Zeitansagen

UPDATE: Es war zu lesen, dass auf dem Kirchentag Veranstaltungen stattfanden wie Wie viel Frau verträgt das Pfarramt? und man sich beim Thema „Homosexualität“ geradezu unversöhnlich gegenüberstand („Württembergische Pfarrer gegen praktizierte Homosexualität„; „Kirchentagsforum kritisiert evangelikale Positionen zur Homosexualität„). — Liebe Christen, solange Ihr in Euren Kreisen zu diesen Fragen überhaupt noch Diskussionsbedarf habt, haltet Euch doch bitte etwas zurück mit Eurem Anspruch, Zeitansagen für die Gesellschaft abzugeben. Es hat den Anschein, als ob IHR die Zeitansage nötig habt.

„Herzlich willkommen bei der christlichen Zeitansage. Beim nächsten Ton ist es 8 Uhr, 19 Minuten und 20 Sekunden. PIEP“

Heute beginnt der 33. Evangelische Deutsche Kirchentag in Dresden. (Und, quasi zum Ausgleich, die religionsfreie Zone 2011.) Ich wünsche allen Teilnehmern – Christen und Humanisten, Gläubigen und Ungläubigen – viel Spaß, interessante Begegnungen und anregende Denkanstöße. Ich möchte gleich vorweg klarstellen, dass ich nichts gegen die Kirchen- und Katholikentage an sich habe und auch nicht der Meinung bin, dass Städte nur „gewinnbringende“ Veranstaltungen fördern sollten. (Obwohl ich die Finanzierung – 1 Mio. durch die Kirche, 8 Mio. durch die öffentliche Hand – schieflastig finde. Gelinde gesagt.)

Aber natürlich äußern sich bei dieser Gelegenheit auch wieder zahlreiche Kirchenfunktionäre und Politiker. So wünscht sich z.B. Bundespräsident Christian Wulff (geschiedener und jetzt mit einer dreizehn Jahre jüngeren Frau wiederverheirateter Katholik), dass die Positionen der Kirchen „in der breiten Öffentlichkeit mehr Gehör finden.” Dem Wunsch des Bundespräsidenten will ich gerne nachkommen und deshalb hier ein paar Stellen aus dem Katechismus der Katholischen Kirche zu Gehör bringen, quasi dem offiziellen Positionspapier der Kirche, der Wulff angehört. Es geht um das sechste Gebot: „Du sollst nicht die Ehe brechen.“ [Hervorhebungen von mir]:

2380 Ehebruch, das heißt eheliche Untreue. Wenn zwei Partner, von denen wenigstens einer verheiratet ist, miteinander eine, wenn auch nur vorübergehende geschlechtliche Beziehung eingehen, begehen sie Ehebruch. Christus verurteilt schon den Ehebruch im Geiste [Vgl. Mt 5,27-28]. Das sechste Gebot und das Neue Testament verbieten den Ehebruch absolut [Vgl. Mt 5,32; 19,6; Mk 10,11; 1 Kor 6,9-10]. Die Propheten prangern ihn als schweres Vergehen an. Sie betrachten den Ehebruch als Abbild des sündigen Götzendienstes [Vgl. Hos 2.7: Jer 5,7].

2384 Die Ehescheidung ist ein schwerer Verstoß gegen das natürliche Sittengesetz. Sie gibt vor, den zwischen den Gatten freiwillig eingegangenen Vertrag, bis zum Tod zusammenzuleben, brechen zu können. Die Ehescheidung mißachtet den Bund des Heiles, dessen Zeichen die sakramentale Ehe ist. Das Eingehen einer, wenn auch vom Zivilrecht anerkannten, neuen Verbindung verstärkt den Bruch noch zusätzlich. Der Ehepartner, der sich wieder verheiratet hat, befindet sich dann in einem dauernden, öffentlichen Ehebruch. […]

Keine Ursache, Herr Bundespräsident! Man hilft schließlich, wo man kann… auch Leuten, die in Sünde leben und gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen. Es scheint allerdings, als stießen die Positionen der Kirche ausgerechnet bei demjenigen auf taube Ohren, der mehr Gehör für sie fordert.

Aber zurück zum Kirchentag. Obwohl ich nichts gegen den Kirchentag an sich habe, zeigt sich doch in zahlreichen Äußerungen die Hybris der Christen. Dies lässt sich gut an der alten Floskel zeigen, der Kirchentag sei eine „Zeitansage“. So auch jetzt wieder Sachsens Landesbischof Jochen Bohl und die Präsidentin des Kirchentags, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt.

Da wäre ja zunächst einmal die Frage, was für Zeitansagen von Leuten zu erwarten sind, die ein 2.000 Jahre altes Buch zum obersten Maßstab ihres Lebens machen.

„Herzlich willkommen bei der christlichen Zeitansage. Heute ist Mittwoch der 1. Juni 111.“

Bei der EKD hat man natürlich längst erkannt, dass die abergläubischen, vordemokratischen Inhalte der Bibel viele Leute eher abschrecken, weshalb vieles zumindest relativiert wird. So erklärte beispielsweise kein Geringerer als EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider letztes Jahr:

„Ob Maria eine Jungfrau war oder nicht, ist für meinen Glauben nicht entscheidend.“

Oder anders ausgedrückt:

„Herzlich willkommen bei der christlichen Zeitansage. Heute ist Mittwoch der 1. Juni 111, aber das ist eigentlich nicht so wichtig.“

Noch ein Tipp für den EKD-Ratsvorsitzenden: Die Jungfräulichkeit Mariens zu relativieren bringt Sie nicht wirklich weiter. Von Teenagern einmal abgesehen, dürften die einzigen Leute, die sich außer Theologen heute in Deutschland noch für Jungfernhäutchen interessieren, „Ehrenmörder“ sein – und wer möchte sich die Zeit von Leuten ansagen lassen, die ernsthaft darüber diskutieren, ob man glauben muss, dass eine Jungfrau vor 2.000 Jahren schwanger wurde oder nicht?

Bevor sie sich anmaßen, Zeitansagen für die Gesellschaft zu veranstalten, sollten die Kirchen erst einmal ihre eigenen Gläubigen über den Stand der neutestamentlichen Forschung in Kenntnis setzen. Es ist heute z.B. bekannt, dass einige Stellen in den Evangelien erst später hinzugefügt wurden (z.B. der Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,9-20) mit den Erscheinungen des auferstandenen Jesus vor den Jüngern, dem Missionsbefehl und der Himmelfahrt, oder auch die bekannte Stelle von Jesus und der Ehebrecherin („Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“) im Johannesevangelium Kapitel 7,53–8,11.) Der Dialog zwischen Jesus und Nikodemus in Johannes 3,1-21 basiert auf einer Doppeldeutigkeit, die nur in griechischer Sprache funktioniert, aber nicht im Aramäischen, der Sprache, die Jesus gesprochen hat. Deshalb kann sich diese Begebenheit nicht so abgespielt haben. (Vgl. Bart D. Ehrman: Jesus, Interrupted (TB), S. 155. Deutsch: Jesus im Zerrspiegel: Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt.) Etliche der Briefe im Neuen Testament, die Paulus oder anderen Aposteln zugeschrieben werden, gelten heute als Fälschungen. Jesus irrte sich mit seiner Naherwartung des Gottesreiches (was ihn als Sohn Gottes wenig glaubwürdig macht), und die Reden Jesu aus dem Johannesevangelium à la „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) gelten nach einhelliger Meinung der neutestamentlichen Forschung im Wesentlichen als frei erfunden. (Vgl. Heinz-Werner Kubitza: Der Jesuswahn, S. 76, bzw. gleich das ganze Kapitel „Johannes – ein ganzes Evangelium als fromme Dichtung“.)

All dies ist nicht nur wissenschaftlicher Konsens, es wird auch im Theologiestudium gelehrt. Nur den Gläubigen wird dies nicht mitgeteilt.

„Liebe Gläubige! Wir wissen zwar, dass unsere Uhr falsch geht, sagen aber trotzdem weiter die angezeigt Uhrzeit an und kassieren eure Gebühren dafür.“

Apropos Gebühren: Der Kirchentag beginnt am Mittwoch um 17.30 und endet am Sonntag um 12.30. Bei 8 Millionen Euro staatlicher Förderung ergibt dies einen „Minutenpreis“ von 1.465,20 Euro, der den Steuerzahlern für diese „Zeitansage“ in Rechnung gestellt wird.

Nach dem Selbstverständnis der Veranstalter bezieht sich die „Zeitansage“ freilich weniger auf religiöse als auf politische Themen. Kirchentagspräsidentin Göring-Eckardt:

„Der Kirchentag ist eine klassische Zeitansage. Man merkt immer wieder, dass die Themen, die in der Zeit wichtig sind, beim Kirchentag einen Ort haben. Also: Im Moment haben wir eine Atomkatastrophe, den Militäreinsatz in Libyen, die nordafrikanischen Revolutionen, die Eurokrise.“

Es fällt auf, dass sich unter den vier Themen, die Kirchentagspräsidentin sie als „in der Zeit wichtig“ auflistet, kein einziges mit religiösem Bezug findet.

Bei den anderen Themen fragt man sich: Was hat das mit dem Christentum zu tun? Ist die Atomkatastrophe oder die Euro-Krise für Christen wichtiger als für andere Menschen? Glaubt man beim Kirchentag, dass theologische „Erkenntnisse“ irgendetwas Konstruktives zur Atomkatastrophe oder zur Eurokrise beitragen können? Oder – um die Messlatte noch tiefer zu legen – irgendetwas, das für Nichtchristen auch nur von Bedeutung sein könnte?

„Herzlich willkommen bei der christlichen Zeitansage. Beim nächsten Ton ist es 8 Uhr, 19 Minuten und 20 Sekunden. PIEP“

Es mag auf dem Kirchentag ja durchaus interessante und hochkarätige Beiträge zu aktuellen gesellschaftlichen Themen geben. Die werden aber nicht dadurch zur „christlichen Zeitansage“, dass sie auf dem Kirchentag stattfinden. Genauso wenig, wie es Sinn machen würde, eine stinknormale Zeitansage mit dem Etikett „christlich“ zu versehen.

Im Übrigen finden solche Diskussionen – Gott sei Dank, möchte man sagen – das ganze Jahr über statt – und dann zum Glück meist in fachkundigem statt religiösem Rahmen.

Die wahren Zeitansagen kommen heute von säkularen Organisationen wie der Humanistischen Union oder der Giordano-Bruno-Stiftung:

Es ist Zeit, nach fast 100 Jahren endlich – wie vom Grundgesetz gefordert – die staatlichen Zahlungen (Staatsleistungen) an die Kirchen abzulösen, anstatt durch unkündbare Kirchenverträge immer wieder Fakten zugunsten der Kirchen zu schaffen.

Es ist höchste Zeit für ein Arbeitsrecht, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen nicht länger zu Beschäftigten zweiter Klasse macht. (Sehr gut dargestellt in einem Antrag der Fraktion DIE LINKE im Bundestag vom 12.04.2011, BT-Drucksache 17/5523.)

Es ist Zeit für einen gemeinsamen Ethik- und Religionskundeunterricht, der für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich ist.

Es ist Zeit für eine Ethik, die unabhängig davon ist, ob oder an welchen imaginären Freund man glaubt (z.B. 10 Angebote, Manifest des Evolutionären Humanismus).

Die Christen haben noch nicht gemerkt, was die Stunde geschlagen hat.

Trotzdem viel Spaß in Dresden!

8 Antworten zu Zeitansagen

  1. […] folgert er daraus? Dass er dem katholischen Katechismus zuwiderlebt? Aber nein: Er erwarte daher seit vielen Jahren viel deutlichere Signale für ökumenische […]

  2. […] Diejenigen unter euch, die auf einen Beitrag von mir zum Kirchentag warten, warten voraussichtlich vergeblich (Das de-Maizière-Ding zählt nicht.), denn Skydaddy hat schon alles gesagt, was ich zu sagen gehabt hätte: „Herzlich willkommen bei der christlichen Zeitansage. Heute ist Mittwoch der 1. Juni 111, aber… […]

  3. bundesbedenkentraeger sagt:

    Und wieder die völlig verquere Idee, daß der Glaube aus der Bibel abgeleitet würde. Die Zeitansage kommt aus dem Glauben, nciht aus der Bibel. Die Bibel dokumentiert den Glauben wie die Zeitansagen den Glauben dokumentieren. Natürlich mußt Du die Dinge verdrehen, um Deine Vorwürfe an den Mann zu bringen (abgesehen von Wulffs Ehebruch).

  4. Barkai sagt:

    und „nur die Schrift“ (=sola scriptura?) ist also gar kein Motto der Protestanten?

  5. Gelmir sagt:

    Und wieder die völlig verquere Idee, daß der Glaube aus der Bibel abgeleitet würde.

    Na, dann könnt ihr Religioten das alte, verstaubte Ding ja endlich in die Tonne treten. Da gehört´s auch hin.

  6. Es gibt noch andere soli, versuchs mal mit sola gratia

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