Faktencheck zu „Hart aber fair“

Mittlerweile ist der Faktencheck zur „Hart aber fair“-Sendung „Die Priester und der Sex – Wie viel Wahrheit wagt die Kirche?“ online.

Folgende Aussagen wurden von zwei Experten kommentiert:

  • „Entgegen der öffentlichen Meinung spricht die katholische Kirche seit vielen Jahren offen über Fälle der sexuellen Gewalt an Kindern.“ (Bischof Jaschke)
  • „Die zurückhaltende Reaktion und der ungeschickte Umgang der Kirche mit den Missbrauchsfällen hängt auch damit zusammen, dass das Thema Sexualität innerhalb der Kirche lange tabuisiert worden ist.“ (Heiner Geisler)
  • „In den 70er und 80er Jahren hat die Wissenschaft noch nicht gewusst, wie schwerwiegend die Veranlagung der Pädophilie ist. Damals habe man geglaubt, es sei eine Besserung möglich.“ (Bischof Jaschke)
  • „Studien belegen, dass pädophile Tendenzen in der katholischen Kirche im Vergleich zu anderen Berufsgruppen geringer sind.“ (Andreas Englisch)

Beide Experten, die „Hart aber Fair“ für den Faktencheck um Stellungnahme gebeten hat, arbeiten oder arbeiteten allerdings für die Katholische Kirche. Aus der Expertenvorstellung beim „Hart aber fair“-Faktencheck:

Ursula Enders ist Pädagogin und Leiterin von „Zartbitter Köln„, einer der bekanntesten deutschen Kontakt- und Informationsstellen gegen sexuellen Missbrauch. […] Als Referentin des Instituts für Pastorale Bildung war sie maßgeblich an der Entwicklung eines Präventionsprojektes im Bistum Freiburg beteiligt. Außerdem bildete sie Supervisoren weiter, die Pfarrgemeinden und anderen kirchliche Einrichtungen bei der Aufdeckung und Verarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs Unterstützung anbieten. […]

Norbert Leygraf ist Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Duisburg-Essen. Leygraf zählt zu den renomiertesten psychiatrischen Gerichtsgutachtern Deutschlands. Seit vielen Jahren begutachtet er im Auftrag deutscher Diözesen auffällig gewordene Pfarrer. […] Leygraf glaubt nicht, dass der Zölibat sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche begünstigt.

Nun hatte ich nicht den Eindruck, dass die „Hart aber fair“-Sendung zu kirchenfreundlich war, und die Kooperation mit der Kirche macht die Ausagen natürlich nicht unglaubwürdig oder zweifelhaft.

Allerdings habe ich erst gestern darüber berichtet, dass ein Kollege von Prof. Leygraf, nämlich Hans-Ludwig Kröber, der ebenfalls für die Katholische Kirche verdächtige Priester begutachtet, just dieser Kirche anlässlich der SPIEGEL-Ausgabe zum Missbrauchsskandal sofort mit einer sehr fragwürdigen Argumentation beisprang, noch bevor die Spiegel-Hefte an den Kiosken erhältlich waren.

Auf diese Argumentation bezog sich in der Sendung übrigens auch Herr Englisch (s.o.). Dazu stellt selbst Kollege Leygraf beim Faktencheck fest: „Es gibt dazu keine wissenschaftlich haltbaren Zahlen.“

Ich hätte es besser gefunden, wenn Experten gefragt worden wären, die nicht für die Kirche arbeiten.  Gibt es denn keine Opfer-Selbsthilfegruppen?

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5 Responses to Faktencheck zu „Hart aber fair“

  1. Atlan sagt:

    Was spricht denn dagegen, dass die Kirche Experten hinzuzieht? Du wirst kaum einen in deinem Sinne völlig unabhängigen Experten finden, denn die namhaften auf diesem Gebiet wurden von der Kirche schon hinzugezogen.

  2. skydaddy sagt:

    Selbstverständlich habe ich überhaupt nichts dagegen, dass die Kirchen sich externer oder unabhängiger Experten bedienen.

    Ich habe Frau Enders und Herrn Leygraf hier auch gar nichts vorzuwerfen.

    Ich finde nur, bei einem Faktencheck zu diesem Thema hätte zumindest einer der Experten in keinem irgendwie gearteten Verhältnis zur Kirche stehen sollen. Wie gesagt, z.B. jemand von einer Opfer-Selbsthilfegruppe zum Beispiel.

    Schließlich lässt man Fakten immer am besten von der Gegenseite checken.

  3. Atlan sagt:

    Natürlich, aber meinst du wirklich, dass es echte Experten gibt, die noch nicht von der Kirche hinzugezogen worden sind?

  4. skydaddy sagt:

    Für einen Faktencheck sehe ich zwei Arten von „Qualifikation“:

    Erstens: „Akademische“ Qualifikation: Hier z.B. Missbrauchsexperten. Da mag es sein, dass die Kirche in der Tat sozusagen alles „abgegrast“ hat.

    Zweitens: Da es ja um einen „Faktencheck“ geht und man Behauptungen immer am besten von der Gegenseite unter die Lupe nehmen lässt, könnte man m.E. hierzu Leute heranziehen, die sich bei der jeweiligen „Gegenseite“ mit der Thematik befassen. Also bei den Kirche vielleicht jemanden vom IBKA oder der GBS, oder, wie im Artikel vorgeschlagen, von einer Opferorganisation.

    Umgekehrt würde man Verlautbarungen von Atheisten (außer Herrn Kröber) natürlich von den Kirchen „checken“ lassen.

    Wenn die Gegenseite dann jemanden aufbietet, der unqualifiziert ist, ist das halt deren Pech.

  5. Atlan sagt:

    Zu Zweitens: Mir kam es nicht so vor, als ob Frau Enders besonders prokirchlich argumentiert hätte. Frau Enders mag auch mal im Auftrag der Kirche behandelt haben, ihre Diktion liest sich aber nicht so, als ob sie ein besonders positives Bild von der Kirche hätte.

    Nun, ich bin nicht hart aber fair, aber ich fand schon, dass Frau Enders sehr wohl die Gegenseite repräsentiert hat.

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