Appell an Bischofskonferenz: Zuhören ist gut – Handeln ist notwendig

21. Juni 2010

Heute und morgen (Mo+Di) tagt der ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz im Wäruburger Kloster Himmelspforten und berät dabei auch über die Überarbeitung der Leitlinien zum sexuellen Missbrauch. Aus diesem Anlass hier eine Pressemitteilung der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ und der Hinweis auf einen sehr lesenswerten Artikel aus der Südwestpresse: Schweigen in allen Sprachen: Opfer sexueller Gewalt in der Kirche stoßen oft noch immer auf eine Mauer von Unverständnis.

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„Wir sind Kirche“: Hirtenbrief darf kein Schlussstrich sein!

21. März 2010

Pressemitteilung der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche„:

Papstbrief an die Kirche Irlands

Wir sind Kirche: „Dies darf kein Schlussstrich sondern kann nur ein Anfang sein!“

Pressemitteilung München / Rom, 21. März 2010

Einige Aspekte zum Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. an die katholische Kirche Irlands

„Dies darf kein Schlussstrich sein, sondern kann höchstens der Anfang eines vermutlich Jahrzehnte dauernden Läuterungs- und Umkehrprozesses der römisch-katholischen Kirche sein“, erklärt Christian Weisner für die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche als erste Reaktion auf den am 20. März 2010 veröffentlichten Papstbrief an die katholische Kirche Irlands. ´

Bei aller Anerkennung, was Papst Benedikt gegen die sexualisierte Gewalt in unserer Kirche bereits getan und auch in diesem Brief an vielen Stellen einfühlsam und deutlich formuliert hat: ­

  • Es ist bedauerlich, dass er nicht kirchliche Strukturen sondern gesellschaftliche Tendenzen wie der „schnelllebige soziale Wandel“, „Weisen des Denkens und der Einschätzung säkularer Realitäten“ für „das verstörende Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ verantwortlich machen will.
  • Es ist ungeheuerlich, dass der Papst ein „falsches Lesen“ des II. Vatikanischen Konzils und dessen „Programms der Erneuerung“ als Mitverursacher sieht. ­
  • Es ist widersprüchlich, dass die „Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus … zu favorisieren“ als ein Ursachenfaktor gesehen wird, der Papst am Ende des Hirtenbriefes die Priester aber erneut auf das traditionelle „reiche Verständnis des Mysteriums des Priestertums“ verweist.
  • Es ist fraglich, ob dieses an die irischen Bischöfe gerichtete Papstwort auch die Gläubigen und vor allem die vielen Tausend betroffenen Opfer in Irland zufrieden stellen wird, die vom Papst fordern, dass noch weitere irische Bischöfe zurücktreten müssen.
  • Es ist nicht ausreichend, als „konkrete Initiativen“ nur traditionelle spirituelle Wege, aber keine strukturellen Verbesserungen vorzuschlagen.

Die katholische Reformbewegung hält dagegen eine Neuausrichtung der kirchlichen Sexuallehre für unverzichtbar. Diese muss auch die Zölibatsfrage einschließen, die mittlerweile ja sogar schon von Bischöfen und Kardinälen gestellt wird. Selbst wenn es keinen simplen Kausalzusammenhang zwischen Zölibat und sexualisierter Gewalt gibt, so ist doch das Zölibatsgesetz sichtbarer Ausdruck der Sexual- und Frauenfeindlichkeit einer männerbündischen Kirche.

Die vom Papst seit einigen Jahren vor allem gegenüber den USA geforderte „Null-Toleranz-Politik“ wird nicht explizit erwähnt. Trotzdem sollten die deutschen Bischöfe bei der angekündigten und dringend notwendigen Überarbeitung ihrer Leitlinien die „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber Tätern praktizieren, die der Papst schon seit Jahren fordert. Nur durch konsequentes, allerdings nicht aktionistisches Handeln ohne Wenn und Aber kann der immense Glaubwürdigkeitsverlust der römisch-katholischen Kirche gestoppt werden. Jeder frühere und heutige Fall sexualisierter Gewalt muss jetzt penibel aufgeklärt werden, um der Gefahr des Pauschalverdachts gegenüber allen Priestern, Ordensleuten und kirchlichen Einrichtungen zu begegnen – und einen Neuanfang zu ermöglichen.

Angesichts der vielen Tausend Fälle vor allem in Irland und in den USA stellt sich die Frage, ob die am 13. März 2010 von der seit 2001 dafür zuständigen Glaubenskongregation veröffentlichte Zahl von 3.000 Beschuldigungen aus 50 Jahren glaubhaft ist. Die Glaubenskongregation erweckt einen falschen Eindruck, wenn sie von „nur“ 300 Fällen von Pädophilie „im eigentlichen Sinne“ (definitionsgemäß bis 14 Jahre) spricht, denn die weiteren 60 Prozent der Anzeigen „sexuellen Hingezogenseins zu Heranwachsenden desselben Geschlechts“ sind homosexuelle Kontakte zu Jugendlichen, die rechtlich wie moralisch genauso zu verurteilen sind. Gleiches gilt vermutlich für die restlichen 30 Prozent heterosexueller Kontakte.


Erzbischof Zollitsch in Rom: Wenig konkrete Ergebnisse und weiterhin viele offene Fragen

14. März 2010

Pressemitteilung München / Rom, 12. März 2010

Wir sind Kirche: Wenig konkrete Ergebnisse und weiterhin viele offene Fragen Zum heutigen Besuch des Vorsitzenden der DBK, Erzbischof Zollitsch beim Papst

Wenig konkrete Ergebnisse und weiterhin viele offene Fragen im Umgang mit sexueller, physischer und psychischer Gewalt in der römisch-katholischen Kirche sieht die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche nach dem heutigen Besuch des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Erzbischof Dr. Robert Zollitsch beim Papst.

Statt sich aus dem fernen Rom bei den Opfern zu entschuldigen, sollte Erzbischof Zollitsch sehr bald auf die Opfer zugehen, ihnen zuhören und gemeinsam mit ihnen nach Wegen und Ritualen der Versöhnung suchen. Bedauerlich ist, dass nicht Papst Benedikt XVI. selber mitfühlende und um Versöhnung bittende Worte für die Opfer gefunden hat – gerade heute, auf den Tag genau zehn Jahre nach dem von Papst Johannes Paul II. gesprochenen eindrucksvollen „Mea Culpa“.

Zu den vielen, auch nach der heutigen Erklärung des Vorsitzenden der DBK unbeantworteten Fragen, gehören: ­

  • Wann endlich anerkennt der Vatikan sexualisierte Gewalt als weltweites und auch mit den Strukturen der katholischen Kirche zusammenhängendes Problem, das die jesuanische Botschaft immer mehr verdunkelt?
  • Wann wird endlich der Zölibat hinterfragt und die im Zölibatsgesetz kulminierende männerbündische Sexual- und Frauenfeindlichkeit in den Blick genommen, so wie dies jetzt Kardinal Schönborn in Wien getan hat, der die Priestererziehung, aber auch den Zölibat hinterfragt hat?
  • Wann werden die Deutsche Bischofskonferenz DBK und die Deutsche Ordensoberenkonferenz (DOK) endlich gegenüber jedem Täter das Null-Toleranz-Prinzip anwenden, das Papst Benedikt auch schon als Kardinal vor allem gegenüber den USA vertrat?
  • Warum hat angesichts der akuten Krisensituation nicht der von der Bischofskonferenz erst kürzlich ernannte Sonderbeauftragte, der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann, an dem Gespräch in Rom teilgenommen und dem Papst über seine bisherigen und künftigen Aktivitäten berichtet?
  • Wenn das kirchliche Verfahren „selbstverständlich“ dem staatlichen Verfahren nicht vorgeordnet sein soll, so ist zu fragen, warum beispielsweise im Kloster Ettal Erzbischof Dr. Reinhard Marx statt eines externen staatlichen Sonderermittlers einen kirchlichen „Sonderermittler“ eingesetzt hat, und dann sogar noch einen, der vor drei Jahren im Auftrag von Bischof Müller Schadensersatzansprüche eines Opfers abgewehrt hat?
  • Kann es sich die röm.-katholische Kirche in Deutschland wirklich leisten, nur an dem von Erzbischof Zollitsch selber angeregten großen Runden Tisch der Bundesfamilienministerin und der Bundesbildungsministerin „selbstverständlich“ teilzunehmen, aber die Teilnahme am Runden Tisch der Bundesjustizministerin abzulehnen?

Bei aller Anerkennung der Bemühungen des früheren Präfekten der Glaubenskongregation und jetzigen Papstes werden die Fragen immer virulenter, was Ratzinger 1977 bis 1981 als Erzbischof von München und Freising und erst Recht seit 1981 als Kardinal in Rom gewusst und getan oder nicht getan hat.

Wir sind Kirche wird die jetzt hoffentlich verstärkten Anstrengungen der Bischöfe gerne unterstützen, aber auch kritisch begleiten, damit es nicht zu dem von niemandem gewollten Pauschalverdacht gegenüber allen Priestern, Ordensleuten und römisch-katholischen Einrichtungen kommt. Solange nicht in allen Bistümern bzw. bundesweit unabhängige AnsprechpartnerInnen benannt werden, hält Wir sind Kirche den im Jahr 2002 eingerichteten Notruf weiterhin bereit (Telefon: 0180-3000862, E-Mail: zypresse@wir-sind-kirche.de).

Wir sind Kirche-Pressemitteilung vom 21. Februar zum Beginn der Bischofskonferenz mit 10 zentralen Forderungen der KirchenVolksBewegung für die Überarbeitung der Leitlinien:
http://www.wir-sind-kirche.de/www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=128&id_entry=2408


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