Grob irreführend: „300 Fälle von Pädophilie“

Derzeit ist bei mehreren Quellen (z.B. bei SPIEGEL ONLINE und FOCUS ONLINE) zu lesen, beim Vatikan seien in den letzten neun Jahren „nur“ 300 Fälle von Pädophilie bearbeitet worden. Zu den 300 Fällen mit vorpubertären Kindern kommen aber noch 1.800 Fälle mit pubertären Jungen. Und mit „Fall“ sind hier Priester gemeint – die Zahl der Opfer dürfte damit noch deutlich höher liegen!

Die Angaben stammen aus einem Interview mit Charles Scicluna, einem Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation. Den Wortlaut des Interviews auf Deutsch gibt es bei Radio Vatikan.

Darin sagt Scicluna:

Insgesamt haben wir in diesen letzten neun Jahren (2001 bis 2010) Anzeigen beurteilt, die etwa 3.000 Fälle von Diözesan- und Ordenspriestern betrafen und die sich auf Vergehen bezogen, die in den letzten fünfzig Jahren begangen worden sind.

Also 3.000 Fälle von pädophilen Priestern?

So kann man das korrekterweise nicht sagen. Wir können sagen, dass es sich grosso modo in sechzig Prozent dieser Fälle vor allem um Akte von Ephebophilie handelt, das heißt: Akte, die mit dem sexuellen Hingezogensein zu Heranwachsenden desselben Geschlechts zusammenhängen. Weitere dreißig Prozent beziehen sich auf heterosexuelle Beziehungen, und zehn Prozent sind tatsächlich Akte der Pädophilie, also bestimmt durch das sexuelle Hingezogensein zu Kindern im vorpubertären Alter. Die Fälle von Priestern, die der Pädophilie im strengen Sinn des Wortes beschuldigt werden, sind also etwa dreihundert binnen neun Jahren. Das sind – um Gottes willen! – immer noch zu viele Fälle, aber man sollte doch anerkennen, das das Phänomen nicht so verbreitet ist, wie einige glauben machen wollen.

60 Prozent der Fälle betreffen demnach Ephebophilie, d.h. pubertäre Jungen. Damit dürfte der Großteil der Opfer minderjährig sein. Diese, bei SPIEGEL und FOCUS als „heterosexuell“ bezeichneten Fällen dürften demzufolge ebenfalls Minderjährige beinhalten.

Von daher erscheint es grob irreführend, wenn es heißt, nur 300 Fälle beträfen Pädophilie, 60 Prozent homosexuelle und 30 Prozent heterosexuelle Fälle. Richtig wäre: Es handelt sich um 300 Fälle mit vorpubertären Kindern und 1.800 Fälle mit pubertären Jungen! Und, wie gesagt: Mit „Fall“ sind hier Priester gemeint, nicht Opfer. Deren Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Der Wortlaut beim SPIEGEL:

Von 2001 bis 2010 habe es rund 3000 Beschwerden über Geistliche gegeben. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte, nur in zehn Prozent der Fälle gehe es um pädophile Übergriffe Geistlicher. Insgesamt seien in neun Jahren damit 300 von 400.000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt worden.

Der Wortlaut beim FOCUS:

Laut Scicluna gingen im Vatikan seit 2001 rund 3000 Beschwerden über Geistliche ein. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte und in nur zehn Prozent der Fälle um pädophile Übergriffe Geistlicher. Insgesamt seien in neun Jahren also nur 300 von 400 000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt worden, rechnete Scicluna vor.

Vermutlich steckt der Fehler bereits in einer der zugrundeliegenden Agenturmeldungen.

Kirchenstrafen

In dem Interview erfährt man auch, welche Strafen verhängt werden:

Man kann in etwa sagen, dass es in zwanzig Prozent der Fälle einen richtigen Prozess gegeben hat, ob straf- oder verwaltungsrechtlich, […]. Doch hat es in sechzig Prozent der Fälle vor allem wegen des fortgeschrittenen Alters der Beschuldigten keinen Prozess gegeben; allerdings wurden gegen sie Verwaltungs- und Disziplinarmassnahmen ergriffen wie etwa die Auflage, keine Messen mit den Gläubigen mehr zu feiern, keine Beichte mehr zu hören, ein zurückgezogenes Leben des Gebets zu führen. Man sollte noch einmal betonen, dass es sich in diesen Fällen, unter denen auch einige besonders eklatante sind, mit denen sich die Medien beschäftigt haben, nicht um Freisprüche handelt. Zwar hat es keine formale Verurteilung gegeben, aber wenn jemand zu Schweigen und Gebet verpflichtet wird, dann gibt es dafür schon einen guten Grund…

Da sind aber noch zwanzig Prozent weitere Fälle…

Sagen wir: In zehn Prozent der Fälle, nämlich den besonders schwerwiegenden und bei denen erdrückende Beweise vorliegen, hat der Heilige Vater die schmerzliche Verantwortung auf sich genommen, ein Dekret über den Rückzug aus dem Klerikerstand zu autorisieren. Eine äußerst schwerwiegende Maßnahme, die auf dem Verwaltungsweg getroffen wird, aber unvermeidlich. In den übrigen zehn Prozent der Fälle waren es dann die beschuldigten Kleriker selbst, die um Dispens von den Pflichten gebeten haben, die sich aus dem Priesteramt ergeben. Was auch prompt angenommen wurde. Zu diesen letztgenannten Fällen gehören die Priester, die im Besitz von kinderpornographischem Material gefunden wurden und die dafür von der zivilen Autorität verurteilt worden sind.

Das sind ja schlimme Strafen: keine Messen mehr feiern, keine Beichte mehr abnehmen, schweigen und beten…insbesondere, wenn es sich um Leute handelt, die zu alt für einen Prozess sind. Wieviele von denen zelebrieren denn noch Messen?

Advertisements

3 Responses to Grob irreführend: „300 Fälle von Pädophilie“

  1. […] 1. telepolis.de: Der Bischof von Regensburg kämpft noch immer gegen Freimaurer 2. Skydaddy’s Blog: Grob irreführend: “300 Fälle von Pädophilie” […]

  2. […] ist zu vermuten, dass das gleiche Kriterium (oder ein ähnlich eng gefasstes) auch verwendet wurde, als der Vatikan letztes Jahr meldete, dass „nur 10 Prozent“ der des Missbrauchs beschuldigten Priester pädophil seien (ca. 300 von […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: