Bischof Müllers Goebbels-Rede

13. Februar 2010

Bischof Müller aus Regensburg hat letzte Woche bei einem Gottesdienst aus aktuellem Anlass darauf hingewiesen, dass schon die Nazis – genauer gesagt, Obernazi Joseph Goebbels – einen Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Kindesmissbrauch hergestellt hätten. Womit er, ganz nebenbei, einen Zusammenhang herstellte zwischen der medialen Berichterstattung um die jüngst bekanntgewordenen Missbrauchsfälle und Nazi-Propaganda.

Allerdings behauptete Bischof Müller laut Predigtext, Goebbels habe diesen Zusammenhang „in seiner berühmt-berüchtigten Rede aus dem Jahr 1937 im Sportpalast“ hergestellt.

Nun ja, Müller weiß manchmal nicht, wovon er redet – er hat beispielsweise auch den Eindruck erweckt, Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke stellten in ihrem Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ Geistliche als Schwein dar oder Schmidt-Salomon würde Kindermord rechtfertigen.

Im vorliegenden Fall bezieht er sich offenbar auf eine Rede, die Goebbels am 28. Mai 1937 in der Berliner Deutschlandhalle gehalten hat. (Er sprach u.a. von „herdenmäßiger Unzucht“ beim Klerus.) Ein ZEIT-Artikel von 2002 liefert mehr Informationen dazu. Tatsächlich haben die Nationalsozialisten Fälle von sexuellem Missbrauch zur juristischen Verfolgung von katholischen Geistlichen benutzt (siehe Wikipedia [Update: In dieser Dissertation findet sich ab S. 61 ein ganzer Abschnitt zu den sog. „Sittlichkeitsprozessen“. Auch im SPIEGEL Archiv findet sich ein Artikel von 1971 darüber]).

Offen ist für mich noch, ob Goebbels in der Rede selbst einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Kindesmissbrauch hergestellt hat: Das ist der Eindruck, den Müller in seinem Predigttext erweckt. In dem ZEIT-Artikel ist allerdings nur die Rede davon, dass der Völkische Beobachter „erklärte, die Sexualdelikte seien ‚die naturnotwendigen Folgen eines widernatürlichen Systems'“. Da der ZEIT-Artikel allerdings – wie Müller – gerade auf die Parallelen zwischen damals und heute anspielt, wäre dort vermutlich erwähnt, wenn Goebbels selbst diesen Zusammenhang hergestellt hätte.

Es spricht m.E. auch nicht für Müller, dass er Goebbels Sportpalastrede auf 1937 datiert. Goebbels‘ Rede ist „berühmt-berüchtigt“ (Müllers Worte), weil er darin zum totalen Krieg aufgerufen hat. Der Zweite Weltkrieg begann aber erst September 1939. Aber aus katholischer Sicht wurde Goebbels‘ Rede von 1937 sicher als „totale Kriegserklärung“ gegen die Kirche aufgefasst.

Bleibt mir an dieser Stelle nur noch anzumerken, dass es Kirchenfeindlichkeit wie diese war, die Papst Pius XI. zweieinhalb Monaten zuvor zu seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ veranlasst hatte – und nicht Sorge um die Juden! So beginnt die Enzyklika denn auch mit den Worten:

Ehrwürdige Brüder! Gruß und Apostolischen Segen! Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reiche Gottes gebracht hat. [Hervorhebung von mir.]


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