützte niemandem und würde einen Menschen ohne Not in den Ruin oder gar Tod treiben“.

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Report Mainz: Neue Vorwürfe gegen Zollitsch

18. Juli 2010

Ob Zollitsch nun in den 90er Jahren vertuscht hat oder nicht: Es ist auf jeden fall ein Skandal, dass das Erzbistum Freiburg noch in diesem Jahr die Öffentlichkeit getäuscht hat.

Dem ARD-Magazin „Report Mainz“ liegen zwei vom damaligen Personalreferenten Zollitsch unterschriebene Briefe aus dem Jahr 1995 vor, in denen festgelegt wird, dass zum Beispiel die Gemeinde Oberharmersbach nicht über wesentliche Details des Skandals informiert werden sollte. (SWR-Meldung)

Vom Ordinariat Freiburg das gewohnte Verhalten: Die Vorwürfe seien weder „neu noch gerechtfertigt“. Nun, Euer Skydaddy hat die Vorwürfe gegen Zollitsch in den letzten Wochen penibel verfolgt, und diesen kannte ich bisher noch nicht. Ansonsten wiederholt das Ordinariat: Zollitsch habe sich bereits im März dazu geäußert und jeden Verdacht der Vertuschung zurückgewiesen.

Nun, selbst wenn man Zollitschs damaliges Verhalten als Personalreferent verzeihen mag – es bleibt immer noch der Umstand, dass das Bistum Freiburg selbst dieses Jahr noch falsch informiert hat, ganz offensichtlich mit der Absicht, die Öffentlichkeit über die wahren Sachverhalte im Unklaren zu lassen. Erst am Mittwoch (14.07.2010) meldete die Badische Zeitung, dass das Ordinariat bereits 1992 ein Geständnis des Täters vorliegen hatte.

Trotzdem sprach Zollitsch noch am 09.07.2010 lediglich davon, dass es 1992 Hinweise gegeben habe, und selbst in dem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von heute (18.07.2010, kostenpflichtiger Original-Wortlaut hier) erwähnt er das Geständnis mit keinem Wort, sondern sagt:

„Wir haben Pfarrer B. [1992] unverzüglich mit dieser Schilderung des Opfers konfrontiert. Er hat sie nicht abgestritten, aber auch kein Geständnis abgelegt.“

Mit dem Wissen um das Geständnis von 1992 sind allerdings die Erklärungen, die das Freiburger Ordinariat – und auch Zollitsch selbst – im März abgegeben haben, schwer nachvollziehbar, um es mal so auszudrücken.

Zollitschs erklärte am 24.03.2010:

Als uns im Jahre 1991 – ohne Benennung von Zeugen oder Betroffenen – allgemein gehaltene Vorwürfe gegen den Pfarrer bekannt wurden, hat der damalige Erzbischof sofort gehandelt, den Pfarrer in den Ruhestand versetzt und von ihm verlangt, den Ort zu verlassen. Als sich schließlich später [gemeint ist offenbar 1995] ein Zeuge mit konkreten Anschuldigungen meldete, haben wir den Beschuldigten damit konfrontiert und ihm klar gesagt, dass wir entschlossen sind die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Indem er sich das Leben nahm, war eine Strafverfolgung nicht mehr möglich.

Die Badische Zeitung stellte aber jetzt klar:

Die weiteren Recherchen des Erzbistums waren eine Reaktion auf die Anzeige des Opfers bei der Staatsanwaltschaft.

Damit ist Zollitschs Formulierung „dass wir entschlossen sind die Staatsanwaltschaft einzuschalten“ wohl wenigstens als Irreführung zu bewerten.

Zollitsch erklärte damals weiter:

Es ging uns nie darum etwas zu vertuschen. Leider hat uns das lange Schweigen vor Ort an einem frühen Eingreifen gehindert.

Und Generalvikar Fridolin Keck erklärte einen Tag später:

Wer – mit dem Wissen von heute – nun suggeriere, der Missbrauch in Oberharmersbach sei vertuscht und der Pfarrer lediglich versetzt worden, surft nach den Worten von Generalvikar Keck auf der aktuellen Kirchen-Kritik-Trendwelle, ohne die Fakten zur Kenntnis zu nehmen: „Das Problem war die offensichtliche Tabuisierung in früheren Jahrzehnten – Kinder und Jugendliche haben sich offenbar zunächst jahrelang nicht getraut, über den Missbrauch zu sprechen.“

Das Schweigen vor Ort – gemeint ist offensichtlich die Zeit von 1991 bis 1995 – hat ein frühes Eingreifen verhindert? Wo das Geständnis bereits 1992 vorlag?

Zollitsch hat seine Glaubwürdigkeit längst verspielt – ich wundere mich, dass die Katholiken in Deutschland und auch seine Mit-Bischöfe ihn nicht bereits zum Rücktzritt auffordern. Hier noch einmal seine Worte als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz zum Auftakt von deren Frühjahrsvollversammlung am 22.02.2010:

Wo immer nämlich ein  Verdacht vorliegt, muss es eine lückenlose und absolut transparente Aufklärung geben. […] Wir deutschen Bischöfe drängen darauf, dass die früheren und teils lange zurückliegenden wie natürlich alle neueren Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen aufgeklärt werden.

Das war noch, bevor der Fall aus Oberharmersbach im März in die Medien geriet. Es ist offensichtlich, dass Zollitsch hier einfach nur das sagte, was opportun war, ohne seinen wohlfeilen Worten auch Taten folgen zu lassen. Abgesehen davon hat Zollitschs Ordinariat auch im Fall Birnau mehrfach falsche, dafür aber das Bistum entlastende Informationen mitgeteilt und täuscht nach wie vor die Öffentlichkeit über die Zuständigkeit in Birnau. Es spricht ja schon Bände, dass die Ermittlungen gegen Zollitsch, die das Bistum ja bereits vor gut 6 Wochen „mangels Zuständigkeit“ als „grundlos“ bezeichnet hatte, immer noch nicht eingestellt sind – Zollitschs mangelnde Zuständigkeit hätte sich doch wohl in kürzerer Zeit belegen lassen müssen.


Kirchensprech: „Verhältnis mit einer Frau“

17. Juli 2010

Anlässlich der aktuellen Berichterstattung um die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen möchte ich noch einmal auf den (englischsprachigen) Artikel hinweisen: Code Words to Hide Sex Abuse – Codes, um sexuellen Missbrauch zu tarnen.

Der Artikel beruht auf einer Analyse von Personalakten von Priestern aus den USA, die wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurden. Offensichtlich wurden in den Personalakten beschönigende Begriffe verwendet, wie z.B. „unreifes Verhalten“, „Grenzüberschreitungen“, „Probleme mit Nähe und Distanz“, oder auch „Alkoholismus“ oder „Depression“.

Frau Jepsen sagt offenbar, sie habe 1999 nicht von Kindesmissbrauch erfahren, sondern ihr sei nur von einem außerehelichen Verhältnis des Pfarrers mit einer Frau berichtet worden.

Witzig: Mit der gleichen Begründung (natürlich ohne das „außerehelich“) soll das Schönstatt-Institut der Diözesanpriester das Bistum Mainz 2004 um die Versetzung eines Priesters gebeten haben, der – wie erst dieses Jahr bekannt wurde – „sexuelle Beziehungen zu weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen unterhalten“ haben soll:

Das Bistum Mainz wurde nicht über den konkreten Verdacht informiert. Der Generalrektor der Priestergemeinschaft bat den Bischof von Mainz unter Hinweis auf eine frühere Beziehung des betroffenen Priesters zu einer Frau darum, ihm eine Zeit der Besinnung zu gewähren. Er schlug vor, ihn nicht, wie geplant, im Bistum Mainz einzusetzen, sondern ihm eine Neuorientierung als Auslandspriester zu ermöglichen. [Hervorhebung von mir.]

Das kann natürlich alles so gewesen sein. Aber wenn man weiß, dass in den USA offenbar bewusst Codes benutzt wurden, um das Wissen um sexuelle Übergriffe von Geistlichen in den Akten und der Kommunikation zu tarnen, muss man sich natürlich fragen: Wurde dies in Deutschland auch praktiziert?

Interessant wäre es in diesem Zusammenhang, zu wissen, ob der betreffende Pfarrer in Ahrensburg tatsächlich ein außereheliches Verhältnis mit einer Frau hatte.

Denn warum sonst hätte man Bischöfin Jepsen darüber informieren sollen?


Jepsen tritt zurück – und Zollitsch?

17. Juli 2010

Die evangelische Hamburger Bischöfin Maria Jepsen ist zurückgetreten, weil sie möglicherweise geleugnet hat, 1999 – mündliche – Hinweise auf einen pädophilen Pfarrer erhalten zu haben.

Fast zeitgleich hat das Ordinariat des Erzbistums Freiburg eingeräumt, dass es bereits 1992 das Geständnis eines pädokriminellen Priesters hatte, obwohl das Bistum im März noch erklärt hatte, es habe erst 1995 weitere Hinweise auf den Täter erhalten. Und selbst diesen Umstand hatte Erzbischof Zollitsch wenige Tage zuvor noch lediglich als „Hinweise“ bezeichnet.

Frau Jepsen tritt offenbar wegen einer geringfügigeren Sache (schlimm genug ist es, wenn sie gelogen hat) zurück. Bei Zollitsch kommt aber noch hinzu, dass er 2006 nicht in dem Fall Birnau ermittelt hat, wozu er verpflichtet gewesen wäre, und dass sein Ordinariat weiterhin irreführende Mitteilungen abgibt, die die Öffentlichkeit von seiner Zuständigkeit ablenken. Selbst Kirchenrechtler wurden dadurch irregeführt.

Den Aufruf an Zollitsch, zurückzutreten, spare ich mir, da der Herr Erzbischof ja bereits in der Vergangenheit (Ultimatum die die Bundesjustizministerin, siehe auch „Zollitschs laxer Umgang mit der Wahrheit„) deutlich gemacht hat, dass er im Zweifel lieber auf Dreistigkeit setzt als auf Einsicht.

Vielleicht gibt es ja einflussreichere Kräfte als mich, die Einfluss auf den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz nehmen könnten?

Gibt es kein „Geheim-Dossier“ mit vagen Vorwürfen?


Ordinariat Freiburg korrigiert Darstellung zu Oberharmersbach

14. Juli 2010

Ganz frisch bei der Badischen Zeitung.

Ich selbst werde morgen darüber schreiben, dass mir die Stellungnahme eines international bekannten Kirchenrechtlers vorliegt, derzufolge Erzbischof Zollitsch 2006, als er von dem Missbrauchsfall in Birnau Kenntnis erhielt, eine Untersuchung dazu hätte durchführen müssen – was offenbar nicht geschehen ist. Offenbar deshalb versucht das Bistum Freiburg seit Wochen, den Eindruck zu erwecken, Birnau gehöre zum Territorium der österreichischen Abtei Wettingen-Mehrerau, und Freiburg sei nicht zuständig. Auch dies dürfte dem Experten zufolge nicht zutreffen. Morgen mehr…


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