Meck-Pomm: Bildungskonzeption für 0- bis 10-jährige Theologen

Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern erarbeitet derzeit eine „Bildungskonzeption für 0- bis 10-jährige Kinder in Mecklenburg-Vorpommern“. Nach Regionalkonferenzen Mitte 2010 wurden hierzu Entwürfe zu den Themen

  • Gestaltung des Übergangs von der Familie in die Kindertageseinrichtung,
  • Wertorientiert handelnde Kinder und
  • Bildungs- und Erziehungsbereiche – Leitgedanken

erstellt, die vom 04.01.2011 bis 04.03.2011 im Rahmen einer „Internetanhörung“ von Interessierten kommentiert werden konnten. Die Ergebnisse sollen dann offenbar ihren Weg in die bestehende Konzeption finden.

Das obige Zeitfenster ist zwar schon vorbei, ich habe mir interessehalber aber trotzdem den Entwurf „Wertorientiert handelnde Kinder“ angeschaut und musste (nicht ganz unerwartet) feststellen, dass Henry Teschs Ministerium jegliche Distanz zum christlichen Glauben vermissen lässt und das Thema durch und durch aus der religiösen Perspektive wahrnimmt und beschreibt. Hier die Highlights, religionsfreien Lesern dürfte allerdings auch noch an anderen Stellen mulmig werden.

Sind Kinderfragen „religiös“?

Der 15-seitige Text geht gar nicht so verkehrt los, allerdings nur bis Seite 2. Dort heißt es:

Kinder beschäftigen sich sehr frühzeitig mit Sinnfragen. Sie fragen nach Gut und Böse, nach Richtig und Falsch, nach dem Woher und Wohin und nach dem Warum. Sie stellen im Alltag ethische, religiöse und philosophische Fragen.

Ich denke nicht, dass Kinder „religiöse“ Fragen stellen. Auch die aufgeführten Fragen sind nicht „religiös“. Allenfalls geben Erwachsene auf solche Fragen religiöse Antworten. Die Fragen können aber auch ohne Rückgriff auf die Religion beantwortet werden. Deshalb können die Fragen nicht als „religiös“ bezeichnet werden. Die Formulierung belegt m.E. die „religiöse Brille“, durch die die Verfasser des Textes die Welt sehen. Der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung aus Mecklenburg-Vorpommern hat übrigens keine religiöse Brille auf, die Kirchenmitgliedschaft beträgt dort nur etwa 20%.

Wo bleiben die Menschenrechte und das Grundgesetz?

Ebenfalls auf Seite 2 heißt es:

Grundlegende Fragestellungen zur wertorientierten Bildung und Erziehung sollten in den Kindertageseinrichtungen regelmäßig reflektiert werden. Das sind z. B. Fragen wie:

  • Welche Werte hat der Träger?
  • Welches Leitbild hat die Einrichtung?
  • Welche Werte haben die Fachkräfte?
  • Welche Werte haben die Eltern?
  • Welche Werte entwickeln die Kinder?

Da hier bereits erkennbar ist, dass Träger, Einrichtungen, Fachkräfte und Eltern unterschiedliche Werte haben können, ist es m.E. unerlässlich, an dieser Stelle bereits auf die verbindlichen Vorgaben des Grundgesetzes und der Menschenrechte hinzuweisen. In Deutschland sind die Grundwerte keine Sache, die man diskutiert oder aushandelt.

Wie soll z.B. nach Auffassung des Bildungsministeriums damit umgegangen werden, wenn den „Werten“ eines katholischen Kindergartens zufolge gleichgeschlechtliche Elternpaare „sündhaft“ sind? (Dies können ja auch die Eltern von Spielkameraden sein, die nicht denselben Kindergarten besuchen.)

Religion: Das „unbeschränkt Wichtige“?

Bezeichnenderweise gibt es getrennte Kapitel für „Ethik“ und „Religion“. Zu Religion heißt es auf Seite 6:

Es gibt mehrere Definitionen. Man könnte sagen, Religion ist das, was uns unbedingt angeht, was uns unbeschränkt wichtig ist. (vgl. Tillich)

Dem Großteil der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern ist Religion offenbar nicht wichtig. Deshalb verbietet es sich meines Erachtens für das Bildungsministerium, Religion so zu definieren, wie es der Text tut. Erst recht verbietet es sich, dies in der „Wir“-Form zu tun! (Dazu später noch mehr.) Hier macht sich wieder die religiöse Brille der Verfasser bemerkbar.

Kinder sind Theologen?

Auf Seite 7 heißt es:

In ihrem Wissendrang und in ihrem Suchen nach Antworten und Erklärungen sind Kinder Philosophen und Theologen zugleich. Sie staunen, nehmen die Welt wahr mit allen Sinnen, mit Gefühl und Verstand.

Man könnte sicher argumentieren, dass Kinder geborene Atheisten sind – aber Theologen? Theologen sind an die Dogmen und Bekenntnisse ihrer jeweiligen Religion bzw. Konfession gebunden. Um hier nur als kleinsten gemeinsamen Nenner das apostolische Glaubensbekenntnis zu nennen: Niemand käme auf den Gedanken, so etwas zu formulieren, wenn es ihm nicht durch Erwachsene – vornehmlich Eltern und Erzieher – eingetrichtert würde:

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische (evangelisch: christliche) Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

Die Verfasser des Textes schreiben zuvor selbst (Seite 6):

Wenn Kinder die Welt entdecken und erforschen, stellen sie Fragen, zum Beispiel: „Wann hat die Welt begonnen und hat sie auch ein Ende?“; „Was ist das Wichtigste im Leben?“; „Wo komme ich her und wo gehe ich hin?“. Kinder berühren eine Dimension des Lebens, in der es um den Ursprung, den Sinn und das Ziel des Lebens geht, sie stellen damit Fragen, die man religiös beantworten kann.

Kinder werden nicht zu Theologen, indem sie Fragen stellen, die man religiös beantworten kann. Es sind die Antworten, die den Theologen auszeichnen, nicht die Fragen.

Kinder als „Theologen“ zu bezeichnen ist absurd, umso mehr, wenn derjenige, der diese Behauptung aufstellt, kein Religionsvertreter ist, sondern das Bildungsministerium eines mehrheitlich areligiösen Landes. Es zeigt sich wieder die religiöse Brille der Verfasser.

Wissen die Verfasser, wovon sie reden?

Weiter heißt es auf Seite 7:

In vielen religiösen Überlieferungen sind Regeln und Gebote für das Verhalten der Menschen sowie für ihr Zusammenleben enthalten. Zum Beispiel sind die „Zehn Gebote“ dem Judentum und dem Christentum gemeinsam und liegen auch der Ethik des Islam zugrunde. Darüber hinaus werden in den Religionen der Schutz des Lebens und Zusammenlebens in der Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit und Fürsorge geachtet.

Die Zehn Gebote kennen keine Religionsfreiheit, dafür aber Sippenhaft, Gedankenverbrechen („Du sollst nicht begehren…“) und die Vorstellung, dass die Frau der Besitz ihres Mannes ist. Die Behauptung, in den Religionen werde „der Schutz des Lebens und Zusammenlebens in der Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit und Fürsorge geachtet“ ist zumindest einseitig, weil hierbei nur die erwünschten Aspekte von Religion betrachtet und die negativen Aspekte ausgeblendet werden. Z.B., dass Religionen üblicherweise ein Ingroup-Outgroup-Weltbild zeichnen, bei dem sich der Schutz des Lebens und Zusammenlebens in der Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit und Fürsorge in erster Linie auf die Angehörigen der eigenen Religion oder Konfession beschränken. Dies wird übrigens nirgendwo so deutlich wie im Alten Testament, wo Gottes „auserwähltes Volk“ den Befehl zum Genozid an den Einwohnern des gelobten Landes erhält, um das erste Gebot „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ nicht durch das Zusammenleben mit Angehörigen anderer Religionen zu gefährden. Gott selbst befiehlt ausdrücklich, keine Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit walten zu lassen:

Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben und sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne. Denn sie werden eure Söhne mir abtrünnig machen, dass sie andern Göttern dienen; so wird dann des HERRN Zorn entbrennen über euch und euch bald vertilgen. Sondern so sollt ihr mit ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinmale zerbrechen, ihre heiligen Pfähle abhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen. [Dtn 7,1-5]

Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird. Du sollst sie nicht schonen und ihren Göttern nicht dienen; denn das würde dir zum Fallstrick werden. [Dtn 7,16]

Und wenn sie der HERR, dein Gott, dir [eine Stadt] in die Hand gibt, so sollst du alles, was männlich darin ist, mit der Schärfe des Schwerts erschlagen. […] Aber in den Städten dieser Völker hier, die dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat, sondern sollst an ihnen den Bann vollstrecken, nämlich an den Hetitern, Amoritern, Kanaanitern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, damit sie euch nicht lehren, all die Gräuel zu tun, die sie im Dienst ihrer Götter treiben, und ihr euch so versündigt an dem HERRN, eurem Gott. [Dtn 20,13-18]

Der „Bann“, von dem hier die Rede ist, meint die Zerstörung der Siedlungen und die Tötung alles Lebendigen darin: Männer, Frauen, Kinder, Greise, Vieh. In den Erklärungen zur Lutherbibel heißt es dazu:

„Der Begriff [‚Bann‘] gehört in den Zusammenhang des sog. ‚Heiligen Krieges‘ und bedeutet, dass die gesamte Kriegsbeute dem menschlichen Gebrauch und der menschlichen Verfügung entnommen ist und Gott als dem eigentlichen Kriegsherrn gehört.“

So kann man es natürlich auch ausdrücken. Das ist die biblische Logik des ersten Gebots: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ (Mehr dazu in dem Klassiker „Denn sie wissen nicht, was sie glauben: Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann.“ von Franz Buggle.)

Auch das biblische Gebot der Nächstenliebe bezog sich zunächst nur auf die eigene Bevölkerung, wie und die Sacherklärungen zur Lutherbibel lehren:

Nächster Als „Nächster“ wird im Alten Tes­tament der Angehörige des eigenen Volkes bezeichnet (3 Mo 19,13.16-18), aber auch aus­drücklich jeder Fremde, der in den Dörfern oder Städten mit den Israeliten zusammenlebt (3 Mo 19,33-34), der „Nachbar“ also, der „Mit­mensch“.

Im Englischen wird der Begriff auch zutreffend mit „neighbour“ (Nachbar) übersetzt.

Jedenfalls ist die Behauptung in dem Entwurf, in den Religionen werde „der Schutz des Lebens und Zusammenlebens in der Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit und Fürsorge geachtet“, naiv und einseitig. Es zeigt sich wieder die religiöse Brille der Verfasser. Von einem Ministerium darf man wohl erwarten, dass Zweckbehauptungen von Religionsvertretern wie die obige nicht einfach naiv-unkritisch weiter verbreitet werden, sondern zuerst einmal geprüft werden, bevor sie zur Grundlage für Bildungskonzepte gemacht werden.

Unprofessionelle „Wir-Perspektive“

Im folgenden Absatz auf Seite 7 zeigt sich einmal mehr, wie die Verfasser des Textes die religiösen Vorstellungen einer Minderheit zum Maßstab des Bildungskonzeptes machen und dabei jede professionelle Distanz vermissen lassen (Hervorhebungen von mir):

Religion bedeutet, dass es im Leben etwas Letztgültiges und Höchstes gibt, zu dem ich als Mensch eine Beziehung habe. Im traditionellen jüdisch-christlichen, aber auch im muslimischen Sprachgebrauch nennen wir das „Gott“. In der Religion geht es um die Frage, was meinem Leben Orientierung und Halt gibt.

Der Großteil der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern dürfte keine „Beziehung“ zu etwas Höchstem haben und dies auch nicht „Gott“ nennen. Der Großteil der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern wird die Orientierung für sein Leben aus anderen Quellen als der Religion schöpfen. Dem sollten auch Texte von Ministerien gerecht werden. Z.B. könnten die obigen Gedanken folgendermaßen formuliert werden:

Religion ist die Vorstellung, dass es im Leben etwas Letztgültiges und Höchstes gibt, zu dem der Gläubige eine Beziehung habe. Im traditionellen jüdisch-christlichen, aber auch im muslimischen Sprachgebrauch wird das „Gott“ genannt. Religionen beanspruchen, dem Leben Orientierung und Halt zu geben.

Naiv-einseitige Darstellung der Vorteile von Religion

Weiter heißt es auf Seite 7und 8:

Was trägt religiöse Bildung und Erziehung zur freien Entfaltung des Lebens bei?

  • Religiöse Bildung und Erziehung stärkt in erheblichen Maß das Selbstwertgefühl des Kindes und trägt zur Entwicklung seines eigenen Menschenbildes bei. Das Kind erfährt sich selbst als angenommen und erlebt eine hohe Wertschätzung.
  • Das Nachdenken über die Fragen nach dem Sinn des Lebens braucht Anregungen von außen, Offenheit und einfühlsame Gesprächspartner, so dass eigene Antwortversuche gelingen können.
  • Rituale, Symbole und Bräuche, die unser Leben prägen, stehen oft im Zusammenhang mit religiösen Traditionen. Diese müssen mit den zunehmenden Lebenserfahrungen mitwachsen und reflektiert werden.
  • Christliche Überlieferungen haben unsere abendländische Kultur maßgeblich geprägt. Unsere Gegenwart ist von diesem religiös¬kulturellen Wurzeln her besser zu verstehen.
  • Die Religionen formulieren begründete Werte und Normen für ein gelingendes Leben. Religionen bieten Auffassungen von Gott, Welt und Mensch an, mit denen Menschen sich identifizie¬ren können. Sie tragen damit zur Entwicklung und Stärkung der eigenen persönlichen Identität bei. Die Religionen bieten Gemeinschaft stiftende Elemente, Inhalte und Lebensformen.
  • Wer sich orientieren und zu einem eigenen Urteil bezüglich einer religiösen Haltung finden will, muss zunächst einmal Kenntnis von den verschiedenen Möglichkeiten haben.
  • In einer multikulturellen bzw. multireligiösen Gesellschaft kann Dialog und Akzeptanz nur gelingen, wenn die eigene Überzeu¬gung und die eigene Identität geklärt sind.

Auch hier erscheinen die aufgelisteten Punkte einseitig religionsfreundlich, wieder macht sich die religiöse Brille der Verfasser bemerkbar. Die Vorstellung zum Beispiel, dass alle Menschen nur unwerte Sünder seien, die rund um die Uhr von einem allwissenden Gott beobachtet werden, der Ungläubige in die Hölle schickt, wirkt sich keineswegs nur positiv auf das Selbstwertgefühl und das Menschenbild der 0- bis 10-jährigen Kinder aus. Richard Dawkins zitiert in seinem Buch „Der Gotteswahn“ aus dem Brief einer vierzigjährigen Amerikanerin,

die katholisch erzogen worden war. Wie sie mir berichtete, waren ihr im Alter von sieben Jahren zwei unangenehme Dinge widerfahren. Sie wurde von ihrem Gemeindepriester in seinem Auto sexuell missbraucht, und ungefähr zur gleichen Zeit war eine kleine Schulfreundin, die auf tragische Weise ums Leben gekommen war, zur Hölle gefahren, weil sie Protestantin war. In diesem Glauben jedenfalls hatte man die Briefschreiberin aufgrund der damaligen offiziellen Lehre ihrer elterlichen Kirche gelassen. Als Erwachsene stand sie gegenüber diesen beiden Fällen katholischer Kindesmisshandlung – die eine körperlich, die andere psychisch – auf dem Standpunkt, dass die zweite bei weitem schlimmer gewesen sei. Sie schrieb mir:

Vom Priester gestreichelt zu werden hinterließ (im Geist einer Siebenjährigen) nur den Eindruck von „Igitt“, aber dass meine Freundin zur Hölle gefahren war, führte bei mir zu einer Erinnerung an kalte, unermessliche Angst. Wegen des Priesters hatte ich keine schlaflosen Nächte – aber ich lag so manche Nacht wach mit dem entsetzlichen Gedanken, dass Menschen, die ich liebte, in die Hölle kommen konnten. Das verursachte mir Albträume.

[Der Gotteswahn, Taschenbuch 2007, S- 524-525]

Und nochmal die Zehn Gebote…

Auf Seite 8 und 9 heißt es:

Die Widerspieglung von Werten wie Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität und Freiheit, die für frühere und heutige Generationen von großer Bedeutung sind, finden wir auch in den alten Worten der Bibel – in den 10 Geboten. Sie gaben den Menschen die Zuversicht, dass Gott bei ihnen ist. […] Die 10 Gebote verdeutlichen, wie Menschen in Freiheit die Beziehungen zueinander und zu Gott gestalten können.

Mit Verlaub, aber das ist dummes Gefasel! Wo, bitte, finden sich in den Zehn Geboten Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität und Freiheit? Noch einmal: Die Zehn Gebote keinen keine Religionsfreiheit, dafür aber Gedankenverbrechen (Du sollst nicht begehren…), die Frau wird als Eigentum ihres Mannes aufgefasst, und aus dem Zusammenhang mit den übrigen Gesetzen des Alten Testaments geht hervor, dass die Zehn Gebote auch Sklaverei beinhalteten. Gebote wie „nicht morden“, „nicht stehlen“ und „nicht lügen“ machen noch keine Solidarität aus, und auch mit der Freiheit ist es nicht weit her, wenn z.B. der Verstoß gegen das Sabbatgebot mit dem Tode zu bestrafen ist. Der Gott des Alten Testaments gleicht einem irren Despoten, und unter solchen gibt es keine Freiheit.

Philosphie

Der nächste Abschnitt widmet sich dem Thema Philosophie. Hier wird als Erziehungsziel genau das Gegenteil von dem gefordert, was Religionen ausmacht:

Im Mittelpunkt steht der Prozess des Philosophierens mit Kindern. Die Kinder sollen angeregt werden, dass sie bei der Orientierung in der Welt und im Leben ihren Verstand kritisch gebrauchen. Ein Kind soll sich nicht gedankenlos in die gesellschaftlichen Bedingungen einpas­sen, sondern zur kritischen Umgestaltung befähigt werden.

Das gleiche hätte man sich auch von den Verfassern des Textes gewünscht.

Die „religiösen Überzeugungen“ 0- bis 10-Jähriger

Ein Problem habe ich mit folgender Formulierung auf Seite 11/12:

[Die pädagogische Fachkraft] berücksichtigt, respektiert und stärkt die eigene weltanschauliche bzw. religiöse Überzeugung eines jeden Kindes.

Es geht hier um 0- bis 10-jährige Kinder – die haben keine weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen. Genauso wenig, wie sie politische Überzeugungen haben. Man würde sich wünschen, dass man sich beim Ministerium darüber klar wäre.

Richard Dawkins verdeutlicht dies in „Der Gotteswahn“:

Betrachten wir noch ein anderes liebenswürdiges Bild. Meine Tageszeitung, der Independent, suchte irgendwann um Weihnachten herum ein zur Jahreszeit passendes Bild und fand eine herzerfrischende ökumenische Szene bei einem Schul-Krippenspiel. Die Heiligen Drei Könige wurden, wie die Bildunterschrift begeistert verkündete, von Shadbreet (einem Sikh), Musharaff (einem Muslim) und Adele (einer Christin) gespielt ; alle waren vier Jahre alt.

Liebenswürdig ? Herzerfrischend ? Nein, nichts davon; es ist grotesk. Wie können anständige Menschen es für richtig halten, vierjährige Kinder mit den Ansichten ihrer Eltern über Kosmos und Theologie zu etikettieren? Stellen wir uns einmal ein ähnliches Foto vor, dessen Unterschrift lautet: „Shadbreet (Keynesianer), Musharaff (Monetarist) und Adele (Marxistin), alle vier Jahre alt.“ Wären dann die wütenden Protestbriefe nicht vorprogrammiert? Sie sollten es jedenfalls sein. Aber wegen der eigenartig privilegierten Stellung der Religion hörte man keinen Mucks, und ebenso still ist es auch bei allen anderen ähnlichen Gelegenheiten. Man stelle sich vor, welchen Aufschrei die Bildunterschrift „Shadbreet (Atheist), Musharaff (Agnostiker) und Adele (säkulare Humanistin), alle vier Jahre alt“ ausgelöst hätte. Hätte man nicht vielleicht sogar eine Untersuchung gegen die Eltern eingeleitet, um festzustellen, ob sie überhaupt in der Lage sind, Kinder großzuziehen? [Der Gotteswahn, Taschenbuch 2007, S- 559]

Fazit: Gravierende Mängel

Grundsätzlich ist die systematische Erstellung einer Bildungskonzeption natürlich sehr zu begrüßen, und soweit ich es als Laie beurteilen kann, macht die Bildungskonzeption auf mich im Großen und Ganzen einen guten Eindruck. Die religiösen Aspekte machen nur einen kleinen Teil der Bildungskonzeption aus.

Trotzdem kann es nicht angehen, dass das Bildungsministerium eines überwiegend areligiösen Landes

  • versucht, Religion über ihre „unbeschränkte Wichtigkeit“ zu definieren,
  • sich die religiöse Position durch unangebrachtes Benutzen von „wir“ und „ich“ zu eigen macht,
  • Kinderfragen als „religiös“ bezeichnet, nur weil sie auch von der Religion her beantwortet werden,
  • von der Annahme ausgeht, 0- bis 10-jährige Kinder hätten „religiöse Überzeugungen“,
  • Kinder als „Theologen“ bezeichnet,
  • Religion naiv-einseitig nur als positiv wahrnimmt bzw. darstellt und
  • absurde Zweckbehauptungen (z.B. über die Zehn Gebote) völlig unkritisch übernimmt.

Ein interessanter Punkt ist mir noch aufgefallen: Auf der letzten Seite (Weiterführende Literatur/Quellen) wird auf das Buch „Wachstum an Menschlichkeit – Humanismus als Grundlage“ von Rudolf Kuhr verwiesen. Rudolf Kuhr ist sozusagen humanistisches „Internet-Urgestein“, der hatte schon eine Internetseite (humanistische-aktion.de), als ich gerade meine erste Atheismus-Website bei T-Online (Speicherplatz: 1 Megabyte) in Betrieb nahm (1996 oder so – auch schon 15 Jahre her!). Noch dazu ist das Buch im humanistischen Angelika Lenz Verlag erschienen.

2 Antworten zu Meck-Pomm: Bildungskonzeption für 0- bis 10-jährige Theologen

  1. In der englischen Sprache kann man noch eine nette Unterscheidung machen:

    Religion liefert keine „answers“ zu philophischen Fragen, sondern nur „responses“.

  2. AMB sagt:

    @skydaddy

    Warum veröffentlichst du den Artikel (verkürzt?) nicht auch auf den AMB?

    @katholenblogger

    Danke, das werde ich mir merken!

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