Beethoven im Bundestag

Was mich an Richard Dawkins‘ Der Gotteswahn (2006) immer wieder fasziniert, ist der Umstand, dass Dawkins tatsächlich viele bekannte und immer wieder vorgebrachte christliche Argumente entkräftet. Was mich an Dawkins‘ Gegnern fasziniert, ist der Umstand, dass sie dieselben Argumente immer weiter benutzen, als ob nichts gewesen wäre. Und oft auch noch so tun, als ob Dawkins auf diese Argumente nicht einginge. Selbst bei sogenannten „Entgegnungen“ auf den Gotteswahn stellt man oft fest, dass die Einwände darin schon berücksichtigt sind. (Beispiel: Robert Spaemann.)

Weshalb schreibe ich das?

Vor kurzem erhielten alle Bundestagsabgeordneten einen Brief der „Initiative Hilfe zum Leben Pforzheim e.V.“, in dem die Verfasser den Politikern „bei Ihrer Entscheidungsfindung helfen“ wollen, „damit Sie zu einem klaren Nein zur PID finden können.“ In einem Abschnitt heißt es:

Hätte es zu Zeiten Ludwig van Beethovens bereits PID oder eine Pränataldiagnostik gegeben, würden wir uns heute nicht an seiner schönen Musik freuen können, der er wäre entweder im Reagenzglas oder im Mutterleib getötet worden:

Der Vater hatte Syphilis, die Mutter TB. Sie hatten bereits vier Kinder. Davon war das erste blind, das zweite gestorben, das dritte taubstumm und das vierte wie die Mutter tuberkulös. Ludwig war das fünfte Kind dieser Eltern.

Wer den Gotteswahn gelesen oder als Audiobuch gehört hat, erinnert sich: Richard Dawkins hat dieser Argumentation einen eigenen Abschnitt gewidmet; er nennt sie den großen Beethoven-Trugschluss.

Ich hoffe, dass mir Dawkins, der Ullstein-Verlag und Übersetzer Sebastian Vogel es nicht übel nehmen, wenn ich aus diesem Anlass hier diesen Abschnitt (stark gekürzt) wiedergebe. Es ist offenbar nötig und zeigt gleichzeitig, dass Dawkins keineswegs nur „Strohmänner“ widerlegt, sondern konkret auf tatsächlich vorgebrachte, populäre christliche Argumente eingeht. Es zeigt außerdem beispielhaft, dass sich christliche Lobbyisten typischerweise wenig um die Wahrheit scheren. Im englischsprachigen Raum hat sich dafür die Bezeichnung „Lying for Jesus“ eingebürgert – Lügen für Jesus.

Es folgt der stark gekürzte Text aus „Der Gotteswahn“ (2007), S. 494-498:

Der große Beethoven-Trugschluss

Der nächste Zug der Abtreibungsgegner im verbalen Schachspiel sieht ungefähr folgendermaßen aus: […] Baring fasste sie in die Form eines erfundenen Dialogs zwischen zwei Ärzten :

»Ich würde gern Ihre Meinung im Zusammenhang mit einem Schwangerschaftsabbruch hören. Der Vater hatte Syphilis, die Mutter Tuberkulose. Von den vier bereits vorhandenen Kindern war das erste blind, das zweite starb frühzeitig, das dritte war taub und schwachsinnig, das vierte hatte ebenfalls Tuberkulose. Was hätten Sie getan ?«

»Ich hätte die Schwangerschaft abgebrochen.«

»Dann hätten Sie Beethoven ermordet.«

Das Internet ist geradezu verseucht mit so genannten Lebensschützerseiten, die diese lächerliche Geschichte wiedergeben und ganz nebenbei die Tatsachen mit böswilliger Leichtfertigkeit verfälschen. Eine andere Version lautet : »Angenommen, Sie kennen eine schwangere Frau, die schon acht Kinder hat. Drei davon sind taub, zwei sind blind, eines ist geistig behindert (alles weil sie Syphilis hat); würden Sie ihr eine Abtreibung empfehlen ? Damit hätten Sie Beethoven getötet.« Diese Form der Legende versetzt den großen Komponisten von der fünften an die neunte Stelle der Geschwisterreihe, steigert die Zahl der taub geborenen Kinder auf drei und die der blinden auf zwei und schreibt die Syphilis nicht dem Vater, sondern der Mutter zu.

[…] Ob die Geschichte ihren Ursprung tatsächlich bei Baring hat oder noch früher erfunden wurde, konnte ich nicht herausfinden. Aber erfunden ist sie mit Sicherheit. Sie ist von vorn bis hinten falsch. In Wirklichkeit war Ludwig van Beethoven weder das fünfte noch das neunte Kind seiner Eltern. Er war der Älteste – oder streng genommen der Zweite, aber der ältere Bruder starb, wie es damals häufig vorkam, bereits im Säuglingsalter und war nach heutiger Kenntnis weder blind noch taub oder geistig behindert. Nichts deutet darauf hin, dass ein Elternteil Syphilis hatte, die Mutter starb allerdings am Ende tatsächlich an Tuberkulose. Auch das war damals nichts Ungewöhnliches.

[…] Allerdings ist die Tatsache, dass es sich um eine Lüge handelt, ohnehin bedeutungslos. Selbst wenn sie wahr wäre, könnte man daraus keine stichhaltige Argumentation ableiten. […]

Wie die Medawars völlig zu Recht betonen, lautet die logische Schlussfolgerung aus dem Argument des »menschlichen Potenzials« : Jedes Mal, wenn wir eine Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr ungenutzt verstreichen lassen, verweigern wir potenziell einer menschlichen Seele das Existenzrecht. Jede Verweigerung eines Angebots zur Paarung ist nach der irrsinnigen Logik dieser »Lebensschützer« gleichbedeutend mit dem Mord an einem potenziellen Kind! Selbst Gegenwehr gegen eine Vergewaltigung könnte man als Mord an dem potenziellen Baby auffassen (nebenbei bemerkt, sprechen viele »Lebensschützer« einer Frau selbst nach einer brutalen Vergewaltigung das Recht auf eine Abtreibung ab). Wie daran sehr schnell deutlich wird, steht hinter dem »Beethoven-Argument« eine wahrhaft schlechte Logik. Am besten verkörpert sich seine surreale Dummheit in dem großartigen Lied »Every Sperm Is Sacred«, gesungen von Michael Palin und einem Chor von mehreren hundert Kindern in dem Monty-Python-Film The Meaning of Life (Der Sinn des Lebens) (wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt tun). Der große Beethoven-Trugschluss ist ein gutes Beispiel dafür, in welchen logischen Kuddelmuddel wir geraten, wenn unser Geist durch religiös motivierten Absolutismus vernebelt ist.

15 Antworten zu Beethoven im Bundestag

  1. Rene Hartmann sagt:

    Wobei es auch noch besonders dämlich ist, das Argument auf PID anzuwenden, denn Krankheiten der Eltern oder der Geschwister spielen bei der gar keine Rolle.

  2. […] This post was mentioned on Twitter by IBKA, Reto. Reto said: RT @IBKAorg: Wie manche Christen immer wieder die gleichen widerlegten Argumente benutzen (Skydaddy's Blog) http://bit.ly/hTGFjp […]

  3. Skydaddy sagt:

    Hallo Rene, willkommen im Blog!

    Ich nehme an, Du meinst, dass nicht erblich bedingte Krankheiten wie Tuberkulose und Syphilis bei der PID keine Rolle spielen?

    • Rene Hartmann sagt:

      Einmal das, aber davon abgesehen können Erbkrankheiten der Eltern oder der Geschwister allenfalls ein Grund sein, eine PID durchzuführen. Für die PID als solche wird nur die befruchtete Eizelle selbst herangezogen.

  4. denny sagt:

    Das Argument des „menschlichen Potentials“ wird durch die zitierte bzw wiedergegebene Kritik doch in keinster Weise entkräftet.

    Sie bedient sich eines schäbigen, illegalen Tricks – nämlich aus einer LOKALEN Behauptung eine GLOBALE Gültigkeit zu suggerieren.

    Das Beethoven-Argument wurde im Rahmen der Diskussion um die PID bzw. Schwangerschaftsabbrüchen gebracht, wieso es ausweiten auf das menschliche Paarungsvehalten?

    Das sind zwei verschiedene Diskussionen mit ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Parametern.

    Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Parameter werden jedoch völlig ignoriert, man tut so als wäre die Beethovenstory angewandt auf die PID-Diskussion 1:1 genauso anwendbar auf die Paarungsverhalten-Diskussion.
    Dadurch wird das ursprüngliche Argument ins Lächerlich gezogen, indem dem „Leser“ das Bild von einer wild rumvögelnden Bevölkerung in den Kopf gesetzt wird – was ein manipulatives stilistisches Mittel ist und kein inhaltliches.

    Ein Argument kann jedoch nur inhaltlich wiederlegt werden.

    Inhaltlich sagt die Kritik nur Folgendes:

    Es sei eine logische Schlussfolgerung, dass auch Sexunterlassung die Freisetzung menschlichen Potentials verhindere.

    MÖGLICHERWEISE richtig (müsste man noch klären – ich sehe schon hier Probleme, da Unterlassung eine passive Handlung ist, während Schwangerschaftsabbruch eine aktive), aber selbst wenn das eine gültige Schlussfolgerung wäre, dann bedeutet das wie gesagt noch lange nicht, dass Gegner der PID zwangsläufig auch Pro freies Rumvögeln sind, da zur Klärung dieser völlig anderen Frage ganz andere Umstände betrachtet werden.

  5. Skydaddy sagt:

    @denny:

    Erst einmal ging es mir darum, dass die Beethoven-Anekdote immer wieder geracht wird, obwohl sie falsch ist und man wohl davon ausgehen kann, dass denjenigen, die diese Anekdote bringen, das auch bekannt ist. (Es fällt mir – gerade nach dem Erfolg des „Gotteswahns“ – schwer zu glauben, dass jemand, der dieses Argument regelmäßig bringt, nicht irgendwann auf die Falschheit hingewiesen wird.)

    Zweitens müssen sich diejenigen, die dieses Argument bringen, gefallen lassen, dass die dahinter steckende Logik (Mit jedem Kind, das nicht gezeugt und geboren wird, könte uns ein „Beethoven“ entgehen) nicht nur auf die Fälle angewandt wird, wo es ihnen gerade passt, sondern konsequent zuende gedacht wird. Das Argument wird nicht ins Lächerliche gezogen, es IST lächerlich.

    Niemand, der wie Dawkins auf die Konsequenzen einer solchen „Logik“ hinweist, behauptet, „Lebensschützer“ träten für wildes Rumvögeln ein – darin liegt ja gerade der Einwand: Die Logik „Bloß keinen Beethoven verschwenden“ ist in der Praxis nicht durchzuhalten und wird ja auch von niemandem gefordert.

    Dann lässt sich diese Logik aber auch nicht sinnvoll auf die PID oder Abtreibung anwenden.

  6. denny sagt:

    Du hast geschickt meinen Kritikpunkt der unterschiedlichen Rahmenbedingungen ignoriert.

    Gehen wir mal chronologisch vor um die Methodik der sogenannten „Entkräftung“ zu beurteilen und tun wir zum Zweck der Anschaulichkeit so als wäre die Logik eine elektrische Einheit:

    1) Jemand äußert diese Beethoven-Story.
    2) Jemand anderes isoliert die Logik dahinter, koppelt sie vollkommen vom aktuellen Thema ab – d.h. trennt alle Verbindungen zum Thema PID.
    3) Die abgekoppelte Logik wird mit einem ganz anderen Thema neu angeschlossen und verkabelt.
    4) Das neu entstandene System wird eingeschalten, man stellt fest dass es nicht funktionsfähig ist.
    5) Man schliesst daraus, dass auch das ursprüngliche System nicht funktionsfähig ist.

    Inhaltlich folgt garnichts aus der Entkopplung und Anwendung auf ein ganz anderes System.
    Es hat nur einen einzigen Nutzen: ein Bild einer Realität zu erzeugen, in der jeder mit jedem rumvögelt.

    Das dies keine Entkräftung ist sollte klar sein.

  7. Skydaddy sagt:

    @denny:

    Mal eine Frage: Findest Du es richtig, dass mit der falschen Beethoven-Geschichte „argumentiert“ wird?

    Mir ist nicht klar, was Du mit „Rahmenbedingungen“ meinst. Möglicherweise den Umstand, dass bei der PID Eizelle und Samen bereits verschmolzen sind, in anderen Fällen aber nicht.

    Bloß: Darauf zielt die Beethoven-Geschichte ja nicht ab. Sie scheint argumentieren zu wollen, dass auf keinen Fall Talente wie Beethoven „verloren“ gehen sollen. Die „Beethovens“ gehen aber durch die „Nichtverwertung“ bei der PID genau so verloren, wie wenn man die „Gelegenheit“ zur Zeugung nicht nutzt.

    Ich will Deinen Kritikpunkt nicht ignorieren. Wenn Dir diese Antwort nicht ausreicht, vielleicht kannst Du noch mal in Worte fassen, welche Logik bzw. welches Prinzip Deiner Meinung mit der Beethoven-Story veranschaulicht werden soll. Ich kann ja nur auf die Logik Bezug nehmen, die ich in der Geschichte erkenne.

  8. denny sagt:

    Ich denke es gibt mehrere Arten dem Beethoven Argument zu begegnen.
    Einmal die „mitdenkende“ Sichtweise, die nicht so kleinkarriert vorgeht und erkennt, dass damit einfach nur ausgedrückt werden soll, dass auch „behindertes“ Leben lebenswert ist unabhängig davon ob es jetzt um Beethoven, Syphilis oder Tuberkulose oder Michael Jackson geht. Für diese Sichtweise ist die Wahrheit einzelner Details nicht zwingend nötig, denn diese bilden nur soetwas wie eine „medienwirksame“ Verpackung des eigentlichen Arguments.

    Dann gibt es die kritische Sichtweise, für die die 100%ige Wahrheit der gesamten Geschichte natürlich schon eine Rolle spielt. „Vorteil“ dieser Sichtweise: sie ist korrekter, lässt insbesondere die „medienwirksame“ gemogelte Verpackung nicht einfach so durchgehen, hat aber auch den Nachteil, dass sie weniger auf die eigentliche Kernaussage konzentriert ist.

    Ich kann beide Perspektiven verstehen und schlage mich da auf keine Seite, zumal mir die Diskussion um die PID relativ egal ist.

    Warum ich hier poste ist ein ganz anderer Ansatzpunkt: in diesem Blogeintrag sprichst du von einer Entkräftung des Argumentes.
    Es ist jedoch keine Entkräftung.

    Du schlägst vor, ich solle die Kernlogik nochmal erläutern. Ich halte das nicht für notwendig, da ich denke wir haben beide dieselbe Vorstellung welche Logik das Argument vertritt.
    Unsere unterschiedlichen Sichtweisen ergeben sich aus der anschließenden Schlussfolgerung daraus.

    Denn was beurteilt wird, ist nicht die Logik selbst. Eine logische Aussage kann nicht qualitativ beurteilt werden, sondern nur als wahr oder falsch.

    Qualitativ beurteilt werden kann nur die Argumentation, für die die Logik verwendet wird.
    Und in der „Entkräftung“ wird die Argumentation für ein ganz anderes Thema beurteilt, nämlich für das wilde rumvögeln.
    Die Verbindung zur PID wird nur hergestellt, indem die Logik von hier nach dort übertragen wird.

    Eine logische Aussage selbst ist jedoch kein Argument. Nur durch Kombination dieser logischen Aussagen mit vielen anderen Umständen und Faktoren (wie z.B. Realisierbarkeit, Verträglichkeit mit der Menschenwürde etc. unendlich vieles mehr) wird daraus ein Argument.

    Diese Umstände und Faktoren, mit denen die Kernlogik kombiniert erst ein Argument ergibt, bezeichnete ich als Rahmenbedingungen.

    Die Rahmenbedingungen bei den Themen „kein Widerstand gegen Vergewaltigung“ und „Legalisierung der PID“ sind absolut NICHT äquivalent.

    Die Entkräftung arbeitet also genau wie das Beethoven Argument mit einer gemogelten „medienwirksamen“ Verpackung, nämlich über die Erzeugung eines Bildes der rumvögelnden Bevölkerung, nicht inhaltlich.

    Wenn man also gemogelte Verpackung nicht durchgehen lässt, dann bitte weder beim Argument noch bei der Entkräftung des Argumentes.

    • Skydaddy sagt:

      @denny:

      Du schreibst:

      [Damit soll einfach nur ausgedrückt werden], dass auch „behindertes“ Leben lebenswert ist unabhängig davon ob es jetzt um Beethoven, Syphilis oder Tuberkulose oder Michael Jackson geht.

      Dafür ist das „Beethoven-Argument“ völlig verfehlt. Denn es argumentiert ja quasi, man werde doch nicht eins der weltgrößten Genies abtreiben wollen. Natürlich ist die Absicht derer, die so argumentieren, das Überleben auch der möglicherweise behinderten oder kranken „Nicht-Beethovens“ zu ermöglichen. Das ändert aber nichts daran, dass das Argument genau im Gegenteil Genies wie Beethoven offenbar für besonders schützenswert hält, sonst würde man ja argumentieren, dass auch Behinderte schützenswert sind und nicht Beethoven ins Spiel bringen. Es handelt sich hier nicht um ein logisches Argument, sondern um einen bloßen Appell an die Emotionen (s.u.).

      Wenn ich Dich richtig verstehe, schreibst Du, dass sich ein Argument aus der Anwendung seiner argumentativen Logik auf bestimmte Umstände ergibt.

      Soweit ich es sehe, ist es verbreitete und bewährte Praxis, argumentative Logik daraufhin zu prüfen, ob sie nicht bei der Anwendung auf andere Umstände zu unerwünschten oder absurden Konsequenzen führt. Dawkins macht dies: Er zeigt, dass die Anwendung der argumentativen Logik auf andere Fälle zu absurden Ergebnissen führt. Deshalb ist die argumentative Logik unbrauchbar.

      Wie oben schon ausgeführt, besteht natürlich ein Unterschied, ob eine Eizelle bereits befruchtet ist (PID) oder nicht (Verhütung, Abstinenz). Das Beethoven-Argument ist deshalb so absurd, weil es gerade nicht zwischen beiden Fällen unterscheidet und quasi fordert, wir dürfen doch keine Beethovens verhindern!

      Das heißt, das die Umstände bei PID und Verhütung zwar andere sind, dass dieser Umterschied aber für die „Logik“ des Arguments unerheblich ist. Kein Beethoven soll verloren gehen!

      Wenn die Argumentation keinen Unterschied zwischen beiden Situationen macht, muss sie eben auch daraufhin getestet werden, ob sie in – im Hinblick auf die Argumentation – vergleichbaren Situationen nicht zu absurden Konsequenzen führt.

      Und dies ist genau die Methode, mit der zwischen gültigen ethischen Prinzipien und ungeeigneten Argumentationen unterschieden wird. Zu sagen, das Beethoven-Argument dürfe nur auf die eine, aber nicht auf die andere Situation angewendet werden, obwohl beide Situationen (zwar nicht von der Praxis, aber vom Argument her) vergleichbar sind, heißt, eine „Extrawurst“ zu fordern („special pleading“), was bedeutet, dass das so verteidigte Argument ungültig ist.

      PS: Man könnte eventuell noch einwenden, dass das Beethoven-Argument bei entsprechender Formulierung („Dann hätten Sie Beethoven ermordet“, s.o.) quasi davon ausgeht, dass die Eizelle schon befruchtet war und somit nicht auf Situationen wie Verhütung oder Abstinenz angewandt zu werden braucht. – Wenn aber derjenige, den es zu überzeugen gilt, die Abtreibung an sich für gerechtfertigt hält, wieso sollte er dann gerade die von Beethoven für nicht gerechtfertigt halten? Zumal es ja extrem unwahrscheinlich ist, dass es sich gerade bei dem jeweils zu entscheidenden Fall um einen „potentiellen Beethoven“ handelt.

      Es handelt sich bei der „Beethoven-Argumentation“ nicht um ein logisches, gültiges Argument, sondern lediglich um einen Appell an die Emotionen.

  9. Kismet sagt:

    Du hast den klassischen Hitler-Konter vergessen, denn das „potentielle Leben“ muss nicht immer in einem guten Menschen aufgehen.

    Damit ist das Argument sofort entkräftigt.

  10. Skydaddy sagt:

    @Kismet:

    Du hast Recht! Dawkins hat das im Gotteswahn auch drin, ich wollte aber hier aus Copyrightgründen nicht zu viel zitieren.

    Dawkins erinnert auf S. 496 von „Der Gotteswahn“ an „eine der ‚ungewöhnlichen Geschichten‘ von Roald Dahl: Eine ebenso zufällige Entscheidung aus dem Jahr 1888, keine Abtreibung vorzunehmen, bescherte uns Adolf Hitler.“

  11. denny sagt:

    >> Natürlich ist die Absicht derer, die so argumentieren, das Überleben auch der möglicherweise behinderten oder kranken „Nicht-Beethovens“ zu ermöglichen. Das ändert aber nichts daran, dass das Argument genau im Gegenteil Genies wie Beethoven offenbar für besonders schützenswert hält, sonst würde man ja argumentieren, dass auch Behinderte schützenswert sind und nicht Beethoven ins Spiel bringen. <>[…] das „Beethoven-Argument“ völlig verfehlt<> Es handelt sich hier nicht um ein logisches Argument, sondern um einen bloßen Appell an die Emotionen <> Soweit ich es sehe, ist es verbreitete und bewährte Praxis, argumentative Logik daraufhin zu prüfen, ob sie nicht bei der Anwendung auf andere Umstände zu unerwünschten oder absurden Konsequenzen führt. <> Dawkins macht dies: Er zeigt, dass die Anwendung der argumentativen Logik auf andere Fälle zu absurden Ergebnissen führt. Deshalb ist die argumentative Logik unbrauchbar. <> Wie oben schon ausgeführt, besteht natürlich ein Unterschied, ob eine Eizelle bereits befruchtet ist (PID) oder nicht (Verhütung, Abstinenz). Das Beethoven-Argument ist deshalb so absurd, weil es gerade nicht zwischen beiden Fällen unterscheidet und quasi fordert, wir dürfen doch keine Beethovens verhindern! <> Wenn aber derjenige, den es zu überzeugen gilt, die Abtreibung an sich für gerechtfertigt hält, wieso sollte er dann gerade die von Beethoven für nicht gerechtfertigt halten? <> Wenn die Argumentation keinen Unterschied zwischen beiden Situationen macht,[…] <>[…]muss sie eben auch daraufhin getestet werden, ob sie in – im Hinblick auf die Argumentation – vergleichbaren Situationen nicht zu absurden Konsequenzen führt. <<

    muss sie also nur nicht, darf man sogar garnicht aufgrund der unterschiedlichen Umstände.

    Übrigens stellt Dawkins nicht wie von dir beschrieben nur PID und Verhütung gegenüber, er spricht von "keine Gegenwehr gegen Vergewaltigung" und da spielen noch ganz andere Umstände als "Eizelle bereits befruchtet oder nicht" eine Rolle, z.B. das Recht auf Freiheit, die Menschenwürde etc, was du geschickt unter den Tisch fallen lässt.

    Dabei ist genau dies das eigentlich so Schändliche an Dawkins "Entkräftung", nämlich dass das Terrain auf das Dawkins den Krieg illegalerweise verlagert, bizarr und makaber ist.

    Das Erzeugen solch eines Bildes ist kein logisches Argument, sondern ein bloßer Appell an die Emotionen.

  12. denny sagt:

    Verdammt, oben ist was mit der Formatierung schiefgelaufen… ich unternehme mal einen zweiten Versuch. Den obigen Kommentar am besten löschen.

    Natürlich ist die Absicht derer, die so argumentieren, das Überleben auch der möglicherweise behinderten oder kranken „Nicht-Beethovens“ zu ermöglichen. Das ändert aber nichts daran, dass das Argument genau im Gegenteil Genies wie Beethoven offenbar für besonders schützenswert hält, sonst würde man ja argumentieren, dass auch Behinderte schützenswert sind und nicht Beethoven ins Spiel bringen.

    Du kreierst diesen Scheinwiderspruch, indem du die Betroffenen in zwei Gruppen, den behinderten Nicht-Beethovens und den behinderten Beethovens aufteilst.

    Wieder künstlich herbeigeführte Rahmenbedingungen.

    Nette Taktik, die du und Dawkins konsequent anwenden – nämlich den Kampf auf ein anderes Terrain zu verlagern, auf dem es einfacher ist zu gewinnen – jedoch auch verwerflich, da auf dem anderen Terrain ein Krieg möglicherweise niemals begonnen worden wäre.

    Hier geht es nicht um behinderte Nicht-Beethovens und behinderte Beethovens, sondern um behindertes und nicht-behindertes Leben.

    Beethoven spielt hier die Rolle eines „prominenten“ Vertreters aus der Gruppe behinderten Lebens (Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ist an dieser Stelle nicht das Thema) und die Erwähnung Beethovens ist ein medienwirksames Mittel.
    Beethoven ist hier also quasi die Werbe-Ikone für die eigentliche Kernaussage „auch behindertes Leben ist lebenswert“ und deine Begründung dafür, dass zu diesem Zweck […] das „Beethoven-Argument“ völlig verfehlt sei ist aus oben genannten Gründen (künstlich herbeigeführte Gruppenaufteilung) hinfällig.

    Es handelt sich hier nicht um ein logisches Argument, sondern um einen bloßen Appell an die Emotionen

    Was du als „bloßen Appell an die Emotionen“ verpönst, ist die medienwirksame Verpackung (Beethoven als Werbe-Ikone).
    Das Argument ist jedoch nicht die Verpackung selbst, sondern die Aussage, die darin eingewickelt ist – nämlich „auch behindertes Leben ist lebenswert“.
    Dies ist kein logisches Argument, sondern eine moralische Position.

    Nun zum eigentlichen Thema, den illegalen Kampftaktiken von Dawkins.

    Soweit ich es sehe, ist es verbreitete und bewährte Praxis, argumentative Logik daraufhin zu prüfen, ob sie nicht bei der Anwendung auf andere Umstände zu unerwünschten oder absurden Konsequenzen führt.

    1.) Dass etwas weit verbreitet ist, macht es nicht richtig.

    2.) Deine qualitative Einschätzung „bewährt“ ist zu hinterfragen. Mich würde insbesondere interessieren welcher Bewertungsmaßstab dieser Beurteilung zugrunde liegt.

    Dawkins macht dies: Er zeigt, dass die Anwendung der argumentativen Logik auf andere Fälle zu absurden Ergebnissen führt. Deshalb ist die argumentative Logik unbrauchbar.

    Weshalb ist sie jetzt unbrauchbar? In diesen anderen Fällen herrschen andere Umstände.
    Es zeigt lediglich, dass sie unbrauchbar in diesen Fällen mit anderen Umständen ist.
    Wieso die Schlussfolgerung ziehen, dass sie dadurch unbrauchbar für ganz andere Situationen ist? Achja, weils gängig ist.

    Wie oben schon ausgeführt, besteht natürlich ein Unterschied, ob eine Eizelle bereits befruchtet ist (PID) oder nicht (Verhütung, Abstinenz). Das Beethoven-Argument ist deshalb so absurd, weil es gerade nicht zwischen beiden Fällen unterscheidet und quasi fordert, wir dürfen doch keine Beethovens verhindern!

    Das Beethoven-Argument unterscheidet zwischen diesen Fällen, da es nicht sagt „keine Beethovens verhindern“, sondern „keine Beethoven ermorden“.
    Im Übrigen wurde das Argument innerhalb der PID-Diskussion gebracht, nicht der Verhütungsdiskussion – absichtliches Ignorieren des Kontextes ist nicht nötig.

    Wenn aber derjenige, den es zu überzeugen gilt, die Abtreibung an sich für gerechtfertigt hält, wieso sollte er dann gerade die von Beethoven für nicht gerechtfertigt halten?

    Weil die Motivation DIESER Abtreibung genau einen ganz bestimmten Grund hätte, während hinter „normalen“ Abtreibungen diverse andere Motivationen stecken.

    Wenn die Argumentation keinen Unterschied zwischen beiden Situationen macht,[…]

    Was sie allerdings tut, zum einen durch das Verb „ermorden“, zum anderen durch den Kontext,

    […]muss sie eben auch daraufhin getestet werden, ob sie in – im Hinblick auf die Argumentation – vergleichbaren Situationen nicht zu absurden Konsequenzen führt.

    muss sie also nur nicht, darf man sogar garnicht aufgrund der unterschiedlichen Umstände.

    Übrigens stellt Dawkins nicht wie von dir beschrieben nur PID und Verhütung gegenüber, er spricht von „keine Gegenwehr gegen Vergewaltigung“ und da spielen noch ganz andere Umstände als „Eizelle bereits befruchtet oder nicht“ eine Rolle, z.B. das Recht auf Freiheit, die Menschenwürde etc, was du geschickt unter den Tisch fallen lässt.

    Dabei ist genau dies das eigentlich so Schändliche an Dawkins „Entkräftung“, nämlich dass das Terrain auf das Dawkins den Krieg illegalerweise verlagert, bizarr und makaber ist.

    Das Erzeugen solch eines Bildes ist kein logisches Argument, sondern ein bloßer Appell an die Emotionen.

  13. Barkai sagt:

    Denny,

    würdest du das Wort „illegal“ definieren? Die eigentliche Definition von illegal bezieht sich auf rechtliche Zustände. Falsche Analogien oder falsche Logik (wenn die hier angesprochene Logik denn dies sein soltle) verstoßen meines Wissens nicht gegen geltende Gesetze.

    Wie kann beethoven denn die Rolle des behinderten Lebens spielen, wenn die Zugehörigkeit der Gruppe (entweder behindert oder nicht-behindert) hier gar keine Rolle spielt?

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