Gebetsraum-Mekka: Flughafen Frankfurt

Nachdem das Konzert beendet, die dazu gereichten Schnittchen gegessen und das Kamerateam wieder abgezogen war, nahm ich noch die gemeinschaftliche katholisch-evangelische Kapelle unter die Lupe. Dieses Jahr waren die Sternsinger offenbar nicht da… 😉

Vielleicht kommen die nur alle zwei Jahre, weil es ja ein gemeinsamer Raum ist und Sternsinger eher zum katholischen Brauchtum gehören. Andererseits befand sich hinter diesem Eingang auch das Büro der katholischen Flughafenseelsorge.

Die Kapelle hatte ein kirchlich anmutendes Glasfenster – obwohl herkömmliche Kirchenfenster üblicherweise nicht so viele blaue Richtungspfeile aufweisen.

Hinten stand in einer Ecke eine Marienstatue, vor der ebenfalls Kerzen angezündet werden konnten. Zum Ausgleich für diesen katholischen Einfluss hatte man sich offenbar bei der Bibel auf dem Altar für eine evangelische Variante entschieden. Und zwar eine, die noch in der DDR gedruckt worden war. Die sah natürlich schon etwas mitgenommen aus – kein Vergleich mit der hochwertigen, bunt bebilderten Bibel im Andachtsraum am Hamburger Flughafen.

Dafür war die Bibel allerdings auch nicht am Altar festgekettet, und ich konnte in aller Ruhe die ersten Kapitel des Josuabuches überfliegen. Es handelt von der „Landnahme“ – also davon, wie die Israeliten das gelobte Land erobern und Gott den Befehl zum Genozid an der dortigen Bevölkerung gibt. Die Stelle habe ich dann gleich aufgeschlagen gelassen – die evangelische Pastorin müsste sich denken können, warum. (Mehr zum Genozid-Befehl hatte ich hier schon mal geschrieben.)

Ich habe auch noch ein paar freundliche Mitarbeiter/innen der Flughafenseelsorge mit meinen Fragen genervt – die meiste Zeit unter den Augen von Papst Benedikt, Kardinal Lehmann und Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, deren Fotos im katholischen Seelsorgeraum aufgehängt waren. Leider muss ich sagen, dass mir der stets freundlich lächelnde Herr, der mir die meiste Zeit widmete, nicht sehr überzeugend vorkam. Auf meine Frage, weshalb für die Synagoge ausgerechnet die Farbe braun gewählt wurde, erklärte er mir zunächst, dass die Farbe für den katholisch-evangelischen Andachtsraum blau sei (???), weil dies die Farbe der Liebe sei und das für die Liebe Gottes stünde. (Ich verkniff mir die Frage, was denn die Vertreter der anderen Religionen zu dieser großkirchlichen Vereinnahmung der Liebe Gottes sagen…) Als ich nachhakte, was es denn jetzt mit dem Braun für die Synagoge auf sich habe, erzählte er, Braun sei eine wichtige Farbe in Palästina und für die Juden. Ich hatte allerdings den Verdacht, dass er sich das alles just in diesem Moment ausdachte. Als ich schließlich erwähnte, dass ich Atheist sei, fragte er: „Aber an Gott glauben Sie doch trotzdem, oder?“

Es ist mir auch trotz Nachhakens nicht gelungen herauszubekommen, womit die Flughafenseelsorger wieviel Zeit verbringen. Denn die Tätigkeiten „Notfallseelsorge bei Flugzeugkatastrophen“ und „Todesnachrichten an wartende Angehörige oder ankommende Familienmitglieder überbringen“ dürften wohl kaum zwei hauptamtliche Flughafenseelsorger ausfüllen. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass die Seelsorge für die Flughafenmitarbeiter einen großen Teil der Arbeit ausmacht. Als ich diesen Punkt ansprach, sagte man mir, die Zielgruppe seien zunächst einmal die Reisenden. Da ich aber nach der konkreten Zeitverteilung zwischen Reisenden und Flughafenmitarbeitern gefragt hatte (wem wird in der Praxis mehr Zeit zuteil?) klang diese Antwort in meinen Ohren ein wenig wie „Offiziell sind wir erst einmal für die Reisenden da, aber in der Praxis kümmern wir uns die meiste Zeit um Flughafenbeschäftigte.“ Zu den Konzerten und regelmäßigen Andachten z.B. dürften ja wohl in erster Linie Flughafenmitarbeiter kommen.

Jedenfalls war der Flughafen Frankfurt der krönende Abschluss meiner Gebetsraum-Exkursion. Wenn ich in Zukunft über Flughafenseelsorge blogge, werde ich meinen Laptop gen Frankfurt ausrichten – dem Gebetsraum-Mekka.

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8 Responses to Gebetsraum-Mekka: Flughafen Frankfurt

  1. skandal! ein umerziehungslager für alle zusammen würde reichen!

  2. bundesbedenkentraeger sagt:

    Klar war das ne evangelische Bibel auf dem Altar. Die Katholiken haben keine Altarbibel.

  3. skydaddy sagt:

    Echt? Muss ich beim nächsten Mal drauf achten. Vielen Dank, Bedenkenträger!

  4. verquer sagt:

    Als ich schließlich erwähnte, dass ich Atheist sei, fragte er: „Aber an Gott glauben Sie doch trotzdem, oder?“

    priceless.

  5. Hansjürgen sagt:

    Das ist doch verrückt, oder? Vielleicht gibt es dann internationale Großemesseevents, wo der Flughafen zum Zentrum von Gläubigen wird. Der Flughafen als Gläubigendrehscheibe….wie klingt denn das…..? Finde ich aber eine tolle Idee….hin und wieder wartet man ja doch einige Stunden und so kann man wenigstens ein bisserl Zeit dem Glauben schenken. Alles Liebe noch!

  6. Schwabe sagt:

    Schlecht für die Neutralität ist, dass es in öffentlichen Räumen Kapellen und Räume des Gebets für Christen und Gläubige anderer Bekenntnisse gibt.

    Gut für die Neutralität öffentlicher Räume ist, dass es Beate Uhse, Pornoläden, Nachschubbasen für Alkoholiker an allen Ecken und Enden gibt.

    • skydaddy sagt:

      Witzig, aber jetzt wo Du es sagst:

      Am Flughafen Hannover ist der Beate-Uhse-Laden schräg gegenüber von der christlichen Kapelle.

      Dagegen befindet sich der muslimische Gebetsraum direkt gegenüber vom Polizeibüro…

      Übrigens habe ich nichts gegen Andachtsräume, solange sie religiös neutral und für alle offen sind. Ich finde es nur dreist, wenn die Kirche versucht, Extrawürste für sich zu fordern.

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