Was wusste das Bistum Freiburg?

Hier noch mal knapp zwei wesentliche Rechercheergebnisse zum Dementi des Bistums Freiburg:

Wann erfuhr das Bistum von dem Missbrauch?

Im Dementi heißt es:

Die Vorwürfe gegen Erzbischof Dr. Robert Zollitsch treffen nicht zu, weil

1. der Erzdiözese Freiburg erst seit Ende 2006 bekannt war, dass es in den 60er Jahren zumindest einen Fall von sexuellem Missbrauch bei der Wallfahrts- und Klosterkirche Birnau gab

Hintergrund: 2006 informierte das Missbrauchsopfer nach einer Therapie das Bistum Freiburg und bat um eine Aussprache mit dem Täter. Die Tat war zu dieser Zeit bereits verjährt:

„Uns ist in Birnau nur ein Missbrauchsfall bekannt: Ende 2006 hat uns darüber ein Mann informiert. Die Tatzeit war in der ersten Hälfte der 60er Jahre – liegt also etwa 40 Jahre zurück. Wir haben Hilfe und Gespräche angeboten. Das Opfer, das sich bei uns gemeldet hatte, forderte eine Aussprache mit dem beschuldigten Pater, der sich bei ihm entschuldigen sollte. Diese Aussprache und Entschuldigung ist erfolgt. (Bistum Freiburg, 22.03.2010)

Ab 2006 kann das Bistum die Kenntnis über den Missbrauchsfall also nicht abstreiten. Die Frage ist: Wusste man beim Bistum schon viel früher davon?

Es fällt auf, dass beim Nachbarbistum Basel (Schweiz), in das der Täter 1971 versetzt wurde, der Missbrauch offenbar bekannt war:

Das Bistum Basel hatte den Pater 1971 eingestellt, obwohl die sexuellen Übergriffe in Birnau und in der Klosterschule Mehrerau [Anm: in Österreich] bekannt waren.

„Aus heutiger Sicht ist dies eine unvertretbare Fehleinschätzung“, sagt ein Sprecher des Basler Bistums. „Ein entsprechendes Beziehungsnetz, der Missbrauch von Autorität oder direkte Vertuschung machten es möglich.“ (Südwest Presse, 22.04.2010)

Der Darstellung des Erzbistums Freiburg zufolge müsste man also beim Bistum Basel Bescheid gewusst haben, beim Erzbistum Freiburg, für das der Täter während der Tatzeit tätig war, aber nicht…

An dieser Stelle ist anzumerken, dass der Missbrauch und der Wechsel des Täters nach Basel lange vor Zollitschs Ära als Personalreferent (1983-2003) stattfanden. Zollitsch hätte also nur durch andere von den Vorgängen Kenntnis erhalten können. Ob darüber etwas in den offiziellen Akten (und in Klartext) stand, erscheint fraglich – vielleicht erfährt man vom Bistum Basel ja noch Näheres, wie damals mit solchen Fällen umgegangen wurde.

Hatte das Bistum Informationen über die erneute Tätigkeit des Täters im Bistumsgebiet?

Im Dementi heißt es:

2. Dr. Zollitsch als damals zuständiger Personalreferent der Erzdiözese keinesfalls 1987 eine erneute „Anstellung dieses Paters“ in Birnau veranlasst hat: Eine weitere Anstellung beim Erzbistum Freiburg hat es nicht gegeben – wenngleich es Hinweise darauf gibt, dass der beschuldigte Pater erneut zur Klostergemeinschaft des Zisterzienserordens in Birnau gehörte. Deren Zusammensetzung wird vom Abt des Ordens eigenständig geregelt (Erläuterung – s.u.).   

Der frühere Personalreferent Zollitsch hat also

a) weder von den Vorwürfen aus den 60er Jahren

b) noch von einem erneuten Einsatz dieses Paters gewusst

c) und einen solchen Einsatz schon gar nicht veranlasst.

Domkapitular Dr. Eugen Maier vom Ordinariat Freiburg teilte dem Opfer am 9. April 2010 per E-Mail mit:

In den Personalschematismen der Jahre 1989 bis 1995 ist Pater G. aufgeführt. (Südwest Presse, 22.04.2010)

Ein Schematismus ist das Personalverzeichnis eines  Bistums oder Ordens (eine Art Telefon- und Adressverzeichnis). Es ist nicht ganz klar, ob sich die Auskunft auf den Schematismus der Erzdiözese Freiburg bezieht oder auf den des Ordens. Jedenfalls scheint das Erzbistum Zugriff auf diese Informationen zu haben, was nahelegt, dass die Information, dass Pater G. wieder in Birnau war, im Personalbereich unter Zollitsch (1983-2003) durchaus vorhanden war.

Zwar werden die Informationen für den Schematismus von den jeweiligen Einrichtungen an das Erzbistum gemeldet, und man kann nicht erwarten, dass diese Meldungen damals nach sexuell auffällig gewordenen Personen durchforscht worden wären. Aber wenn der Täter sieben Jahre lang in den Schematismen aufgeführt war, im Dementi lediglich von „Hinweisen“ zu sprechen, dass der Täter erneut in Birnau war, erscheint doch sehr vage.

Das Erzbistum Freiburg bedient sich offenbar dieser vagen Formulierung, weil es ja im Anschluss erklärt, Zollitsch habe nichts vom erneuten Einsatz des Paters (im Kloster Birnau) gewusst.

„Sensationsheischende Vorwürfe“

Gegen Ende ihres Dementis schreibt die Erzdiözese:

Der Strafantrag wurde nicht nur der Staatsanwaltschaft, sondern auch Journalisten zugeleitet – in der erkennbaren Absicht, mit dem sensationsheischend formulierten Vorwurf der „Beihilfe zum sexuellen Missbrauch“ gegen einen Erzbischof Medieninteresse zu provozieren.

Das mag richtig sein – verdenken kann man es dem Opfer allerdings kaum: 2006 hatte das Opfer noch von einer Anzeige abgesehen – offenbar in der Hoffnung, dass der Täter zumindest aus der Seelsorge entfernt würde. Das Bistum Freiburg gab sich mit einer entsprechenden Aufforderung an den damaligen Abt des Ordens zufrieden. Der Täter war allerdings noch bis März dieses Jahres in der Schweiz als Seelsorger tätig – bis einige Opfer drohten, in der Gemeinde des Täters vor dem Gottesdienst zu demonstrieren: „Hier zelebriert ein Kinderschänder.“ (Blick.ch, 18.03.210; Südwest Presse, 22.04.2010)

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