Gebetsraum-Mekka: Flughafen Frankfurt

Neulich erlitt eins meiner Hauptargumente gegen einen speziell christlichen Gebetsraum am zukünftigen Flughafen Berlin Brandenburg einen schweren Rückschlag: nämlich das Argument, man könne schließlich nicht jeder Religionsgemeinschaft einen eigenen Gebetsraum einrichten.

Am Flughafen Frankfurt kann man das offenbar. Hier gibt es – festhalten, Leute! – 5 Moscheen, 2 gemeinsame katholisch-evangelische Kapellen, 2 Synagogen und eine christlich-orthodoxe Kapelle. Hier dürfte also selbst Edward Current auf seine Kosten kommen – das ist der Typ, der aus Sorge um sein Seelenheil sicherheitshalber zu allen Religionen konvertiert ist. Nimmt man noch das italienische Restaurant hinzu, haben selbst die Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters einen Ort, um Ihre Gottheit zu preisen.

Vollzeit-Flughafenseelsorger gibt es allerdings nur für die Katholiken und Protestanten. (Naja, und die Pastafari, gewissermaßen…) Der Orthodoxe Seelsorger kommt wohl nur zu bestimmten Zeiten. Der für die Flughafensynagogen zuständige Rabbiner ist auch die meiste Zeit nicht dort anwesend. Für die islamischen Gebetsräume gibt es einen Beauftragten des Flughafens, der sich um die Räume kümmert, das ist aber kein Geistlicher.

Leider hatte ich trotz Ticket keinen Zugang zum Transitbereich, aber allein die Anzahl der Gebetsräume im öffentlich zugänglichen Bereich machte offenbar bereits eine Farbkennzeichnung der Gebetsräume erforderlich.

Der Eingang zur gemeinsamen katholisch-evangelischen Kapelle war goldfarben gehalten. In der Kapelle war gerade ein Konzert und ein Fernsehteam der ARD. Also keine Chance, unbemerkt das Kreuz umzudrehen… Ich schaute mir daher zunächst die Synagoge an und wunderte mich, weshalb um alles in der Welt die Synagogentür ausgerechnet braun markiert war.

Die Synagoge war verhältnismäßig schlicht gehalten. An den Wänden hingen ein paar Bilder, an der Rückwand war ein Brett mit ein paar Büchern, u.a. mehrere mit dem Pentateuch (5 Bücher Mose) sowie zwei Exemplare dieses Büchleins, einer Haggadah. Am Türrahmen der Synagoge befand sich eine Mesusa – ein kleiner, länglicher Behälter in dem sich ein Pergament mit einigen Toraversen befindet. Das habe ich aber eben erst bei Wikipedia nachgeschaut – ich hielt die Mesusa zunächst für ein Schutzzeichen für den Fall, dass Jehova mal wieder mit seinem Todesengel umherzieht, um alle Erstgeborenen zu ermorden. Wie damals vor dem Auszug aus Ägypten (10. Plage). Quasi nach dem Motto „Bettler, Hausierer und Todesengel hier bitte nicht klingeln!“ Aber das mit den Toraversen macht schon mehr Sinn – schließlich werden Jehova und der Todesengel ja wohl nicht so blöd sein, hinter einer Tür mit dem Davidstern und der Aufschrift „Synagoge“ (in drei Sprachen) ihr Unwesen zu treiben. Mesusa hin oder her.

(Ergänzung: Jehova und der Todesengel würden sich offenbar von gar keiner Markierung abhalten lassen, vgl. 2. Samuel 24,15-16: Jehova nimmt das Volk Israel in Sippenhaft für die Sünde von König David und schickt die Pest. Das Resultat: 70.000 tote Israeliten, und gezählt werden dabei anscheinend nur Männer. Davids Sünde bestand darin, eine Volkszählung durchgeführt zu haben. Auf Befehl Gottes! 2. Samuel 24,1: „Und der Zorn des HERRN entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen das Volk und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda!“)

Übrigens verrichten nicht nur Muslime täglich ihre Gebete am Flughafen, sondern auch Juden. Juden müssen nämlich auch dreimal am Tag beten. Dafür legen sie dann ggf. auch am Flughafen ihre Gebetsriemen und Gebetsschals an, sagte man mir.

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8 Responses to Gebetsraum-Mekka: Flughafen Frankfurt

  1. skandal! ein umerziehungslager für alle zusammen würde reichen!

  2. bundesbedenkentraeger sagt:

    Klar war das ne evangelische Bibel auf dem Altar. Die Katholiken haben keine Altarbibel.

  3. skydaddy sagt:

    Echt? Muss ich beim nächsten Mal drauf achten. Vielen Dank, Bedenkenträger!

  4. verquer sagt:

    Als ich schließlich erwähnte, dass ich Atheist sei, fragte er: „Aber an Gott glauben Sie doch trotzdem, oder?“

    priceless.

  5. Hansjürgen sagt:

    Das ist doch verrückt, oder? Vielleicht gibt es dann internationale Großemesseevents, wo der Flughafen zum Zentrum von Gläubigen wird. Der Flughafen als Gläubigendrehscheibe….wie klingt denn das…..? Finde ich aber eine tolle Idee….hin und wieder wartet man ja doch einige Stunden und so kann man wenigstens ein bisserl Zeit dem Glauben schenken. Alles Liebe noch!

  6. Schwabe sagt:

    Schlecht für die Neutralität ist, dass es in öffentlichen Räumen Kapellen und Räume des Gebets für Christen und Gläubige anderer Bekenntnisse gibt.

    Gut für die Neutralität öffentlicher Räume ist, dass es Beate Uhse, Pornoläden, Nachschubbasen für Alkoholiker an allen Ecken und Enden gibt.

    • skydaddy sagt:

      Witzig, aber jetzt wo Du es sagst:

      Am Flughafen Hannover ist der Beate-Uhse-Laden schräg gegenüber von der christlichen Kapelle.

      Dagegen befindet sich der muslimische Gebetsraum direkt gegenüber vom Polizeibüro…

      Übrigens habe ich nichts gegen Andachtsräume, solange sie religiös neutral und für alle offen sind. Ich finde es nur dreist, wenn die Kirche versucht, Extrawürste für sich zu fordern.

  7. verquer sagt:

    @Schwabe

    Traurig.

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