Missbrauch: Berichterstattung 2002

Gestern hatte ich empfohlen, sich mal die Medienberichterstattung zu den kirchlichen Missbrauchsskandalen von 2002 anzusehen, um diesen Sommer, wenn die deutschen Bischöfe ihre überarbeitete Fassung der „Leitlinien“ vorstellen, die kirchlichen Erklärungen hierzu beser einschätzen zu können.

Diese Berichte zu finden ist allerdings nicht ganz einfach, daher hier ein paar Hinweise (alle Hervorhebungen in den Texten von mir):

Dass die deutschen Bischöfe sich überhaupt Leitlinien gegeben haben, scheint nicht zuletzt auch auf den SPIGEL-Artikel „Vertuschen und versetzen“ von Peter Wensierski zurückzuführen zu sein. (Wensierski ist auch Co-Autor des Artikels „Geheime Parallelwelt“ zu Finanzaffären der katholischen Kirche im SPIEGEL der vergangenen Woche (24/2010, S. 66-69.) Jedenfalls schrieb die Süddeutsche später:

Überhaupt haben die katholischen Bischöfe in der Frage, wie mit sexueller Gewalt in der Kirche umzugehen sei, einen rasanten Lernprozess hinter sich. Noch auf der Frühjahrs-Vollversammlung in Stuttgart hatten sie lediglich eine Arbeitsgruppe unter dem Fuldaer Weihbischof Kapp eingesetzt; im Juni hatte der Ständige Rat der Bischofskonferenz entschieden, dass der Umgang mit dem Thema Sache jedes einzelnen Bistums sei und einen ersten Entwurf für gemeinsame Richtlinien wieder in der Schublade verschwinden lassen. Doch dann kam der Bericht des SPIEGEL über einen angeblichen Missbrauchsfall im Bistum Mainz, der Diözese des Bischofskonferenz-Vorsitzenden Kardinal Karl Lehmann; und es wurden weitere Fälle in der Öffentlichkeit bekannt. Auf einmal schien der Kirche in Deutschland die gleiche Vertrauenskrise bevorzustehen wie der in Amerika – obwohl es in Deutschland weniger Missbrauchsfälle gibt. Das Drängen von Papst Johannes Paul II. nach konsequenter Aufarbeitung dürfte auch die letzten Bedenkenträger überzeugt haben, dass die katholische Kirche gar keine andere Wahl habe, als sich auf ein klares, konsequentes und einheitliches Vorgehen zu einigen.

Hier einige Auszüge aus dem umfangreichen und heute noch lesenswerten Artikel:

Als der Papst die amerikanischen Bischöfe für eine Vielzahl sexueller Übergriffe rügte, begann eine weltweite Debatte. Nur die deutschen Bischöfe taten, als gehe sie die Problematik nichts an. […]

Noch vor wenigen Wochen wiegelte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann, in einem SPIEGEL-Gespräch (26/2002) ab, den „Schuh der Amerikaner“ müsse sich seine Kirche nicht anziehen. In seinem Bistum, erklärt Lehmann gern, müsse jeder, der „wirklich pädophil ist, sofort aus dem pastoralen Dienst entfernt werden“. So jemand dürfe „nicht einfach an einen anderen Ort versetzt werden“.

Leere Worte, wie sich jetzt zeigt. Denn Norbert E. trieb sein Unwesen in Lehmanns Bistum – über Jahre hinweg und auch heute noch offenbar mit Wissen seiner engsten Mitarbeiter. […]

Der Personalchef des Bistums, Domkapitular Dietmar Giebelmann, erhielt immer deutlichere Hinweise auf das sexuelle Treiben des Priesters – und tat so gut wie nichts. Er bestellte Norbert E. zu diskreten Gesprächen ins Bischöfliche Ordinariat. Der stritt ab, und alles blieb ohne Folgen. […]

Selbst Ingo war im Dezember 1999 bereit, über sein Verhältnis zu Norbert E. zu reden. Er bot Giebelmann in einem Brief an, persönlich zu den Vorwürfen auszusagen. Doch der Domkapitular mochte ihn nicht einmal anhören.

Stattdessen wurde Norbert E. zur Erholung ein paar Wochen ins Kloster geschickt – und im Herbst 2000 erneut versetzt: in ein kinderreiches Viertel, gleich neben eine Schule. Als Schulseelsorger erteilt E. 11- und 12-Jährigen den Religionsunterricht.

Doch damit nicht genug. Mit Erlaubnis der Bistumsspitze übernahm Norbert E. die Betreuung eines 14-Jährigen. So kann der Mann, vor dem noch kürzlich Eltern ihre Kinder in Sicherheit brachten, ganz legal mit einem Minderjährigen zusammenleben. Ganz legal und ganz allein. […]

Offensichtlich setzen die deutschen Bischöfe darauf, dass die Scham der Opfer länger anhält. Selbst als der Papst die Verfehlungen der amerikanischen Bischöfe öffentlich anprangerte, hielt der Ständige Rat der Bischofskonferenz eine schonungslose Aufklärung nicht für notwendig; ihm reichte die Beauftragung einer Kommission, die schon seit Jahren existiert.

Damit stehen die deutschen Oberhirten weltweit als besonders störrische Ignoranten da. Keine landesweite, ständig besetzte Telefonzentrale für Opfer kirchlichen Missbrauchs wie in den Niederlanden. Keine breit propagierten Anlaufstellen, keine Ombudsmänner oder -frauen wie in der Schweiz oder Österreich.

Und so weiter, und so weiter… dies ist nur ein Bruchteil des Artikels.

Wie üblich, veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz bereits vor dem Erscheinen der Print-Ausgabe des SPIEGELS eine knappe Stellungnahme ihres damaligen Vorsitzenden Kardinal Lehmann, in dem er von „Einzelfällen“ sprach, auf geplante Maßnahmen verwies und „selbstkritisch“ sagte:

Wir müssen uns allerdings selbstkritisch fragen, ob wir diesbezüglich nicht noch konsequenter werden vorgehen müssen.

Nachdem die Leitlinien auf der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Herbst 2002 verabschiedet worden waren, erklärte Lemann in seinem Pressebericht:

Wir sind überzeugt, dass durch diese Leitlinien eine größere Objektivierung und Transparenz in einzelnen Situationen möglich ist und dadurch auch das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit wiederhergestellt werden können, die durch die Behandlung mancher Fälle gelitten haben.

Der ORF berichtete:

Den Opfern sollen „menschliche, therapeutische und pastorale Hilfe“ angeboten werden. Täter sollen keine Aufgaben mehr bekommen, bei denen sie Kontakt mit Kindern haben. […]

Enge Zusammenarbeit mit der Justiz

Die Leitlinien eine Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft vor, wenn diese bereits ermittelt oder wenn das Opfer Anzeige erstattet. […]

Unabhängige Ombudsstellen

Die Richtlinien schreiben weiters die Einrichtung von Anlaufstellen für Missbrauchsopfer vor. Allerdings bleibt es den Bistümern überlassen, wo und in welcher Form diese Stellen eingerichtet werden. Die Laien-Bewegungen hatten von der Kirche völlig unabhängige Ombudsstellen gefordert. Nach den ersten Plänen der Bischofskonferenz wären sie direkt im Personalreferat der Bistümer errichtet worden. […]

Offenheit statt Vertuschung

Nach einer Reihe von Vorwürfen gegen Priester wegen sexuellen Missbrauchs war die katholische Kirche vor einigen Monaten stark unter Druck geraten; Vorwürfe des Vertuschens wurden laut. Einige Bistümer hatten selbst Versäumnisse beim Vorgehen gegen pädophile Priester eingeräumt. Einheitliche Leitlinien gegen sexuellen Missbrauch gab es bislang nicht, jede der 27 deutschen Diözesen hatte selbstständig gehandelt.

Beim IBKA findet sich der Text eines Artikels aus der Frankfurter Rundschau:

 […] Im Vorfeld der Bischofskonferenz hatten zwei Bischöfe, Joachim Meisner aus Köln und Reinhard Lettmann aus Münster, noch Zweifel an der Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens geäußert. Doch der öffentliche Druck war seit dem Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle in den USA zu Beginn des Jahres so stark angewachsen, dass auch die deutschen Bischöfe sich zu dem Thema verhalten mussten. Die Initiative Kirche von unten schaltete im Juni ein Nottelefon und erfuhr seither von 27 verjährten und aktuellen Fällen, die bislang unbekannt waren – was darauf hindeutet, dass das ganze Ausmaß noch lange nicht bekannt ist. Kardinal Lehmann hingegen sprach bis in die jüngste Vergangenheit gerne von „einigen“ oder „wenigen“ Fällen.

Im April wurde zunächst eine Arbeitsgruppe eingerichtet, doch bereits im Sommer wurde deutlich, dass das Thema so schnell nicht aus den Schlagzeilen verschwinden würde. Bereits im Juli schwante Lehmann, dass mit weiteren Enthüllungen gerechnet werden muss. Der Schock sitze besonders tief, weil es doch gerade die katholische Kirche sei, die „stets für Ordnung [sic!] in den sexuellen Beziehungen eintritt“. Nun hat die Bischofskonferenz gewissermaßen die Notbremse gezogen und sich zu klaren Worten durchgerungen. Im Vorwort der Leitlinien räumen die Bischöfe ein, dass in der Vergangenheit „häufig unangemessen reagiert“ worden sei auf Anzeigen von Missbrauch – freilich nicht aus bösem Willen, sondern „aus fehlenden Kenntnissen über die näheren Zusammenhänge sexuellen Missbrauchs“. (Frankfurter Rundschau, 28.9.02)

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2 Responses to Missbrauch: Berichterstattung 2002

  1. Tammox sagt:

    Jaja, daher staune ich auch heute noch über die Chuzpe mit denen Talkshow-Bischöfe wie Hans-Jochen Jaschke oder Stephan Ackermann im Frühjahr 2010 treuherzig aus dem Fernsehapparaten gucken und auf die Frage „Wieso haben Sie nicht schon früher….?“ Antworten, daß man das ja nun wirklich nicht gewußt habe und ERSTMALS durch Pater Mertens 2010 davon gehört habe.

    Was jeder Mensch, der noch nicht mal in die Kirche geht, aus der ganz normalen Presse erfahren konnte – der SPIEGEL ist schließlich nicht gerade ein unbekanntes Nischenprodukt – soll dem gesamten hohen Klerus angeblich völlig verborgen geblieben sein.

    Da wundere ich mich – um mit Charles Laughton zu sprechen – daß den Herren Bischöfen nicht schon längst die Bibel aus der Hand gesprungen ist.

    LGT

  2. Schwabe sagt:

    Jetzt mal ganz ehrlich: Nix Genaues weiß man nicht.

    Die wirklich fleißigen Recherchen können sich doch nur auf die „Informationspolitik“ der katholischen Kirche beziehen, die unbestritten schlecht ist, ansonsten bringen sie nicht viel. In dem Punkt Öffentlichkeitsarbeit ist die Kritik an der Kirche berechtigt. Was die Tatvorwürfe von früher anbelangt, wer kann die „W-Fragen“ beantworten (wer, wann, was, warum)? Was soll die Kirche mit Vorgängen vor einigen Jahrzehnten machen? Das Erinnerungsvermögen des Menschen ist leider nicht perfekt.

    Die Kirche hat als Dienstherr eine Fürsorgepflicht gegenüber den eigenen Mitarbeitern und kann ohne genaue Prüfung der Vorgänge nicht ein Verdikt aussprechen, zumal die Verfolgung der Vorgänge verjährt ist.

    Was wirklich gut täte, wäre eine unabhängige Kommission einzusetzen, die die Missbrauchsfälle der 60-80-iger Jahre nicht nur in der Kirche, sondern auch in Sportvereinen, Schulen, FDJ-Veranstaltungen aufarbeiten würde. Diese müsste finanziell ausgestattet werden und sie müsste innerhalb abgrenzbarer Zeit ein Ergebnis bringen.

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