Beethoven im Bundestag

2. Dezember 2010

Was mich an Richard Dawkins‘ Der Gotteswahn (2006) immer wieder fasziniert, ist der Umstand, dass Dawkins tatsächlich viele bekannte und immer wieder vorgebrachte christliche Argumente entkräftet. Was mich an Dawkins‘ Gegnern fasziniert, ist der Umstand, dass sie dieselben Argumente immer weiter benutzen, als ob nichts gewesen wäre. Und oft auch noch so tun, als ob Dawkins auf diese Argumente nicht einginge. Selbst bei sogenannten „Entgegnungen“ auf den Gotteswahn stellt man oft fest, dass die Einwände darin schon berücksichtigt sind. (Beispiel: Robert Spaemann.)

Weshalb schreibe ich das?

Vor kurzem erhielten alle Bundestagsabgeordneten einen Brief der „Initiative Hilfe zum Leben Pforzheim e.V.“, in dem die Verfasser den Politikern „bei Ihrer Entscheidungsfindung helfen“ wollen, „damit Sie zu einem klaren Nein zur PID finden können.“ In einem Abschnitt heißt es:

Hätte es zu Zeiten Ludwig van Beethovens bereits PID oder eine Pränataldiagnostik gegeben, würden wir uns heute nicht an seiner schönen Musik freuen können, der er wäre entweder im Reagenzglas oder im Mutterleib getötet worden:

Der Vater hatte Syphilis, die Mutter TB. Sie hatten bereits vier Kinder. Davon war das erste blind, das zweite gestorben, das dritte taubstumm und das vierte wie die Mutter tuberkulös. Ludwig war das fünfte Kind dieser Eltern.

Wer den Gotteswahn gelesen oder als Audiobuch gehört hat, erinnert sich: Richard Dawkins hat dieser Argumentation einen eigenen Abschnitt gewidmet; er nennt sie den großen Beethoven-Trugschluss.

Ich hoffe, dass mir Dawkins, der Ullstein-Verlag und Übersetzer Sebastian Vogel es nicht übel nehmen, wenn ich aus diesem Anlass hier diesen Abschnitt (stark gekürzt) wiedergebe. Es ist offenbar nötig und zeigt gleichzeitig, dass Dawkins keineswegs nur „Strohmänner“ widerlegt, sondern konkret auf tatsächlich vorgebrachte, populäre christliche Argumente eingeht. Es zeigt außerdem beispielhaft, dass sich christliche Lobbyisten typischerweise wenig um die Wahrheit scheren. Im englischsprachigen Raum hat sich dafür die Bezeichnung „Lying for Jesus“ eingebürgert – Lügen für Jesus.

Es folgt der stark gekürzte Text aus „Der Gotteswahn“ (2007), S. 494-498:

Der große Beethoven-Trugschluss

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