Vor 30 Jahren unter den Teppich gekehrt

Auf der Website des Vereins ehemaliger Heimkinder (VEH) habe ich den Hinweis auf einen Artikel beim Wiesbadener Kurier gefunden:

MISSBRAUCH Bistum Limburg muss sich heute mit Vorwürfen auseinandersetzen, die schon einmal Schlagzeilen gemacht hatten

RÜDESHEIM/WIESBADEN. Längst verjährt sind die Vorwürfe, die ehemalige Heimkinder des St.Vincenzstiftes in Rüdesheim-Aulhausen im Herbst vergangenen Jahres, aber auch schon Anfang der 1980er Jahren öffentlich geäußert hatten. Die „Prügel vom lieben Gott “ war damals breit diskutiert worden. Doch demjenigen, der die Vorwürfe vorgetragen hatte, hatte das nichts geholfen: Alexander Markus Homes hieß der Mann. Gegen ihn hatte den Heimleiter Franz Kaspar, der heute Generalvikar des Bistums ist, Strafanzeige erstattet. Und für die Landesregierung damals waren seien Berichte nichts anders als eine „Kampagne“.

Weiterlesen im Original-Artikel

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5 Responses to Vor 30 Jahren unter den Teppich gekehrt

  1. Max Headroom sagt:

    (..) für die Landesregierung damals waren seien Berichte nichts anders als eine „Kampagne“.
    (..) Es hatte ihm – neben Publizität – auch die Strafanzeige des damaligen Heimleiters Franz Kaspar eingetragen.

    Dies, gepaart mit den heutugen „Verteidigungsaktionen“ der Kirchenmänner zeigt, in welcher Richtung die „Aufarbeitung“ im Grunde genommen zuerst verlaufen: Schadensbegrenzung für die Kirche, und Beseitigung der friedensstörenden Kinderschänder erst an zweiter Stelle. Im obigem Fall, sogar gar nicht. Da hat man den Selbstmord einfach mal unbewusst abgewartet, schließlich sind „unhaltbare Behauptungen“ ja nicht Grund genug, sich der Sache mal anzunehmen.
    Nicht selten sprechen Kirchenmitglieder von einer „Hetze“ gegen die Heilige Mutter Kirche. Dabei muss man sich mal selbst an der Nase fassen und sich fragen, weshalb man weiterhin einem Unternehmen beiwohnt, dessen führende Kräfte zutiefst unmenschliche Handlungen bewusst getätigt und zugelassen haben – entgegen jeder Vernunft.
    Wenn man sich ähnliche Vorfälle in Sekten ansieht, wo ein Sektenführer Geschlechtsverkehr mit X-beliebigen Menschen hatte, so erkennt man gar parallelen. Es erscheint in den Augen der Mitglieder teilw. als „falsch“, aber sie vertrauen dem gesammten Gebilde – in den meisten Fällen handelt es sich um den Sektenführer alleine – so sehr, dass sie ihre Menschlichkeit dafür aufgeben. Tiefste Handlungen, wie Mitgefühl und Erkenntnis, werden durch die Gehirnwäsche regelrecht ausgewaschen. Diese zerstörte Individuen sind dann nicht mehr in der Lage, das Unheil zu erkennen, zu messen und zu bewerten.
    Ähnliches erkenne ich in der Kirche. Ob es sich um Kirchenmänner/-frauen handeln, die mit 68ern um sich werfen, oder um „Einzelfällen“-Relativierer … ihnen ist es beigebracht worden, das „Gesammtgebilde Kirche“, das Nest, nicht zu beschmutzen. Ihr Hauptanliegen ist es, die Struktur zu erhalten, so wie sie es anfangs vorgefunden haben. Mit ihrem König, ihren Feudalherren und allen Zeremonien. Da sind „störende“ Personen eben mal mundtot zu machen. Diese Stillhaltetaktik war und ist eben beliebt. Ob es nun vom der Regierung oder von der katholischen Kirche kommt, ist hierbei irrelevant. Das Spiel funktioniert, und das zählt.

    Clauss würde seine Stellungnahme von 1982 auch heute wieder so formulieren.

    Drei Jahrzehnte wurde benötigt, dies vergrabene wieder zurück an die Oberfläche zu bugsieren. Und noch immer wird der Schein, das Erlebte, weiterhin die Meinung bilden. Das hat die Kirche mit ihrer Heile-Welt-Indoktrination wieder mal fein hingekriegt. Glückwunsch! Mit einer solchen Scheuklappe wären weiteren Taten Tür und Tor geöffnet worden. Glücklicherweise ändert sich der Zeitgeist und die Blickrichtung andauernd. Im Augenblick sieht es nicht gerade rosig aus, um eine solche Tätigkeit wieder als „Kampagne“ abzublocken. Da sind die Medien schon zu sehr sensibilisiert worden. 22 von 27 Bistümer (im Moment!) haben unmenschliche Taten zugegeben. Das schreckt auf, das rüttelt wach. Herr Homes ist sicher nicht der erste, der mit einer „Hetzkampagne“ abgewatschelt wude. Ich kann nur hoffen, dass „dank“ der Selbstdemontage der Kirchen und der weiteren Offenlegung der Misstaten sowas in Zukunft nicht mehr passieren wird.

  2. Die unglaubwürdige Bestürzung und Abwiegelung von solchen Leuten, allen voran der Oberboss Ratzinger selbst, hebt die Bedeutung des Wortes „Heuchelei“ auf ganz neue Stufen.

    Aus einem Guardian-Artikel von 2005 (http://www.guardian.co.uk/world/2005/apr/24/children.childprotection1) :

    „Ratzinger’s role in protecting the church against scandal became apparent […]. In May 2001, he sent a confidential letter to every bishop in the Catholic church reminding them of the strict penalties facing those who referred allegations of sexual abuse against priests to outside authorities.
    The letter referred to a confidential Vatican document drawn up in 1962 instructing bishops on how to deal with allegations of sexual abuse between a priest and a child arising out of a confessional.
    It urged them to investigate such allegations ‘in the most secretive way… restrained by a perpetual silence… and everyone… is to observe the strictest secret which is commonly regarded as a secret of the Holy Office… under the penalty of excommunication’.“

    Klarer gehts nicht. Den Brief schickte Ratzinger in seiner Funktion als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, die unter anderem für Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche zuständig ist und er hat noch immer Bestand. Die katholische Kirche ist leider nach wie vor nicht ehrlich mit der Öffentlichkeit, sondern beschränkt sich auf ihre neue und alte Dreifaltigkeit: Image, Image, Image.

  3. skydaddy sagt:

    @Malibu Aircraft:

    Zu der obigen Geheimhaltungsdirektive von 2001 wird jetzt von Seiten der Kirche immer darauf hingewiesen, dass sie ja nur das kirchliche Verfahren betreffe, nicht das weltliche.

    Es wird dabei allerdings nie erklärt, wie man Informationen „kirchlich“ geheim hält und zugleich „weltlich“ an die Strafverfolgungsbehörden weiter gibt.

  4. Das ist natürlich richtig.
    Es scheint mir übrigens, das höchste was bei diesem kirchlichen Verfahren theoretisch herauskommen könnte, ist die Exkommunikation, die ironischerweise in dem Schreiben aus 1962 latae sententiae, also automatisch auf das Brechen des Geheimnisses steht. Man sieht also schon ziemlich deutlich, wo die Prioritäten liegen. Überhaupt von Geheimnissen bei sowas zu sprechen. An erster Stelle muss doch die staatliche, strafrechtliche Aufklärung stehen und hinterher können sie ihr kircheninternes Gedöns immer noch machen. Die Absicht hinter diesen Vorschriften scheint leider doch recht klar zu sein: So wenig wie möglich nach außen kommen lassen.

  5. skydaddy sagt:

    Ich will noch ergänzen, dass, wenn die Bischöfe von „Aufklärung“ reden, sie vermutlich die innerkirchliche „Aufklärung“ meinen und nicht, wie der unbefangene Hörer glauben muss, strafrechtliche Aufklärung.

    So wie die Katholische Kirche ja auch mit „Wahrheit“ die katholische Lehre meint.

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