Selbstverschuldete Ahnungslosigkeit

Politiker wie Stephan Mayer (CSU) erschweren eine bessere Bekämpfung von Kindesmissbrauch, weil sie irreführender bischöflicher Propaganda unkritisch Glauben schenken, anstatt sich sachkundig zu machen.

In dem SPIEGEL-Artikel „Unionspolitiker verurteilen Leutheusser-Schnarrenbergers Kirchen-Kritik“ lesen wir heute:

Der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stephan Mayer, warf der FDP-Politikerin Respektlosigkeit vor. Mayer sagte der „Süddeutschen Zeitung“, […] ihre Unterstellung, der Kirche liege nichts an der Aufklärung schwerster Straftaten, gehe „völlig an der Wirklichkeit vorbei“. Anders als von ihr dargestellt habe die Bischofskonferenz mit ihren Leitlinien im Jahr 2002 ihre „rückhaltlose Bereitschaft“ gezeigt, „Missbrauchsfälle schnell und umfassend aufzuklären“.

Mayer betonte, er sei überzeugt davon, dass „in jedem Fall, in dem sich Verdachtsmomente eines sexuellen Missbrauchs erhärten, eine konstruktive Kooperation der katholischen Kirche mit den jeweils zuständigen Ermittlungsbehörden erfolgen wird“. [Hervorhebung von mir.]

Einmal mehr ein selbstverschuldet Ahnungsloser, der kirchliche Propaganda ungeprüft nachplappert. Und damit die Bekämpfung von Kindesmissbrauch erschwert!

In den Leitlinien steht nämlich genau drin, was zu geschehen hat, wenn sich der Verdacht auf sexuellen Missbrauch erhärtet – und konstruktive Kooperation mit den Ermittlungsbehörden wird dabei weder ausdrücklich genannt noch impliziert:

5. Bei Erhärtung des Verdachts wird eine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet. […]

6. Bestätigt die Voruntersuchung den Verdacht sexuellen Missbrauchs, wird der Apostolische Stuhl befasst. […]

7. In erwiesenen Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger wird dem Verdächtigten zur Selbstanzeige geraten und ggf. das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft gesucht [… alle Hervorhebungen von mir.]

Bei Erhärtung des Verdachts kommt es also nur zu einer kirchlichen Voruntersuchung – und nicht zu einer „konstruktiven Kooperation mit den jeweils zuständigen Ermittlungsbehörden“, wie der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe phantasiert.

Dass die kirchliche Voruntersuchung ggf. auf eine Selbstanzeige hinausläuft kann nur bedeuten, dass vor dem Beweis keine Hinweise an die Strafverfolgungsbehörden gegeben werden.

Und was zu geschehen hat, wenn ein erwiesener Täter sich nicht selbst anzeigt – dazu schweigen die bischöflichen Leitlinien!

Aber um das zu wissen, hätte der Bundestagsabgeordnete und CSU-Landesgruppensprecher die Leitlinien zunächst einmal lesen müssen, bevor er sich dazu äußerte. Frau Leutheusser-Schnarrenberger hat dies übrigens offensichtlich getan: Sie wusste, wovon sie redete.

Politiker wie Herr Mayer erschweren eine bessere Bekämpfung von Kindesmissbrauch, weil sie irreführender bischöflicher Propaganda (Verweis auf die Leitlinien) unkritisch Glauben schenken, anstatt sich sachkundig zu machen!

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