Wie Kinderbibeln anstößige Texte „schönschreiben“

1. Februar 2010

Durch das „Anti-Ferkelbuch“ angeregt, habe ich meinen Deutschlandaufenthalt auch dazu genutzt, Kinderbibeln unter die Lupe zu nehmen. Die Bibel – insbesondere das Alte Testament – enthält ja zahlreiche Grausamkeiten (z.B. Vernichtung fast allen Lebens durch die Sintflut oder Gottes Befehl an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern). Wie wird in Kinderbibeln damit umgegangen?

Hier schon mal ein Beispiel von vielen: Es geht um das Buch „Die Bibel – Das Alte Testament: Für Kinder und Erwachsene neu erzählt“ von Sybil Gräfin Schönfeldt“.

Darin heißt es auf Seite 92 unten zum Auszug aus Ägypten:

Auch im Lande Gosen drängten die ägyptischen Nachbarn die Kinder Israels, das Land zu verlassen. Sie halfen ihnen beim Packen und gaben ihnen, was sie verlangten oder brauchten, denn sie sagten: „Wenn ihr nicht fortgeht, kommen wir alle noch um!“

Sie halfen ihnen beim Packen? Man muss hier den Eindruck gewinnen, der Abschied sei recht einvernehmlich erfolgt. Doch wie liest sich das im biblischen Text (2. Mose/Exodus 12, 33-36)?

In der katholischen Einheitsübersetzung heißt es:

33 Die Ägypter drängten das Volk, eiligst das Land zu verlassen, denn sie sagten: Sonst kommen wir noch alle um. […] 35 Die Israeliten taten, was Mose gesagt hatte. Sie erbaten von den Ägyptern Geräte aus Silber und Gold und auch Gewänder. 36 Der Herr ließ das Volk bei den Ägyptern Gunst finden, sodass sie auf ihre Bitte eingingen. Auf diese Weise plünderten sie die Ägypter aus.

Im evangelischen Luthertext von 1984 lautet die Stelle:

33 Und die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande; denn sie sprachen: Wir sind alle des Todes.

[…] 35 Und die Israeliten hatten getan, wie Mose gesagt hatte, und hatten sich von den Ägyptern silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen. 36 Dazu hatte der HERR dem Volk Gunst verschafft bei den Ägyptern, dass sie ihnen willfährig waren, und so nahmen sie es von den Ägyptern zur Beute.

Davon, dass die Ägypter den Israeliten beim Packen halfen – wie es sich Sybil Gräfin Schönfeldt zurechtfantasiert – ist schon mal gar nicht die Rede. Vielmehr wird deutlich, dass die Israeliten die Ägypter ausplündern, und dass es sich bei den übergebenen Gegenständen (Gold, Silber, Kleider) um Beute handelt.

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