Wie Kinderbibeln anstößige Texte „schönschreiben“

Durch das „Anti-Ferkelbuch“ angeregt, habe ich meinen Deutschlandaufenthalt auch dazu genutzt, Kinderbibeln unter die Lupe zu nehmen. Die Bibel – insbesondere das Alte Testament – enthält ja zahlreiche Grausamkeiten (z.B. Vernichtung fast allen Lebens durch die Sintflut oder Gottes Befehl an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern). Wie wird in Kinderbibeln damit umgegangen?

Hier schon mal ein Beispiel von vielen: Es geht um das Buch „Die Bibel – Das Alte Testament: Für Kinder und Erwachsene neu erzählt“ von Sybil Gräfin Schönfeldt“.

Darin heißt es auf Seite 92 unten zum Auszug aus Ägypten:

Auch im Lande Gosen drängten die ägyptischen Nachbarn die Kinder Israels, das Land zu verlassen. Sie halfen ihnen beim Packen und gaben ihnen, was sie verlangten oder brauchten, denn sie sagten: „Wenn ihr nicht fortgeht, kommen wir alle noch um!“

Sie halfen ihnen beim Packen? Man muss hier den Eindruck gewinnen, der Abschied sei recht einvernehmlich erfolgt. Doch wie liest sich das im biblischen Text (2. Mose/Exodus 12, 33-36)?

In der katholischen Einheitsübersetzung heißt es:

33 Die Ägypter drängten das Volk, eiligst das Land zu verlassen, denn sie sagten: Sonst kommen wir noch alle um. […] 35 Die Israeliten taten, was Mose gesagt hatte. Sie erbaten von den Ägyptern Geräte aus Silber und Gold und auch Gewänder. 36 Der Herr ließ das Volk bei den Ägyptern Gunst finden, sodass sie auf ihre Bitte eingingen. Auf diese Weise plünderten sie die Ägypter aus.

Im evangelischen Luthertext von 1984 lautet die Stelle:

33 Und die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande; denn sie sprachen: Wir sind alle des Todes.

[…] 35 Und die Israeliten hatten getan, wie Mose gesagt hatte, und hatten sich von den Ägyptern silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen. 36 Dazu hatte der HERR dem Volk Gunst verschafft bei den Ägyptern, dass sie ihnen willfährig waren, und so nahmen sie es von den Ägyptern zur Beute.

Davon, dass die Ägypter den Israeliten beim Packen halfen – wie es sich Sybil Gräfin Schönfeldt zurechtfantasiert – ist schon mal gar nicht die Rede. Vielmehr wird deutlich, dass die Israeliten die Ägypter ausplündern, und dass es sich bei den übergebenen Gegenständen (Gold, Silber, Kleider) um Beute handelt.

Selbst die „Gute Nachricht Bibel“ schreibt davon, dass die Israeliten die Ägypter „beraubten“:

33 Die Ägypter drängten das Volk, schleunigst das Land zu verlassen. »Sonst kommen wir noch alle um!«, sagten sie. […] 35 Nach der Anweisung Moses hatten die Leute von den Ägyptern Schmuckstücke aus Silber und Gold und festliche Kleider erbeten. 36 Der HERR hatte dafür gesorgt, dass die Ägypter ihnen wohlgesinnt waren und ihnen alles gaben, was sie verlangten. Auf diese Weise beraubten sie die Ägypter.

Vielleicht hat Gräfin Schönfeldt die Idee, dass die Ägypter den Israeliten beim Packen geholfen haben, ja aus dieser Übersetzung – obwohl es schon merkwürdig erscheint, dass die Ägypter ausgerechnet denjenigen, die sie berauben, noch so ausgesprochen „wohlgesinnt“ gewesen sein sollen.

Bei solchen Merkwürdigkeiten empfiehlt es sich immer, die entsprechende Bibelstelle auch noch mal in anderen – insbesondere älteren und fremdsprachlichen Bibelübersetzungen – nachzulesen.

Und siehe da: Während in den obigen, modernen Übersetzungen davon die Rede ist, dass die Israeliten Gold und Silber „erbeten“ bzw. „sich geben lassen“, heißt es z.B. in den älteren Lutherübersetzungen von 1545 und 1912 und den Elberfelder Übersetzungen von 1871 und 1905 übereinstimmend, dass die Israeliten Gold, Silber und Kleider „forderten“ – und nur das macht in diesem Zusammenhang auch Sinn! Wenn jemand Beute macht, indem er beraubt oder plündert, dann spricht man im Allgemeinen nicht davon, dass er sich seine Beute „erbittet“.

Nun zu der „Wohlgesinntheit“: Von der „Gute Nachricht Bibel“ mal abgesehen, formulieren die meisten Übersetzungen ähnlich wie die Einheitsübersetzung und der Luthertext von 1984, dass Gott den Israeliten „bei den Ägyptern Gunst verschafft“. Von den Umständen mal abgesehen – Gott hat gerade alle erstgeborenen Söhne der Ägypter töten lassen, um den Fortzug der Israeliten zu erzwingen – würde man dies im Sinne der „Gute Nachricht Bibel“-Übersetzung so verstehen, dass die Ägypter den Israeliten – weshalb auch immer – „wohlgesinnt“ waren.

Einige Übersetzungen – z.B. die Luthertexte von 1545 und 1912 („der HERR [hatte] dem Volk Gnade gegeben vor den Ägyptern“) oder die englische King James Version und die American Standard Version („the LORD/Jehovah gave the people favour in the sight of the Egyptians“) – lassen allerdings erahnen, dass die eigentliche Bedeutung wohl eher dahin geht, dass Gott den Israeliten vor den Augen der Ägypter seine Gunst gewährt hat – und nicht den Israeliten in den Augen der Ägypter Gunst gewährt hat. Das würde dann heißen, dass in der Stelle nicht von der Gunst der Ägypter die Rede ist, sondern von der Gunst Gottes. Die Ägypter sind nur willfährig, weil Gott bewiesen hat, dass er auf der Seite der Israeliten ist und die Ägypter furchtbar straft, wenn sie nicht gehorchen. Dies erscheint mir in Anbetracht der geschilderten Umstände die naheliegende Deutung.

Vor diesem Hintergrund kann man den Eindruck haben, dass die Formulierungen in der Einheitsübersetzung und im Luthertext von 1984 (Gott verschafft den Israeliten „bei den Ägyptern Gunst“) so gewählt sind, dass sie die eben genannte Interpretation (Gott gewährt den Israeliten seine Gunst, während sie bei den Ägyptern sind) zwar zulassen, aber beim ungefangenen Leser einen „positiveren“ Eindruck erwecken: nämlich den, der auch in der „Gute Nachricht Bibel“ vermittelt wird: dass die Ägypter den Israeliten wohlgesonnen sind.

Leider wird sich die Frage nach der „richtigen“ Übersetzung kaum klären lassen, da das Hebräisch der Bibel nur über einen relativ kleinen Wortschatz verfügt, was wiederum mit sich bringt, dass ein Wort viele – auch unterschiedliche – Bedeutungen haben kann. Wer kein Hebräisch kann, kann sich immer noch bei biblestudytools.com eine sog. Interlinearübersetzung anzeigen lassen (das ist eine Darstellung, bei der die (hier englische) Übersetzung zeilenweise parallel zum hebräischen Originaltext abgebildet wird) und dann auf die jeweiligen englischen Worte klicken, um zu sehen, welches hebräische Wort zugrunde liegt und welche Bedeutungen dieses hebräische Wort außerdem noch haben kann. Nur als Beispiel für die Vielfalt: Das Wort für „Auge“, das in der englischen King James Version hier sozusagen mit „vor den Augen“ oder „in den Augen“ (der Ägypter) übersetzt wird, kann im Englischen u.a. folgendes heißen: eye (Auge), sight (Anblick, Blick, Sehen usw.), seem (den Anschein erwecken), colour (Farbe), fountain (Springbrunnen), well (Brunnen), face (Gesicht), presence (Anwesenheit), before (vor), conceit (Einbildung), think (denken).

Von den Umständen her – immerhin hat Gott zuvor zehn Plagen geschickt, von denen die Israeliten zum Teil ausgenommen waren und die auf Befehl des Mose wieder verschwanden –sollte aber wohl klar sein, dass Gott den Israeliten vor den Augen der Ägypter seine Gunst erwiesen hat und die Ägypter deshalb die Forderungen der Israeliten erfüllten. Und nicht Gott den Israeliten die Gunst der Ägypter hat zukommen lassen.

Aber immerhin: Durch die modernen Übersetzungen und die Nacherzählung der Gräfin wird aus dem Kindermord Gottes (der letzten Plage) die Gunst der Ägypter, die schließlich noch den Israeliten beim Packen helfen, nachdem diese sie ausgeplündert haben.

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One Response to Wie Kinderbibeln anstößige Texte „schönschreiben“

  1. emporda sagt:

    Das ist alles gequirlte Sch….
    Das biblische AT wurde in Mittelhebräisch in aramäischer Quadratschrift geschrieben, eine Schrift und Sprache die erst nach 250 v.C. entstandt und von Priestern genutzt wurde. Das Volk Palästinas hat weiterhin wie seit 500 Jahren Aramäisch gesprochen.

    Nach dem Papyrus Harris mit über 1500 Zeilen in Hieratisch auf 41 Meter Länge siedelt der Pharao die Seevölker der Sherden und Weskesh als Puffer an Ägyptens Nordgrenze in Canaan an. Zuletzt werden die Shardana (Sherden) 1100 v.C. im Onomasticon von Amenemope als ein Teil der Seevölker genannt. Die kulturelle Bindung an Ägypten über Jahrhunderte zeigt sich im typisch ägyptischen Baustil der Häuser in Palästina gefunden bei Ausgrabungen in Aphek, Ashdod, Beth Shan, Gaza, Hesi, Jemmeh, Joppa, Tell el-Farah, Tell Masos und Tell esh-Sharia (Ziklag). Die Ansiedlung war vergeblich, Canaan wird für Jahrhunderte Beute benachbarter Großmächte und wird assyrisch-chaldäischer Vasall bis die Perser alles besetzen. Pharao Ramses IV nennt die Seevölker Shardana der phönizischen Küste, der Grieche Herodotus beschreibt sie als Barbaren und berichtet über Schlachten zwischen Phöniziern und Sardoniern (Sardinien). Über die Hapiru (Apiru) gibt es Nennungen von 1800–1200 v.C. bei den Sumerern, Ägyptern, Akkadiern, Hethitern, Mitanni und Ugaritern. Das Akkadische Wort Habattu für Hapiru bedeutet Straßenräuber oder Wegelagerer. Die Wegelagerer haben selber offensichtlich nie etwas geschrieben. Deren Auftreten wird in Phönizien (Fenkeu) aus Sumur, Batrun, Byblos, Upe/Damascus und südlich bis Jerusalem berichtet. Für ein biblisches Volk der Israeliten, das nicht mit den Hapiru identisch ist, gibt es in den historischen Texten keinen Platz.

    Im Amarna Archiv befinden sich 6 Hilfsgesuche von König Biridiya, der um 1350 v.C. als Vasallenkönig von Tel Megiddo die Bedrohung durch die Shechem unter dem Hapiru-Canaaniter Labayu beklagt. Die Texte geben Hinweise auf die Königreiche Mitanni unter König Tushratta, auf Babylon, Assyrien und das Hethiterreich unter König Schuppiluliuma I, die Kriege um die Vorherrschaft über Palästina führen. Mehr als 60 Schreiben des Rib-Addi aus Byblos mit der Bitte um Hilfe liegen vor, alle waren vergeblich. Ein diktatorischer Staat der Pharaonen, der 200 Jahre vorher 180.000 Mann aufbietet einige Hyksos zu vertreiben, soll unfähig sein die Nordgrenze zu schützen, die Zahl ist wie alles maßlos übertrieben.

    In Amarna Briefen mit dem Pharao Echnaton beklagen die Vasallenkönige Biridija von Meggido in EA242-247, Abdi-Hiba von Jerusalem in EA285-290; Tagi, Milkili, Lapahi und Addudani alle von Gezer in EA264-271 und EA292-300 besonders die Überfälle der Hapiru und Prinz Pabi von Lachish schickt einen Boten. Palästina besteht nur aus ägytischen Stadtstaaten, Jerusalem mit einer Akkadisch sprechenden Bevölkerung wird immer wieder von den Hapiru (Hebräern) geplündert, sie leben dort nicht und haben dort keine Paläste, Tempel und Herrscher. Hapiru ist keine Ethnie sondern ein Sammelbegriff wie „canaanitische Räuberbande“, welche ab 1000 v.C. die Schrift, Sprache und sogar die Götzenkulte der benachbarten Phönizier kopieren und damit eine erste kulturelle Identität schaffen. Für Theologen bedeutet Israeliten=Hapiru die Patriarchen wie Moses, Noah, abraham, Salomon usw. haben nie existiert.

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