Die Lukas-Schule IST fundamentalistisch!

Nach offizieller Auskunft ist der „gemeinsame Nenner“ der Lehrkräfte an der Münchener Lukas-Schule die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz von 1846. Diese beinhaltet u.a. die „völlige Zuverlässigkeit und höchste Autorität“ der Bibel, die „völlige Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen“, das „Endgericht“ und die „Erwartung der persönlichen, sichtbaren Wiederkunft des Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit“. Pluralismus sieht man an der Lukas-Schule kritisch. Ein Schulvorstand bezeichnet die Evolutionstheorie als „wissenschaftlich nicht haltbar“.

Absolute Bibelgläubigkeit

In einer Stellungnahme schreibt Schulvorstand Dr. Ingo Resch:

Es stimmt, dass bei mehr als 50 Lehrkräften, unterschiedliche Intensitäten des Glaubens bestehen. Dies ist auch gut so, denn hier arbeiten Menschen zusammen, die aus den verschiedenen Glaubensbekenntnissen stammen, überwiegend aus dem evangelischen Bereich, aber auch aus der katholischen oder griechisch orthodoxen Kirche stammen. […] Die Stärke der Schule liegt zweifelsohne darin, dass Lehrkräfte aus den verschiedenen Glaubensrichtungen konstruktiv zusammenarbeiten. Es darf in der Schule nicht für eine bestimmte Glaubensrichtung oder Bekenntnis geworben werden. Besonderheiten der Glaubensausrichtung (z.B. ob Erwachsene oder Kinder getauft werden usw.) sind nicht Inhalt der Vermittlung. Als gemeinsamer Nenner gilt das Glaubensbekenntnis der Evangelischen Allianz.

Meines Erachtens stellt dies einmal mehr eine Irreführung der Öffentlichkeit dar. Mit dem letzten zitierten Satz soll offenbar der Eindruck erweckt werden, die Schule bewege sich in dem Rahmen, den man von der EKD und der Evangelischen Landeskirche kennt. Die Evangelische Allianz ist aber eine evangelikale Organisation, und die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz um die es hier geht, zeichnet sich durch eine Absolutsetzung der Bibel aus (Hervorhebungen von mir):

Wir bekennen uns

  • zur Allmacht und Gnade Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in Schöpfung, Offenbarung, Erlösung, Endgericht und Vollendung;
  • zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung;
  • zur völligen Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen;
  • zum stellvertretenden Opfer des menschgewordenen Gottessohnes als einziger und allgenugsamer Grundlage der Erlösung von der Schuld und Macht der Sünde und ihren Folgen;
  • zur Rechtfertigung des Sünders allein durch die Gnade Gottes aufgrund des Glaubens an Jesus Christus, der gekreuzigt wurde und von den Toten auferstanden ist;
  • zum Werk des Heiligen Geistes, welcher Bekehrung und Wiedergeburt des Menschen bewirkt, im Gläubigen wohnt und ihn zur Heiligung befähigt;
  • zum Priestertum aller Gläubigen, die die weltweite Gemeinde bilden, den Leib, dessen Haupt Christus ist, und die durch seinen Befehl zur Verkündigung des Evangeliums in aller Welt verpflichtet ist;
  • zur Erwartung der persönlichen, sichtbaren Wiederkunft des Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit; zum Fortleben der von Gott gegebenen Personalität des Menschen; zur Auferstehung des Leibes zum Gericht und zum ewigen Leben der Erlösten in Herrlichkeit.

Diese Glaubensbasis ist von 1846 undstammt damit noch aus einer Zeit, als man die Evolutionstheorie noch nicht kannte. In dem Dokument „Pädagogisches Konzept und Glaubensbasis der Lukas-Schule in München“ (wiedergegeben in Bohne, Jürgen: Evangelische Schulen im Neuaufbruch: Schulgründungen in Bayern, Sachsen und Thüringen 1989 – 1994, ab S. 230, Zitat S. 237) heißt es (Hervorhebungen von mir):

Ausschließliche Glaubensbasis der Lukas-Schule München sind die Aussagen der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes. Die Mitglieder und die Lehrer der Trägergemeinschaft sehen dies als alleinigen Maßstab für ihr Leben und für ihre Mitarbeit an der Lukas-Schule an. Insbesondere bekennen wir mit dem Wortlaut der Basis der evangelischen Allianz von 1846:

a) Die göttliche Inspiration, Autorität und Allgenugsamkeit der Heiligen Schriften.

b) Das Recht und die Pflicht einer persönlichen Urteils … in der Auslegung der Heiligen Schriften.

c) Die Einheit der Gottheit und in ihr die Dreiheit der Personen.

d) Die völlige Verderbtheit der menschlichen Natur infolge des Sündenfalls.

e) Die Menschwerdung des Sohnes Gottes, sein Versöhnungswerk für den sündigen Menschen, sein Mittleramt als Fürsprecher und seine Königsherrschaft.

f) Die Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben.

g) Das Werk des Heiligen Geistes in der Bekehrung und Heiligung des Sünders.

h) Die Unsterblichkeit der Seele, die Auferstehung des Leibes, das Weltgericht durch unseren Herrn Jesus Christus mit der ewigen Seligkeit der Gerechten und der ewigen Verdammnis der Bösen.

i) Die göttliche Einsetzung des christlichen Predigtamtes und die Verbindichkeit und Beständigkeit der Anordnung von Taufe und Abendmahl.

Zu Beginn seiner Stellungnahme beklagt Dr. Resch:

In dem Artikel wird die Schule als fundamentalistisch, kreationistisch und angsteinflößend beschrieben.

Nun, wer sich zur Glaubensbasis der Evangelischen Allianz von 1846 und zur völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität der Bibel bekennt, der ist nun mal ein Fundamentalist. (Vgl. auch die Wikipedia-Definition von „Fundamentalismus“.)

Und wer Kindern (Grundschülern!) beibringt, dass die menschliche Natur von „völliger Verderbtheit“ sei, dass die „völlige Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen“ ihn „Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen“; wer lehrt, dass es ein „Endgericht“ mit „ewiger Verdammnis der Bösen“ gibt, dem man nur durch den Glauben an Jesus Christus entgehen kann – der darf sich nicht wundern, wenn dies – völlig zu Recht! – als „furchteinflößend“ bezeichnet wird. Und dazu braucht man noch nicht einmal irgendwelche Berichte von Eltern oder Schülern, dazu genügt die Selbstdarstellung der Lukas-Schule. (Man beachte auch, dass nach dem obigen Verständnis die „Bösen“ diejenigen sind, die nicht den „Glauben an Jesus Christus“ angenommen haben – ein Konzept, das ein freiheitlich-demokratischer Staat eigentlich nicht mit Hunderttausenden Euro pro Jahr fördern sollte.)

Augenwischerei: „Vielfalt“ im Fundamentalismus

Dr. Reschs Ausführungen, dass die Lehrkräfte „aus den verschiedenen Glaubensbekenntnissen stammen“ und dass „nicht für eine bestimmte Glaubensrichtung oder Bekenntnis geworben werden“ dürfe, sind Augenwischerei, weil er sich offenbar auf unterschiedliche Auffassungen innerhalb der oben beschriebenen Glaubensbasis bezieht, wie die Frage „ob Erwachsene oder Kinder getauft werden usw.“ (Wie die Existenz dieser unterschiedlichen Auffassungen mit der behaupteten absoluten Zuverlässigkeit der Bibel „in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ vereinbar sein soll, weiß wohl nur Dr. Resch.) Dr. Resch tut aber so, als ob die von ihm beschriebene „Vielfalt“ den Vorwurf des Fundaementalismus entkräften würde.

Tatsächlich macht das „Pädagogische Konzept“ der Lukas-Schule deutlich, dass Vielfalt („Pluralität“) dort vor allem negativ wahrgenommen wird. Darin heißt es nämlich:

Die Lukas-Schule ist der Ansicht, daß eine öffentliche Schule in einer pluralistischen Gesellschaft bei allem guten Willen christliche Erziehung auf der Grundlage eines an der Bibel orientierten Menschenbildes praktisch nicht verwirklichen kann.

Gründe hierfür sind:

  • Pluralität der Lehrer: „Wo für den Lehrer selbst der Glaube keine lebensbewegende Kraft ist, sind alle äußeren Bemühungen vergebliche Liebesmüh“ (1).
  • Pluralität der Erzieherin der Familie und allen anderen Bereichen (z. B. Jugendgruppen).
  • Religiöse Gleichgültigkeit in weiten Bereichen des öffentlichen Lebens: „Religion ist Privatsache!“
  • Ein oft wenig überzeugender, orientierungsloser Religionsunterricht und eine als lebensfern empfundene Kirche. Ein verbreitetes Gottesbild, das hinter der biblischen Botschaft weit zurückbleibt.

Schulvorstand: Darwins Überlegungen „wissenschaftlich nicht haltbar“

Dr. Resch scheint auch zu beanstanden, dass seine Schule als „kreationistisch“ beschrieben wird. In einem offenen Brief – ebenfalls von Dr. Resch mitunterzeichnet – schreiben Schulleitung und Schulvorstand:

Unsere Schule steht vorbehaltlos für die Einhaltung der staatlichen Lehrpläne, auch im Fach Biologie – Wissenschaftsfeindlichkeit und Einschränkungen der Meinungsfreiheit sind uns fremd.

Damit will man wohl Befürchtungen entgegentreten, die Schule vermittele ein wissenschaftsfeindliches oder gar kreationistisches Weltbild – wie es für Evangelikale übrigens keineswegs untypisch ist! Tatsächlich handelt es sich aber lediglich um eine wachsweiche Formulierung, die bloß ein förmliches Bekenntnis zu den staatlichen Lehrplänen beinhaltet. Eine konkrete Absage an den Kreationismus sucht man vergeblich. In seiner Stellungnahme schreibt Dr. Resch:

In der Schule werden keine Lehren vertreten, die unter dem Begriff des sogenannten Kreationismus bekannt sind.

Derart sperrige Formulierungen sind kennzeichnend für „Nicht-Dementis“ (Non-Denial-Denials) in denen der Verfasser sich um eine klare Absage drückt. 2001 veröffentlichte das Evangelische Sonntagsblatt für Bayern einen Artikel von Dr. Resch, unter dem er ausdrücklich als „Mitbegründer und Vorstandsmitglied der evangelischen Lukas-Schule in München“ bezeichnet wird. Darin schreibt Resch (Hervorhebung von mir):

Anfangs war es für mich schwer, von alteingesessenen Denkgewohnheiten Abschied zu nehmen. Die Mechanismen des Zufalls, der Auslese und Höherentwicklung erkannte ich nur mühsam in ihrer hypothetischen, wissenschaftlich nicht haltbaren Aussage. Mir wurde im Laufe der Zeit klar, dass es sich bei den Darwinschen Überlegungen um eine Naturphilosophie handelte, die letztendlich auch Grundlage der Ideologien des 20. Jahrhunderts bildete und dieses Jahrhundert in eine Hölle verwandelte.

Das ist nur so zu verstehen, dass Darwins Überlegungen zur Evolution „wissenschaftlich nicht haltbar“ seien. Etwas später schreibt Resch:

Mich hat die Botschaft der Bibel in ihrer Tiefe und Genauigkeit fasziniert, wie sie die Struktur des Werdens von Leben und seinen Zerfall beschreibt. Nur hier wird ein Entstehen und ein Werden begründet, das als einziges Welterklärungsmodell nicht mit Natur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen kollidiert.

Der Vorstand der Lukas-Schule vertritt also die Auffassung, dass die Bibel als einziges Welterklärungsmodell „nicht mit Natur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen kollidiert“.

Dementsprechend hat die Lukas-Schule auch ein spezielles Verständnis von „wissenschaftlicher Forschungsarbeit“. In dem bereits erwähnten „Pädagogischen Konzept und Glaubensbasis der Lukas-Schule“ heißt es:

Wir erklären ausdrücklich, dass der Begriff „Allgenugsamkeit der heiligen Schrift“ (Absatz 1a) wissenschaftliche Forschungsarbeit unter der Autorität Gottes einschließt.

Dies scheint darauf hinzudeuten, dass „wissenschaftliche Forschung“ sich gemäß der Statuten der Lukas-Schule im Rahmen der biblischen Vorgaben zu bewegen hat. Das wäre dann freilich keine „wissenschaftliche Forschung“ mehr!

„Meinungsfreiheit“ im Biologie-Unterricht?

Es fällt auch auf, dass die Schulleitung in ihrem offenen Brief die „Meinungsfreiheit“ ausgerechnet im Zusammenhang mit den staatlichen Lehrplänen, dem Fach Biologie und Wissenschaftsfeindlichkeit erwähnt: In der Naturwissenschaft haben „Meinungen“ nämlich nichts zu suchen, sondern nur nachvollziehbare Erklärungsmodelle. Schulen haben sich darüber hinaus an etablierte Erklärungsmodelle zu halten. Wenn die Schulleitung der Lukas-Schule ausgerechnet in diesem Zusammenhang schreibt, „Einschränkungen der Meinungsfreiheit sind für uns fremd“, dann erweckt das den Verdacht, dass dort die Evolutionstheorie womöglich als „Meinung“ neben anderen „Meinungen“ – bzw. neben dem „absolut zuverlässigen Zeugnis“ der Bibel dargestellt wird.

Fazit: Die Beschreibung der Lukas-Schule als „fundamentalistisch“ und „angsteinflößend“ ist gut belegbar und ergibt sich unmittelbar aus deren evangelikalem, bibeltreuen Selbstverständnis. Und wenn ein Mitgründer und Schulvorstand Darwins Evolutionstheorie öffentlich als „hypothetische, wissenschaftlich nicht haltbare Aussage“ bezeichet, die das 20. Jahrhundert „in eine Hölle verwandelte“, dann ist auch der Verdacht des Kreationismus und der Wissenschaftsfeindlichkeit nicht so leicht von der Hand zu weisen – insbesondere nicht mit derart wachsweichen Formulierungen, wie man sie in den letzten Wochen von der Leitung der Lukas-Schule gelesen hat.

Eine Antwort zu Die Lukas-Schule IST fundamentalistisch!

  1. […] hatte ja neulich bereits darauf hingewiesen, dass die Lukas-Schule durchaus als fundamentalistisch zu bezeichnen […]

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