Leitlinien: Pervertierung der Opferbelange

Ich war wirklich willig zu glauben, nein: Ich hatte gehofft, die deutschen Bischöfe würden aufgrund des öffentlichen Drucks einerseits (z.B. Kirchenaustritte), andererseits aber auch aufgrund ihrer eigenen Beschäftigung mit dem Thema (Ausmaß der Fälle, Berichte von Betroffenen) ihre Leitlinien von 2002 wirksam verbessern.

Was ich aber bisher vom Sonderbeauftragten Ackermann und jetzt vom Mainzer Kardinal Lehmann gehört habe, erweckt bei mir den Eindruck, dass es weiterzugehen scheint wie bisher: Dass die Bischöfe sich nämlich nach wie vor gegen verbindliche Festlegungen wehren.

Der Sonderbeauftragte Ackermann hat ja schon Anfang April eine Meldepflicht abgelehnt – natürlich mit dem Hinweis auf die Betroffenen, die u.U. dadurch von einer Meldung abgehalten werden könnten (DBK). Dieser Einwand ist zwar ernst zu nehmen: Aber die Konsequenz müsste dann doch eine grundsätzliche Meldepflicht mit Vetorecht des Betroffenen sein, also grundsätzlich sofort Meldung an die Strafverfolgungsbehörden, es sei denn, das Opfer widerspricht dem ausdrücklich. Was soll also das Herumgeeiere?

Gestern wurde gemeldet, dass der ehemalige Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann aus Mainz, eine „generelle finanzielle Entschädigung“ von Missbrauchsopfern ablehnt (AD HOC NEWS, SWR). Das gleiche Spiel wie bei der Meldepflicht: Gründe, die möglicherweise gegen eine „pauschale“ Entschädigung von Opfern (Lehmann: „wie auf einer Preisliste“) sprechen, werden offenbar aufgebauscht, um von einer praktikablen Lösung abzulenken und finanzielle Zusagen abzublocken. (Auch ein kirchlicher Entschädigungsfonds wird von Lehmann abgelehnt.)

Glaubt irgendjemand, dass es der Kirche hierbei tatsächlich um die Opfer geht? Wie Ackermann bei der Meldepflicht verweist auch Lehmann auf die Gefühle der Opfer. Finanzielle Unterstützung therapeutischer Maßnahmen sei aber zumindest im Einzelfall möglich, sagt Lehmann. Einzelfall bedeutet: Das Opfer muss – vermutlich in einem langwierigen, belastenden Prozess – deutlich machen, dass es die finanzielle Unterstützung „verdient hat“. Viele Opfer würden hier sicher eine „Preisliste“ vorziehen, wie sie Lehmann offenbar zu taktlos findet. Und wir wissen aus einem bisherigen Fall, dass die Kirche nur bei erwiesenem Missbrauch zahlt, und auch dann nur für zukünftige, nicht aber bereits zurückliegende Therapien („Was die Übernahme von Therapiekosten betrifft, so gibt es bei uns folgende Regelung: Die Kosten zurückliegender Therapien können nicht erstattet werden.“) – ein Hohn allein schon angesichts der Tatsache, dass die Betroffenen von sexualisierter Gewalt sich oft erst nach Jahrzehnten trauen, darüber zu sprechen.

Lehmann geht aber noch weiter: Der Ruf nach finanzieller Entschädigung sei „verräterisch“, sagt er: „Hier ist auch die Begehrlichkeit nach Geld nicht zu übersehen, wie übrigens der Runde Tisch um die Heimkinder, aber auch ein Blick in die Situation der USA und Irlands zeigt.“ (Rhein-Zeitung) Da sexueller Missbrauch schwerste Schäden anrichten könne, sei die Forderung „Ich will endlich Geld sehen, viel Geld“ eine Verkennung „des ethischen Schwergewichts einer solchen Verfehlung und auch der Formen möglicher Wiedergutmachung“. (SWR).

Lehmann maßt sich an, den Opfern vorzuschreiben, welches die richtige Wiedergutmachung ist. Tatsächlich kritisiert er den „Ruf nach einer beinahe ausschließlichen finanziellen Entschädigung“: – der Gedanke, dass die Betroffenen ansonsten nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollen, die ja – wie wir an Lehmann sehen – nicht einmal nur mitfühlende, sondern vorwurfsvolle Worte für die Opfer ihrer erwiesenen Vertuschungen übrig hat, dieser Gedanke scheint Lehmann nicht in den Sinn zu kommen.

Das ständige Vorschieben der angeblichen Opferbelange wäre ja noch akzeptierbar, wenn auf der anderen Seite – also nicht nur dort, wo die Bischöfe sich offenbar vor einer Meldepflicht und finanziellen Zusagen drücken wollen – eine ebenso deutliches Bestreben erkennbar wäre, den Betroffenen gerecht zu werden. Auf dieser Seite hört man aber nur Vages wie „Die überarbeiteten Leitlinien sollen stärker auf die Opfer-Perspektive eingehen und die Präventionsarbeit deutlicher berücksichtigen als bisher.“ (DBK) Das einzige Konkrete war bisher das ausführliche Hervorheben der Selbstverständlichkeit, dass sich auch die Kirche an das geltende staatliche Recht zu halten hat.

Die Überarbeitung der Leitlinien wurde bereits vor zwei Monaten beim Abschluss der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe am 25. Februar angekündigt – und seitdem ist das einzige greifbare Ergebnis, dass man sich an das geltende Recht zu halten hat, keine Meldepflicht will und finanzielle Zusagen ablehnt?

Eine Zeit lang hatte ich geglaubt, die Bischöfe ließen sich von den Berichten der Betroffenen berühren und würden sich der Realität stellen. Mittlerweile entsteht bei mir ein anderer Eindruck:

Die Bischöfe könnten nämlich zu der Erkenntnis gelangt sein: Von den Menschen, die sich durch Missbrauchsfälle und Vertuschung zum Kirchenaustritt bewegen lassen, dürfte der Großteil bereits ausgetreten sein oder dies ohnehin bald tun. Den Leuten, die noch in der Kirche verbleiben, kann man nach wie vor „heile Welt“ vorspielen, und die werden den Ausführungen der Bischöfe und Kardinäle auch Glauben schenken.

Kardinal Lehmanns Ausführungen verstärken diesen Eindruck. Seine Ausführungen richten sich nämlich gar nicht an die Missbrauchsopfer oder die Öffentlichkeit: Sie erscheinen in der Kirchenzeitung „Glaube und Leben“. Deren Zielgruppe dürfte zu den Letzten zählen, die einen Kirchenaustritt in Erwägung ziehen.

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2 Responses to Leitlinien: Pervertierung der Opferbelange

  1. Andreas P sagt:

    Lehmann hat wohl von sich auf andere geschlossen – kassiert er doch, Monat für Monat, ohne jegliche Spur eines Skrupels, eine dicke Sinekure. Bezahlt aus Steuermitteln, also nicht zuletzt auch aus den Steuern der Opfer seiner Organisation. Begründet mit einem Rechtstitel, den seine Organisation von Hitler erfeilscht hat, im Austausch für die Kollaboration mit dem NS-Regime.

    In Deutschland schließen Bischofsamt und Gewissen einander aus.

  2. […] Haltung der Bischöfe gegenüber der Meldepflicht und Zahlungen an die Opfer hatte ich ja neulich schon gebloggt; nun hat gestern Bischof Ackermann einen eine weitere „Erkenntnis“ bekannt […]

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