Nazi-Kampagne: Wovon spricht Bischof Müller eigentlich?

Update: Einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zufolge soll das Bistum Müllers Predigttext im Internet derart geändert haben, dass es dort nun heißt, wir erlebten heute „eine Kampagne gegen die Kirche“ – anstatt: „wieder eine Kampagne gegen die Kirche“. (S.u.)

Update: Die entsprechende Passage aus Müllers Predigt entsprechend der BR-Mitschrift.

Kirchenkampf 1941

Der Regensburger Bischof Müller (http://www.bischofmueller.de/) hat seiner Predigt am Samstag, 20.03.2010 im Dom zu Regensburg anlässlich der Hundertjahrfeier des Katholischen Deutschen Frauenbundes in der Diözese Regensburg zunächst auf die Rolle des Frauenbundes beim Widerstand gegen den „Kruzifix-Erlass“ der Nazionalsozialisten 1941 hingewiesen. Der Hintergrund ist folgender:

In einem Erlass des bayrischen Kultusministers Adolf  Wagner wird die Entfernung des Kreuzes aus den bayrischen Schulen angeordnet.

Wagner, seit 1923 Mitglied der NSDAP, schreibt in der Anordnung: „Gleichzeitig weise ich darauf hin, dass kirchlicher Bilderschmuck, auch wenn er künstlerischen Wert besitzen sollte, sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platze sind; ich ersuche daher Sorge dafür zu tragen, dass solcher Wandschmuck allmählich entfernt oder durch zeitgemäße Bilder ersetzt wird.“

Die bayrische Bevölkerung reagiert auf den Erlass mit Wut und Empörung, die sich in Unruhen, Boykotten und Demonstrationen entladen. Bauern verweigern die Milchlieferung, Eltern versperren Schuleingänge oder schicken ihre Kinder nicht mehr zum Unterricht. Die Entfernung der Kreuze kann so vielerorts verhindert werden.

Michael von Faulhaber, Kardinal von München und Freising, protestierte bei Wagner persönlich gegen dieses neue Vorgehen zur Vernichtung des Christentums im öffentlichen Leben. Am 28. August ordnet Wagner in einem Geheimerlass die Einstellung der gescheiterten Kruzifix-Aktion an. Er macht für den Fehlschlag teils die gut organisierte Gegenpropaganda der Geistlichkeit, teils die politisch falsche ­bzw. übereifrige Handlungsweise von Lehrkräften verantwortlich. [Angaben zur Quelle unten, Links im Text von mir.]

Darauf bezog sich Müller also, als er predigte:

In einer großen Krisensituation – 1941 – haben die Frauen unseres Frauenbundes in Regensburg und in Amberg gegen die damals triumfierende, nationalsozialistische Bewegung, diese neuheidnische Ideologie, christentumsfeindliche, menschenfeindliche Ideologie gewandt. Es war in unserem Bistum in Regensburg mit 1000 Personen, meist aber Frauen, und in Amberg mit 500 Teilnehmern – auch meistens Frauen -, waren es die größten, öffentlichen Demonstrationen gegen dieses nationalsozialistische Unrechtssystem. Denen mit ihrem titanischen Wollen, mit ihrem Aufbegehren gegen Gott, dem Nicht-Dienen-Wollen, Sein-Wollen wie Gott, sich selber an die Stelle Gottes setzen wollen in dieser Ideologie, war natürlich das Kreuz Jesu Christi. Jesus Christus, der für uns am Kreuz aus Liebe für und Menschen gestorben ist, ein Dorn im Auge. Darum der Erlass, alle Kreuze – Bildnisse Christi des gekreuzigten Herrn – müssen aus den öffentlichen Schulen heraus, aus allen öffentlichen Gebäuden heraus muss Christus verschwinden.

Eine große Krisensituation 1941 war für Müller also das Entfernen von Kreuzen – während der Zweite Weltkrieg tobte und die Judenverfolgung laut Wikipedia bereits folgendes Ausmaß angenommen hatte:

Bis Dezember 1939 wurden bereits etwa 60.000 Polen, darunter 7000 polnische Juden, von eigens dazu aufgestellten Einsatzgruppen ermordet.

Im März 1940 wurden die Juden der inzwischen „eingedeutschten“ polnischen Gebiete südlich von Warschau und Lublin zwangsweise in für sie hermetisch abgeriegelte Ghettos wie das von Warschau oder Łódź „umgesiedelt“. Dort starben viele aufgrund der von den Deutschen zu verantwortenden Nahrungsrationen an Hunger, Kälte und durch tägliche willkürliche Morde der NS-Wachmannschaften.[…]

Im Herbst 1940 verfuhren „Reichsgaue“ eine kurze Zeit uneinheitlich mit den jüdischen Bürgern ihres Bereichs: So schoben Baden, die Pfalz und das Saarland etwa 6500 Menschen am 22. und 23. Oktober in unbesetzte Teile des besiegten Frankreichs ab. Manche Städte erließen in eigener Regie Ausgangsbeschränkungen und zogen die Radioapparate jüdischer Bürger ein. Die Gestapo ging dazu über, diese uneinheitliche Handhabung zusammenzufassen, indem sie dieselben Maßnahmen reichsweit anordnete. Juden erhielten keine Kakao- und Schokoladeprodukte mehr, keine Kleiderkarten, kein Textil- und Ledermaterial. Ihre Lebensmittelkarten waren, wie ihre Pässe, mit einem „J“ markiert, und sie durften täglich erst nach 15:30 Uhr einkaufen, wenn die meisten Regale in den Läden bereits geleert waren.

Mit diesem Hintergrundwissen mutet es zynisch an, wenn Bischof Müller direkt im Anschluss an den obigen Predigttext fortfährt:

Denn, so sagte man, bei uns der Starke, der sich Durchsetzende, der sich nicht um die geringen und die gequälten Menschen kümmernde, der sich brutal drüber hinwegsetzt, der Übermensch – das ist unser Idealbild und nicht dieser schwache Gott am Kreuz […]

Die meisten Deutschen – und damit eben auch die meisten Katholiken – haben sich eben auch nicht um die „geringen“ und „gequälten“ Juden gekümmert – aber als die Kreuze in öffentlichen Gebäuden abgehängt werden sollten (wohlgemerkt: eine Maßnahme, die heute sowohl vom Grundgesetz als auch der Europäischen Menschenrechtskonvention gedeckt wäre), da wurde Widerstand organisiert!

Wie ich schon einmal in einem Artikel zum Oldenburger Kreuzkampf 1936 (Quellenangabe dort) zitiert habe:

Der mehrwöchige Konflikt um den Kreuzerlaß ist in seiner Heftigkeit sicher nicht typisch für katholische Regionen, er zeigt jedoch deutlich, daß immer dann, wenn kirchliche Belange im engeren Sinne von den Nazis angetastet wurden, Unmut und Proteste am stärksten waren. Diese Kampfeslust blieb dagegen häufig aus, wenn es zum Beispiel um die Verfolgung politischer Nazi-Gegner oder um die Entrechtung der Juden ging. Da sah man lieber weg und schwieg.

Bischof Müller sagt in seiner Predigt ja selbst, dass es der Kruzifix-Erlass war, der „die größten, öffentlichen Demonstrationen“ zur Folge hatte.

Müllers Bistum Regensburg teilte in einer Pressemitteilung mit:

Der Bischof hat in einer Predigt zum 100-jährigen Bestehen des Katholischen Deutschen Frauenbundes in der Diözese am Samstag im Regensburger Dom daran erinnert, dass die Frauen aus Regensburg und Amberg in einer großen Krisensituation 1941 gegen die menschenfeindliche Ideologie der Nationalsozialisten demonstrierten. Er hat den vorbildlichen Mut dieser Frauen betont und rief dazu auf, in ähnlicher Weise auch heute für Menschenwürde, für den Glauben und für die Kirche einzustehen.

Die Frauen haben damals nicht gegen die menschenfeindliche Ideologie der Nationalsozialisten an sich demonstriert, sondern konkret dagegen, dass Kreuze in Schulen abgehängt werden sollten. Damit standen die Frauen sicher für den Glauben und die Kirche ein – aber nicht für die Menschenrechte. Dass es nicht gegen die Nazi-Ideologie als solche ging, erkennt man daran, dass sich der Widerstand immer dann regte, wenn Kreuze abgehängt werden sollten, und wieder legte, wenn die Kreuze hängen blieben.

Sittlichkeitsprozesse und Medienkampagne 1936/37

Aber das alles hat wenig zu tun mit Müllers Vorwürfen gegen die Medien. Gemäß dem auf der Bistumsseite veröffentlichten Predigttext sagte Müller:

Auch jetzt erleben wir eine Kampagne gegen die Kirche.

Update: Dem Bayerischen Rundfunk (BR) zufolge, der die Predigt offenbar aufgezeichnet hat, sagte Müller,  wir erlebten auch jetzt „wieder“ eine Kampagne gegen die Kirche – dieses „wieder“ hat das Bistum Regensburg anscheinend aus dem veröffentlichten Predigttext (s.o.) entfernt und versucht, die Berichterstattung des BR über die Predigt zu verhindern – einem Artikel in der Süddeutschen zufolge. Müller hat durchaus Erfahrung mit dem Ändern von inkriminierenden Predigten: Bereits 2008 hatte er einen Predigttext auf der Website des Bistums geändert.

Nun weiter im Text – von Müllers Predigt:

Von so vielen Medien wird gegen die Kirche gezischt, so als ob man sich vorkommt, als ob man in einem Gänsestall hier die Gänse aufgeweckt hätte, so wird gefaucht und gezischt gegen die Kirche. Gewiss, wir wissen es, dass auch wir Sünder sind und dass auch wir nicht die Kirche der Heiligen alleine sind, sondern auch der Sünder. […]

Es geht darum heute, die Glaubwürdigkeit der Kirche zu erschüttern. Das ist das Ziel dieser Kampagne gegen die Kirche. Die Leute, die vorm Fernsehen sitzen, die Zeitung aufschlagen, denen wird dann suggeriert, und sie werden manipuliert durch zurechtgestutzte und verkürzte Berichte, durch ständige Wiederholungen von Vorgängen aus alter Zeit, wo dann der Eindruck erweckt wird, die Kirche – das ist ein Nest, wo die Leute völlig verdorben sind und wo alles drunter und drüber geht. Und dann sagt unser Zeitgenosse: Da melde ich mich jetzt ab, da mache ich nicht mehr mit. Das ist das Ziel. Hier kommt es darauf an, Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinfallen, so auch heute nicht.

Hier scheint sich Müller auf eine Kampagne der Nazis zu beziehen, die allerdings nicht 1941 stattgefunden hat, sondern 1936-37. In einem ZEIT-Artikel von 2002 (wohl anlässlich des damaligen Missbrauchsskandals in den USA, Erzbistum Boston) heißt es dazu:

Zwei Monate vorher hatte Papst Pius XI. die Nationalsozialisten schwer verärgert, als er mit seiner Enzyklika Mit brennender Sorge die kirchenfeindlichen Schikanen angeprangert und den ideologischen Totalitätsanspruch des Regimes bestritten hatte. Zum Gegenschlag nutzten die Machthaber eine Reihe von Sittlichkeitsprozessen gegen Priester und vor allem Ordensleute, die seit 1936 unter starkem politischen Druck im Gange waren, schon reichlich Propagandaaufmerksamkeit gefunden hatten und nun durch den Ministerauftritt auf eine offizielle Ebene gehoben wurden.

Die Vorwürfe lauteten auf Homosexualität unter Klosterbrüdern und, worin noch mehr polemischer Sprengstoff steckte, auf den Missbrauch von Abhängigen, von Pflegezöglingen und Insassen kirchlicher Heime. In der Deutschlandhalle wütete Goebbels jetzt vor der ganzen Nation gegen die „Schweinereien“ und die „herdenmäßige Unzucht“, die im Klerus um sich gegriffen habe. Natürlich log er, übertrieb maßlos bei den Zahlen („Tausende und aber Tausende Fälle“) und schwieg sich aus über die teils höchst manipulativen Ermittlungsmethoden, wobei etwa Pfleglinge mit Schokolade und Zigaretten zur Bezichtigung des Personals überredet worden waren.

Genaueres zu dieser Kampagne findet sich in einer Dissertation von Carola v. Bülow, „Der Umgang der nationalsozialistischen Justiz mit Homosexuellen“ (S. 61-62):

Der Vorwurf der Homosexualität stand auch im Mittelpunkt der rund 250 Sittlichkeitsprozesse, die in den Jahren 1936 und 1937 gegen katholische Geistliche durchgeführt wurden160. Auch hier sollten bestehende antihomosexuelle Einstellungen in der Bevölkerung für ein politisches Ziel instrumentalisiert werden. Dieses bestand darin, das Ansehen der katholischen Kirche und ihre Autorität, die sie im weltlichen Leben vieler Katholiken ausübte, zu mindern. […]

Unter hohem Erfolgsdruck war die Polizei bemüht, den Nachweis einer massenhaften Verbreitung der Homosexualität unter katholischen Geistlichen und Ordensleuten zu erbringen. Anzeichen hierfür sind die rigiden Ermittlungsmethoden der Gestapo161, die zwar innerhalb kurzer Zeit zu einem drastischen Anstieg der Zahl der Anzeigen fühlten, aber dennoch die meisten der daraus resultierenden Verfahren bereits im Vorverfahren eingestellt wurden. […] Die abgehaltenen Prozesse waren gleichsam politische Schauprozesse, die von der nationalsozialistischen Führung zu Propagandazwecken genutzt wurden. Hierfür wurden Hauptverhandlungen bewußt verschoben, um sie zu gewünschten Zeitpunkten in größerer Menge durchzuführen. […]

Die Kampagne der Nazis gegen die Kirche war demzufolge nicht „nur“ eine Medienkampagne, sondern setzte schon bei der Strafverfolgung an.

Zu der Pressekampagne heißt es in der Dissertation (S. 62-63):

Zeitgenössische Publizität erlangten die Prozesse durch den immensen propagandistischen Aufwand, der um sie getrieben wurde. In einer sogar nach nationalsozialistischen Maßstäben kaum zu überbietenden Weise wurden die Möglichkeiten der systematischen Pressesteuerung hinsichtlich der Berichterstattung über die Prozesse gegen katholische Geistliche und Ordensangehörige ausgenutzt164. Die Zeitungen wurden zur publizistischen Auswertung der Sittlichkeitsprozesse verpflichtet – möglichst im politischen Teil, auf den ersten Seiten -, so daß während der Prozeßwellen kaum ein Tag verging, an dem keine Prozeßberichte abgedruckt wurden. Da an einigen Tagen mehrere solcher Zwangsberichte veröffentlicht werden mußten, richteten einige Zeitungen sogar eine gesonderte Rubrik unter der Überschrift „Die Sittlichkeitsprozesse“ ein. […]

Der Inhalt der in den Zeitungen abgedruckten Darstellungen zu den Sittlichkeitsprozessen wurde durch die Vorgaben des Propagandaministeriums detailliert festgelegt. Herausgestellt wurde, daß durch die Berichterstattung nicht der Eindruck von „Einzelfällen“, sondern von einer für die „katholische Kirche symptomatischen Erscheinung“ entstehen sollte. In diesem Sinne sollte bereits vor den Verhandlungsergebnissen die Zahl der abzuurteilenden Geistlichen und Ordensleute mit über 1.000 angegeben werden, wohingegen keine Berichte über Prozesse zu erscheinen hätten, die mit Freispruch oder mit der Einstellung des Verfahrens endeten, obwohl dies bei einem Großteil der Verhandlungen gegen Geistliche und Ordensangehörige der Fall war.

Die heutige Berichterstattung, die daher rührt, dass die Opfer beginnen, sich zu melden, in die Nähe der zentral gesteuerten Kampagne der Nazis und deren gleichgeschalteter Presse zu rücken, ist schon ein starkes Stück. Insbesondere da sich das Führerprinzip, das Beeindrucken der Massen durch Kleidung, Architektur und „Aufmärsche“ sowie eine Gleichschaltung der Presse heute wesentlich leichter bei der katholischen Kirche ausmachen lassen als bei den säkularen Medien.

„Kriminelle Energie“ – in der heutigen Berichterstattung?

In einem Hirtenwort Müllers zur aktuellen Situation beklagte der Bischof zudem gezielt verursachte „Hetze“, in den Medien werde „mit krimineller Energie“ ein „Zerrbild jenseits aller Realität“ gezeichnet, um „die ganze katholische Kirche und ihre Einrichtungen in Misskredit zu bringen“:

Nachdrücklich verurteile ich den Versuch, die ganze katholische Kirche und ihre Einrichtungen in Misskredit zu bringen. […] Solche, die um jeden Preis die katholische Kirche um ihren guten Ruf bringen wollen, haben sich die „Regensburger Domspatzen“ als Opfer ausgesucht. Ein Glanzstück des Bistums Regensburg soll in den Dreck gezogen werden. […]

Das ist nicht nur ein Zerrbild jenseits aller Realität, sondern auch ein Ausweis der kriminellen Energie seiner medialen Urheber. Die moralische Verantwortung tragen diejenigen, die diese Hetze gezielt verursachen. [… Es lohnt sich, die gesamte Passage zu lesen.]

Ähnlichkeiten zwischen damals und heute

Obwohl: Es gibt durchaus Ähnlichkeiten zwischen der Nazi-Kampagne und heute. Vielleicht sind die es, auf die Müller bei seinem Predigttext anspielte – das würde freilich voraussetzen, dass Müller Ahnung hat. Noch einmal DIE ZEIT:

Kirchenkritik 1937 und Kirchenkritik 2002 sind sich im Grunde sehr ähnlich. Wenn heute die zölibatäre Entsagungsmoral eines Männerbundes umstandslos als Ursache der Missbrauchsproblematik angesehen wird, so war das auch der Standpunkt des Völkischen Beobachters, der erklärte, die Sexualdelikte seien „die naturnotwendigen Folgen eines widernatürlichen Systems“

Nichtsdestotrotz: Damals wurden seitens der Behörden künstlich Fälle „erzeugt“, die Gerichtsprozesse wurden auf ihre mediale Wirkung hin organisiert, und die gleichgeschaltete Presse erhielt genaue Vorgaben, wie zu berichten sei. Davon kann heute keine Rede sein.

Die Nazis scheiterten übrigens mit ihrer Kampagne. Bei Wikipedia heißt es:

Erst im Sommer 1937 wurde die Prozessserie ohne ersichtlichen Anlass abgebrochen, wohl weil die erhoffte propagandistische Wirkung in der Bevölkerung ausblieb.

In Carola v. Bülows Dissertation heißt es (S. 66-67):

Der Versuch der Nationalsozialisten, […] die Institution der katholischen Kirche als moralische Autorität zu erschüttern, scheiterte somit. […] Die Gründe für das Scheitern der Propagandaaktion gegen die katholische Kirche sieht Hockerts in der traditionsgebundenen Gläubigkeit der Katholiken sowie in dem Wissen um die Spannungen zwischen der Kirche und dem Regime und in der propagandistischen Gegenarbeit, die in Predigten, privaten Gesprächen, Hirtenbriefen und auch Flugschriften geleistet wurde. Hinzu kam, daß die Gläubigen mit dem beschuldigten Personenkreis oft in engem Kontakt standen und daher die Inhalte der nationalsozialistischen Propaganda durch ihre unmittelbaren persönlichen Eindrücke relativieren konnten181.

Ob sich die katholische Kirche in der gegenwärtigen Situation auf diese oder ähnliche Umstände stützen kann, bleibt abzuwarten.

Quellenhinweis: Den anfangs zitierten Text zum Kruzifix-Erlass habe ich in einem Beitrag von Herbert Michelitsch, dem Landesgeschäftsführers des Niederösterreichischen Seniorenbundes, zum Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gefunden. Als Verweis auf die Quelle gibt Michelitsch an:

Christoph Hünermann publizierte in seiner Chronik über das Kriegsjahr 1941 folgenden Zeitungsartikel vom 23. April mit dem Titel „Kruzifix-Erlass in Bayern gescheitert“:

Damit findet sich der Text offenbar in dem Buch Chronik 1941 von Christoph Hünermann. Michelitsch zufolge scheint der Text allerdings nicht von Hünermann selbst zu stammen, sondern aus einem Zeitungsartikel. Andererseits kann ein Text über einen Geheimerlass vom 28. August 1941 unmöglich von 23. April 1941 stammen, zumal der oben zitierte Text sich auch nicht wie ein Zeitungsartikel liest, sondern eher wie ein Chronik-Text. Das gibt Grund zu der Vermutung, dass der Text eben doch von Hünermann stammt. Da ich den Text nirgendwo anders im Internet gefunden habe, konnte ich die tatsächliche Urheberschaft nicht klären.

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One Response to Nazi-Kampagne: Wovon spricht Bischof Müller eigentlich?

  1. gwunderi sagt:

    Eine Parallele zur Nazizeit ist allerdings sehr wohl auszumachen: Damals war die katholische Kirche das (selbsternannte) arme Opfer, heute ist sie es wieder …

    Kirchliche Moral: Ein guter Gläubiger ist jener, der wie 1941 bedingungslos für die Kirche und nicht für deren Opfer (damals die Juden, heute die Missbrauchsopfer) einsteht. Ich wähle für mein Seelenheil wohl besser eine andere Moral.

    Danke für den sehr interessanten Beitrag übrigens.

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