Trennung von Staat und Religion ist nicht neutral?

Der von mir sehr geschätzte Sven Speer vom Forum Offene Religionspolitik hat mich heute morgen mit einem Artikel überrascht, in dem er behauptet: „Eine Trennung von Staat und Religion ist nicht neutral“.

Updates:

Hier meine Entgegnung:

Lieber Sven Speer,

ich schätze Ihre Beiträge sonst sehr, aber bei ihrem Artikel „Eine Trennung von Staat und Religion ist nicht neutral“ bin ich der Meinung, dass Sie sich verrannt haben.

  1. Ihre Argumentation fällt weitgehend in sich zusammen, wenn man staatliche Neutralität nicht als „Trennung von Staat und Religion“ auffasst, sondern so bezeichnet, wie sie gemeint ist: nämlich als Trennung von Staat und Weltanschauung“. Damit ist der Staat vom Atheismus oder Anti-Theismus genauso getrennt wie von den Religionen.Ein Beispiel: In der Präambel des Grundgesetzes findet sich die Anrufung Gottes. Damit macht sich der Staat – in Anbetracht der Umstände – den christlichen Gott zu eigen, zumindest aber den Monotheismus. Eine neutrale Verfassung kommt ohne Gottesbezug aus und ist damit für alle Bürgerinnen und Bürger akzeptabel. (Auch, wenn etliche Religiöse jammern werden, dass Gott nicht erwähnt wird.) Der Staat wäre erst dann nicht mehr neutral, wenn die Präämbel etwa lauten würde: „Da es keinen Gott gibt, müssen wir Menschen unser Geschick selbst in die Hand nehmen.“ – Ich kenne niemanden, der so etwas fordert, und es wäre sicher nichts, was man als „neutral“ bezeichnen könnte.
  2. Staatliche Neutralität ist keineswegs gegen die Religionen gerichtet, sondern der weltanschaulichen Vielfalt gerade förderlich. So, wie z.B. beim Fußball ein neutraler Schiedsrichter dem Sport förderlicher ist als einer, der einer der beteiligten Mannschaften angehört. Der Staat als Heimstatt aller Bürgerinnen und Bürger ist aus demselben Grund zu weltanschaulicher Zurückhaltung verpflichtet, wie der Bundespräsident als Präsident aller Deutschen zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet ist. Niemand käme auf den Gedanken zu behaupten, die parteipolitische Neutralität des Bundespräsidenten benachteilige die Parteien, oder gar, der Bundespräsident betreibe damit die Sache der Nichtwähler.
  3. Das von Ihnen kritisierte Szenario ist schlichtweg absurd und nicht das, was mit staatlicher Neutralität gemeint ist: Sie schreiben

    [Ein religiöser] Staat schränkt die Freiheitsräume seiner Bürger ein, indem nur die religiöse Option (grundsätzlich oder abgesehen von der Privatheit) möglich ist. Das Gleiche ist jedoch der Fall, wenn der Staat sich strikt von Religion trennt und damit säkular wird.

    Ein weltanschaulich neutraler Staat gibt seinen Bürgern die Möglichkeit, sowohl die religiöse als auch die nichtreligiöse Option privat und öffentlich wahrzunehmen. (Zwar besteht für Nichtgläubige wenig Anlass, ihren Nichtglauben zu praktizieren – der Staat erlaubt es ihnen aber trotzdem.)

  4. Sie vermischen unzulässigerweise zwei Dinge: Die weltanschauliche Neutralität des Staates einerseits und die (vermeintlich beabsichtigte) Verdrängung religiösen Denkens aus der Gesellschaft andererseits. Dass der Staat nicht aktiv für oder gegen eine oder mehrere bestimmte Weltanschauungen Partei ergreift, hindert seine Bürgerinnen und Bürger nicht im Geringsten daran, ihren jeweiligen weltanschaulichen Gedanken nachzugehen und ihre Religionen auszuüben und zu verbreiten.
  5. Die einzigen konkreten Beispiele, die Sie nennen, sind Schulen und Krankenhäuser. Dort besteht – ebenso wie überall sonst – das Recht auf freie Religionsausübung. Fraglich ist allenfalls, ob mit staatlichen Geldern konfessionelle Einrichtungen finanziert werden sollten, in denen dann auch noch die Beschäftigten schlechter gestellt sind als in neutralen Einrichtungen. (Vermutlich sind solche konfessionellen Einrichtungen das, was Sie zuvor etwas nebulös mit „öffentliche Option“ gemeint haben.) Dies muss man nicht verneinen, man kann es aber mit guten Gründen. Während jeder das Recht darauf hat, in Schule und Krankenhaus seine Religion auszuüben und ggf. Seelsorge in Anspruch zu nehmen, ist nicht recht erkennbar, woraus ein Anspruch abzuleiten sein soll, Krankenhäuser oder Schulen nach Konfessionen abzuspalten und sich dies auch noch vom Staat bezahlen zu lassen. Um es ganz klar zu sagen: „Kein konfessionelles Krankenhaus“ und „keine konfessionelle Schule“ – zumal mit staatlichen Mitteln finanziert – stellen keine „Benachteiligung“ der jeweiligen Konfession dar. Ansonsten wären ja die Angehörigen der meisten Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen benachteiligt.
  6. Religionsfreiheit ist in erster Linie Minderheitenschutz. Religiöse Minderheiten betreiben in der Regel keine eigenen Schulen oder Krankenhäuser. Sie werden auch vom Staat und von der Politik praktisch nicht gefördert. Dennoch wird man im Großen und Ganzen kaum sagen können, dass in Deutschland religiöse Minderheiten ihre Religion nicht frei ausüben können oder ihr religiöses Denken vom Staat aus der Gesellschaft gedrängt würde. Das macht deutlich, dass es bei den Punkten, die Sie offenbar meinen – wie konfessionelle Schulen und Krankenhäuser – überhaupt nicht um Religionsfreiheit und Religionsausübung als solche geht. Vielmehr handelt es sich um weitergehende Ansprüche gegen den Staat, und, wenn solchen Ansprüchen nachgegeben wird, um eine Privilegierung – die übrigens dem Minderheitenschutzcharakter des Grundrechts auf Religionsfreiheit eher zuwider läuft. Noch einmal: Der neutrale Staat kann konfessionelle Einrichtungen ermöglichen, er muss es aber nicht. Die Nichtexistenz von konfessionellen Schulen, Krankenhäusern und Theologiefakultäten ist keine Benachteiligung.
  7. Kommen wir zum letzten Punkt, Ihrem Kriterium „Wie kann ein Staat neutral sein, in dem sich Religiöse an den Rand gedrängt sehen, Nichtreligiöse aber zufrieden mit der Ordnung sind?“ – Sie tun gerade so, als ob sich alle Religiösen auf einmal zufrieden stellen ließen. Die Zufriedenheit der Religionsanhänger wird aber unterschiedlich sein, je nachdem, wie sehr die staatlichen Regelungen den eigenen Bedürfnissen – die ja auch innerhalb einer Religion bzw. Konfession wieder unterschiedlich ausgelegt werden können – entgegenkommen. Je nachdem, ob der wöchentliche freie Tag auf den Freitag, den Samstag oder den Sonntag fällt, werden z.B. Muslime, Juden und Christen unterschiedlich zufrieden sein. Sollen Ehescheidung, Abtreibung und Homosexualität wieder verboten werden, um bestimmte religiöse Gruppen zufrieden zu stellen?Kurzum: Das Kriterium, ob Religiöse zufrieden sind, kann kein Kriterium für die Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Religion sein. Da sowieso nicht alle zufriedengestellt werden können, muss das Kriterium sein: Wie können wir das Zusammenleben möglichst fair und friedlich im Sinne Aller regeln?
  8. Damit sind wir bei dem Grundproblem, auf das Sie hinweisen: Wie können wir das Zusammenleben möglichst fair und friedlich im Sinne Aller regeln? Hier hat sich – nach jahrhundertelanger, blutiger Erfahrung – der Konsens durchgesetzt, dass ein weltanschaulich neutraler Staat das beste ist, was wir kennen – so, wie die Demokratie das beste ist, was wir kennen, auch, wenn sie ihre Schwächen hat. Diese Einsicht wird mittlerweile selbst im „religiösen Lager“ im Großen und Ganzen geteilt, und selbst kirchliche Lobbyisten stellen die weltanschauliche Neutralität des Staates nicht infrage – sie bestreiten lediglich, dass sie in Deutschland verletzt sei, oder „dehnen“ den Begriff, indem sie das Leitbild einer „hinkenden Trennung“, einer „wohlwollenden Neutralität“ oder eines „partnerschaftlichen Gegenübers“ beschwören. Sie sind der erste den ich kenne, der das Neutralitätsprinzip als solches infrage stellt. Dann sollten Sie allerdings konkreter sagen, wie Sie sich ein besseres Konzept vorstellen.
  9. Solange die Einwände gegen eine weitergehende Säkularisierung des Staates nicht von religiösen Minderheiten kommen, sondern – wie es meiner Wahrnehmung nach derzeit der Fall ist – ausschließlich von den privilegierten Großkirchen, solange besteht ein Bedarf nach mehr staatlicher Neutralität, nicht nach weniger! Es hat doch seinen Grund, dass das derzeitige Staat-Kirche-Verhältnis in Deutschland einerseits  als „hinkende Trennung“, andererseits von den beiden großen Kirchen immerfort als „bewährt“ bezeichnet wird.

Auch, wenn es einige Religiöse unzufrieden macht: Es stellt keine Benachteiligung dar, wenn überzogene religiöse Ansprüche vom Staat nicht erfüllt werden.

Nachtrag:

Thomas Buchholz schreibt es auf facebook noch besser, wie ich finde:

Auch nach Speers Definition von Neutralität dürfte ein religiös neutraler Staat Religionsgemeinschaften weder unterstützen noch behindern. In den USA und in vielen nordeuropäischen Ländern ist diese laizistische Neutralität eher verwirklicht als in der BRD – ganz ohne, dass religiöse Menschen unzufrieden damit wären – im Gegenteil. Nur weil Kirchenmänner heute behaupten, im Laizismus würden sie sich „an den Rand gedrängt“ fühlen, muss dies noch lange nicht der Fall sein. Außerdem ist ein mulmiges Gefühl kein Argument für irgendwas. Sonst könnten doch auch die 35 Prozent Konfessionsfreien in Deutschland plausibel argumentieren, dass sie im aktuellen System an den Rand gedrängt werden.

„Nichtreligion“ ist keine Weltanschauung, also kann der Staat sich ihr gegenüber auch nicht zu- oder abwenden. Der Staat könnte sich den organisierten säkularen Humanisten zuwenden, so wie er sich heute den Kirchen zuwendet, aber auch das würde gegen die Neutralität des Staates gehen. Ein laizistischer Staat, so wie ihn säkulare und religiöse Gruppen fordern, würde sowohl Religion als auch säkulare Philosophie zur reinen Privatsache erklären.

Für alle öffentlichen Institutionen müssen die gleichen Regeln gelten, was z.B. Aufnahme- und Anstellungskriterien angeht. Ansonsten werden von staatswegen Minderheiten diskriminiert. Dass Nicht-Christen nicht in komplett staatlich finanzierten Erziehungsanstalten in Krankenhäusern arbeiten dürfen, ist im 21. Jahrhundert ein Skandal. Ebenso, dass für Angestellte in diesen Betrieben nicht die normalen, staatlich zugesicherten Arbeitsrechte gelten, sondern ein Tendenzrecht, das sogar moralische Vorgaben für das Privatleben vorsieht.

Wenn ich dann lese, „Andersartigkeit“ sei zuzulassen und hinzunehmen, dann klingt das für mich angesichts der oben beschriebenen Missstände wie blanker, heuchlerischer Hohn. Ein weltanschaulich neutraler demokratischer Staat hat keine Meinung dazu, was Menschen glücklich macht oder welchen Wahrheitsgehalt Religionen haben. Er hat allein die Aufgabe, dass gleiche Rechte für alle gelten und dass niemand diskriminiert wird, auch nicht durch kirchliche Tendenzrechte.

Kirchliche Institutionen werden nicht verdrängt, nur weil sie nicht mehr massiv vom Staat subventioniert werden. Private Unternehmen können machen was sie wollen und auch weltanschauliche Treue von ihren Angestellten verlangen. Aber ein diskriminierender „Gesinnungstest“, so wie ihn öffentliche Institutionen mit kirchlichen Trägern fordern und massive Subventionierung solcher Institutionen durch alle Steuerzahler, widersprechen genau jenem Ideal von Freiheit, für das der Autor gerne eintreten möchte. (Mit freundlicher Genehmigung des Autors.)

14 Antworten zu Trennung von Staat und Religion ist nicht neutral?

  1. Muriel sagt:

    Ich glaube, ich kann nicht ganz zustimmen.
    Eine Verfassung, und mit ihr ein Staat, kann ja in der Tat nicht weltanschaulich neutral sein. Ich zum Beispiel wäre mit unserem Grundgesetz auch ganz ohne Gottesbezug fundamental uneinverstanden, weil ich kein Demokrat bin, sondern Anarchist.
    Wenn jemand nun einmal glaubt, dass sein Gott uns besser behandelt, wenn wir ihn in der Verfassung namentlich nennen, dann ist es aus Sicht dieses Menschen völlig sinnvoll, den Gott in die Verfassung aufzunehmen.
    Womit wir wieder beim Kernproblem wären: Wenn religiöse Menschen einsehen würden, dass ihre Religion Quatsch ist (was viele ja heimlich tun), dann ist alles in Ordnung. Aber je ernster sie sie nehmen, desto gefährlicher wird es, und dann ist es innerhalb ihrer Weltanschauung auch natürlich vernünftig, so zu handeln, als wäre diese Weltanschauung die richtige.
    Oder anders: Ich glaube, dass Wissenschaft eine gute, wenn nicht sogar die einzig sinnvolle Methode ist, etwas über die Welt zu lernen. Deswegen will ich, dass Schüler etwas über Wissenschaft lernen.
    Wenn ich glauben würde, dass Religion und Glaube tolle Methoden sind, etwas über die Welt zu lernen, und letzten Endes der einzige Weg zur Wahrheit, dann wäre es mir sehr wichtig, dass alle Kinder drüber etwas lernen, und die Forderung, dass staatliche Schulen ihre Inhalte an wissenschaftlichen statt an religiösen Erkenntnissen ausrichten sollen, wäre dann aus meiner Sicht falsch.
    Oder nicht?

    • Dieter sagt:

      Lieber Muriel,
      man sollte mal sein Gehirn einschalten, dann würde man selbst bemerken, dass „glauben“ und „wissen“ einen kleinen aber entscheidenden Unterschied beinhalten.
      Ich finde, Du „glaubst“ etwas zu viel. Daher vielleicht auch Deine Reflexion als Anarchist? (realitätsferner Utopist?)
      Ich persönlich wünsche mir eine Verfassung mit viel Wissen und möglichst wenig Glauben.
      Die Wahrheit ist letztlich eine Summe von beweisbarem Wissen und nicht von Vermutungen (Glauben).
      Und Vermutungen beherbergen stets viel mehr (beweisbare) Dummheit, als man denen Raum und Würde zubilligen sollte.
      Und „Vernunft“ ist auch nicht das Ernstnehmen seiner eigenen Dummheit. Die menschliche Vernunft als „evolutionäres Kulturprodukt“ war zum Glück nie weltanschauungsabhängig und ist somit sogar völlig glaubens- oder religionskonträr.

      • Muriel sagt:

        Ich kann ja kaum glauben, was du alles schon über mich weißt.
        Bin schwer beeindruckt.

      • Dieter sagt:

        Sorry, aber (alte Schule) jeder wird danach beurteilt, was er äußert, und nicht danach, was er womöglich gerne sein möchte.

      • Muriel sagt:

        Prima, so mach ich das auch.

      • Müller sagt:

        Gut bebrüllt. Darf ich noch einen kleinen Zusatz anfügen:
        Betrachtet man die Ergebnisse aus Religion seit 2000 Jahren.
        1.Unermesslicher Reichtum der der Religionsmacher, obwohl niemand von denen je eine produktive Leistung zum Fortschritt der Menschheit (Erfindungen, Patente etc., sogar ) bekannt sind lediglich Fortschrittsverhinderung wie bei Gallilei etc.erfolgt, zusätzlich durch kriminellen Einsatz aller verfügbaren unermesslichen Machtinstrumente.
        2. Überall dort wo Religion oder gar ein Gottesstaat vorhanden ist, herrscht niemals eine demokratische Lebensform vor. Vorhandensein von grausamsten Todesstrafen( öffentliche Verbrennungen der sog. Ketzer, Hexen wegen kleinster Vergehen gegen den Glauben (Glaubenwahn von Kindheit an durch Indoktrinierung verdummter Menschen, die Grundlage aller Macht der Religionsführer) oder es herrscht gar die Scharia geistesgestörter Volksverdummer vor.
        3. Wer wenig weiß, muss viel glauben, wer gar Nix weiß, muss Alles glauben, damit hat er die höchste Form eines Gläubigen erreicht er ist ein Schaf oder Lamm Gottes, das dümmste Tier auf unseren Planeten.
        4. Ich mache mir den Spass Sonntags zur Kirche zu fahren um mir am Eingang die Gesichter der Kirchgänger zu betrachten, sie sind geprägt von Dummheit und jahrelanger geistiger Trägheit.
        Deshalb sind 95% der Nobelpreisträger auch völlig ungläubig. (Einige tun nur gläubig wegen ihres jobs)
        Die Aufgabe des Staates ist deshalb eine absolute Trennung von Staat und Religion und deren Alimentierung von jährlich 4.3 Milliarden € (gemäß Frerk) sofort zu unterbinden. Fragen sie ihren Abgeordneten was er dafür tut.

  2. Vimar sagt:

    Hi Sky,

    hast du das Herrn Speer auch direkt geschickt?

  3. Vielen Dank für den Beitrag. Auf die Vorwürfe möchte ich im Folgenden kurz eingehen:

    1. Der Gottesbezug in der Präambel ist nicht Teil des Grundgesetzes und in meinen Augen ein historisches Zeugnis der Väter und Mütter des Grundgesetzes. Ob die Präambel eine nominatio dei enthält oder nicht, ist mir daher gleich. Wichtiger wäre mir da schon eine inklusive Nennung aller Traditionen, die das Grundgesetz aus innerer Überzeugung stützen. Aber das Fass mache ich erstens nicht auf und halte die Diskussion darum zweitens für übertrieben. Zumal sich durch eine derartige Reform nichts an der Realität für die Angehörigen religiöser und weltanschaulicher Minderheiten ändern würde.
    Was bleibt, wenn der Staat sich von Atheismus wie von Religion trennt? Eine säkular-szientistische Grundhaltung des Staates? Schon ist er nicht mehr neutral. Der Staat kann sich nicht selbst entleeren. Der Staat kann nicht neutral sein, ohne sich für die Vielfalt zu öffnen.

    2. Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt, der zum größten Teil Parteimitglieder angehören sowie von Persönlichkeiten, die von den Landtagsfraktionen benannt werden. Eine Entkopplung des Bundespräsidenten von unserer Parteiendemokratie sehe ich nicht. Im Übrigen ist auch jeder Abgeordnete nur seinem Gewissen verpflichtet, ohne dass für ihn dadurch die Zugehörigkeit zu einer politischen Familie neutralisiert würde.
    Der Schiedsrichter im Sport ist in der Tat keiner der beteiligten Mannschaften zugehörig. Wenn der Staat als Schiedsrichter aber säkular ist (siehe Punkt 1), hat er eine Schlagseite zur säkularen Mannschaft.

    3. Wenn die muslimische Lehrerin kein Kopftuch tragen darf, die katholische Ordensschwester nicht unterrichten darf, in kirchlichen Einrichtungen keine kirchlichen Werte gelebt werden dürfen, ist die religiöse Option benachteiligt.

    4. Siehe oben: Wenn der Staat neutral ist, darf er nicht einseitig säkular sein. Er muss offen sein für die religiös-weltanschauliche Vielfalt.

    5. Krankenhäuser und Schulen werden nicht nach Konfessionen abgespalten. Historisch betrachtet sind sie in der Regel aus religiösem Engagement heraus gewachsen. Heutzutage werden sie von bürgerschaftlichem Engagement getragen. Ich sehe keinen Grund dafür, dass der Staat dieses Engagement verdrängt. Er sollte vielmehr weitere Optionen fördern und Engagement aus weiteren Kreisen (bspw. der Humanisten) ermutigen und fördern.

    6. Religionsfreiheit ist Minderheitenschutz, in der Tat. Wir haben übrigens einen Punkt in der deutschen Geschichte erreicht, an dem es mehr Nichtreligiöse als Katholiken oder Protestanten gibt. Der Trend der Säkularisierung scheint sich fortzusetzen. In der Minderheit sind bereits jetzt in vielen Bundesländern die Religiösen. Diese Minderheiten sehe ich als ebenso schützenswert an wie nichtreligiöse Minderheiten in anderen Bundesländern.

    7. Es können sich nicht alle Religiösen auf einmal zufrieden stellen lassen. Daher ermöglicht eine Offene Religionspolitik den Menschen in einem Land, sich mit staatlicher Förderung in Institutionen zu engagieren, die ihrem eigenen Gewissen entsprechen. Es geht nicht darum, den Staat zu übernehmen, sondern ihn zu einem Hilfsmittel jedes einzelnen Bürgers zu machen.
    Niemand darf anderen Menschen vorschreiben, wie er zu leben hat. Das ist einer der zentralen Leitsätze der Offenen Religionspolitik immer gewesen. Scheidungen, Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüche unterliegen dem Gewissen des Einzelnen. Dies darf aber auch niemandem aufgezwungen werden. So darf kein Arzt gezwungen werden, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, wenn er diesen als Mord und schwere Sünde ansieht.

    8. Mein Credo ist der religiös-weltanschaulich neutrale Staat. Ich streite gegen einen säkularen Staat. Ich weise darauf hin, dass ein säkularer Staat nicht neutral ist. Wie der Staat neutraler sein kann, stelle ich mit der Offenen Religionspolitik in mittlerweile über 100 Beiträgen, einigen Veröffentlichungen und zahlreichen Vorträgen regelmäßig und transparent dar.

    9. Ich habe eine Liste von 24 Punkte aufgeführt, wie auch Nichtreligiöse von Offener Religionspolitik profitieren. Ich weise immer wieder darauf hin, dass es in Deutschland eine unzulässige Privilegierung der großen Kirchen gibt. Die Lösung sehe ich allerdings nicht in einer Privilegierung der Nichtreligiösen, sondern in staatlicher Neutralität.

    Schlusswort: Auch ich stimme nicht mit den Werten aller Religionen und Weltanschauungen überein – das wäre auch schlicht unmöglich. Ich toleriere aber die Andersartigkeit der anderen und gebe ihnen Raum in der Gesellschaft. Wer stattdessen Staat und Gesellschaft nur nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten will – weil er diese fälschlicherweise als neutral oder gar konsensual empfindet – geht einen anderen Weg.

  4. […] Religiösen aus der Gesellschaft gleich. Dass dies nicht der Fall ist, habe ich versucht, in meinem vorherigen Beitrag zu zeigen: Erst die Neutralität des (abstrakten) Staates ermöglich eine ungehinderte, […]

  5. Skydaddy sagt:

    Hallo Herr Speer, herzliche willkommen auf diesem Blog. Ich fühle mich geehrt durch Ihren Beitrag.

    Leider fehlt mir momentan die Zeit, auf Ihre obigen Punkte einzugehen. Ich habe gerade noch einmal in einem eigenen Post versucht, den Denkfehler, den Sie meiner Meinung nach machen, herauszuarbeiten.

    Ihre Liste mit den 24 Punkten ist hilfreich, um zu verstehen, was Sie mit offener Religionspolitik konkret meinen. Wir sind uns wohl dahingehend einig, dass niemand durch die religiösen Auffassungen anderer beeinträchtigt werden sollte (Homosexualität, Tanzverbot usw.), also beim SCHUTZ der Bürgerinnen und Bürger vor religiösen „Übergriffen“. Unterschiedliche Auffassungen scheinen lediglich dahingehend zu bestehen, inwieweit der Staat religiöse Ausdrucksformen zu FÖRDERN hat.

    Wenn man, wie Sie offenbar, der Auffassung ist, dass Religiosität zu fördern ist, stellt sich – mehr oder weniger analog zu Ihrer Neutralitätsauffassung – die Frage, ob die Förderung von religiösen Ausdrucksformen nicht die religiöse Indifferenten – die vermutlich schon die Mehrheit der Bevölkerung stellen – benachteiligt. Die Frage ist umso ernsthafter zu diskutieren, als von religiös Indifferenten mit Sicherheit keine gesellschaftlichen Konflikte ausgehen, jedenfalls nicht aufgrund der religiösen Indifferenz. Weshalb soll der Staat dann nichts für die religiös Indifferenten tun, und die potenziellen Troublemaker (und das ist keineswegs theoretisch gemeint, siehe die Ausschreitungen gegen Homosexuelle im nahen Ausland und aggressive Rhetorik im Inland von diversen Seiten) auch noch FÖRDERN?

    Was den Säkularismus angeht, so kann man natürlich wieder vortrefflich Wortklauberei betreiben. Der Umstand, dass der Säkularismus von kirchenkritischer Seite gefordert wird macht ihn aber ebensowenig kirchenfeindlich, wie die christliche Forderung nach Religionsfreiheit in anderen Ländern (wo die Christen in der Minderheit sind) Religionsfreiheit antireligiös macht. Natürlich sind des die Minderheiten (in Deutschland: die benachteiligten), die die staatliche Neutralität fordern. Das macht deren Forderungen nicht a-neutral.

    Ein säkularer Staat ergreift ebensowenig Partei wie die Naturwissenschaften Partei ergreifen: Auch gläubige Naturwissenschaftler forschen ohne die Arbeitshypothese „Gott“. Damit werden sie nicht areligiös. Auch gläubige Politiker argumentieren zumeist „säkular“, nicht mit der Bibel oder Dogmen. Wer ohne „Gott“ argumentiert – z.B. „Kinder brauchen Mutter und Vater“ – der argumentiert doch nicht religionsfeindlich. Ebensowenig ist ein säkularer Staat nicht neutral.

  6. Jordi sagt:

    Interessante Diskussion, die Gegenargumente von laizistischer Seite waren vorhersehbar und sind auch weitgehend bekannt, aber Speers einigermaßen origineller Beitrag bietet m.E. eine guten Einstieg zum Weiterdenken.

    Es liegt ja in der Logik eines laizistischen Ansatzes, Religion „zur reinen Privatsache“ zu erklären, wie es Buchholz ausdrückt. Die dieser Forderung zugrunde liegende Weltanschauung – wie sie sich in der religionskritischen Bloggersphäre ja tausendfach beobachten lässt – geht davon aus, dass Religion für die Gesellschaft keinerlei Mehrwert darstellt, auch (oder sogar gerade) nicht in der institutionalisierten kirchlichen Form, in der wir sie traditionellerweise kennen. Wenn man diese Prämisse bejaht, ist eine strikt laizistische Ausrichtung des Staates, die sich in der völligen Privatisierung nicht nur religiöser Anschauungen, sondern auch (und gerade) religiös-kirchlicher Institutionen manifestieren muss, die ganz logische und berechtigte Konsequenz.

    Zu beachten ist dreierlei: Zunächst einmal muss man dieser Prämisse – auch als Nichtgläubiger – nicht unbedingt zustimmen. Speer scheint zu denjenigen Nichtgläubigen zu gehören, die das nicht tun, sondern stattdessen eine positiv-wertschätzende Sicht auf Religion (auch in ihrer institutionalisiert-kirchlichen Form) vertreten.

    Zweitens muss man sich vor Augen halten, dass eine solche Sichtweise, die Religion als gesellschaftlich unproduktiven Spleen abtut, der niemandem nützt und darum nicht gefördert werden soll, keineswegs die Sichtweise der Verfasser jener deutschen Gesetze war, die hier von laizistischer Seite immer wieder sehr vehement kritisiert werden. Die Vorstellung, Religion und Kirche seien etwas, was nur den Einzelnen betrifft und für die Gesellschaft keinen Wert hat und keine Frucht bringt, lag dem deutschen Gesetzgeber völlig fern. Das lag vor allem daran, dass die große Masse der Bürger gleichzeitig auch Kirchenmitglieder waren und dies auch sein wollten (was übrigens nicht heißt, dass die Masse der westdeutschen Bürger in den 50er und 60er Jahren tatsächlich besonders religiös gewesen wäre, aber die Kirche gehörte eben dazu und die Menschen identifizierten sich damit).

    Drittens gehen die Vertreter der laizistischen Sicht auf Kirche und Religion implizit und explizit sehr häufig noch wesentlich weiter: Sie sehen in der Religion, und zwar auch in der christlichen Religion, wie sie in Deutschland vor der Einwanderung von „Gastarbeitern“ aus islamischen Ländern im West- und der Bekämpfung durch staatlich verordnete Weltanschauungskontrolle im Ostteil des Landes mehrheitlich praktiziert oder wenigstens als „normal“ und vor allem „gut“ bewertet wurde, nicht nur eine unbedeutende Einstellungssache, die den Staat nicht interessieren soll, sondern sie halten diese Einstellung sogar für schädlich, bewerten sie als „schlecht“. Dieses Werturteil, das den laizistischen Forderungen tendenziell sehr oft zugrunde liegt und ja auch in den Kommentaren hier zum Ausdruck kommt, ist keineswegs „neutral“, da muss man Speer vollkommen recht geben.

    Es wäre vollkommen normal und legitim, einen strikt laizistischen Staat zu fordern und zu verwirklichen, wenn sich das gesellschaftliche Bewusstsein allgemein in diese Richtung gewandelt haben sollte. Wenn also heute die Mehrheit glaubt, die christlichen Kirchen und alle anderen Religionen seien an und für sich etwas, was der Gesellschaft und dem einzelnen Bürger keinen Vorteil bringt, ja geradezu schädlich für das Denken und Handeln der Menschen ist, wird diese religionspolitische Forderung auf Resonanz stoßen.

    Ich würde ich mit dem Stellenwert der Musik oder Kunst in der Gesellschaft vergleichen wollen. Warum finanziert der Staat Opernhäuser und Kultur überhaupt? Ich persönlich gehe nicht in die Oper und bin auch nicht musikalisch, sehe also keinen Nutzen in den Bayreuther Festspielen etc. Der Staat sollte sich aus der Musikszene heraushalten, es steht ja jedem frei, sich künstlerisch zu betätigen und sich sein zahlendes Publikum selbst zu suchen. Professionelle Musiker, aber auch viele einfach nur musikinteressierte Menschen, die Opernhäuser mit Sympathie betrachten, würden meiner Auffassung vehement und mit allen möglichen durchaus berechtigten Argumenten widersprechen. Wenn aber diese meine Einstellung zur Mehrheitsmeinung in der Bundesrepublik würde und politische Entscheidungsträger diese kritische Sicht auf das musikalische Establishment zum willkommenen Anlass für Einsparungen nähmen und entsprechend propagierten, dann würde die Musikförderung irgendwann unter dem Applaus der musikkritischen Blogger eingestellt. Umso mehr, wenn immer mehr Leute meinen, Musik – zumal klassische Musik oder Oper – sei ein nutzloses Hobby, das im Übrigen schädlich für das rationale Denken ist und die Leute von der produktiven Arbeit abhält. Ob diese Maßnahme der „Neutralität“ des Staates nütz, sei mal dahingestellt🙂

  7. Iggy sagt:

    Zitat Sven Speer: Der Schiedsrichter im Sport ist in der Tat keiner der beteiligten Mannschaften zugehörig. Wenn der Staat als Schiedsrichter aber säkular ist (siehe Punkt 1), hat er eine Schlagseite zur säkularen Mannschaft.

    Hallo Herr Speer,

    genau damit bestätigen Sie religiöse „Denkmuster“ – wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Daher würde auch ich von einem religiösen Schiedsrichter die von Ihnen erwähnte Schlagseite erwarten.

    Sie verwechseln allerdings Säkularität mit Religionsgegnerschaft.
    Ich nehme Ihnen allerdings nicht ab, dass Sie das nicht intellektuell reflektieren können. Sie diskreditieren damit Nichtreligiösität, indem Sie ihr automatisch die Intoleranz religöser Sichtweisen andichten. Zweifelsohne gibt es in der Gruppe der Nichtreligiösen auch ausgemachte Religionsgegner, von denen man das von Ihnen prognostizierte Verhalten erwarten dürfte. Die Mehrheit der Nichtreligiösen ist allerdings nicht so. Sie stößt sich aber regelmäßig an religiösen Privilegien + den vielfältigen Eingriffsversuchen der Religionsgemeinschaften in ihr Leben.

    In Wahrheit geht es Ihnen darum, die privilegierte Stellung der Religionen, die Sie m. E. alibitechnisch-, behutsam kritisieren, weiter zu festigen + zu erhalten, indem Sie staatliche Neutralität scheinlogisch ad absurdum argumentieren.

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