Wie Zollitsch und sein Ordinariat die Öffentlichkeit täuschen

An dem gestrigen Beitrag von Report  MainzDie katholische Kirche und die Wahrheit“ wurde wieder sehr schön deutlich, wie das Bistum Freiburg mit ausgeklügelten Formulierungen die Öffentlichkeit täuscht.

In dem Beitrag heißt es: „Erst 1995 habe die Erzdiözese von einem Missbrauchsopfer erfahren“.

Diesen Eindruck haben Erzbischof Zollitsch und sein Ordinariat zwar erweckt – sie haben das aber nie tatsächlich so gesagt. Das Ordinariat Freiburg weiß nämlich (aus Erfahrung), dass – wenn es nur geschickt genug formuliert – es gar nicht selbst zu lügen braucht: Solange die Medien nämlich die Formulierungen des Ordinariats in dem beabsichtigten Sinn missverstehen und dann ihrerseits – unwissend – die Unwahrheit als Tatsachendarstellung verbreiten.

Ich hatte dies bereits erläutert an den Formulierungen, das Kloster Birnau „gehöre“ zur Territorialbtei Wettingen-Mehrerau und deren Abt sei „kirchenrechtlich zuständig“. Offenbar wurde selbst der Kirchenrechtsprofessor Dr. Georg Bier dadurch getäuscht, und auch der US-Experte Thomas P. Doyle nahm nach der Lektüre der Freiburger Darstellungen zunächst an, Freiburg sei nicht für Birnau zuständig – bis er aufgrund meiner Rechercheergebnisse seine Meinung änderte.

Zunächst äußerte sich im März Erzbischof Zollitsch selbst. Er sagte am 24.03.2010:

Als sich schließlich später ein Zeuge mit konkreten Anschuldigungen meldete, haben wir den Beschuldigten damit konfrontiert und ihm klar gesagt, dass wir entschlossen sind die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Indem er sich das Leben nahm, war eine Strafverfolgung nicht mehr möglich.

Zollitsch sagt nicht, wann sich der Zeuge gemeldet hat. Der Zusammenhang legt natürlich nahe, dass es (erst) 1995 war, als nämlich der Täter sich das Leben nahm. Aber Zollitsch sagt nicht (die Unwahrheit), dass sich vorher kein anderer Zeuge gemeldet hat.

Aber das ist gerade die Art, wie das Bistum Freiburg seine Erklärungen strickt: Indem es z.B. erklärt, das Priorat Birnau „gehöre“ zur Territorialabtei Wettingen-Mehrerau“, und sich dann lang und breit darüber auslässt, dass Territorialabteien vom Diözesanbischof (hier: Erzbischof Zollitsch) unabhängig sind – dann muss der Leser natürlich glauben, dies betreffe auch das Priorat.

Falsch ist allerdings, das Zollitsch 1995 entschlossen war, die Staatsanwaltschaft einzuschalten – das Ordinariat Freiburg stellte neulich auf Anfrage der Badischen Zeitung klar, die weiteren Recherchen des Erzbistums seien eine Reaktion auf die Anzeige des Opfers bei der Staatsanwaltschaft gewesen.

Zwar behauptete Zollitsch kürzlich im FAZ-Interview:

Die Stellungnahme im März mussten wir unter enormem Zeitdruck formulieren – ohne die Unterlagen und Schriftwechsel, mit denen sich die zeitlichen Abläufe genau rekonstruieren lassen. Die Vorgänge von 1992 und die von 1995, als sich der Pfarrer später das Leben nahm, hatten sich nach so vielen Jahren in meinem Gedächtnis ineinander verschoben: Denn das Gespräch mit Pfarrer B. im Jahr 1992 und das Gespräch im Jahr 1995, als er erneut zur Rede gestellt wurde, waren einander sehr ähnliche Situationen.

Umso bemerkenswerter muss es erscheinen, dass das Ordinariat – trotz dieser schlimmen Beeinträchtigungen bei der Wahrheitsfindung – wiederum nicht falsch (wie man es dann wohl erwarten würde), sondern lediglich missverständlich formulierte: Einen Tag nach Zollitsch erklärte nämlich Generalvikar Dr. Fridolin Keck am 25. März:

Als sich dann 1995 – bei weiteren Recherchen des Erzbistums – ein Missbrauchsopfer meldete und dem Pensionär klar gemacht wurde, dass nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werde, nahm sich der Pfarrer das Leben.

Es stimmt ja durchaus, dass sich 1995 ein Opfer meldete, welches auch die Staatsanwaltschaft einschaltete. Und der heutigen Darstellung des Ordinariats zufolge hat das Erzbistum daraufhin recherchiert.

Dr. Keck erklärt aber nicht (wahrheitswidrig), erst 1995 habe sich das erste Opfer gemeldet, sondern (den Tatsachen entsprechend), 1995 habe sich ein Opfer gemeldet. Aber natürlich erweckt sein Statement den (falschen) Eindruck, das Erzbistum habe selbst recherchiert, daraufhin habe sich das Opfer gemeldet, und dann habe das Erzbistum die Einschaltung der Staatsanwaltschaft angekündigt. Und der Leser muss natürlich den falschen Eindruck gewinnen, das Bistum habe erst 1995 von konkreten Vorwürfen eines Opfers erfahren – und nicht bereits 1992.

Es mag ja sein, dass das Bistum – trotz einer Vorbereitungszeit von mehreren Tagen, wie die Badische Zeitung aufzeigte – zufälligerweise gerade die Unterlagen nicht greifbar hatte, die den damaligen Personalreferenten und jetzigen Erzbischof (und Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz) Robert Zollitsch in ein schlechtes Licht gerückt hätten. (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.) Aber dass das Ordinariat dann in seinen Erklärungen auch noch zufälligerweise etliche Formulierungen verwendet, die „technisch“ gesehen keine Lügen sind – aber alle in der Weise irreführend, dass Zollitsch in einem „zu guten“ Licht dasteht? Formulierungen, die den Eindruck erwecken, als sollten sie quasi „vorausschauend“ jene Informationen kaschieren, die das Ordinariat Zollitsch zufolge damals noch gar nicht hatte?

Wer soll das glauben? Und wie lange noch?

Nachtrag 1: Dazu passend auch noch einmal der Hinweis auf Zollitschs clevere Formulierung im FAZ-Interview vom letzten Sonntag. Auf die Frage, weshalb er im März die Aussage des Opfers von 1992 nicht erwähnt habe, erklärte Zollitsch im Anschluss an die obige Ausrede Erklärung (Zeitdruck, fehlende Unterlagen):

Nach dem Studium der Dokumente und dem Gespräch mit Opfern und Angehörigen haben wir das nun richtiggestellt.

Zollitsch benutzt das Wort „nach“ (dem Studium der Dokumente) in einer Weise, die nahelegt, dass er es im Sinne von „aufgrund“ verwendet. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass die Richtigstellung nicht aus bloßer Einsicht erfolgte, sondern weil das Ordinariat Freiburg wußte oder ahnte, dass Report Mainz über eben dieses Dokumente berichten würde.

Nachtrag 2: Bemerkenwert ist auch die unterschiedliche Präsentation exakt des selben Sachverhalts – einmal durch Zollitsch im FAZ-Interview, und einmal in der Report Mainz-Sendung. Es geht um folgende Formulierung, die – Report Mainz zufolge – sich offenbar in einem Brief Zollitschs von 1995 fand:

„Herr Pfarrer B. bestritt weder die Aussagen, noch bestätigte er sie, brach in Tränen aus und äußerte mehrfach, wie leid ihm alles tue.

Zugleich legte er ausführlich seine Situation dar und zeigte auf, wie sehr er darum bemüht war, durch ein Leben des Gebets und der Buße möglichst vieles wieder gutzumachen.“

Geständnis oder nicht?

In dem Report Mainz-Beitrag wurde dies als „Quasi-Geständnis“ bezeichnet: Während der Pfarrer offenbar die Vorwürfe nicht im Einzelnen bestätigte, musste doch Zollitsch aufgrund der Reaktion – es tue ihm alles leid und er sei bemüht, alles wieder gut zu machen – wissen, dass die Vorwürfe zumindest im Kern stimmten.

Zollitsch präsentierte den selben Sachverhalt in seinem Interview vor ein paar Tagen so:

Wir haben Pfarrer B. unverzüglich mit dieser Schilderung konfrontiert. Er hat sie nicht abgestritten, aber auch kein Geständnis abgelegt. Er brach in Tränen aus. Er äußerte mehrfach, wie leid ihm alles tue und wie sehr er durch ein Leben des Gebets und der Buße möglichst vieles wiedergutmachen wolle.

Zollitsch gibt also fast wörtlich die Formulierung aus seinem Brief von 1995 wieder. Während er damals allerdings lediglich – ohne Wertung – schrieb, dass Pfarrer B. die Aussagen weder bestritt noch bestätigte, änderte Zollitsch in seinem jüngsten Interview die Formulierung dahin gehend, dass der Pfarrer „kein Geständnis abgelegt“ habe. Damit nimmt Zollitsch die Beurteilung des nachfolgenden Teils – nämlich des „Quasi-Geständnisses“ – vorweg und verdreht sie gleichsam in ihr Gegenteil, so dass man den brisanten Inhalt leicht überliest. „Technisch“ kann sich Zollitsch wiederum darauf berufen, dass offenbar kein schriftliches Geständnis im Sinne eines eigenständigen Dokuments existiert.

Es hat den Anschein, als sei der ganze Zweck des FAZ-Interviews gewesen, die Vorwürfe der Report-Sendung vom Montag – von denen das Bistum offenbar bereits Kenntnis hatte – quasi schon am Sonntag vorab zu entkräften. Dies „erlaubte“ es dann wohl auch Generalvikar Dr. Keck – wenn auch schwer atmend – in seinem jüngsten YouTube-Video die Vorwürfe als „nicht neu“ zu bezeichnen.

Gut zu wissen, die der wichtigste Bischof von Deutschland und sein Ordinariat arbeiten!

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3 Responses to Wie Zollitsch und sein Ordinariat die Öffentlichkeit täuschen

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Aktive Humanisten, Aktive Humanisten. Aktive Humanisten said: Wie #Zollitsch und sein Ordinariat die Öffentlichkeit täuschen (Skydaddy's Blog) http://bit.ly/9oNKAb […]

  2. Kirchensumpf sagt:

    […] Mitteln Zollitsch und sein Ordinariat arbeiten um so die Öffentlichkeit zu täuschen, hat Skydaddy auf seinem Blog sehr gut nachgewiesen. Und über die Vergesslichkeit eines Robert Zollitsch hatten wir ja schon im […]

  3. […] – gelinde gesagt – „Missverständlichkeit“ der Statements der Erzdiözese Freiburg und von Abt Anselm van der Linde, das Priorat Birnau […]

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