Intransparent und unwillig (ARD-Doku zu Kirchenfinanzen)

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Händeringender Heße. (Screenshot)

Das Erste brachte gestern eine hervorragende Dokumentation zu Kirchenfinanzen: Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche von Stefan Tiyavorabun, produziert vom SWR. Die sachliche, aber an Deutlichkeit nichts zu wünschen lassende Sendung dürfte zu einigen zusätzlichen Kirchenaustritten führen. Hier einige Highlights, meiner Meinung nach:

4:36: Sprecher: „[Wie hoch ist das Vermögen der Kirche?] Das höchste deutsche Gremium, die Bischofskonferenz, weiß keine Auskunft, und verweist auf 27 selbstständige Bistümer.

Das mitgliederstärkste und eines der reichsten, das Erzbistum Köln. An der Verwaltungsspitze: Prälat Stefan Heße.“

Frage: „Wie reich ist denn das Erzbistum?“

Heße: „Das haben wir ja in Teilen veröffentlicht. Und wir gehen jetzt einen nächsten Schritt weiter und werden dann Anfang 2015 einen Geschäftsbericht nach HGB-Richtlinien, also nach Handelsgesetzbuch, also nach ganz normalen Standards, veröffentlichen.“

Frage: „Können Sie mir denn sagen, ungefähr, wo Sie stehen, im Moment, was das Vermögen …“

Heße: „Kann ich Ihnen im Moment nicht sagen. Ich kann ihnen gefühlte Werte, aber die sage ich besser nicht.“

„Können Sie mir eine Hausnummer nennen?“

Heße, händeringend (siehe Screenshot oben): „Was soll ich Ihnen … [Pause] … als Hausnummer nennen?“

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Kardinal Marx (in Anspielung auf den Limburger Finanzskandal): „Wir alle haben gelitten!“ (Publikum: „Oooooch!“)

21:10: Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: „Ich überschaue das Vermögen des Erzbistums München und Freising nicht. Das kann ich nicht.“

Sprecher: „Ein Kardinal, der die Finanzen seines eigenen Erzbistums nicht kennt?“

Reporter zu Marx: „Geben Sie uns doch mal ’nen Anhaltspunkt! Eine Million? Eine Milliarde? Zehn Milliarden?“

Marx: „Es wäre völlig unsinnig, das zu tun, weil es auch ein – soweit ich das wahrnehme – eben ein differenziertes Vermögen ist. Alleine das, was die Pfarreien besitzen, die eigene Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind. Und deswegen auch nicht einfach ich als Bischof hinein regieren könnte. Oder die Ordensgemeinschaften, wo viele Leute meinen, das gehört ja auch zur Kirche. In gewisser Weise stimmt das auch, aber ich hab‘ natürlich gar keine Möglichkeit, dort einzugreifen.“

Sprecher: „Erklärungsversuche statt Klarheit.“

"Also, ich hab' jetzt nicht materiell gelitten ..."

„Also, ich hab‘ jetzt nicht materiell gelitten …“

24:58: Sprecher: „Über das Thema Geld will [Marx] aber nicht mit uns sprechen. Generalvikar Peter Beer soll Auskunft geben. Er führt die Geschäfte des Erzbistums, das auf eine 1200-jährige Geschichte zurückblickt. An einer Vermögensaufstellung arbeite man noch.“

Beer: „Im gegenwärtigen Moment könnte ich nur Bruchteile benennen, zuverlässig benennen. Das möchte ich jetzt nicht, weil das sehr großen Spielraum für Missverständnisse und auch Fehlinterpretationen öffnet.“

Sprecher: „Eine offizielle Zahl soll es übernächstes Jahr geben.“

Mein Fazit:

1. Wenn die Kirchenvertreter ständig erklären, sie wüssten selbst nicht, wie es um ihre Finanzen steht, sollen sie bitte auch nicht von „Transparenz“ sprechen!

2. Auch wenn die Bistümer kaum darum herum kommen werden, Bilanzen zu veröffentlichen: Es ist deutlich zu spüren, dass echte Transparenz nicht gewollt ist. Besonders absurd ist die Erklärung von Prälat Heße, er könne „im Moment“ nichts zum Vermögen seines Erzbistums sagen. Wenn das Erzbistum Anfang 2015 einen Geschäftsbericht (für 2014) vorlegen will, muss es spätestens zu Beginn dieses Jahres auf die doppelte Buchführung umgestellt haben und zum 1. Januar 2014 (oder früher) eine Eröffnungsbilanz erstellen. Daher ist es unglaubwürdig, dass Heße noch keine Hausnummer nennen können will.

Anmerkung: Bei der evangelischen Kirche ist es um die Finanztransparenz nicht besser bestellt, eher sogar schlechter. Die EKD präsentiert z.B. seit Jahren lediglich geschätzte Haushaltszahlen (und überhaupt keine zum Vermögen), die auf einer Erhebung von 2005 basieren:

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2 Antworten zu Intransparent und unwillig (ARD-Doku zu Kirchenfinanzen)

  1. Bernd Kammermeier sagt:

    Auch ich fand den Film in seiner sachlichen Ruhe sehr erhellend – und kirchenaustrittsbefördernd. Man sollte die Autoren mit einem Sonderpreis für unerwartete Mehreinnahmen deutscher Standesämter belohnen.

    War das nicht wunderbar, wie Wirtschaftsfachleute anhand bekannter Fakten durchaus zu „Hausnummern“ bzgl. des Kirchenvermögens kamen, während die Vertreter einer Institution, welche die absolute Wahrheit in ihren Reihen wähnt, keinen blassen Weihrauchdunst davon zu haben vorgaben? Ist es möglichweise so viel, dass selbst Dagobert Ducks Fantastillion nicht ausreicht, um es auszudrücken? Oder reichen die goldringbestückten Finger eines Bischofs nicht mehr aus, die Milliarden zu zählen?

    Beim Ermitteln des fulminanten Grundstückbesitzes der Kirchen kam mir ein gruseliger Gedanke: Ist das der Plan? Der ewige Plan zur Herrschaft Gottes? Nach und nach – klammheimlich – wird ein Stück Deutschlands nach dem anderen gekauft – bis sie ALLES besitzen! Und dann wird ein christlichen Gottesstaat errichtet! Dann muss nur noch im finalen Religionskrieg geklärt werden, ob Katholiken oder Protestanten die Oberhand gewinnen.

    Ich muss zugeben, es gibt verrücktere Verschwörungstheorien…

  2. Angelika Oetken sagt:

    So zu tun, als wisse man nicht recht Bescheid und bei Nachfrage emotional-aggressiv oder flappsig zu reagieren ist eine bekannte Taktik der für die Institution RKK Verantwortlichen. Wurde ja im Zuge der Aufklärung der Missbrauchskriminalität, die von Kirchenfunktionären begangen wurde all zu offenbar.

    Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: Mentalreservation.

    Übrigens bedingen sich beide kriminellen Varianten, Missbrauchs- und Wirtschaftskriminalität gegenseitig. Um Geldwäsche, Veruntreuung öffentlicher Mittel und Korruption im großen Stil zu betreiben, brauchen Sie das passende Personal. Und wer eignet sich besser als ein Haufen Pädokrimineller, die Sie für Ihre Institution schon in früher Kindheit identifizieren, heranziehen und in ein Netzwerk von Abhängigkeiten integrieren?

    Die Mehrzahl der Kleriker ist der Römisch Katholischen Kirche schon seit frühester Kindheit eng verbunden. Etliche haben auch die entsprechenden Schulen, Jugendorganisationen, Hochschulen und Priesterseminare besucht.

    Einige dieser Institutionen davon sind regelrechte Täternester.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    P.S. bei der weltanschaulichen Konkurrenz, allen Voran den Reformpädogogen und ihren Unterstützern läuft es ähnlich. Siehe „Odenwaldschule“

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