Alles Gute, Karlheinz Deschner!

Dokumentation: „Die hasserfüllten Augen des Herrn Deschner“ (1998) von Ricarda Hinz und Jaques Tilly.
Hier die Playlist. (Spielt alle 7 Teile hintereinander ab.)

Heute ist der 88. Geburtstag von Karlheinz Deschner. Michael Schmidt-Salomon „sammelte“ gestern Glückwünsche für ihn bei Facebook ein, was mich spontan zu folgender kleinen „Laudatio“ inspirierte:

Karlheinz Deschner ist zwar (aufgrund des Boykotts durch die deutschen Medien) nicht der bekannteste deutsche Kirchenkritiker, aber wohl der einflussreichste. Es dürfte fast unmöglich sein, ein deutsches kirchenkritisches Buch zu finden, in dem er nicht zitiert wird.

Jahrzehnte vor den „Neuen Atheisten“ nahm Deschner im Alleingang (finanziell unterstützt Herbert Steffen) den Kampf gegen die kirchliche Schönschreibung der Geschichte auf. Sein Werk, insbesondere die „Kriminalgeschichte des Christentums“, ist ebenso einzigartig wie unverzichtbar.

Wie sagte Bundespräsident Hans-Joachim Gauck am Sonntag auf dem Katholikentag: Wir brauchen „Menschen, die an eine Sache glauben, die größer ist als sie selbst. … Menschen, die eine Haltung haben und dafür mutig eintreten.“ Da trifft es sich gut, dass morgen der 88. Geburtstag von Karlheinz Deschner ist. Deschner steht wie kaum ein anderer – Christ oder Nichtchrist – für die genannten Tugenden, und er zeigt, dass solche Menschen eben nicht nur aus „kirchlicher Heimat“ und „christlichem Engagement“ kommen. Karlheinz Deschner braucht weder Aberglauben noch Höllendrohung für sein Engagement, seine Triebkräfte sind Mitgefühl, Scharfsinn und Gerechtigkeitsempfinden. Mitgefühl übrigens nicht nur gegenüber seinen Mitmenschen, sondern gegenüber allen Mitgeschöpfen – auch hier war er seiner Zeit weit voraus.

Kein Elefant verfault an einem Tag: Die Erosion klerikaler Macht vollzieht sich – wenn überhaupt – nur schleichend. Deshalb freut es mich ganz besonders, dass Karlheinz Deschner noch selbst die ersten Früchte seiner Arbeit miterleben darf, wenngleich ihm die verdiente öffentliche Anerkennung dafür wohl nicht mehr zu Lebzeiten zuteilwerden wird. Ich bin aber sicher, Karlheinz Deschner wird dies nicht weiter schmerzen. Wenn es ihm um Orden und Ehrenzeichen ginge, hätte er sich nicht Zeit seines Lebens gegen die Herrschenden und die Mächtigen gestellt. Deschner kann geradezu als Gegenentwurf zu den Päpsten gelten, die er kritisiert: In Sachen Bescheidenheit, Scharfsinn und Mitmenschlichkeit ist der seinem drei Jahre jüngeren Landsmann in Rom haushoch überlegen.

Als ich heute morgen meine E-Mails abrief, fand sich darunter eine Liste von Amazon mit Büchern, die mich (aufgrund meiner bisherigen Suchen und Bestellungen) interessieren könnten. Bei zwei der sechs Vorschläge handelte es sich um Bücher von Karlheinz Deschner: „Der gefälschte Glaube: Eine kritische Betrachtung kirchlicher Lehren und ihrer historischen Hintergründe“ (1986) und „Die beleidigte Kirche oder: Wer stört den öffentlichen Frieden?: Gutachten im Bochumer § 166-Prozeß“ (1988).

Dies belegt einmal mehr, was ich in meiner kleinen „Laudatio“ über Karlheinz Deschner geschrieben habe: Deschner dürfte der einflussreichste deutsche Kirchenkritiker sein. Die beiden Bücher sind etwa 25 Jahre alt und haben nicht von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil: Das zweite Buch enthält Deschners legendäres Gutachten, in dem er belegt, dass die katholische Kirche tatsächlich die „größte Verbrecherorganisation aller Zeiten“ ist. Und das war noch vor den Missbrauchsskandalen, die seit Mitte der 1990er Jahre weltweit das Image der Kirche nochmals trübten.

Neben der obigen Dokumentation ist von Ricarda Hinz und Jaques Tilly kann ich anlässlich Deschners Geburtstag auch noch Johannes Neumanns Artikel „Zur Weigerung über Kritik auch nur nachzudenken“ empfehlen. Der Artikel ist von 2004, könnte aber nicht aktueller sein: Nicht nur, dass er auf die unsägliche Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Homann eingeht, in der Homann die „Gottlosen“ als „Tätervolk“ darstellte – kürzlich gab es mehrere Strafanzeigen gegen den CSU-Politiker Norbert Geis, der diese Darstellung in der Talkshow „Anne Will“ wiederholt hatte – Neumann geht auch auf das Thema „Menschsein“ ein, etwas, das Militärbischof Franz-Josef Overbeck kürzlich bei einer Soldatenwallfahrt in Lourdes Ungläubigen abgesprochen hatte. Neumann schrieb schon 2004:

Jene, die nicht den geoffenbarten, also „wahren“ Glauben bekennen, sind latent stets Gegenstand der Missionierung. Sie sind bestenfalls auf der Suche nach dem „wahren“ Menschsein und stets in der Position der Unvollkommenen und zu Belehrenden. Weil sie keinen Glauben an Gott haben, sind sie sittlich haltlos. So können solche, die sich für gläubig halten, die Ungläubigen“ für alles Schlechte in der Welt verantwortlich machen.

Nur in einem Punkt würde Johannes Neumann seinen Artikel heute wohl revidieren: Den Kommentator, der in der obigen Dokumentation „von ‚den hasserfüllten Augen des Herrn Deschner‘ redet“ (Clip 4, 1:09), würde er heute wohl beim Namen nennen:

Es handelt sich um den Kölner Psychiater und Theologen Manfred Lütz.

2 Antworten zu Alles Gute, Karlheinz Deschner!

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