Papst Benedikt XVI. ist mit Schuld am Tod von Savita Halappanavar

15. November 2012

Seit gestern empört sich die Welt über den unnötigen und qualvollen Tod von Savita Halappanavar, einer 31jährigen Frau, der in einem irischen Krankenhaus ein vermutlich lebensrettender Schwangerschaftsabbruch verweigert wurde, mit der Begründung, „Irland ist ein katholisches Land„.

Tatsächlich, so schreibt die Süddeutsche Zeitung, ist im katholischen Irland Abtreibung „in jeder Form verboten“.

Es greift meines Erachtens allerdings zu kurz, die Schuld beim Krankenhauspersonal oder den irischen Politikern festzumachen. Das irische Gesetz stellt nämlich keineswegs etwa eine eigene, besonders strenge Auslegung des Katholizismus dar, sondern setzt „lediglich“ die offizielle Position der Katholischen Kirche durch:

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Ketzerpodcast: Neue Ausschnitte bei YouTube

30. März 2010

Es sind jetzt wieder Ausschnitte der neuesten Folge auf dem YouTube-Kanal des Ketzerpodcasts, und zwar zu folgenden Themen:

  • Vertuschung und Meldepflicht (1:28)
    Bischof Ackermann gesteht ein, dass vertuscht worden ist. Die bayerischen Bischöfe fordern eine Meldepflicht bei sexuellem Missbrauch.
  • Falsche Tatsachenbehauptungen (1:45)
    Wer stellt falsche Tatsachenbehauptungen auf – die Bundesjustizministerin oder die katholische Kirche?
  • Leid-Linien 1: Gewerkschaft der Polizei kritisiert die Leitlinien der Kirche (9:45)
    Leid-Linien 2 – Die Kirche spielt auf Zeit (2:37)
    Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisiert das Vorgehen der katholischen Kirche bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch. In ihrer Mitgliederzeitschrift findet sich im April ein vierseitiger Artikel mit dem Titel „Die Leid-Linien der katholischen Kirche“, in dem der Verfasser, Peter Jamin, der Kirche vorwarf, die Strafverfolgungsbehörden zu behindern und auf Zeit zu spielen.
  • Zollitsch unter Beschuss 1 (9:44)
    Report Mainz und die Badische Zeitung berichtete, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, habe in den 90er Jahren als Personalreferent des Bistums Freiburg einen der Pädophilie verdächtigten Priester in den Ruhestand versetzt, ohne die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Das Bistum reagierte mit einem Dementi, das exakt den gleichen Sachverhalt wiedergab. Außerdem wurde – offenbar wurde kurzfristig eine Arbeitsgruppe zur Untersuchung von Fällen von sexuellem Missbrauch – auch die Vergangenheit betreffend – eingesetzt
  • Zollitsch unter Beschuss 2: Der Knackpunkt (1:19)
    Matthias erläutert, weshalb Zollitschs damaliges Verhalten Fragen aufwirft.
  • Keine Kontrollinstanz (1:47)
    Die katholische Kirche verfügt zwar über Leitlinien zum Vorgehen bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch – die Einhaltung dieser Regeln wird allerdings nicht kontrolliert.
    Trotzdem gut, dass Gott nicht strafend eingreift.
  • Hirtenbrief: belangloses Geschwätz (3:18)
    Der Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal in Irland.
    Peinlich und schwer zu ertragen.
  • Hirtenbrief: Bezug zur deutschen Kirche (2:15)
    Angeblich soll der Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal in Irland ja auch für Deutschland gelten.
    Ausgerechnet da, wo der Papst zur Überprüfung der kirchlichen Richtlinien aufruft, wendet er sich allerdings ausdrücklich an die Kirche in Irland.
  • Hirtenbrief: Deutliche Worte? (2:12)
    Es war zu hören, der Papst habe in seinem Hirtenbrief zum Missbrauchsskandal in Irland „deutliche Worte“ gebraucht.
    Matthias zeigt anhand Ratzingers Äußerungen zu Homosexualität, wie es klingt, wenn der Papst wirklich deutliche Worte findet.
  • Atheisten ohne moralische Maßstäbe? (0:30)
    Nach Monaten erklärte das Oberhaupt der Katholiken den Gläubigen in seinem Hirtenbrief, dass sexueller Missbrauch eindeutig als Verbrechen zu verurteilen ist.
    Da wären die Podcast-Ketzer nie drauf gekommen.
  • Kirchenaustritte und schwindendes Vertrauen in die Kirche (4:09)
    In Österreich haben die Kirchenaustritte in Folge des Missbrauchsskandals deutlich zugenommen. Wie ist die Entwicklung in Deutschland einzuschätzen?
    Einer Umfrage zufolge sollen nur 10% der Bevölkerung meinen, die Kirche täte genug zur Aufklärung der sexuellen Missbrauchsfälle. Wenn das so bleibt – wer soll dann noch seine Kinder in katholische Einrichtungen schicken?
  • Kindergärtnerinnen werden entlassen, Priester versetzt (1:51)
    Die katholische Kirche hat eigentümliche Maßstäbe: Einer Kindergärtnerin, die unehelich mit ihrem Partner zusammenlebt, droht die Kündigung, während pädosexuelle Priester lediglich versetzt werden.
  • Sammelklagen wegen sexuellen Missbrauchs gegen die Kirche (3:19)
    In Österreich und den USA sollen Sammelklagen gegen einzelne Bischöfe bzw. die katholische Kirche wegen Vertuschung von sexuellen Missbrauchsfällen vorbereitet werden.
  • SPIEGEL-Statistik: Die Liste des Schreckens (2:02)
    DER SPIEGEL veröffentlichte eine „Liste des Schreckens“ – eine Auflistung von Missbrauchsfällen in Deutschland.
    Der offene Brief eines Opfers zeigt, wie diese Statistik von der Kirchenseite geschönt wird.

Ketzerpodcast: Noch mehr Missbrauch

29. März 2010

Es handelt sich hierbei um die Aufnahme vom 21. März, also letzte Woche.

Unsere Themen:

  • Ackermann räumt Vertuschung ein
  • Bayerische Bischöfe fordern Meldepflicht
  • Gewerkschaft der Polizei kritisiert die Leitlinien der kath. Kirche zu sexuellem Missbrauch
  • Bischof Zollitsch unter Beschuss
  • fehlende Kontrolle, ob die Leitlinien eingehalten werden
  • Hirtenbrief: Klare Sprache?
  • Kirchenaustritte und schwindendes Vertrauen
  • Kindergärtnerinnen werden entlassen, Priester versetzt
  • Sammelklagen
  • SPIEGEL-Statistik

Die Folge kann hier direkt angehört werden:

Der Podcast kann hier abonniert werden.


Hirtenbrief: Deutliche Worte?

22. März 2010

„In seinem am 20. März veröffentlichten Hirtenbrief an die Katholiken in Irland hat Papst Benedikt XVI. sexuellen Missbrauch eindeutig als Verbrechen verurteilt und dazu aufgefordert, Vergehen und Fehler offen einzugestehen.“

Das betonte der Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für sexuellen Missbrauch Minderjähriger, der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann.

Der Papst wiederholt, was selbstverständlich oder nicht mehr abzustreiten ist

Der (obige) erste Satz von Ackermanns Pressemitteilung sagt eigentlich alles. Der Hirtenbrief der Papstes trieft nur so von Selbstverständlichkeiten. Ich kann mich einem irischen Opfer nur anschließen, das enttäuscht sagte, um zu wissen, dass sexueller Missbrauch ein Verbrechen ist, brauchte es keinen Hirtenbrief. Ansonsten gibt die katholische Kirche, wie immer, nur das zu, was sowieso nicht mehr zu leugnen ist. Und zwar mit Verspätung.

Kordula Doerfler schreibt in der Frankfurter Rundschau:

Nicht weniger hart geht der Papst mit den Bischöfen ins Gericht, die die Fälle teilweise jahrzehnteland vertuscht haben. „Es kann nicht geleugnet werden, dass einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Missbrauch von Kindern versagt haben.“ Einzelne hätten „schwere Fehlurteile“ getroffen und damit ihre Glaubwürdigkeit untergraben.

Sehr richtig erkannt, Papst Benedikt: Das kann nicht (mehr) geleugnet werden. Das ist aber nicht „hart ins Gericht gehen“ – das ist bloßes Wiederholen dessen, was die irische Öffentlichkeit schon seit fast vier Monaten schriftlich hat, nämlich durch den Murphy-Bericht:

[Wikipedia:] Der 720-seitige Bericht wurde von der irischen Regierung in Auftrag gegeben, um die Art und Weise zu untersuchen, mit der die Kirche mit Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch von Kindern durch Priester in den Jahren 1975 bis 2004 umging.

Das Ergebnis ist, dass die Erzdiözese Dublin im Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch von Kindern, zumindest bis Mitte der 1990er Jahre, die Geheimhaltung, die Vermeidung von Skandalen, den Schutz des guten Rufes der Kirche, und den Schutz ihres Vermögens vor den Schutz der Kinder, sowie vor die Aufklärung der Verbrechen gestellt habe. Alle anderen Aspekte, einschließlich des Wohles der Kinder und der Gerechtigkeit für die Opfer, seien diesen Prioritäten untergeordnet worden. Das Erzbistum verfuhr nach seinen eigenen Regeln und habe alles getan, um eine Aufklärung durch die Justiz zu vermeiden. Der Bericht stellt fest, dass es „keinen Zweifel daran gibt, dass sexueller Missbrauch von Kindern in den Jahren 1975 bis 2004 vertuscht wurde“, und stellt dar, wie die Beschwerden der Eltern und ihrer Kinder ignoriert wurden, wodurch andere Familien in Gefahr gebracht wurden, und dass der Prälat John Charles McQuaid die Skandale unterdrückte. Die Kirche flüchtete sich in kirchliches Recht, um die Täter auf Kosten der unschuldigen Kinder zu schützen. Die überwiegende Mehrheit der nicht betroffenen Priester habe die Augen vor den Taten verschlossen. [Hervorhebung von mir.]

Wenn der Papst nun feststellt, „Es kann nicht geleugnet werden, dass einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Missbrauch von Kindern versagt haben“, dann ist „versagen“ geradezu beschönigend für den Umstand, dass das Erzbistum „alles getan [hat], um eine Aufklärung durch die Justiz zu vermeiden.“

Überprüfung der Kinderschutzvorschriften ausdrücklich nur in Irland

Obwohl sich der Papstbrief nur auf die Situation in Irland bezieht, werden die deutschen Bischöfe nicht müde zu betonen, der Brief habe „Geltung für die ganze Kirche und ist eindeutig eine Botschaft auch an uns in Deutschland“, so z.B. der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch.

Es erscheint daher umso befremdlicher, dass ausgerechnet der Absatz, in dem der Papst eine kontinuierliche Überprüfung und Aktualisierung der kirchlichen Normen zum Schutz von Kindern fordert, ausdrücklich nur auf die irische Kirche bezogen ist:

Es ist zwingend erforderlich, dass die Normen der Kirche in Irland zum Schutz von Kindern kontinuierlich überprüft und aktualisiert werden und dass sie vollständig und unabhängig in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht angewandt werden. [Hervorhebung von mir.]

Und das, obwohl selbst die Deutsche Bischofskonferenz bereits eine Überprüfung ihrer Leitlinien angekündigt hat – und die sollen ja den deutschen Bischöfen zufolge international schon vorbildlich sein.

„Hart“ und „schonungslos“ ist der Papst, wenn es um Homosexualität geht

Es ist mir unbegreiflich, wie nicht nur die Jubelpriester und -bischöfe, sondern auch weite Teile der Medien in dem Papstbrief „deutliche Worte“ zu finden meinen, „schonungslose Analyse“ (Erzbischof Zollitsch), Reinhold Michels schreibt in der Rheinischen Post gar von „Benedikts Strafpredigt“, zu der der Papst „mit einer bisher nicht gekannten Härte und Klarheit seine Stimme“ erhob, und in der er „sündhafte, kriminelle, bestürzende“ Taten „geißelt“.

Wer wissen will, wie es klingt, wenn der derzeitige Papst Härte und Schonungslosigkeit an den Tag legt, der braucht nur zu lesen, was Josef Ratzinger (damals noch nicht Papst) 2003 zu Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zu sagen hatte. Der SPIEGEL schrieb damals:

Mit Zustimmung des Papstes wütet Ratzinger in einer 15seitigen Philippika gegen Homosexualität im Allgemeinen („Anomalie“, „gegen das natürliche Sittengesetz“) und die Schwulen-Ehe im Besonderen. Homo-Lebensgemeinschaften, so der nach dem Papst mächtigste Kirchenfürst, seien „böse“ und „schwere Verirrungen“. […]

Doch zum Politikum wird Ratzingers Schrift nicht durch den kaum verhüllten Schwulenhass, sondern wegen der gar nicht verhüllten Order an Politiker: Jeder kirchentreue „Parlamentarier hat die sittliche Pflicht“, gegen Gesetze anzukämpfen, die homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichstellen. Ein Katholik, der solchen Gesetzen zustimme, helfe bei der „Legalisierung des Bösen“. [Hervorhebungen von mir.]

Die Original-Formulierung, die sich ausdrücklich an Politiker richtet, lautet:

Jene, die diese Toleranz gebrauchen, um bestimmte Rechte für zusammenlebende homosexuelle Personen einzufordern, müssen daran erinnert werden, dass die Toleranz des Bösen etwas ganz anderes ist als die Billigung oder Legalisierung des Bösen.

Der SPIEGEL bringt in dem Artikel auch einige „harte“ und „deutliche“ Zitate aus Ratzingers Erklärung, z.B. dieses, welches im derzeitigen Zusammenhang besonders bezeichnend ist:

„Das Einfügen von Kindern in homosexuelle Lebensgemeinschaften durch die Adoption bedeutet faktisch, diesen Kindern Gewalt anzutun.“

„Klare Weisungen“ gibt es für katholische Politiker

Ratzingers Erklärung zur Homosexualität enthält auch weitaus präzisere Instruktionen als sein Hirtenbrief, es gibt sogar einen eigenen Abschnitt mit dem Titel „IV. Verhaltensweisen der katholischen Politiker in Bezug auf Gesetzgebungen zu Gunsten homosexueller Lebensgemeinschaften“. Darin heißt es z.B.:

Wird der gesetzgebenden Versammlung zum ersten Mal ein Gesetzesentwurf zu Gunsten der rechtlichen Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften vorgelegt, hat der katholische Parlamentarier die sittliche Pflicht, klar und öffentlich seinen Widerspruch zu äußern und gegen den Gesetzesentwurf zu votieren. Die eigene Stimme einem für das Gemeinwohl der Gesellschaft so schädlichen Gesetzestext zu geben, ist eine schwerwiegend unsittliche Handlung.

Wenn ein Gesetz zu Gunsten homosexueller Lebensgemeinschaften schon in Kraft ist, muss der katholische Parlamentarier auf die ihm mögliche Art und Weise dagegen Einspruch erheben und seinen Widerstand öffentlich kundtun: Es handelt sich hier um die Pflicht, für die Wahrheit Zeugnis zu geben.

Es folgen detaillierte Hinweise, wie sich die katholischen Politiker bei unterschiedlich restriktiven Gesetzentwürfen zu verhalten haben.

Vor etwas über einem Jahr, nämlich Weihnachten 2008, legte Ratzinger als Papst noch mal nach:

Bei seinem Jahresrückblick 2008 vor der Kurie hat Benedikt XVI. gleichgeschlechtliche Beziehungen mit der Zerstörung der Umwelt verglichen, forderte eine „Ökologie des Menschen“ und bezeichnete Homosexualität als „Zerstörung von Gottes Werk“. [Nach WELT ONLINE.]

Man sieht: Der Papst kann durchaus deutliche Worte finden, wenn er denn will. In Bezug auf dem Missbrauchsskandal wollte er aber offenbar nicht.


„Wir sind Kirche“: Hirtenbrief darf kein Schlussstrich sein!

21. März 2010

Pressemitteilung der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche„:

Papstbrief an die Kirche Irlands

Wir sind Kirche: „Dies darf kein Schlussstrich sondern kann nur ein Anfang sein!“

Pressemitteilung München / Rom, 21. März 2010

Einige Aspekte zum Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. an die katholische Kirche Irlands

„Dies darf kein Schlussstrich sein, sondern kann höchstens der Anfang eines vermutlich Jahrzehnte dauernden Läuterungs- und Umkehrprozesses der römisch-katholischen Kirche sein“, erklärt Christian Weisner für die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche als erste Reaktion auf den am 20. März 2010 veröffentlichten Papstbrief an die katholische Kirche Irlands. ´

Bei aller Anerkennung, was Papst Benedikt gegen die sexualisierte Gewalt in unserer Kirche bereits getan und auch in diesem Brief an vielen Stellen einfühlsam und deutlich formuliert hat: ­

  • Es ist bedauerlich, dass er nicht kirchliche Strukturen sondern gesellschaftliche Tendenzen wie der „schnelllebige soziale Wandel“, „Weisen des Denkens und der Einschätzung säkularer Realitäten“ für „das verstörende Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ verantwortlich machen will.
  • Es ist ungeheuerlich, dass der Papst ein „falsches Lesen“ des II. Vatikanischen Konzils und dessen „Programms der Erneuerung“ als Mitverursacher sieht. ­
  • Es ist widersprüchlich, dass die „Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus … zu favorisieren“ als ein Ursachenfaktor gesehen wird, der Papst am Ende des Hirtenbriefes die Priester aber erneut auf das traditionelle „reiche Verständnis des Mysteriums des Priestertums“ verweist.
  • Es ist fraglich, ob dieses an die irischen Bischöfe gerichtete Papstwort auch die Gläubigen und vor allem die vielen Tausend betroffenen Opfer in Irland zufrieden stellen wird, die vom Papst fordern, dass noch weitere irische Bischöfe zurücktreten müssen.
  • Es ist nicht ausreichend, als „konkrete Initiativen“ nur traditionelle spirituelle Wege, aber keine strukturellen Verbesserungen vorzuschlagen.

Die katholische Reformbewegung hält dagegen eine Neuausrichtung der kirchlichen Sexuallehre für unverzichtbar. Diese muss auch die Zölibatsfrage einschließen, die mittlerweile ja sogar schon von Bischöfen und Kardinälen gestellt wird. Selbst wenn es keinen simplen Kausalzusammenhang zwischen Zölibat und sexualisierter Gewalt gibt, so ist doch das Zölibatsgesetz sichtbarer Ausdruck der Sexual- und Frauenfeindlichkeit einer männerbündischen Kirche.

Die vom Papst seit einigen Jahren vor allem gegenüber den USA geforderte „Null-Toleranz-Politik“ wird nicht explizit erwähnt. Trotzdem sollten die deutschen Bischöfe bei der angekündigten und dringend notwendigen Überarbeitung ihrer Leitlinien die „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber Tätern praktizieren, die der Papst schon seit Jahren fordert. Nur durch konsequentes, allerdings nicht aktionistisches Handeln ohne Wenn und Aber kann der immense Glaubwürdigkeitsverlust der römisch-katholischen Kirche gestoppt werden. Jeder frühere und heutige Fall sexualisierter Gewalt muss jetzt penibel aufgeklärt werden, um der Gefahr des Pauschalverdachts gegenüber allen Priestern, Ordensleuten und kirchlichen Einrichtungen zu begegnen – und einen Neuanfang zu ermöglichen.

Angesichts der vielen Tausend Fälle vor allem in Irland und in den USA stellt sich die Frage, ob die am 13. März 2010 von der seit 2001 dafür zuständigen Glaubenskongregation veröffentlichte Zahl von 3.000 Beschuldigungen aus 50 Jahren glaubhaft ist. Die Glaubenskongregation erweckt einen falschen Eindruck, wenn sie von „nur“ 300 Fällen von Pädophilie „im eigentlichen Sinne“ (definitionsgemäß bis 14 Jahre) spricht, denn die weiteren 60 Prozent der Anzeigen „sexuellen Hingezogenseins zu Heranwachsenden desselben Geschlechts“ sind homosexuelle Kontakte zu Jugendlichen, die rechtlich wie moralisch genauso zu verurteilen sind. Gleiches gilt vermutlich für die restlichen 30 Prozent heterosexueller Kontakte.


Hirtenbrief des Papstes: Verbale Betroffenheit statt Ursachenanalyse kann Aufklärung nicht ersetzen

20. März 2010

Pressemitteilung des Ökumenisches Netzwerks Initiative Kirche von unten (IKvu) 

Hirtenbrief des Papstes: Verbale Betroffenheit statt Ursachenanalyse kann Aufklärung nicht ersetzen. 

20.03.2010. Frankfurt/Main 

Der Hirtenbrief an die irischen Bischöfe bleibt bei verbaler Betroffenheit stehen. Er ignoriert die Ergebnisse der irischen Murphy-Kommission und verweigert strukturelle Konsequenzen. 

Die römisch-katholische Kirche ist nicht nur in der Bundesrepublik in ihrer größten Krise seit „Humanae vitae“, der sog. „Pillenenzyklika“ 1968. Statt effektiver Krisenbewältigung bietet der Vatikan das Schauspiel einer sich autistisch abkapselnden Institution: Gefehlt haben in dieser Selbstwahrnehmung nur wenige, vom Zeitgeist verführte Einzeltäter. 

Dabei ignoriert der Papst, dass diese Verbrechen auch an die theologische Substanz gehen: Eine Kirche, die sich derart eklatant von ihren Wurzeln entfernt, verliert massiv ihre Glaubwürdigkeit. 

Gerade der Hirtenbrief an die irischen Bischöfe hätte der deutschen Kirche den einzig sinnvollen Weg für Aufklärung zeigen können: Die Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission unter dem Vorsitz der Richterin Yvonne Murphy legte im November 2009 ausführlich die skandalösen Umstände „sexuellen Missbrauchs“ von 1975 bis 2004 offen. In der vergangenen Woche wurde auch in den Niederlanden eine solche Kommission eingesetzt. 

„Angesichts des Ausmaßes dieser Verbrechen den Blick auf die strukturellen Ursachen zu verweigern und sich auf der Einzeltäterthese auszuruhen, ist ein Skandal“, so Bernd Zielmann, Mitglied im IKvu-Leitungsteam. „Quälend langsam werden kleinste Schritte zugegeben, die für jeden vernünftigen Menschen selbstverständlich sind – das ruiniert das Ansehen der Kirche radikal.“ 

Gerade Papst Benedikt selbst ist einer der Architekten des Systems, das diese Verbrechen jahrzehntelang begünstigt und vertuscht hat: Er förderte gezielt militante sektiererische Gruppen wie „Opus Dei“, „Legionäre Christi“ und die „Piusbruderschaft“, um eine offene, basisorientierte und ökumenische Kirche zu verhindern. In diesem Dunstkreis gedeihen elitäre Allmachtsphantasien von einer unangreifbaren Kirche, deren Kleriker vor jedem Zugriff geschützt werden müssen. Aufklärung bedeutet jedoch auch, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. 

„Wir brauchen externe Aufklärung – niemand, der bei Verstand ist, macht einen Bock zum Gärtner, warum sollte das ausgerechnet in der Kirche nach jahrezehntelangen Rechtsbrüchen plötzlich funktionieren?“, so Bernd Hans Göhrig, IKvu-Bundesgeschäftsführer. „Notwendig ist ein demokratisches Leitbild von Kirche mit Gewaltenteilung, Transparenz und Partizipation – das wäre die wirksamste Präventivmaßnahme.“


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