Merkwürdige Prioritäten

Wenn es nach dem Leiter des evangelikalen ideaSpektrums geht, so ist das Schlimmste, was uns in diesen Tagen am Zeitungsstand entgegenschlägt – das Titelbild des Satiremagazins Titanic.

Wenn Helmut Matthies dieser Tage an einen Zeitschriftenstand kommt, dann vermisst er einen Aufschrei ob der undenkbaren Schamlosigkeit, mit der Hunderttausende dort täglich konfrontiert werden.

Was Matthies aufregt (und veranlasste, einen ganzen Artikel darüber zu schreiben), sind allerdings nicht die Schamlosigkeiten katholischer Priester, die die Öffentlichkeit seit Wochen zur Kenntnis nehmen muss, z.B. der sexuelle Missbrauch von bis zu 200 gehörlosen Jungen in den USA oder von blinden Schülern vor versammelter Klasse in Holland, sondern das aktuelle Titelbild des Satiremagazins Titanic, bei der sich ein Geistlicher an einem Kruzifix zu schaffen macht. Während spekuliert wurde, ob er vielleicht nur das Kreuz gerade rückt, handelt es sich Matthies zufolge um „Sex mit dem sterbenden Jesus“: „So viel Blasphemie gab es noch nie!“

„Feige“ nennt Matthies das. (Das Titelbild, wohlgemerkt – nicht den Missbrauch der wehrlosen Kinder.) Denn: „Warum dann nicht auch Mohammed im Sex mit einem Imam vereint – um sozusagen religiös ausgewogen zu diffamieren?“ Nun, das liegt womöglich daran, dass Muslime derzeit nicht wöchentlich mit neuen Missbrauchsfällen in den Schlagzeilen sind. Matthies verschweigt auch, dass die Titanic-Redaktion bereits 2008 mit einem „Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb“ über Deutschlands Grenzen hinaus den Ärger von Muslimen provoziert hatte. Die Satiriker sind also durchaus um religiöse Ausgewogenheit bemüht.

Im Übrigen ist die Titanic-Redaktion auch nicht feiger als Matthies, der seine christlich-evangelikale Zeitschrift ideaSpektrum ja auch in Deutschland produziert und vertreibt und nicht etwa in Saudi-Arabien oder im Iran. (Was Matthies veröffentlicht, gilt nämlich in diesen Ländern als Gotteslästerung.) Und der in seiner Zeitschrift zwar letztes Jahr anlässlich der Ermordung zweier Bibelschülerinnen im Jemen darauf hinwies, dass „[d]er christliche Glaube jedenfalls [..] außerhalb des Mittelmeerraums nur deshalb bekannt [wurde], weil Christen bereit waren, den Missionsbefehl ihres Herrn zu befolgen – und zwar oft unter Lebensgefahr“, der selbst aber dem Befehl seines Herrn lieber vom sicheren Schreibtisch aus nachkommt.

Jedenfalls malt sich Matthies genüsslich aus, was (seiner Fantasie zufolge) wohl passiert wäre, wenn das Satireblatt seinem Vorschlag nachgekommen wäre: „Zahllose deutsche Botschaften in aller Welt hätten in Flammen gestanden, und halb Deutschland wäre über Ostern im bürgerkriegsähnlichen Zustand gewesen, denn auch die mittlerweile 4,3 Millionen Muslime in Deutschland hätten sich das nicht bieten lassen. Das zeigen die Erfahrungen mit den vergleichsweise harmlosen dänischen Anti-Mohammed-Karikaturen 2005.“

Nun waren die Proteste, auf die sich Matthies bezieht, allerdings nicht spontan, sondern sie wurden bewusst angestachelt: Nachdem ein Aufschrei zunächst ausgeblieben war, stellten zwei Imame ein Dossier mit den Karikaturen zusammen und ließen es Muslimen in aller Welt zukommen. Matthies geht ganz ähnlich vor: Direkt neben seiner Klage über den ausbleibenden Aufschrei angesichts der vermeintlichen Blasphemie zeigt er das schlimme Titanic-Titelbild in Farbe – und das Foto eines verkehrt herum gekreuzigten Jesus (mit nacktem Gesäß zum Betrachter), der auf das Konto von „mutmaßlich Linksradikalen“ gehen soll. Werden nun bald die deutschen Botschaften in Italien, Spanien und Polen wegen der Titanic-Karikatur in Flammen stehen?

Glücklicherweise leben wir zu einer Zeit und auf einem Kontinent, wo Bürgerinnen und Bürger weitgehend vor dem Zorn des Mobs und Lynchjustiz geschützt sind. (Das letzte Mal entlud sich der geballte „Volkszorn“ in besorgniserregender Weise anlässlich der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, dass in italienischen Schulen kein Kruzifix-Zwang herrschen darf.) Dieser zivilisierte Umgang kommt übrigens nicht nur den Titanic-Redakteuren zugute, sondern auch den Geistlichen, die sich an wehrlosen Kindern vergangen haben, und die man zu anderen Zeiten gewiss ganz unbürokratisch kastriert oder zu Tode gequält hätte. Und die heute aufgrund von Verjährungsfristen zum großen Teil straflos ausgehen.

Advertisements

3 Responses to Merkwürdige Prioritäten

  1. Joerg sagt:

    Das erinnert mich doch an den Religionsunterricht (!), als wir mal einen Film geguckt haben, als dieser kleine Gaga aus RTL Samstag Nacht

    in einem Altersheim gezeigt wurde und die zu erwartenden Reaktion auslöste…

  2. grub grab sagt:

    „Während spekuliert wurde, ob er vielleicht nur das Kreuz gerade rückt, handelt es sich Matthies zufolge um „Sex mit dem sterbenden Jesus“

    Tja, manch scheinheilig Leut schämen sich halt überhaupt nicht, mit ihren perversen Phantasien öffentlich hausieren und missionieren zu gehen.

  3. […] This post was mentioned on Twitter by sapere aude, JoergR, Reto, Blogzentrale, topsy_top20k and others. topsy_top20k said: Merkwürdige Prioritäten « Skydaddy's Blog http://bit.ly/cyF016 […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: