Kirchensteuer als Austrittsgrund?

Sven Speer vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Uni Münster kommentiert auf seinem Blog „Religionspolitik in Deutschland“ die gegenwärtigen Schlagzeilen a la „Die meisten Kirchen-Austritte wegen Steuer“ (BILD – noch dazu im BILD „Ratgeber-Telegramm“ – was sind das denn für Ratschläge?):

Treten die Deutschen also aus den Kirchen aus, weil sie sparen müssen? Lässt die wirtschaftliche Lage ihnen vielleicht gar keine andere Wahl? Das ist wohl die Botschaft, die mit derartigen Meldungen verbreitet werden soll. Wer sich die Sachlage aber einmal genauer anschaut, der sieht, dass es nicht allein der Sparzwang sein kann, der die Mitglieder aus den Kirchen treibt. [Kirchensteuer und Kirchenaustritt: Die halbe Wahrheit]

Er weist auch darauf hin, dass sein Kollege Detlef Pollack diesen Sachverhalt bereits im letzten September kommentiert hatte:

Die Austritte hätten zugleich mit einer sinkenden Religiosität zu tun, erläuterte der Wissenschaftler. „Menschen, die austreten, haben zumeist die Beziehung zu Glauben und Kirche verloren. Die Wirtschaftslage ist dann der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Dabei sind es laut Statistik vor allem Besserverdiener, Städter und Männer, die der Kirche den Rücken kehren. „Für sie lohnt sich der Austritt finanziell am meisten. Die Bindung zur Kirche bleibt jedoch oft über die schlechter verdienende Frau bestehen. Dies erlaubt es, die Kinder dann dennoch taufen zu lassen.“ [„Wirtschaftskrise erhöht Kirchenaustrittsbereitschaft“]

Speer äußert sich auch zu den Bestrebungen, eine „Ethiksteuer“ einzuführen (zuletzt kurz vor Weihnachten durch „Comical Uli“ Blum):

Die eigentliche Zielrichtung der Ethiksteuer ist […] die gleiche wie auch beim Ethikunterricht. Er wurde eingeführt, als sich in den 1970er Jahren immer mehr religionsmündige Schüler vom Religionsunterricht abmeldeten […] Wenn der Religionsunterricht oder die Kirchensteuer keinen nennenswerten Mehraufwand bedeutet, bleiben sie Teil des Systems. Sobald aber auch nur minimale Erleichterungen bei einem Ausscheiden aus dem System erfolgen, kehren sie der Kirche den Rücken zu. Es ist bezeichnend für die religiös-weltanschauliche Lage in Deutschland, dass der Staat Anreize setzen muss, damit die Kirchen ihre Mitglieder nicht verlieren. Noch funktioniert das vergleichsweise gut. Warten wir ab, was passiert, wenn die politischen Entscheider eine noch losere Bindung zu den Kirchen haben als bisher.

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2 Responses to Kirchensteuer als Austrittsgrund?

  1. Lydia sagt:

    Eine Familie in einer kleinen Ortschaft ist vor Weihnachten delogiert worden, weil sie ihre Kirchensteuer nicht bezahlt haben…..so viel zur Menschlichkeit! Ein herzliches Dankeschön kann man da nur meinen.

  2. Schwabe sagt:

    Kann sein, kann aber auch eine Latrinenparole sein, die hier nicht zu selten verbreitet werden.

    Kirchensteuer wird vom Finanzamt eingetrieben, wie auch die Einkommenssteuer. Ich muss für 2008 noch 300.- € Kirchensteuer nachzahlen. Daneben aber entsprechend ein Vielfaches an Einkommenssteuer. Wenn ich diese nicht bezahlen würde, würde das Finanzamt gegen mich vollstrecken.

    Wenn der Pfarrer persönlich gegen die Steuerpflichtigen vorgeht, wäre das ein Fehler. Der Steuerpflichtige kann bei der Kirchenverwaltung einen Antrag auf Stundung oder Erlass stellen.

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