Der Blinde von der Farbe: Glaubwürdigkeitsveranstaltung in Freiburg

Im Erzbistum Freiburg gab es heute eine Veranstaltung der Katholischen Akademie zum Thema: Glaub-würdig? Forum zur aktuellen Krise der katholischen Kirche. Dafür, dass er daran teilgenommen hat, erhält der Generalvikar von mir hiermit den Ehrentitel: Kamikaze-Keck!

Allerdings hat er entweder Glück gehabt oder sehr professionell gearbeitet: Die Veranstaltung fand nämlich exakt an dem Tag statt, als Zeitungen die Einstellung der „Ermittlungen“ gegen Erzbischof Zollitsch meldeten. Schnauf! Gerade noch mal Glück gehabt!

Um die Glaubwürdigkeit des Bistums noch zu steigern, fand sich der Bericht über die Veranstaltung schon eineinhalb Stunden nach dem angekündigten Beginn (19:00 Uhr) auf der Website des Erzbistums. Es gab wohl nicht viel zu besprechen…

Überschrift: Grundlagen für neues Vertrauen schaffen. Wenn das Ordinariat Freiburg (damit meine ich die leitenden Personen dort: Erzbischof Zollitsch, Generalvikar Dr. Keck, Pressesprecher Robert Eberle, Missbrauchsbeauftragten Dr. Maier) die Grundlage für Vertrauen schaffen wollte, könnte es sich mal klar zu der Frage äußern, ob das Kloster Birnau nun auf dem Territorium der Erzdiözese Freiburg liegt, oder auf dem Territorium der österreichischen Territorialabtei Wettingen-Mehrerau, wie mehrere Erklärungen des Bistums zwar nahelegen – und zwar so nahe, dass dadurch zunächst sogar zwei Kirchenrechtsexperten getäuscht wurden – aber letztlich doch nicht klar behaupten.

Wäre diese Unklarheit ein Versehen, würde das Ordinariat (oder auch der Abt von Wettingen-Mehrerau, der sich ebenso irreführend geäußert hatte) ja wohl zumindest auf Anfrage mal klarstellen, zu welchem Territorium das Kloster tatsächlich gehört. Aber entweder wird überhaupt nicht geantwortet, oder es kommt dummes Geschwurbel. Damit meine ich z.B. Sätze wie diesen vom 12.07.2010 – also Montag letzter Woche:

Die Pfarrkuratie Birnau, einschließlich der Wallfahrts- und Klosterkirche Birnau ist seit 1919 ein Priorat der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau in Österreich.

Eine Pfarrkuratie (Pfarrei) ist ein Priorat (Kloster)? Offenbar soll durch diesen unsinnigen Satz der gewünschte Eindruck vermittelt werden, das komplette Gebiet der Pfarrei gehöre zur Territorialabtei Wettingen-Mehrerau. Was nicht der Fall ist, wie alle einschlägigen Datenbanken (u.a. des Zisterzienserordens!) zeigen und diese Woche auch durch zwei Kirchenrechtsexperten bestätigt wurde.

Oder der Missbrauchsbeaufragte des Bistums, Domkapitular Dr. Eugen Maier: Auf meine Anregung, doch mal der Versetzung eines jungen Paters aus Birnau 2008 nachzugehen, die offenbar überstürzt und ohne jede Erklärung erfolgte, antwortete er mir (natürlich erst auf Nachfrage):

Kirchenintern müssen die Versetzungen der Patres von der Abtei geklärt und aufgearbeitet werden.

Bin ich der einzige, der von einem Missbrauchsbeauftragten erwartet, dass er so einem Hinweis nachgeht – oder zumindest eine Rückmeldung liefert, dass und weshalb 2008 trotz der auffälligen Umstände alles seine Ordnung hatte? Die Patres aus Birnau betreuen in den umliegenden Orten die Ministranten und Kommunionkinder aus dem Bistum! Der besagte Pater war für die Ministranten zuständig!

Zumal Birnau ja eine gewisse Vergangenheit hat: Zwischen 1966 und 1968 missbrauchte der Zisterzienserpater Gregor Müller dort mehrere Messdiener. Von 1987 bis 1992 wurde er erneut dort eingesetzt – obwohl dem Abt die Pädophilie des Paters bekannt war. (Ich vermute ja mittlerweile: Möglicherweise wurde er gerade wegen seiner Pädophilie wieder genau dort eingesetzt: Die Gemeinde hatte schließlich bereits bewiesen, dass dort kein öffentlicher Skandal zu befürchten war.) 2000 wurde der damalige Prior des Klosters wegen Unterschlagung verurteilt. Er erhielt damals die höchste Strafe (ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung), die in einem nichtöffentlichen Verfahren verhängt werden kann. Alles andere muss öffentlich verhandelt werden. Zuständig war auch damals die Staatsanwaltschaft Konstanz. Der Prior brauchte das Geld, weil er wegen einer „angeblichen sexuellen Verfehlungerpresst worden war. Der Staatsanwaltschaft Konstanz zufolge ließen sich die Vorwürfe damals nicht klären, deshalb habe der Pater deswegen auch nicht belangt werden können. Allerdings wurde diesen März gemeldet, der Prior habe sich damals „von Zuhältern jugendliche Prostituierte ins Kloster bringen“ lassen. (Wieso finden sich diese Meldungen eigentlich nur auf österreichischen oder schweizerischen Webseiten – aber nicht auf deutschen?)

Diesen März stellte sich nun auch noch heraus, dass der bekanntermaßen pädokriminelle Pater Gregor jahrelang im Bistum Chur (Schweiz) eingesetzt war, ohne dass die Abtei das Bistum über die Pädophilie des Paters informiert hatte. Selbst nach seiner Zusage gegenüber dem Freiburger Ordinariat 2006, das Bistum Chur zu informieren und den Pater aus dem Verkehr zu ziehen, ließ der damalige Abt von Wettingen-Mehrerau, Kassian Lauterer, den Pater jahrelang unbehelligt weiter mit Kindern und Jugendlichen wirken. Die plötzliche Versetzung des jungen Paters aus Birnau 2008 erfolgte auch noch während Lauterers Amtszeit.

Missbrauchsbeauftragter Dr. Maier hätte ja vielleicht auf die Idee kommen können: Wenn der Abt das Bistum Chur nicht darüber informiert hat, dass der Pater pädophil ist – vielleicht sind dann bei uns in Birnau auch pädophile Patres, von denen wir nichts wissen?

Dr. Maier denkt sich vielleicht: Wenn er mir mitteilt, er kümmert sich darum, dann melde ich hier gleich: Beweis: Bistum Freiburg doch für Birnau zuständig! Pech für das Bistum, wenn es vorher so tut, als sei es nicht zuständig! So erweckt Dr. Maier allerdings den Eindruck eines Missbrauchsexperten, dessen Interesse, Ministranten in seinem Bistum zu schützen oder Verdachtsfällen nachzugehen, weniger stark ausgeprägt ist, als man sich das vielleicht gewünscht hätte.

Womit wir wieder beim Thema Glaubwürdigkeit sind: Diesen Satz aus der Einführungsrede von Akademiedirektor Thomas Herkert wollte ich Euch nicht vorenthalten:

„Zu den alarmierenden und deprimierenden Erfahrungen dieser Tage zählt, dass nach Umfragen trotz aller Anstrengungen und eindeutigen Aussagen der Bischöfe die überwältigende Mehrheit der Deutschen nicht glaubt, dass die katholische Kirche wirklich an Aufklärung interessiert ist.“

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen glaubt nicht, dass die katholische Kirche wirklich an Aufklärung interessiert ist? Das ist wirklich schlimm – schlimm, dass offenbar immer noch Leute glauben, die katholische Kirche sei wirklich an Aufklärung interessiert.

Ich will ausdrücklich sagen, dass ich glaube, dass es nicht wenige Bischöfe gibt, die wirklich an Aufklärung interessiert sind, und habe ja sogar im Ketzerpodcast schon mal Kardinal Meisner in dieser Hinsicht ausdrücklich dafür gelobt, dass er in Sachen Missbrauch offenbar mehr getan hat als nur das Nötigste. Es tut mir auch aufrichtig für die Beschäftigten des Ordinariats Freiburg leid, dass ich hier leider begrifflich nicht immer so zwischen den Verantwortlichen und den übrigen Beschäftigten des Ordinariats trennen kann, wie ich es gerne tun würde – in der Annahme, dass dort so manches auch nicht mit vollem Herzen mitgetragen wird.

Aber Glaubwürdigkeit für die katholische Kirche in Deutschland mit Erzbischof Zollitsch als Aushängeschild?

Gestern zitierte die Badische Zeitung  den Kirchenrechtsexperten Dr. Georg Bier:

Reichte es 2006 wirklich, den Abt in Kenntnis zu setzen? Nein, antwortet Georg Bier. „Ein bloßes Weiterreichen der Informationen über einen möglichen Täter (und dessen Opfer) an den zuständigen Oberen, zumal wenn dies ohne nachfolgende Kontrolle geschieht, entspräche nicht dem Anspruch der Leitlinien.“

Aber kann Erzbischof Zollitsch dafür belangt werden, dass er 2006 mit der bloßen Weitermeldung eines Falles dem Anspruch der Leitlinie nicht gerecht geworden ist?

Nein, so Bier: „weil die Leitlinien ,nur‘ Leitlinien und nicht ein rechtsverbindlicher Text sind“.

Vielleicht wünscht sich ja die überwältigende Mehrheit der Deutschen, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz die Leitlinien übererfüllt – anstatt erst wochenlang über die Zuständigkeit getäuscht zu werden und dann schließlich lernen zu müssen, dass die Leitlinien gar nicht rechtsverbindlich sind?

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