Bundeswehr: Nur noch jeder zweite Soldat ist Christ

Tabelle aus der Antwort der Bundesregierung.

Nun ist es also quasi „Militärbischofsamtlich“: Nur noch etwa jeder zweite Soldat der Bundeswehr gehört einer der beiden großen christlichen Konfessionen an.  Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Fraktion der Grünen im Bundestag hervor:

Zwar heißt es darin zunächst (Vorabfassung, S. 11):

Aktuell gesicherte Erhebungen liegen nicht vor. Das Merkmal einer Religionszugehörigkeit wird im Personaldatenbestand der Bundeswehr nur auf freiwilliger Basis erfasst.

Etwas später (Vorabfassung, S. 12, s.o.) wird aber aufgeführt, dass 2012 63.210 SoldatInnen evangelisch und 48.435 katholisch seien.

Stellt man dies der aktuellen Truppenstärke von 200.773 gegenüber, so bedeutet dies, dass 31 Prozent der SoldatInnen evangelisch sind und 24 Prozent katholisch, zusammen also etwa 55 Prozent.

Bevor jetzt jemand einwendet: „Das ist aber immer noch mehr als jeder zweite!“: Diese Formulierung habe ich direkt aus der Zeitschrift „Kompass“ des katholischen Militärbischofs (Ausgabe 03/2012, S. 4). Darin ist ein Interview mit Militärbischof Franz-Josef Overbeck abgedruckt, in dem die Interviewerin feststellt:

Anders als früher, gehört heute nur noch jeder zweite Soldat einer Konfession an.

Overbeck widersprach nicht.

Berufsethischer Unterricht wird durch Militärgeistliche erteilt

Angesichts dieser Zahlen muss die Frage erlaubt sein, weshalb der für alle Soldaten obligatorische berufsethische Unterricht (Lebenskundlicher Unterricht, LKU) weiterhin durch Geistliche der beiden Großkirchen erteilt werden soll.

(Immerhin hat man letztes Jahr die unsägliche Dienstvorschrift geändert, derzufolge der LKU „auf den Grundlagen christichen Glaubens“ fußt — allerdings geschah dies offenbar in der Absicht, den bis dahin „freiwilligen“ Unterricht für alle Soldaten verbindlich machen zu können.)

Wer kümmert sich um nichtchristliche Soldaten?

Des Weiteren stellt sich die Frage, wie es denn um die „seelsorgerliche“ Situation der nichtchristlichen Soldatinnen und Soldaten bestellt ist, die ja nunmehr etwa die Hälfte der Streitkräfte ausmachen. Denn Militärbischof Overbeck machte an anderer Stelle deutlich, dass sich „die wichtigste Aufgabe“ der Militärseelsorger überhaupt nicht auf religiöse Aspekte bezieht, sondern Dinge, die alle SoldatInnen unabhängig von ihrer Weltanschauung betreffen können:

Wie sieht Seelsorge werktags in einer Einsatzarmee aus?

Im Unterschied zu früher ist es die wichtigste Aufgabe der Seelsorge, die Soldaten und ihre Angehörigen, die unter enormen psychischen Belastungen leiden, in der Vorbereitung auf ihren Einsatz und im Einsatz selbst zu begleiten und nachher zur Seite zu stehen bei der Bewältigung der Einsatzerfahrungen, die bei einigen Soldaten Traumatisierungen und psychische Verwundung hervorgerufen haben. Viele halten nach Menschen Ausschau, mit denen sie reden und denen sie sich anvertrauen können, ohne dass diese sich Dritten offenbaren müssen, sondern der Schweigepflicht unterliegen. Innerhalb der Bundeswehr sind die Pfarrer die einzigen, bei denen das der Fall ist. Hinzu kommt eine immens erhöhte Nachfrage nach seelsorglicher Begleitung der Soldatenfamilien. Lange Trennungszeiten und häufige Ortswechsel – all das ist Gift für eine Beziehung. Hohe Scheidungsraten sind die Folge.

Wenn viele Soldaten tatsächlich nach Menschen Ausschau halten, „mit denen sie reden und denen sie sich anvertrauen können, ohne dass diese sich Dritten offenbaren müssen“ – warum stellt die Bundeswehr dafür dann ausschließlich christliche Geistliche zur Verfügung?

Mehr als genug Militärgeistliche — im wahrsten Sinne des Wortes!

Von diesen aber im wahrsten Sinne „mehr als genug“! – Dem Militärseelsorgevertrag zufolge wird für jeweils 1.500 katholische bzw. evangelische Soldaten ein Militärgeistlicher der betreffenden Konfession berufen. Das ergäbe für die obigen Zahlen 42 evangelische und 32 katholische Militärgeistliche, also zusammen 74. Wären alle 200.773 Soldatinnen und Soldaten evangelisch oder katholisch, käme man auf insgesamt 134 Militärgeistliche.

Tatsächlich gibt es aber, der obigen Antwort der Bundesregierung zufolge, 92 evangelische und 74 katholische Militärpfarrer — insgesamt also 166, mehr als doppelt so viele wie im Militärseelsorgevertrag vorgesehen. Das verdoppelt natürlich auch die Kosten, und da Militärpfarrer nicht von der Kirche, sondern vom Staat bezahlt werden, verdoppeln sich somit auch die Kosten für den Steuerzahler. 30 Millionen Euro kostet die Militärseelsorge im Jahr, und der größte Teil sind Personalkosten.

Zur „Begründung“ dieses krassen Missverhältnisses durch die Bundesregierung hatte ich gestern schon etwas geschrieben:

Narrenfreiheit für Militärbischöfe: Das Maß ist voll!

3 Antworten zu Bundeswehr: Nur noch jeder zweite Soldat ist Christ

  1. Didi sagt:

    Die Kirchen geben keine der ihr zugefallenen Bastionen je freiwillig auf. Ehrlichkeit im christlichen Sinne sieht da anders aus. Wenn sie Geld bekommen für etwas, geben sie das nicht so schnell auf.
    Es stellt sich ohnehin die Frage, ob diese Art bekenntnis-gebundene Seelsorge den beruflichen Anforderungen einer Psychoberatung gerecht werden. Sobald irgendwo in Deutschland Menschenleben zu beklagen sind, deren Angehörige einer fachgerechten Behandlung bedürfen, sind ungerufen klerikale Seelsorger zur Stelle. Mit ihrem Jesulein können sie nicht helfen. Konfessionsfreie Menschen kann die ungebetene Anwesenheit oder sogar Bedrängung durch Geistliche nur ärgern statt zu helfen. In Krankenhäusern sind ebensowenig Seelsorger am richtigen Platz, es sei denn sie werden vom Kranken individuell angefordert. Dann sollte aber die Kirche oder der Kranke diesen Dienst selber finanzieren und nicht der allgemeine Steuerzahler oder die Krankenkassen.

  2. Sehe ich das recht, dass eigentlich ganz viele Soldaten entlassen werden müssten, weil ja nur Menschen das machen dürfen und keine Tiere, so Overbeckmäßig?

  3. […] Warner sich dafür entscheidet, Christ zu sein. Aber dass ein Oberstleutnant in einer Armee, die zu knapp 50 Prozent aus Konfessionslosen und zu weniger als einem Viertel aus Katholiken besteht, sich nicht einmal „vorstellen“ kann, […]

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