Bundestagsrede: Der Papst pfeift auf dem letzten Loch

22. September 2011

In seiner Rede vor dem Bundestag hat der Papst eine „nur“ naturalistische Weltsicht kritisiert und den Eindruck erweckt, als ob eine solche Weltsicht, die ja immerhin vom Atom bis hin zum Universum, vom Urknall bis in ferne Zukunft, von den Naturgesetzen bis hin zur evolutionären Entwicklung von Selbstbewusstsein und Ethik reicht, ein eingeschränktes Weltbild sei, das offenbar der Ergänzung durch archaische Vorstellungen aus Bronzezeit und Mittelalter bedürfe.

Letztlich mahnte der Papst in seiner Rede eine Verantwortung vor Gott, Gerechtigkeit und und die Unterscheidung von Gut und Böse an. Leider machte er nicht deutlich, nach welchen Kriterien dabei geurteilt werden soll.

Damit sind Christen in keiner besseren Lage als Atheisten oder Humanisten: Wir alle müssen uns überlegen, welches eigentlich die Kriterien für unser Handeln, für die Unterscheidung von Gut und Böse sein sollen, und was „Gerechtigkeit“ bedeutet.

Nicht einmal der Begriff der Nächstenliebe kam in seiner Rede vor, wobei auch dieser offen lässt, was denn konkret Nächstenliebe sein soll (z.B. Sterbehilfe oder Leidensverlängerung).

Damit liefert der Papst lediglich Schlagworte („Verantwortung vor Gott“, „Gerechtigkeit“, „Gut und Böse“), aber keine Maßstäbe (Kriterien), wie man diesen Zielsetzungen näher kommt.

Mit anderen Worten: Der Papst hat zwar von Verantwortung, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Gut und Böse gesprochen, aber nicht den geringsten Hinweis gegeben, an welchen Kriterien sich diese Werte konkret festmachen sollen.

Das ist nichts anderes als eine Bankrotterklärung, denn offiziell behauptet die katholische Kirche ja durchaus – und schreibt dies im ihrem Katechismus auch bis ins Detail vor –, was „gut“ und was „böse“ (bzw. schlecht) ist.

Offenbar fehlen selbst dem Papst – der ja oft als großer Intellektueller bezeichnet wird – allgemein nachvollziehbare Argumente für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse (z.B. hat Ratzinger ja im Zusammenhang mit der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften von der „Legalisierung des Bösen“ gesprochen) und das Verständnis von „Gerechtigkeit“, wie es die katholische
Kirche lehrt. Um sich an „Verantwortung“ und „Gerechtigkeit“ erinnern zu lassen, hätte es der Rede des Papstes im Bundestag wohl kaum bedurft.

Da der Papst offenbar keine vernünftigen Argumente für seine Vorstellung von Gut und Böse hat, hat er sich darauf beschränkt, die naturalistische Weltsicht als unzureichend darzustellen – als ob die moderne Weltsicht eine Ergänzung durch einen dogmatischen, mittelalter- bis bronzezeitlichen Aberglauben bedürfe. Die Ökobewegung dürfte er gerade deshalb als Beispiel erwähnt haben, weil sie teilweise starke emotionale und irrationale Elemente enthält. Durchgesetzt haben dürften sich Umweltschutzbelange allerdings, weil sie auch vernünftig sind. Umweltschutz ist auf dem Vormarsch, der Katholizismus – zumindest in Europa – auf dem Rückzug.

Man kann nur für die Katholiken hoffen, dass das noch nicht alles war. Eine Erinnerung an Verantwortung und Gerechtigkeit hätten sie von mir für deutlich weniger als 30 Millionen Euro haben können.


Christliche „Rettungsfolter“?

7. August 2011

(Aus aktuellem Anlass.) Ein Leser machte mich auf folgenden Punkt aufmerksam:

2004 wurden der ehemalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner und Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit wegen Nötigung verurteilt, weil sie im Entführungsfall Jakob von Metzler dem Entführer, Magnus Gäfgen, angedroht haben sollen, ein „Spezialist“ würde ihm „Schmerzen, wie er sie noch nie erlebt habe“ zufügen. (Sie taten dies, um Gäfgen zur Preisgabe des Verstecks zu bewegen und das Leben des entführten Kindes zu retten, sog. „Rettungsfolter“.)

Die große Preisfrage ist nun: Unterscheidet sich das das strafbare Verhalten der Beamten von der Höllendrohung des Christentums?

Bisher würde ich antworten: Ja – das Christentum ist noch verwerflicher! Denn zum Einen wird schon kleinen Kindern mit der Hölle gedroht, zum anderen wird ihnen eingeredet, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Freunde, Eltern, Geschwister oder Verwandten in die Hölle kommen, wenn sie nicht an Jesus glauben. Die Drohung, dass einem geliebten Menschen Leid angetan wird, kennt man sonst eigentlich nur aus Filmen, in denen deutlich gemacht werden soll, dass der Schurke auch wirklich abgrundtief böse, ja teuflisch ist. (Obwohl es sicher auch im richtigen Leben vorkommt, nur, dass man es dort nicht so mitbekommt.)

Und dass es sich dabei nicht um wirkungslose Drohungen handelt erfährt man regelmäßig z.B. von Anrufern in der amerikanischen Sendung „The Atheist Experience“, deren Eltern oder Verwandte tatsächlich davon überzeugt sind, dass diese in die Hölle kommen, wenn sie nicht Jesus als ihren Herrn und Retter akzeptieren.

Wenn Folter und deren Androhung zu Recht strafbar sind – muss dann nicht die Verbreitung des Christentums – oder zumindest die Lehre von der Hölle – erst recht bestraft werden? Wie sieht es mit Religionslehrern aus – immer hin staatliche Beamte?

Hier der einschlägige Paragraf aus dem Strafgesetzbuch:

§ 240 Nötigung

(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter

1. eine andere Person zu einer sexuellen Handlung oder zur Eingehung der Ehe nötigt,

2. eine Schwangere zum Schwangerschaftsabbruch nötigt oder

3. seine Befugnisse oder seine Stellung als Amtsträger mißbraucht.

Was meint Ihr?


Papst schweigt monatelang über „Kondom-Erkenntnis“ – bis zum Erscheinen seines Buches!

21. November 2010

Das ging aber schnell! Bereits anderthalb Jahre nach seiner Bemerkung

„Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem“ (tagesschau.de)

scheint seiner Unfehlbarkeit, Papst Benedikt XVI., doch langsam zu schwanen, dass er sich mit solchen Aussagen zum Gespött der Welt macht. Vielleicht war das der Grund, dass sich der „Anwalt der Vernunft“ jetzt in dem Buch „Licht der Welt“ folgendermaßen äußerte:

Es mag berechtigte Einzelfälle geben, wenn etwa ein Prostituierter ein Kondom verwendet, und dies kann ein erster Schritt hin zu einer Moralisierung sein, ein erster Akt von Stück Verantwortung, um erneut das Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles erlaubt ist und man nicht alles tun kann, was man möchte.„Des sei aber nicht die „eigentliche Art, das Übel der HIV-Infektion zu besiegen. Notwendig ist eine Humanisierung der Sexualität“ [domradio]

Für den „intellektuellen Papst“, der Kondome erst als schädlich und jetzt „in berechtigten Einzelfällen“ (ob er mit seinem Beispiel eines männlichen Prostituierten auf praktizierende Katholiken abzielt, ist nicht ganz klar) die Verwendung von Kondomen als „ersten Schritt zu einer Moralisierung“ usw. bezeichnete, steht natürlich das Wohlergehen der Menschen im Allgemeinen und der Katholiken im Speziellen an erster Stelle. Sollte man meinen. Szenen wie die folgende – an die erst erst kürzlich die ehemalige Kommilitonin Joseph Ratzingers, Uta Ranke-Heinemann erinnerte – will man schließlich lieber heute als morgen beenden, oder nicht?

 [A]m 7. August 2004 sah ich im BBC-World-Fersehen eine junge Afrikanerin verzweifelt weinen. Sie hatte gerade erfahren, dass sie sich bei ihrem AIDS-kranken Mann infiziert hatte. Der Reporter fragt erschrocken, warum sie denn kein Kondom benutzt habe? „Ich habe solche Angst vor dem ewigen Höllenfeuer, vor dem unser Pfarrer uns gewarnt hat.“

Der BBC-Reporter fragte daraufhin den afrikanischen Pfarrer, ob es stimme, dass er die Ehefrauen HIV-infizierter Männer vor der Hölle gewarnt habe, wenn sie ein Kondom benutzen. Der Pfarrer sagte: „Ja, auch bei Ansteckung und Todesgefahr sind Kondome nicht erlaubt. Ehefrauen, die sich bei ihrem AIDS-kranken Ehemann angesteckt haben, das sind die Märtyrerinnen für den Glauben unseres Jahrtausends.“

Bei aller Banalität seiner Äußerung – sie scheint einem Zugeständnis zu ähneln, dass die Erde unter Umständen vielleicht doch nicht völlig flach sein könnte – konnte sich Benedikt denken, dass sie weltweit als „Überraschung“, „kleine Revolution“, „historische Wende“ oder gar „Dammbruch“ empfunden werden würde.

Was macht der Mann? Er wartet, bis ein Journalist daher kommt, um ihn in seiner Sommerresidenz zu interviewen. Während sich nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation täglich 7.400 Menschen mit dem HIV infizieren, wartet der Papst in aller Seelenruhe (!) monatelang ab, damit diese Sensation pünktlich zum Erscheinen seines Buches an die Öffentlichkeit gelangt.

Allein dafür gehörte der Papst abgesetzt und – Herr Wulff! – ausgeladen!

Benedikt kann ja gerne weiter mit der Geschwindigkeit einer Kontinentalplatte Vernunft und Humanität hinterherkriechen. Er sollte bloß nicht hoffen, dass jemand auf ihn wartet.


Geldwäscheverdacht: Vatikan überrascht?

22. September 2010

Es wird gemeldet, dass gegen den Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi, wegen des Verdachts auf Geldwäsche ermittelt wird. Der Vatikan gibt sich „verblüfft und überrascht„.

So überrascht wird man beim Vatikan aber wohl kaum sein, denn rein zufällig habe ich schon vor zwei Wochen aus gut unterrichteten Kreisen erfahren, dass Kurienkardinal Walter Kasper einen derartigen Skandal da bereits angekündigt hatte.

Grüße aus Cape Town, Südafrika – dem Land ohne Internet-Flatrates…


Appell an Bischofskonferenz: Zuhören ist gut – Handeln ist notwendig

21. Juni 2010

Heute und morgen (Mo+Di) tagt der ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz im Wäruburger Kloster Himmelspforten und berät dabei auch über die Überarbeitung der Leitlinien zum sexuellen Missbrauch. Aus diesem Anlass hier eine Pressemitteilung der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ und der Hinweis auf einen sehr lesenswerten Artikel aus der Südwestpresse: Schweigen in allen Sprachen: Opfer sexueller Gewalt in der Kirche stoßen oft noch immer auf eine Mauer von Unverständnis.

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Danke, IBKA!

14. April 2010

Noch einmal zur Anne-Will-Sendung: In ihr hatte Ruhrbischof Overbeck Homosexualität als Sünde und der Natur widersprechend bezeichnet – in Gegenwart der beiden bekennenden Homosexuellen Anne Will und Rosa von Praunheim.

Für diese Äußerung erhielt Bischof Overbeck Kritik quer durch das parteipolitische Spektrum.

Hierzu merkte der IBKA-Vorsitzende René Hartmann an: „Bischof Overbeck ist für seine herabsetzenden Äußerungen über Lesben und Schwule von Politikern zu Recht kritisiert worden. Diese Kritiker weigern sich aber zur Kenntnis zu nehmen, dass der Bischof lediglich die Grundsätze der katholischen Kirche dargelegt hat.“ Die Katholische Kirche werte gelebte Homosexualität in ihren Grundsatzdokumenten eindeutig als Sünde und könne sich dabei auf die Bibel berufen. Sinnvoller als eine folgenlose öffentliche Empörung über einzelne Kirchenvertreter seien konkrete Schritte zur Trennung von Staat und Kirche, erklärte Hartmann gemäß dem hpd.

Katechismus: Homosexualität „objektiv ungeordnet“

Anmerkung: Die folgenden Zitate stammen aus der aktuellen deutschen Übersetzung (2003) des lateinischen Katechismus von 1997. In der vorherigen Fassung fehlte die Aussage, Homosexualität sei „objektiv ungeordnet“. Leider findet sich auf der Vatikan-Website noch die ältere deutsche Übersetzung (1997), die die Änderungen der maßgeblichen lateinischen Ausgabe (ebenfalls 1997) noch nicht enthält.

In der Tat muss man angesichts einiger Äußerungen vermuten, dass die betreffenden Politikerinnen und Politiker sich gar nicht darüber im Klaren sind, dass die Katholische Kirche homosexuelle Neigungen als „objektiv ungeordnet“ beurteilt (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2358). Homosexuelle Handlungen „verstoßen gegen das natürliche Gesetz“, sind „in sich nicht in Ordnung“ und „auf keinen Fall zu billigen“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2357). „Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen.“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2359)

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Wir basteln uns einen Erlöser

11. Dezember 2009

Noch mal Marienverehrung: In der Katholischen Kirche gibt es Bestrebungen, die „Gottesmutter“ Maria auch zur „Miterlöserin“ zu erklären. Der Papst solle Maria als „geistliche Mutter der Menschheit; als Miterlöserin mit Jesus, dem Erlöser; als Mittlerin der Gnaden mit Jesus, dem einen Mittler, und als Fürsprecher mit Jesus Christus für die ganze Menschheit“ verkünden.

Schon unter Papst Johannes Paul II. hatten 42 Kardinäle und 500 Bischöfe über 5 Millionen Unterschriften dazu präsentiert, mittlerweise sollen es noch viel mehr sein. Für Kardinal Aponte Martinez ist der Titel “Miterlöserin” für Maria schon heute “sensus fidelium”. Mit „sensus fidelium“ ist der sog. „übernatürliche Glaubenssinn“ der Gesamtheit der Gläubigen (gemeint sind aber offensichtlich nur Katholiken) gemeint, mit dem – der katholischen Lehre zufolge – theologische Wahrheiten erkannt werden können, auch, wenn diese sich nicht aus der Bibel oder der offiziellen Überlieferung ableiten lassen. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu:

92 „Die Gesamtheit der Gläubigen … kann im Glauben nicht fehlgehen, und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie mittels des übernatürlichen Glaubenssinns des ganzen Volkes dann kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert“ […].

Es würde mich wundern, wenn die obigen Bestrebungen Erfolg hätten, ich will aber auf einen anderen Aspekt hinweisen:

Wenn es im 21. Jahrhundert möglich ist, dass 42 Kardinäle und 500 Bischöfe die Lehre von Maria als Miterlöserin etablieren wollen – ohne den geringsten Beleg aus der Bibel – dann kann man sich leicht vorstellen, dass auch die ersten Christen ihre Lehren ohne jeglichen Beleg etabliert haben.


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