Rheinischer Merkur: Bischöfe leisten Sterbehilfe

28. November 2010

Jahrzehnte währte das Siechtum (FAZ) des Patienten. Währenddessen hing er am Finanztropf der deutschen Bischöfe. Und der Militär- und Gefängnisseelsorge, die (wenigstens zeitweise) jeweils 12.000 Exemplare der Wochenzeitung für eine „gehobene und gebildete Leserschaft“ abnahmen und damit die Auflage stützten. Seinem Zwillingsbruder, dem Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, hatte die EKD schon vor zehn Jahren die lebenserhaltenden Maßnahmen abgestellt, und dessen untoter Wiedergänger Chrismon geistert seitdem als „absenderfinanzierte“ Beilage in Zeitungen wie der ZEIT, FAZ oder der Süddeutschen herum.

Bei der katholischen Kirche dauert alles immer etwas länger, aber jetzt steht das Schicksal als ZEIT-Beilage auch den sterblichen Überresten unseres Patienten bevor, denn im September entschieden die Bischöfe, dem Rheinischen Merkur, der „Wochenzeitung für Deutschland“ den Stecker raus zu ziehen. Offenbar stieß der schon flehentliche Untertitel der Zeitung „Weil Ihnen das Wesentliche wichtig ist“ dort auf taube Ohren.

Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Robert Zollitsch, schreibt in seinem Nachruf:

Es ist angebracht, zum Ende des Rheinischen Merkur als selbstständiger Zeitung Dank zu sagen. 64 Jahre – und davon die meiste Zeit in kirchlicher Trägerschaft – hat diese Zeitung auf höchstem journalistischem Niveau das Zeitgeschehen begleitet und darauf hingewirkt, dass in Deutschland die Lebensprinzipien des Christentums Eingang finden in die politischen Entscheidungen, dass unser Land sich also seiner christlichen Wurzeln bewusst bleibt. Beim Lebensschutz, in der Sozialpolitik, der Familienpolitik, der Bioforschung – das sind nur einige der großen Themen, in denen die Stimme des Rheinischen Merkur zu vernehmen war.

Freilich galt auch hier: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die „Stimme des Rheinischen Merkur“, von der Zollitsch spricht, war stets die Stimme der Kirche – nur eben nicht sofort als solche erkennbar. Das haben sich die Bischöfe Jahr für Jahr einige Millionen kosten lassen. Dass Zollitsch angesichts der nicht selten manipulativen Darstellung staatskirchlicher Verhältnisse im Merkur und angesichts der offensichtlichen finanziellen Abhängigkeit des Blattes von der Kirche von „höchstem journalistischen Niveau“ spricht, sagt mehr über Zollitschs Vorstellungen von Journalismus als über den Merkur.

Hier nur einige Beispiele aus den letzten zwölf Monaten:

  • Hans Michael Heinig, Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält im Merkur das Kruzifix-Urteil des EGMR für ein Fehlurteil.
  • Der Merkur veröffentlich Unsinn von Robert Spaemann zu Richard Dawkins‘ Buch „Der Gotteswahn“.
  • Merkur-Redakteur Wolfgang Thielmann schreibt von einer „Faustformel“, derzufolge sich jeder Kirchensteuer-Euro [für den Staat] verdreifache, reagiert aber nicht auf Anfrage, was damit gemeint sein soll oder wie er zu dieser Auffassung kommt.
  • Merkur-Redakteur Wolfgang Thielmann lobt im Merkur-Blog den „Mut“ seiner Geldgeber in der Mixa-Affäre.

Am Freitag erschien die letzte Ausgabe des Merkur. Sein Verschwinden wird vermutlich kaum jemandem auffallen. Und zu Gefängnisaufständen wird es wohl auch nicht kommen.


Der Rheinische Merkur interviewte einen Papst-Berater, und alles was sie kriegten war dieses lausige Argument

14. November 2009

Der Rheinische Merkur bringt diese Woche ein Interview mit dem Philosophen und Papst-Berater Robert Spaemann. Dabei geht es auch um das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins.

RM: Der Glaube an einen Schöpfergott ist also durchaus vereinbar mit der Evolutionstheorie?

Spaemann: Ein Gottesargument ist die Evolutionstheorie selbst. Wir glauben zu wissen, wie der Mensch im Laufe der Jahrmillionen entstanden ist. Dann taucht die Frage auf, wie es kommt, dass ein vollkommen bedingtes materielles Wesen in sich den Gedanken von Unbedingtheit, von Wahrheit und von dem in sich Guten hat. Ich denke an Maximilian Kolbe, der im KZ sein Leben opfert für einen Familienvater, der am Leben bleibt, weil Kolbe stellvertretend für ihn in den Tod geht. […] Die Evolutionsbiologen haben dafür keine Erklärung. Das ist ein Sprung. Eine plausible Erklärung gibt es nur dann dafür, wenn man einen Schöpfergott annimmt, der die ganze Evolution in Gang gesetzt hat.

Man fragt sich, ob Spaemann Dawkins tatsächlich gelesen hat. In „Der Gotteswahn“ geht Dawkins in den Kapiteln „Die Wurzeln der Religion“ und „Die Wurzeln der Moral: Warum sind wir gut?“ auf 90 Seiten darauf ein, wie Evolution, wie „das egoistische Gen“ – ein Begriff, den Dawkins selbst geprägt hat – altruistisches Verhalten hervorbringen kann.
 
Ich versuche es kürzer zu machen: Als hätter er Spaemanns Kolbe-Beispiel vorhergesehen, zeigt Dawkins zunächst anhand des „Selbstmords“ von Motten, die in offene Flammen fliegen, dass offensichtlich unvorteilhaftes Verhalten eine „Nebenwirkung“ ursprünglich nützlicher „Faustregeln“ sein kann. (Bei den Motten ist dies die Regel, immer im gleichen Winkel zu einer Lichtquelle zu fliegen. Über Jahrmillionen gab es nur den Mond und Sterne als Lichtquellen – die sind so weit weg, dass die Motte bei Anwendung dieser Regel geradeaus fliegt. Das Aufkommen von künstlichen Lichtquellen in „jüngerer“ Zeit führt dazu, dass die Motte bei Anwendung dieser Regel spiralförmig in die Lichtquelle fliegt.)
 
Als nächstes weist Dawkins darauf hin, dass das „egoistische“ Gen seinen Träger durchaus zu altruistischem, also uneigennützigem Verhalten programmieren kann. Er nennt das Beispiel, dass Eltern für ihre Kinder sorgen oder Verwandten einen Gefallen zu tun. Diese sind ja mit hoher wahrscheinlichkeit Träger derselben Gene.
 
Außer diesem „genetischen“ Grund für Altruismus nennt Dawkins noch vier weitere Gründe für selbstloses Verhalten. Es reicht hier aber, sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen über zigtausende von Jahren in relativ kleinen Gruppen zusammengelebt haben, und dass altruistisches Verhalten dabei aus genetischen oder sozialen Gründen vorteilhaft war. Der Umstand, dass Menschen heute in Städten leben, „wo sie nicht ihre Verwandten um sich haben und jeden Tag mit Personen zusammentreffen, die sie nie wieder sehen“, ist aus Sicht der Evolution erst vor so kurzer Zeitaufgetreten, dass die unbewussten „Faustregeln“ – sei gegenüber Deinen Mitmenschen selbstlos – immer noch wirken. So wie bei der Motte.
 
Es stimmt also nicht, wenn Spaemann behauptet, Evolutionsbiologen hätten keine Erklärung für Verhalten wie das von Pater Kolbe. Einmal mehr wird Richard Dawkins mit einem „Argument“ kritisiert, das er in „Der Gotteswahn“ bereits widerlegt hat.
 
Übrigens: Selbst, wenn es wahr wäre, dass es (noch) keine wissenschaftliche Erklärung für, nun ja, irgend etwas gäbe, so lässt sich daraus doch nie und nimmer der Schluss ziehen, Gott müsse dahinter stecken. Und selbst wenn – welcher Gott sollte das sein? Wotan? Zeus? – Spaemann präsentiert hier das Argument des „Lückenbüßer-Gottes“ („god of the gaps“) – viel Spaß damit! Rückzugsgefechte aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse sind vorprogrammiert.

Wie der Missbrauchsskandal hätte verlaufen können, wenn Journalisten ihren Job machen würden

4. Februar 2020

Zehn Jahre nach dem Missbrauchsskandal von 2010 ist klar, dass die deutschen Bischöfe nur auf öffentlichen Druck reagieren. Aber wo soll dieser Druck herkommen, wenn die deutschen Kirchenredaktionen von Theologen dominiert werden, sich immer wieder als inkompetent und unkritisch erweisen, und von der Kirche an der Nase herumgeführt werden?

Fall 1: Die rückdatierten „Cut & Paste“-Missbrauchsbestimmungen

Fall 2: Der Erzbischof, der nicht zuständig sein wollte

Die Kirchenredaktionen werden von Theologen dominiert

Beispiel 1: Missbrauchsstudie

Beispiel 2: Kirchensteuer-Urteil

Die Institutionalisierung des Dunning-Kruger-Effekts in den deutschen Medien

Kirchliche Kommunikation: suggestio falsi

Beispiel 3: Verwendung der Kirchensteuer

Beispiel 4: Jahresüberschuss

Beispiel 5: Jugendstudie

Offensichtlicher Unsinn wird nicht erkannt

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Missbrauch: Kirche täuscht weiter die Öffentlichkeit

30. Juli 2014

Diese Woche fand sich ein weiteres Paradebeispiel, wie die katholische Kirche beim Thema „Missbrauch“ weiter die Öffentlichkeit täuscht. Und ausgerechnet der Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bischöfe, Stephan Ackermann (Trier), ist dafür verantwortlich. Den Rest des Beitrags lesen »


Beethoven im Bundestag

2. Dezember 2010

Was mich an Richard Dawkins‘ Der Gotteswahn (2006) immer wieder fasziniert, ist der Umstand, dass Dawkins tatsächlich viele bekannte und immer wieder vorgebrachte christliche Argumente entkräftet. Was mich an Dawkins‘ Gegnern fasziniert, ist der Umstand, dass sie dieselben Argumente immer weiter benutzen, als ob nichts gewesen wäre. Und oft auch noch so tun, als ob Dawkins auf diese Argumente nicht einginge. Selbst bei sogenannten „Entgegnungen“ auf den Gotteswahn stellt man oft fest, dass die Einwände darin schon berücksichtigt sind. (Beispiel: Robert Spaemann.)

Weshalb schreibe ich das?

Vor kurzem erhielten alle Bundestagsabgeordneten einen Brief der „Initiative Hilfe zum Leben Pforzheim e.V.“, in dem die Verfasser den Politikern „bei Ihrer Entscheidungsfindung helfen“ wollen, „damit Sie zu einem klaren Nein zur PID finden können.“ In einem Abschnitt heißt es:

Hätte es zu Zeiten Ludwig van Beethovens bereits PID oder eine Pränataldiagnostik gegeben, würden wir uns heute nicht an seiner schönen Musik freuen können, der er wäre entweder im Reagenzglas oder im Mutterleib getötet worden:

Der Vater hatte Syphilis, die Mutter TB. Sie hatten bereits vier Kinder. Davon war das erste blind, das zweite gestorben, das dritte taubstumm und das vierte wie die Mutter tuberkulös. Ludwig war das fünfte Kind dieser Eltern.

Wer den Gotteswahn gelesen oder als Audiobuch gehört hat, erinnert sich: Richard Dawkins hat dieser Argumentation einen eigenen Abschnitt gewidmet; er nennt sie den großen Beethoven-Trugschluss.

Ich hoffe, dass mir Dawkins, der Ullstein-Verlag und Übersetzer Sebastian Vogel es nicht übel nehmen, wenn ich aus diesem Anlass hier diesen Abschnitt (stark gekürzt) wiedergebe. Es ist offenbar nötig und zeigt gleichzeitig, dass Dawkins keineswegs nur „Strohmänner“ widerlegt, sondern konkret auf tatsächlich vorgebrachte, populäre christliche Argumente eingeht. Es zeigt außerdem beispielhaft, dass sich christliche Lobbyisten typischerweise wenig um die Wahrheit scheren. Im englischsprachigen Raum hat sich dafür die Bezeichnung „Lying for Jesus“ eingebürgert – Lügen für Jesus.

Es folgt der stark gekürzte Text aus „Der Gotteswahn“ (2007), S. 494-498:

Der große Beethoven-Trugschluss

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Bischofsblatt-Blog: „Der Mut der Bischöfe wächst“

22. April 2010

7 Millionen Euro pro Jahr sollen die deutschen Bischöfe angeblich zur Erhaltung der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ ausgeben – man möchte ein „zitierfähiges“ Organ, das gesellschaftliche Multiplikatoren, sprich: Politiker, Führungskräfte usw. mit katholischen, oder doch wenigstens christlich-konservativen Standpunkten versorgt.  Früher (ob dies heute noch der Fall ist, weiß ich nicht) gingen auch 12.000 Abonnements an Kasernen und Gefängnisse. Dort waren die gesellschaftlichen Multiplikatoren zwar nicht so zahlreich, aber es stützte die Auflage (derzeit: ca. 65.000) doch spürbar. Eigentümer des Blattes sind Wikipedia zufolge mehrere Diözesen und die Deutsche Bischofskonferenz.

Die christliche Ausrichtung des Merkurs wird zwar nicht verheimlicht, ist allerdings auch nicht auf den ersten Blick auszumachen. Am ehesten fällt noch der Teil „Christ und Welt“ ins Auge, der früher auch im Titel geführt wurde: „Rheinischer Merkur – Christ und Welt“.

Das Ressort „Christ und Welt“ leitet evangelischerseits Werner Thielmann, den ich früher schon einmal erwähnt habe. Werner Thielmann bloggt auch auf merkur.de, und – welche Überraschung! –heute lobt er seine Geldgeber:

Missbrauch: Der Mut der Bischöfe wächst

Thielmann schreibt:

„Das Rücktrittsangebot des Augsburger Bischofs Walter Mixa zeigt wachsenden Mut der katholischen Bischöfe angesichts der Krise.“

Thielmann hält allerdings nicht Mixa für mutig, sondern Zollitsch und Marx:

„Beide, Zollitsch und Marx, waren zu einer Gratwanderung über ihre Zuständigkeiten hinaus bereit. Sie waren bereit, ihre persönliche Autorität aufs Spiel zu setzen. Keiner von ihnen hat die Möglichkeit, einen Kollegen im Bischofsamt zu disziplinieren. Um trotzdem handeln zu können, fand Zollitsch eine originelle, sehr katholische Möglichkeit.“

Damit spielt Thielmann auf die folgende Erklärung von Zollitsch und Marx an: Diese ließen verlauten, sie hätten mit Mixa

“überlegt, wie er in der derzeit schwierigen Situation im Bistum Augsburg zur Beruhigung beitragen und ob eine Zeit der geistlichen Einkehr und der räumlichen Distanz hilfreich sein könne, um eine Atmosphäre größerer Sachlichkeit bei den notwendigen und auch von ihm gewünschten Klärungen zu bewirken.”

Thielmann meint:

„Zollitsch und Marx waren entschlossen zu reden und damit die Richtung zu zeigen. Ein Zeichen, das Katholiken  Hoffnung machen kann.”

Nachdem Mixa am Freitag – nur gut eine Stunde, bevor Sonderermittler Knott auf einer Pressekonferenz seinen Zwischenbericht zu den Prügel- und Untreuevorwürfen gegen Mixa präsentierte – eingestanden hatte, dass er „die eine oder andere Watsch’n“ „natürlich“ nicht ausschließen könne und somit klar gemacht hatte, dass er einfach erst einmal alles abstreitet und nur zugibt, was sich ohnehin nicht mehr leugnen lässt, erklärte Zollitsch noch am Samstag, er habe mit Mixa vereinbart, dass dieser alles ihm Mögliche tun werde, um zu einer Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe beizutragen. Und, so Zollitsch, er sei sich sicher, dass Mixa dies auch tun werde.

Ich bezweifele zwar, dass Zollitsch wirklich an Mixas Aufklärungsbereitschaft glaubte. Aber Mut hat Zollitsch mit dieser Aussage nicht bewiesen. Vielmehr wird folgendes Problem deutlich:

Wenn – womit Werner Thielmann ja nicht ganz Unrecht hat – es tatsächlich Mut benötigt, damit ein Bischof – angesichts des inakzeptablen Verhaltens von Mixa – seinen „Mitbruder“ auch nur verklausuliert zu einer Auszeit auffordert, dann hat die Katholische Kirche ein Problem: Selbst in diesem offensichtlichen Fall darf nämlich das einzig Angebrachte – und in der Öffentlichkeit nahezu Unumstrittene, der Rücktritt – eigentlich nicht ausgesprochen werden.

Leute wie Mixa können sich darauf verlassen, dass ihre Mitbrüder und erst recht ihre Untergebenen, solange es irgendwie möglich ist, eben keine Rücktrittsforderungen stellen werden und sogar „Vertrauen“ bekunden werden (s.o.).

Und deshalb umso unbeirrter an ihrem Sessel kleben.


Kirchenrepräsentant als NDR-Redakteur

2. März 2010

In der Hoffnung, dass meine E-Mail nicht wieder (wie neulich) als private Diskussion mit Herrn oder Frau „Info“ beim NDR gemissdeutet wird, habe ich heute folgende E-Mail an info@ndr.de geschickt:

Kirchenrepräsentant als NDR-Redakteur

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich blogge auf atheismus.de, einer religions- und kirchenkritischen Website.

Gerade las ich im Hamburger Abendblatt, dass Uwe Michelsen, der Leiter der NDR-Fernsehredaktion „Religion und Kirche“ stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender wird.

Das Abendblatt meldet:

Mit Uwe Michelsen hat erstmals in der Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein Journalist den stellvertretenden Vorsitz im Rat der EKD übernommen. Der 61-jährige Hamburger leitet die NDR-Fernsehredaktion „Religion und Kirche“ und engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich. Ein „Laie“ ist er dennoch nicht: Michelsen ist ordinierter Pastor und war Referent in der Hamburger Bischofskanzlei, ehe er 1980 zum NDR wechselte.

[…] Zu seinen Aufgaben gehören die zeitweilige Leitung der Ratssitzungen und Repräsentationstermine. […]

[..] Arbeit und Ehrenamt hält er strikt getrennt. Für die EKD-Themen habe er sich beim NDR eine „absolute Totalabstinenz“ verordnet. […]

In der EKD-Synode (Kirchenparlament) hat Michelsen sechs Jahre lang den Umweltausschuss geleitet. Außerdem ist er Mitglied der nordelbischen Synode und leitet dort den Dienstrechtsausschuss. Viele Jahre war er stellvertretendes Mitglied der Kirchenleitung. Für die künftige Nordkirche mit Mecklenburg und Pommern ist er derzeit am Konzept einer gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit beteiligt. [… Hervorhebungen von mir.]

Von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarte ich eine unvoreingenommene Berichterstattung. Diese Unvoreingenommenheit sollte m.E. auch in der Besetzung leitender Positionen zum Ausdruck kommen.

Der Leiter der NDR-Redaktion „Religion und Kirche“ ist dem Artikel zufolge ein langjähriger Funktionär und Repräsentant der Evangelischen bzw. nordelbischen Kirche.

Dass er nicht unvoreingenommen ist, kommt schon darin zum Ausdruck, dass er sich zu EKD-Themen „absolute Totalabstinenz“ verordnet hat. Damit dürfte er sich dann auf die religiöse und weltanschauliche Konkurrenz konzentrieren, wo er dann allerdings ebenfalls nicht unvoreingenommen sein dürfte.

Ich gehe davon aus, dass der NDR den Anspruch hat, unvoreingenommen zu berichten und die Unvoreingenommenheit auch bei der Besetzung von leitenden Positionen berücksichtigt.

Ich erkenne durchaus an, dass natürlich auch die fachliche – nämlich theologische und journalistische – Kompetenz eine wichtige Rolle spielt. Aber angenommen, dass es mehrere geeignete Kandidaten gibt, erscheint mir ein aktiver hochrangiger Repräsentant einer Großkirche (stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender dürfte der zweithöchste Repräsentant der EKD sein) hinsichtlich der Unvoreingenommenheit die denkbar ungünstigste Besetzung.

Beim NDR sieht man das offenbar anders. Darf ich wissen, warum?

Da Ihre Antwort sicher auch für die Leserinnen und Leser meines Blogs interessant ist, würde ich sie gerne auch dort veröffentlichen. Zur Information meiner Leser werde ich auch diese Anfrage dort veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Krause
(ehem. NDR-Gebührenzahler und Komparse im NDR-Tatort „Hasard!“)

Update: Der Rheinische Merkur bringt heute einen Ausführlichen Artikel über Herrn Michelsen: Die evangelische Stimme des Papstes.


Nur 5 Prozent für soziale Zwecke

1. März 2010

Künftig wird man legitim argumentieren dürfen, dass von den Kirchensteuern nur etwa 5% direkt für soziale Zwecke ausgegeben werden.

Die „10 Prozent-Legende“

Einer der besten Finanzexperten der Katholischen Kirche, der ehem. Finanzdirektor des Erzbistums Köln und zeitweise Caritas-Direktor Norbert Feldhoff, hatte 1990 in der Kirchenzeitung des Erzbistums Köln erklärt:

„Vielfach geht man von falschen Tatsachen aus und operiert mit Scheinargumenten. So wird der Kirche immer wieder unterstellt, sie benötige die Kirchensteuer, um ihre umfangreiche Sozialarbeit zu finanzieren. Die Gegner der Kirchensteuer haben mit diesem Argument leichtes Spiel, weil es in der Tat nicht stimmt und meines Wissens auch noch nie von einem Kenner der Sache so vorgetragen worden ist. Wie wird die Sozialarbeit der Kirche tatsächlich finanziert, und welche Rolle spielt dabei die Kirchensteuer?

Die meisten Sozialeinrichtungen ‚verdienen‘ die Mittel, die sie benötigen, als Leistungsentgelte (beispielsweise über Pflegesätze), und die Finanzierung ist durch staatliche Kostenträger weithin gesetzlich geregelt. […] Kirchliche soziale Einrichtungen werden nach denselben Regeln finanziert wie die der Kommunen. Trotz der klaren gesetzlichen Bestimmungen muß allerdings auch hier in manchen Fällen das Bistum aus Kirchensteuermitteln helfen. Kaum eine Kapelle in diesen Sozialeinrichtungen wäre ohne Kirchensteuerzuschuß finanzierbar.“

Seit den neunziger Jahren versuchen Kirchenkritiker und Kritiker der Kirchensteuer abzuschätzen, welcher Anteil der Kirchensteuern für soziale Zwecke ausgegeben wird. Umgekehrt versuchen die Kirchen, diese Information so gut es geht zu verschleiern, da sie gerne – freilich ohne Nennung des geringen Anteils – auf ihr soziales Engagement verweisen und genau wissen, dass es genau dieser Irrtum (s.o.) ist, der viele Leute weiterhin ihre Kirchensteuer zahlen lässt.

So schrieb Gerhard Rampp vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg bereits vor Jahren:

Nur 8 % der Kirchensteuern kommen sozialen Zwecken zu. […] Die Daten wurden von kompetenten kirchlichen Stellen nicht bestritten, in den letzten Jahren sogar vielfach bestätigt, z.B. von WiSo (ZDF, 4.3.92), Monitor (ARD, 11.5.92 u. 24.2.94), dem Spiegel (10.1.94 u. 6.3.95), Focus (30.12.96) sowie innerkirchlich in der Kirchenfunksendung Die Kirche und die Kohle (BR III, 28.5.92), in Weltbild (11.1.91), in der Kirchenzeitung der Erzdiözese Köln (21.9.90) durch den Finanzdirektor und Generalvikar Feldhoff, in Doppelpunkt (ZDF, 29.4.93) durch den Paderborner Theologieprofessor Eicher, vom Kirchenfinanzexperten Peter Wingert in der Fernsehdokumentation Die Wohlfahrts-GmbH (ARD, 3.11.94), in der Dokumentation Die Kirche und ihr Geld vom Münchner Evangelischen Kirchentag vom 26.5.90 u.a. In den letzten Jahren vermieden die Kirchen offizielle Angaben, um das Thema aus der Diskussion zu bringen, doch alle Andeutungen ergaben übereinstimmend, dass der Ausgaben-Anteil für Soziales seit 1995 sogar noch gesunken ist (vgl. Panorama, 17.10.2002). [Hervorhebung von mir.]

In Anbetracht der großen Ungewissheit hielt ich bisher die „Hausnummer“ 10 Prozent für gerechtfertigt.

Neue Info: 5 Prozent

Nun schrieb Wolfgang Thielmann letzte Woche im Rheinischen Merkur*

Zwar werden nur etwa fünf Prozent der Kircheneinnahmen direkt für soziale Zwecke ausgegeben, besonders bei den Einrichtungen für Kinder. Doch das eigene Geld der Kirchen hilft, Mittel im Sozialstaat günstig und effizient einzusetzen. Eine Kirchengemeinde, die einen Kindergarten betreibt, steckt unendlich viel Planungsarbeit und Engagement in ihr Projekt, auch wenn zwei Drittel der Betriebskosten von der öffentlichen Hand aufgebracht werden. Jeder Kirchensteuer-Euro verdreifacht sich, sagt eine Faustformel. Kirchensteuern sind ein volkswirtschaftliches Sparprogramm. Caritas und Diakonie können ihre Einrichtungen günstiger führen als öffentliche Betreiber. Und sie können leichter Ehrenamtliche gewinnen. [Hervorhebung von mir.]

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Christliche Witzfiguren

15. Februar 2010

Die Kirche von England hat eine Erklärung verabschiedet, in der behauptet (nicht belegt!) wird, dass der Glaube an Gott – gemeint ist offensichtlich der „anglikanische“ Gott – und die Naturwissenschaften miteinander kompatibel seien. Die Erklärung richtet sich gegen atheistische Wissenschaftler wie Richard Dawkins, die – das wirft ihnen die Kirche vor – den Glauben als „plumpe Karikatur“ darstellen, der „blind und irrational sei“.

Der Vorwurf, Dawkins würde gegen „Strohmänner“ argumentieren – also Vorstellungen oder Argumente, die Christen heute gar nicht (mehr) so vertreten würden, scheint mir in der Tat einer der häufigsten Vorwürfe gegen Dawkins zu sein.

Aber wenn Dawkins tatsächlich nur gegen „Windmühlen“ ankämpft: Wie kommt es dann, dass – jedenfalls soweit ich das beurteilen kann – seine Gegner ihm immer gerade mit den Argumenten zu kommen scheinen, die er in seinem Buch „Der Gotteswahn“ bereits widerlegt hat? (Hier reicht es sogar aus zu sagen: besprochen hat.) Siehe z.B. Robert Spaemann und Manfred Lütz, bei denen ich schon vor einiger Zeit darauf hinwies, dass ihre exakte Argumentation in „Der Gotteswahn“ bereits behandelt wurde.

Wenn Dawkins‘ Darstellung des christlichen Standpunkts eine „plumpe Karikatur“ sein soll, sich seine Gegner aber gerade der von Dawkins besprochenen Argumente bedienen – dann muss es sich bei Dawkins‘ Kritikern offenbar um Witzfiguren handeln.

Ach so: Und da religiöser Glaube per Definition irrational ist – ansonsten würde man ihn nämlich nicht als Glaube bezeichnen (bei der Evolutions- oder Relativitätstheorie hingegen spricht man nicht von „Glauben“, bzw. tun das nur christliche Apologeten) – und sich die Church of England demgegenüber offensichtlich blind stellt, beweist sie mit ihrer Aktion nur, was sie bestreiten will.

Hinweis: Die Church of England hat hier und hier Hintergrundinformationen zu der Erklärung. Mir kam’s vor wie Geschwafel, aber wer will, kann sich’s ja durchlesen (auf Englisch).


Frag den Frosch!

13. November 2009

“Wer einen Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen.” Daran musste ich denken, als ich heute einen längeren Artikel im Rheinischen Merkur zum Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte las: „Kruzifix: Europa überhebt sich“.

Der Autor, Hans Michael Heinig, hält das Urteil für ein Fehlurteil. Herr Heinig ist allerdings auch der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Der Leser hat somit die Wahl, dem einstimmigen Urteil der sieben Straßburger Richter zu folgen, dem Bundesverfassungsgericht, das 1995 praktisch zu dem selben Urteil gekommen ist – oder einem großkirchlichen Sprachrohr. Gut – wer den Rheinischen Merkur liest, wird möglicherweise letzterem den Vorzug geben. Aber im Ernst: Wer glaubt ernsthaft, vom Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD eine ausgewogene, unvoreingenommen Einschätzung zu erhalten?

Möglicherweise gilt beim („katholischen“) Rheinischen Merkur ein Protestant bereits als „Außenstehender“ und damit als unparteiisch. Erstaunlich ist allerdings, dass Herr Heinig selbst die Stellungnahmen seiner evangelischen Glaubensgeschwister in Italien ignoriert. Dem Adventistischen Pressedienst zufolge hat nämlich der Sprecher der Vereinigung Evangelischer Christen Italiens (FCEI) das Urteil ausdrücklich begrüßt, da es der Religionsfreiheit diene. Auch von den Lutheranern, Baptisten, Adventisten und Waldensern kam Zustimmung.

Die Anbringung von Kruzifixen in Schulen wird also in Italien offenbar nicht einmal von den christlichen Minderheiten als Symbol für Toleranz, Freiheit und Nächstenliebe gedeutet.


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