Scheiß-Ferkelbuch! dachte der Vater der kleinen Charlotte

Ferkel und Igel sind nicht in Gefahr.

„Papa steht sich manchmal selbst im Weg“ heißt es in dem Buch „Erzähl mir bitte von Gott! sagte die kleine Charlotte“. Papa, das ist Sven Grotendiek, der sich über das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ geärgert hatte. Grotendieks religiöse Entgegnung ist allerdings nur ein weiterer Beleg für die Notwendigkeit des Original-Ferkelbuches.

Eins gleich vorweg: Das Ferkelbuch von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke ist nicht in Gefahr! Die vom Bundesfamilienministerium geförderte Entgegnung „Erzähl mir bitte von Gott! sagte die kleine Charlotte“ ist aus atheistischer Sicht völlig belanglos. Es handelt sich lediglich um ein weiteres religiöses Kinderbuch unter vielen, und nicht einmal um ein besonders gutes.

Warum das so ist, will ich im Folgenden deutlich machen. Ich hätte auch gerne etwas Positives über das Buch geschrieben, nachdem sich der Autor, Dr. Sven Grotendiek, hier in den Kommentaren ja ziemlich engagiert hat. Aber an Positivem fallen mir nur drei Dinge ein:

  • Die Gestaltung der CD-Hülle ist ganz nett.
  • Der Sprecher des Hörbuchs, Werner Hahn, leistet ganz ordentliche Arbeit, wenigstens zu Beginn.
  • Das Buch/Hörbuch fördert den interreligiösen Dialog.

Aus atheistischer Sicht sind m.E. vor allem folgende Punkte von Interesse:

  • Wie nimmt das Buch auf das Original-Ferkelbuch Bezug?
  • Wird der religiöse Glaube in dem Buch irgendwie begründet?
  • Welche religiöse Botschaft wird hier – durch Steuergelder gefördert – verbreitet, und wie kommen Nicht-Angehörige der abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam dabei weg?
  • Und schließlich: Wie ist das Buch/Hörbuch als Ganzes einzuschätzen?

Die folgenden Ausführungen und Zitate beziehen sich alle auf die Hörbuch-Version, die man (Dank der Förderung durch das Ministerium!) für 2 Euro Kostenbeitrag beim Verlag bestellen kann. 19,95 Euro für das Buch wären mir zu teuer gewesen. Außerdem ist das Buch derzeit vergriffen.

Wie nimmt das Buch auf das Original-Ferkelbuch Bezug?

Erzähl mir bitte von Gott! sagte die kleine Charlotte. Ein Buch für alle, die es wissen wollen“ orientiert sich schon im Titel deutlich an dem Buch „Wo bitte geht‘s zu Gott?, fragte das kleine Ferkel: Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen“ von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke. Auch in Grotendieks Buch heißt es an einer Stelle – ziemlich unmotiviert –, dass sich die kleine Charlotte „nichts vormachen“ lässt. Auf dem Umschlag der Hörbuch-CD sind außerdem ein Ferkel und ein Igel abgebildet.

Das „Original-Ferkelbuch“ liefert auch den Anstoß für die Geschichte mit der kleinen Charlotte. Diese sieht ihren Vater eines Morgens verärgert am Küchentisch sitzen. Er hat gerade das Ferkelbuch gelesen und schimpft darüber. Natürlich sagt er nicht „Scheiß-Ferkelbuch“, aber „Wie gemein!“, sein Kopf wird ganz rot und er ärgert sich darüber, dass in dem Original-Buch das kleine Ferkel und der kleine Igel die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gruselig und merkwürdig finden und zu dem Schluss kommen, dass es Gott wahrscheinlich gar nicht gibt: „So verärgert hatte Charlotte Papa lange nicht erlebt.“

Dies ist schon die erste Merkwürdigkeit. Man muss die Schlussfolgerung des originalen Ferkelbuchs ja nicht teilen, aber Schmidt-Salomons und Nynckes Buch gibt zentrale Glaubensinhalte der Religionen korrekt wieder, und es sollte eigentlich weder überraschend noch schwer nachzuvollziehen sein, dass bestimmte Inhalte der drei Religionen gruselig und merkwürdig erscheinen können. Es mag allerdings sein, dass Autor Grotendiek selbst nur Bibelkenntnisse auf Kinderbibelniveau hat (s.u.), und dass ihm die Grausamkeit seines Gottes nicht in vollem Umfang bewusst ist. Damit würde er sich nicht einmal vom Gros der Gläubigen unterscheiden – nur, dass die keine religiösen Kinderbücher schreiben, die besagen, dass Gott „nicht gruselig“ ist.

Es ist nämlich nun die kleine Charlotte, die ihrem Vater umgehend versichert: „Gott gibt es, und er ist nicht gruselig!“

Schlechtes Vorbild

Das ist ja nun wohl genau das, was man seinem Kind nicht als Vorbild anbieten – und dementsprechend auch nicht vom Jugendministerium gefördert sehen möchte: Ohne irgendeine Nachfrage, um was für Gruselgeschichten es sich handelt oder wie das Ferkel und der Igel zu ihrer Schlussfolgerung kommen, und erkennbar ohne großartiges Wissen oder auch nur Interesse an der Religion (s.u.), meint die kleine Charlotte trotzig, Ihrem Vater bestätigen zu müssen, dass es Gott gibt und dass er nicht gruselig ist.

Glaube wird vorausgesetzt und nicht hinterfragt

Wie die kleine Charlotte zu dieser Überzeugung gelangt ist, erfahren wir nicht, und derartige Fragen werden in dem Buch auch komplett ausgeblendet. Die Existenz Gottes wird einfach vorausgesetzt. Ich weiß nicht, was Dr. Grotendiek beim Ferkelbuch an „fehlender Dialektik“ bemängelt. Das Original-Ferkelbuch von Schmidt-Salomon und Nyncke gibt zentrale Glaubensaussagen der abrahamitischen Religionen korrekt wieder, und das kleine Ferkel und der kleine Igel finden diese Geschichten nachvollziehbarerweise gruselig und wenig überzeugend.

Im „Charlottenbuch“ hingegen findet überhaupt keine Diskussion statt. Im Universum des Charlottenbuchs ist das Original-Ferkelbuch „gemein“, alle sind von der Existenz Gottes überzeugt und Gott ist auch nicht gruselig. Punkt!

Wir können allerdings annehmen, dass Charlotte diese Auffassung von Ihrem Vater übernommen hat. Wir erfahren – ohne erkennbare Notwendigkeit oder Zusammenhang übrigens –, dass Charlottes Bruder Moritz mit sieben Jahren an Krebs gestorben ist. In einer etwas merkwürdigen Stelle, die leider typisch für das Buch ist, heißt es dann:

„Moritz ist jetzt bei Gott im Himmel“, sagten Charlotte und [ihr Bruder] Hanno irgendwann auch zu Papa, und es war dumm von Papa, sie danach zu fragen, wie sie darauf kamen. Denn Papa glaubte auch daran.

Hauptkritikpunkt 1

Charlottes Papa kommt dann auf die Idee, selbst mit Charlotte – wie Ferkel und Igel im Original-Buch – eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee aufzusuchen und ein Buch darüber zu schreiben.

Hier zeigt sich bereits einer der beiden Haupt-Kritikpunkte am Charlottenbuch: Die „Handlung“ – wenn man sie denn so nennen will – ist eine Idee des Vaters. Charlotte ist zunächst überhaupt nicht an dieser Idee interessiert und findet religiöse Fragen „total langweilig“.

Bei einem Kinderbuch würde ich erwarten, dass das Kind die treibende Kraft ist. Welches Kind soll sich für ein Buch interessieren, bei dem ein Vater aus Ärger über das Ferkelbuch einen jüdischen Vorbeter, eine Pastorin und einen Imam interviewt?

Es ist dann auch der Vater, der die Gespräche mit den Religionsvertretern führt und sich über religiöse Vorstellungen wie die Erbsünde Gedanke macht. Charlotte und ihr Bruder spielen lieber in der Kirche und in der Moschee, als den Ausführungen der Pastorin und des Imams zuzuhören. Es ist mir ein völliges Rätsel, wie sich Kinder dadurch angesprochen fühlen sollen.

Hauptkritikpunkt 2

Der andere Haupt-Kritikpunkt ist, dass das Charlottenbuch überhaupt keinen Spannungsbogen hat. Im Original-Ferkelbuch wird die heile Welt von Ferkel und Igel gestört, als jemand ein Plakat an ihr Haus klebt, auf dem steht „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas.“ Daraufhin machen sich Ferkel und Igel auf die Suche nach Gott, wobei sie in Synagoge, Kirche und Moschee auf die Religionsvertreter treffen. Ihre Erlebnisse dabei führen die beiden zu der Erkenntnis: „Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht.“

Im Charlottenbuch dagegen sind von Beginn an alle überzeugt, dass es Gott gibt und dass „alle“ – gemeint sind allerdings nur Christen, Muslime und Juden – an denselben Gott glauben. Begründung: es gibt nur einen Gott, folglich müssen quasi automatisch alle an denselben glauben.

Daran ändert sich auch bis zum Ende des Buches nichts, und diese Vorstellung wird auch nicht herausgefordert – bzw. die Akteure lassen sich selbst durch das Ferkelbuch nicht herausfordern. Trotzig besuchen sie eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee und sind nachher genau derselben Auffassung wie vorher, nur dass sie zwischenzeitlich ein paar Aspekte der jeweiligen Religionen kennengelernt haben.

Dröger Hauptteil

Der Hauptteil des Buches – nämlich die Besuche in Synagoge, Kirche und Moschee – ist m.E. ziemlich dröge geraten. Dies ist auch der Teil des Hörbuchs, wo selbst der Sprecher nichts mehr „reißen“ konnte: Während er zuvor die Dialoge zwischen Charlotte und den Papa sprachlich ganz gut gestalten konnte, folgen nun teilweise geradezu lähmende Passagen, in denen Informationen über die jeweiligen Religionen vermittelt werden. So einfach ist es nämlich nicht, Dr. Grotendiek: Eigentlich trockene und nicht besonders interessante Informationen über die drei Weltreligionen werden nicht dadurch ansprechender, dass man eine Geschichte drum herum schreibt und dieselben trockenen, uninteressanten Informationen den jeweiligen Religionsvertretern in den Mund legt. (Obwohl Grotendiek sich Mühe gibt, die Infos kindgerecht „rüberzubringen“.)

Meine Aufmerksamkeit während dieser Passagen wurde nur dadurch aufrechterhalten, dass ich darauf wartete, dass der Sprecher mit dem Kopf auf das Mikrofon aufschlagen würde, weil er selbst beim Erzählen eingeschlafen ist.

(Ich vermute, dass in der Buchversion – ich hatte ja nur das Hörbuch – Fotos aus den Gotteshäusern sind, so dass Teile des Textes dadurch veranschaulicht werden.)

Die kleine Charlotte ist nur Stichwortgeberin

Die kleine Charlotte dient hier – im wahrsten Sinne des Wortes – lediglich als Stichwortgeberin. (Stichwort: „Erzähl mir bitte von Gott!“) Die Gespräche führt praktisch vollständig der ferkelbuch-gekränkte Vater, und nach dem Synagogenbesuch spielen Charlotte und ihr Bruder lieber in den Gotteshäusern, als den Geistlichen zuzuhören. In der Moschee gibt sogar der Vater selbst das Stichwort: „‘Erzähl mir bitte von Gott‘, hätte Charlotte jetzt gesagt.“ Wie gesagt: Die Geschichte ist komplett durch den Vater getrieben.

Biblische Gewalt wird verharmlost

Der folgende Abschnitt aus Grotendieks Buch ist ein Musterbeispiel dafür, wie religiöse Kinderbücher oft biblische Geschichten verfälschen und wie notwendig das originale Ferkelbuch ist:

„Kennst du auch die Geschichte vom goldenen Kalb, Charlotte?“ fragte Hagay Feldheim [der Vorbeter aus der Synagoge, featured hier].

„Na klar! Also: Mose blieb ziemlich lange da oben auf dem Berg Sinai. Die meisten anderen hielten ihn schon für tot. Und an Gott glaubten sie nicht mehr. Deshalb bauten sie sich aus einem großen Haufen Gold ein riesiges Kalb. Das sollte ihr neuer Gott sein.“

„Stimmt genau!“ sagte Hagay Feldheim, und fügte mit einem leisen Schmunzeln hinzu:

„Die Männer rissen den Frauen den Goldschmuck von den Ohren, Armen und Fingern. Freiwillig wollten die Frauen ihren Schmuck nämlich nicht hergeben. Gott war deshalb später mit den Männern ein bisschen strenger als mit den Frauen und bestimmte, dass die jüdischen Männer beten mussten, während die jüdischen Frauen beten durften. Und genau so ist es bis heute geblieben.“

Wir erfahren hier sowohl Charlottes Version der Geschichte als auch die, die der jüdische Vorbeter Charlotte vermittelt. Es zeigt sich, dass die kleine Charlotte, – die ja davon überzeugt ist, dass Gott nicht gruselig ist – gar nicht die ganze Geschichte kennt, und dass Hagay Feldheims Version, gelinde gesagt, nur entfernt mit dem zu tun hat, was in der Bibel geschildert wird.

Tatsächlich geht die Geschichte nämlich so:

[2. Mose 32] 25 Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war […], 26 trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. 27 Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. 28 Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. 29 Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde.

Selbst das wissenschaftliche Bibellexikon, das von der Deutschen Bibelgesellschaft betrieben wird und wohl kaum als bibelkritisch verdächtig ist, spricht hier von einem „blutigen Massaker, bei dem im Namen Jahwes 3000 Männer getötet werden“ bzw. von einem „großen Blutbad“.

Das heißt also: Die kleine Charlotte – die ja glaubt, Gott sei nicht gruselig – hat bereits von der Geschichte mit dem goldenen Kalb gehört. Allerdings hat sie ihre Version wohl kaum aus der Bibel selbst, denn sonst wüsste sie von der grausamen Bestrafung. Das Charlottenbuch selbst ist Beleg dafür, dass sie ihre Version der Geschichte aus einem religiösen Kinderbuch oder von einem Geistlichen haben könnte.

Es fällt allerdings auf, dass in Grotendieks Buch die Grausamkeit der Geschichte völlig ausgeblendet wird. Und nicht nur ausgeblendet: Hagay Feldheims Variante muss geradezu als heimtückisch bezeichnet werden, da er quasi die Arg- und intellektuelle Wehrlosigkeit der kleinen Charlotte sowie das in ihn gesetzte Vertrauen missbraucht, indem er den Eindruck erweckt, Gottes Strafe hätte nur darin bestanden, dass die Männer beten mussten, während die Frauen beten durften.

Ich zweifele zwar nicht daran, dass Feldheims Geschichte eine populäre jüdische Auslegung der Geschichte vom goldenen Kalb ist. Das ändert aber nichts an der eklatanten Diskrepanz zu der „Originalversion“ in der Bibel. Ist es den Juden oder Herrn Feldheim peinlich, dass ihr Jahwe-Gott solch ein mordendes Monstrum ist? Mir wär‘s auch peinlich. Die Konsequenz muss dann aber lauten, solch einem Gott die Gefolgschaft zu verweigern!

Mit der Bitte konfrontiert, einem kleinen Mädchen etwas über seinen Gott zu erzählen, bringt der jüdische Vorbeter ohne Not das Thema auf die Geschichte vom goldenen Kalb. Dabei unterschlägt er komplett den abartigen Massenmord und verzerrt die Geschichte zu einer „Schmunzelvariante“. Und Grotendiek, der sich darüber ärgert, dass im Ferkelbuch von Schmidt-Salomon und Nyncke „Gruselgeschichten“ über Gott stehen, hat entweder selber keine Ahnung von der Geschichte oder findet es in Ordnung, dem Original-Ferkelbuch ein Buch entgegenzusetzen, in dem die gruseligen Aspekte einfach ausgeblendet werden, um die Aussage „Gott ist nicht gruselig“ aufrechterhalten zu können.

Was fördert das Familienministerium hier eigentlich?

Jedenfalls ist diese Stelle ein Paradebeispiel dafür, wie Kinder religiös manipuliert werden. Und man könnte sagen, dass das Bundesjugendministerium hier ein Buch fördert, das Massenmord verharmlost.

Es geht aber noch weiter:

[Vater:] „Weißt, du, manchen Menschen möchte ich Gott am liebsten persönlich vorstellen: Bitteschön, das ist Gott! Denn manche glauben doch nur, was sie sehen.“

[Charlotte:] „Ich nicht! Weil ich mit Gott rede und er mir antwortet. Abends vor dem Einschlafen, da bitte ich ihn zum Beispiel, dass er nachts gut auf mich aufpasst. Und wenn mir nichts passiert, dann ist das seine Antwort.“

Das ist großer Blödsinn, und hier wird Kindern falsches Denken beigebracht. Die kleine Charlotte könnte nämlich ebenso gut zu einer Dose SPAM beten, die ihr auf genau die selbe Weise „antworten“ würde. Man sollte erwarten, dass das Bundesjugendministerium solcher Verblödung entgegentritt und sie nicht noch fördert!

Konfessionslose und Angehörige anderer Religionen kommen nicht vor

Dr. Grotendiek behauptet:

Mein Hörbuch appelliert sehr nachdrücklich in die Richtung, dass Kinder Menschen, die nicht an den abrahamitischen Gott glauben völlig unabhängig davon als Mitmenschen anerkennen! Die Reduktion auf „wir verstehen uns, weil wir an denselben Gott glauben“ findet mithin gerade nicht statt. Respekt, so das Hörbuch, beginnt vielmehr dort, wo wir nicht an den gleichen, oder an das gleiche, glauben, uns das sagen und uns trotzdem nicht „die Köpfe einschlagen, sondern uns verstehen und respektieren.

Charlottes Vater sucht aber gerade nicht das Gespräch mit einem Atheisten, einem Buddhisten oder Hindu: diese Menschen existieren in der Welt des Charlottenbuches schlichtweg nicht. Dr. Grotendieks Formulierung „Wir glauben alle an denselben Gott, aber nicht an den gleichen“ ist hier nämlich sehr verräterisch: „Wir“ und „alle“ meint nämlich offensichtlich nur die Anhänger der drei in dem Buch aufgeführten Religionen, das dürfte gut 40 Prozent der Jugendlichen (auf Deutschland bezogen) außen vor lassen.

Ich kann nicht erkennen, wie Kinder in diesem Zusammenhang die Aufforderung des Buches, mehr miteinander zu reden, auch auf Angehörige anderer Weltanschauungen beziehen sollten. Grotendieks explizite Kernbotschaft „Wir glauben alle an denselben Gott“ funktioniert halt nur in einer Welt, in der es nur Christen, Muslime und Juden gibt.

Grotendiek mag glauben, dass sein Buch auch darüber hinaus zu Respekt und Dialog anregt, aber er hätte wohl kaum eine ungeeignetere Geschichte und ein ungeeigneteres Motto finden können, um diese Botschaft zu vermitteln. „Nachdrücklich“ (s.o.) ist dieser Appell jedenfalls nicht!

Gesamteindruck

Meine Hauptkritik am Charlottenbuch ist nicht, dass es eine Entgegnung auf das Ferkelbuch oder überhaupt ein religiöses Kinderbuch ist. Ähnliche Bücher gibt es wie Sand am Meer. Ich glaube vielmehr, dass es ein schlechtes Kinderbuch ist, und zwar erstens, weil die Geschichte nicht vom – offensichtlich über weite Strecken ziemlich desinteressierten – Kind getrieben wird, sondern vom Vater, und zweitens, weil es keinen Spannungsbogen hat.

„Erzähl mir bitte von Gott!“ – Das Buch würde ich höchstens den Kindern meiner ärgsten Feinde schenken.

 Aber der Papst und Angela Merkel haben ja keine Kinder 😉

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16 Responses to Scheiß-Ferkelbuch! dachte der Vater der kleinen Charlotte

  1. Lieber Verfasser dieser Kritik!

    1.
    Schmidt-Salomons Ferkel und Igel sollen ja für neugierige, wissenshungrige kleine Kinder stehen. Also lässt er beide der „Gottesfrage“ nachgehen. Dabei übersieht Schmidt-Salomon allerdings, dass kleine Kinder aber wirklich so gar nicht an abstrakten religiösen Fragen (wie der nach der Existenz Gottes!) interssiert sind! Oder hatte Schmidt-Salomon bei Ferkel und Igel vielleicht doch irgendwelche erwachsenen Menschen im Blick? – Charlottes Rolle ist deshalb nur authentisch, man könnte auch sagen „ehrlich“; in ihr werden sich viele Kinder wiederfinden! – Übrigens: Leider versäumt es der Herr Kritiker, darauf hinzuweisen, dass die Kritik am Ferkelbuch sich ganz konkret darauf richtet, dass der Glaube einer Charlotte dort nicht behandelt wird. Das Charlotte-Buch vermeidet den gleichen Fehler, indem es auf die Kernaussage des Ferkelbuchs hinweist und ihr die Kernaussage des eigenen Glaubens gegenüberstellt.
    2.
    Der Vorwurf des fehlenden Spannungsbogens klingt natürlich immer gut, geht aber hier leider völlig ins Leere: Während Schmidt-Salomon zwei „kleine Kinder“ der abstrakten Gottesfrage nachspüren lässt, macht sich Charlotte auf den Weg, um zu schauen, ob ihr irgendwo ein gruseliger alter Mann mit langem weißen Bart begegnet. Ihre Überzeugung, den gebe es gar nicht, kann nichts daran ändern, dass die Spannung bleibt, ob es nicht doch „gruselig“ wird. Und dann ist es doch wohl völlig egal, ob Charlotte die treibende Kraft ist oder nicht!
    3.
    Warum Schmidt-Salomon glauben machen will, gruselige Gottesbilder widerlegten die Existenz Gottes, ist mir völlig schleierhaft. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? So etwas würde ich noch nicht einmal den Kindern meiner ärgsten Feinde, die ich nicht habe, erzählen! Darum halte ich das Herumreiten auf gruseligen Gottesbildern schlicht für unsinnig. Leider ist der Herr Kritiker offenbar so sehr von ihnen in Bann gezogen, dass er es jedenfalls versäumt, mein Gottesbild widerzugeben: Gott liebt jeden Menschen unabhängig von dessen Eigenschaften! Egal welche welcher Glaube, ob Atheist oder nicht, welche Hautfarbe usw., usw., usw.

    Mein Fazit lautet dennoch: Ein größeres Lob als durch seine 3 positiven Anmerkungen hätte ich von keinem Atheisten bekommen können; und erwartet hätte ich es schon gar nicht! Vielen Dank dafür an dieser Stelle!

    Dr. Sven Grotendiek

  2. Guten Morgen!

    Hier noch ein kleiner Nachtrag für alle, die sich mit gruseligen Gottesbildern plagen. Seine Urheberin wurde nicht schon wegen irgendwelcher alten gruseligen Gottesbilder zur Atheistin, sie konnte vielmehr trotz des unendlichen Leidens in der gegenwärtigen Welt „atheistisch an Gott glauben“:

    „Ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding, das immer so bleiben muss; der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, die unabänderlich gelten (…)

    Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben, dass wir frei werden von Vorurteilen und Anmaßung, von Angst und Hass (…)

    Ich glaube an den Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist, an die Gemeinschaft aller Völker und unsere Verantwortung für das, was aus unserer Erde wird, ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt oder die Stadt Gottes (…)

    Amen.“
    (in Auszügen: Dorothee Sölle, Typoskript des 1969 verfassten „Credo“)

  3. verquer sagt:

    Moin Sven,

    mich würde mal interessieren, was Du zum Vorwurf der absichtlichen Unterschlagung von schrecklichen Abschnitten gewisser Bibelgeschichten zu sagen hast.

    Mit den besten,

    verquer.

  4. Sehr geehrte(r) Verquer,

    unter http://www.edward-verlag.de finden Sie eine Leseprobe zu dem Buch „Teufels Wege. Gespräche mit Markus, Matthäus und Lukas“. Das darin enthaltene Verständnis vom „Jüngsten Gericht“ ist 1. auch meins und 2. exemplarisch dafür, was ebenso meine Überzeugung ist: Nichts ist wirklicher als die Fiktion!

    Mit freundlichem Gruß
    Dr. Sven Grotendiek

  5. verquer sagt:

    Womit meine implizite Frage aber auch wirklich gar nicht beantwortet wäre…

  6. verquer sagt:

    Das finde ich bizarr.

  7. skydaddy sagt:

    Bei „atheistisch an Gott glauben“ habe ich aufgehört, weiterzulesen.

  8. Das finde ich schade, weil Titel eines Buches einer beeindruckenden Theologin unserer Zeit:

    Dorothee Sölle, Atheistisch an Gott glauben. Beiträge zur Theologie, dtv-Verlag (1968).

  9. skydaddy sagt:

    Mit paradoxen Sätzen wie „atheistisch an Gott glauben“ oder „Nichts ist wirklicher als die Fiktion“ beeindrucken Sie (und Sölle) hier niemanden – sie illustrieren nur, wie Religion Menschen dazu bringt, auch noch zu behaupten schwarz sei weiß. (Orwell lässt grüßen!)

  10. Mit dem Paradoxen kämen Sie einer der Kernaussagen christlichen Glaubens wesentlich näher (Gruß von Kierkegaard!). Aber nun habe ich kein Interesse mehr, mit Ihnen zu diskutieren, deshalb verabschiede ich mich aus diesem Blog,

    mit freundlichen Grüßen
    Ihr
    Dr. Sven Grotendiek

  11. skydaddy sagt:

    Wir bestreiten nicht, dass der christliche Glaube paradox ist – wir kritisieren es!

    Wie kann man sich mit sowas auch noch brüsten?

    … fragte der kleine Skydaddy…

  12. ferkeligel sagt:

    Schade, nu isser weg, der Herr Doktor Grotendiek. Dabei hätte ich ihn noch so gerne gefragt, ob er uns eigentlich für blöd hält, und darum solchen Unsinn verbreitet, oder ob er es womöglich selbst nicht mal merkt. Sein süßliches Glaubensbekenntnis lautet also: Gott liebt alle Menschen. Und er hat doch eben noch von dem Massaker an den dreitausend gelesen, kennt sicher auch die Sintflutgeschichte, das größte millionenfache Massaker aller Zeiten und all die anderen „Gruselgeschichten“. Die aber stehen nicht in irgendeiner atheistischen Hetzschrift, sondern in seinem eigenen „Parteibuch“. Bedeutet also die Liebe Gottes dasselbe wie die mörderische Wüterei Gottes? Liebe=Massenmord? OK, dann hab´ich wohl doch noch moralischen Lernbedarf. Auch sein Verweis auf die Nicht-Behandlung von Charlottes schlichtem Kinder-Glauben im Ferkelbuch ist mir unverständlich: Immerhin erschien das Ferkelbuch VOR seinem Charlottebuch, wie soll dann ihr Glaube dort behandelt sein können? Oder meint er allgemein den üblichen christlichen Weichspülglaubensrest? Na der ist doch gerade in dem Plakatspruch „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas“ enthalten und wird anschließend klug und logisch hinterfragt. Im Übrigen, Herr Doktor, geht es doch gar nicht um die Frage, ob es diesen gruseligen alten Mann mit Bart nun gibt oder nicht – das ist und bleibt bis in alle Ewigkeit ohnehin eine nicht beweisbare Aussage. Wichtig ist doch, die Religion an ihren eigenen Aussagen und Maßstäben zu messen, und wenn diese auf breiter Basis (im alten Testament allein an ca 1000 Teststellen!) Mord und Totschlag, Raub und Vergewaltigung im Namen des Herren zur historischen Glaubensgrundlage erklären, dann macht eine so freundlich lächelnd naive christliche Verteidigungslinie einfach nur fassungslos und zeigt, wie dringend nötig die Botschaft des Ferkelbuchs gegen die religiöse Volksverblödung ist.

    • skydaddy sagt:

      Bei dem obigen Nutzer „ferkeligel“ handelt es sich um Helge Nyncke, den Illustrator des Original-Ferkelbuchs „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“.

      Herzlich willkommen im Blog! Ich fühle mich sehr geehrt!

  13. yerainbow sagt:

    in meinem Fachbereich nennt man das „Parentisierung eines kindes“, wenn man ein Kind dazu benutzt, sich bestätigen zu lassen und sich seine Ängste nehmen zu lassen.

    Das Kind hat da die Aufgabe, die unsichere Persönlichkeit des Erwachsenen zu stabilisieren.

    Ist dem herrn Papa sicherlich noch nicht so direkt aufgefallen…

    Fällt Menschen mit diesem Problem allerdings niemals selbst auf.

    Daß diese Handlungsweise auf die kindliche Entwicklung tiefgehende Einflüsse hat, muß sicherlich nicht besonders ewähnt werden.

    Schönes Lehrbeispiel, ich werde es mir vormerken.

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