Warum ist Schächten in Deutschland erlaubt?

26. November 2009

Anlässlich des morgigen islamischen Opferfestes hier die Antwort:

Unter Schächten wird üblicherweise das Ausblutenlassen eines Tieres ohne Betäubung verstanden. (Allerdings hat die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion DITIB dazu aufgerufen, Tiere beim Schächten nicht zu quälen und eine vorherige Betäubung ausdrücklich für zulässig erklärt.) Demgegenüber verbietet das Tierschutzgesetz seit 1986 in § 4 das Schlachten ohne Betäubung:

(1) Ein warmblütiges Tier darf nur geschlachtet werden, wenn es vor Beginn des Blutentzugs betäubt worden ist.

Allerdings sieht das Gesetz Ausnahmen aus religiösen Gründen vor:

(2) Abweichend von Absatz 1 bedarf es keiner Betäubung, wenn

1. …,

2. die zuständige Behörde eine Ausnahmegenehmigung für ein Schlachten ohne Betäubung (Schächten) erteilt hat; sie darf die Ausnahmegenehmigung nur insoweit erteilen, als es erforderlich ist, den Bedürfnissen von Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften im Geltungsbereich dieses Gesetzes zu entsprechen, denen zwingende Vorschriften ihrer Religionsgemeinschaft das Schächten vorschreiben oder den Genuß von Fleisch nicht geschächteter Tiere untersagen oder

3. dies als Ausnahme durch Rechtsverordnung nach § 4 b Nr. 3 bestimmt ist.

Diese Ausnahmen betreffen nicht nur islamische, sondern auch jüdische Schächtungen. Wikipedia zufolge sind die Ausnahmegenehmigungen lage Zeit Juden meist genehmigt worden, Muslimen jedoch meist nicht. So musste sich schließlich 2001/2002 das Bundesverfassungsgericht mit der Frage befassen.

Es mutet zunächst erschreckend an, dass bei einem so wichtigen Thema wie dem Tierschutz Ausnahmen für Religionsgemeinschaften gemacht werden. Der Grundgedanke des Tierschutzgesetzes müsste ja eigentlich für jeden nachvollziehbar sein (§1 Satz 2):

Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Man muss wohl kein hartgesottener Atheist sein, um religiöse Vorschriften nicht als „vernünftigen Grund“ anzusehen. Auch, wenn die Religionsfreiheit einen hohen Stellenwert einnimmt, haben doch deren Angehörige sich trotzdem innerhalb der für alle geltenden Gesetze zu bewegen, und das Tierschutzgesetz kann nicht als willkürlich oder ungerechtfertigte Drangsalierung von Muslimen oder Juden bezeichnet werden – selbst, wenn es keine Ausnahmen gäbe.

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Judenfeindliche Darstellungen an und in deutschen Kirchen

13. November 2009

Anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht 1938 hat Bischof Mixa am 9. November in der Augsburger Synagoge eine Gedenkansprache gehalten.

Dabei sprach er laut Redemanuskript von „den atheistischen Gewalttätern“ und behauptete, der Hass der Nazis „gegen den Gott der Väter, sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb der christlichen Kultur und des christlichen Glaubens.“

Nachdem Michael Schmidt-Salomon bereits bei früherer Gelegenheit darauf hingewiesen hat, dass Atheisten in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und der SS unerwünscht waren, möchte ich auf zwei Beispiele christlicher Kultur hinweisen, die noch weniger bekannt sind.

Es handelt sich um antisemitische Darstellungen, von denen sich immer noch nicht wenige an und in deutschen Kirchen (!) befinden: Judensäue und „Synagoga“-Darstellungen.

Aus dem Wikipedia-Artikel „Judensau“:

Das mittelalterliche Bild einer „Judensau“ stellt Menschen und Schweine in intimem Kontakt dar. Die menschlichen Figuren zeigen die typischen Kennzeichen jüdischer Kleidung – etwa den damaligen „Judenhut“ oder den Gelben Ring. In der häufigsten Variante saugen diese als Juden kenntlich gemachten Figuren wie Ferkel an den Zitzen einer Sau. In anderen Darstellungen reiten sie verkehrt herum auf einem Schwein: das Gesicht dem After zugewandt, aus dem Urin spritzt. Auf wieder anderen Darstellungen umarmen oder küssen sie Schweine.

Judensäue finden sich z.B. am oder im Kölner Dom, dem Regensburger Dom, dem Xantener Dom, dem Erfurter Dom und der Stadtkirche zu Wittenberg.

Eine andere judenfeindliche Darstellung ist die der „Synagoga“ – einer Frauenfigur, die das Judentum symbolisiert und typischerweise in Verbindung mit einer zweiten Figur dargestellt wird – nämlich der „Ecclesia“, die für das Christentum steht.

Aus dem Wikipedia-Artikel „Synagoga“:

Die Ecclesia wird meist mit einer Krone auf dem Haupt, sowie einem Banner und einem Abendmahlskelch dargestellt.

Im Kontrast dazu wird die Synagoga meist mit herunterfallender Krone, als Symbol der damals proklamierten Überwindung des Judentums durch das Christentum, sowie mit einer Binde über den Augen dargestellt; dies soll andeuten, dass die Synagoga, also das symbolisierte Judentum, Christus als den „wahren Messias“ nicht erkennt. Darüber hinaus besitzt die Synagoga oft weitere Attribute, wie eine zerbrochene Lanze oder einen Ziegenkopf. Oft ist ihr Gesicht abgewandt und manchmal wird sie gemeinsam mit dem Teufel abgebildet.

Bekannt ist beispielsweise die Darstellung von Ecclesia und Synagoga im Bamberger Dom.

Wie gesagt: Bis heute sind solche widerwärtigen Darstellungen an und in deutschen Kirchen zu sehen, und dennoch erdreistet sich Bischof Mixa zu behaupten, der Antisemitismus der Nazis hätte seine Wurzeln außerhalb der christlichen Kultur und des christlichen Glaubens.

Außer den Wikipedia-Artikeln gibt es hier und hier noch Informationen zur „Synagoga“-Darstellung.

Update: Olyly wies mich noch auf diesen Beitrag von Vilmoskörte hin. Die Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin… Lasst Euch überraschen…


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