Internationaler Gebetsraum-Check mit Skydaddy

Flughafen Amsterdam (Schipol)

In Amsterdam wird der Betraum als „Meditationsraum“ bezeichnet. Das Piktogramm ist ein devot kniender Beter, da sind mir die betenden Hände noch lieber!

Ich entschied mich also schweren atheistischen Herzens gegen die gottlosen Beschäftigungen Shoppen, Trinken und Glücksspiel und folgte den Schildern zum Meditationsraum.

Das Meditationszentrum ist ein verglaster, einladender Raum. Ich war um 8 Uhr morgens da, eine Gruppe Meditierender verließ gerade den Raum und es kamen einige Musliminnen und Muslime, die offenbar beten wollten. Deshalb habe ich keine Fotos von dem eigentlichen Raum gemacht. Der Raum ist allerdings in einem YouTube-Video zu sehen, das offenbar der örtliche Flughafenseelsorger eingestellt hat. Ich hatte übrigens den Eindruck, dass es hier keine Geschlechtertrennung gibt.

Der Betraum in Amsterdam hat keine eigene rituelle Waschanlage. Diese ist laut dem Hinweisschild ca. 20m entfernt in den Toiletten und hat eine eigenes „rituelle Fußwaschanlagen“-Piktogramm (s.o., gelb)! Was mich allerdings noch mehr überraschte war die Auflistung verschiedener religiöser Symbole (meines Erachtens eher unangebracht für einen Raum, der allen Religionen offenstehen soll) auf dem Hinweisschild: Irre ich mich, oder ist das zweite Symbol von links ein Humanisten-Logo? Wahrscheinlich versuchen sie damit, unvorsichtige Humanisten in die Fänge des Flughafengeistlichen zu locken.

Als „Locken“ kann wohl auch nur die Aussage auf dem Schild bezeichnet werden, es gäbe einen Leseraum mit „Magazinen, Büchern und Broschüren zu persönlichen und spirituellen Themen“. Tatsächlich gab es nur christliches Propagandamaterial auf Holländisch (s.u.)! Wenn z.B. die Zeugen Jehovas den Wachtturm oder Erwachet! verteilen, dann spricht man gemeinhin auch nicht davon, dass sie „Lesestoff zu persönlichen und spirituellen Themen“ anbieten, sondern von Evangelisation und Mission.

In Amsterdam fand sich dann auch ein moderat christlich gestalteter „Seelsorge-Raum”:

Es leuchtet ja sofort ein, dass ein Raum für Seelsorgegespräche unmöglich ohne eine 1,50 m hohe Kerze mit christlichen Symbolen auskommen kann…

In dem Vorraum/“Leseraum“ fand sich auch ein Regal mit besagter Propaganda. Sah mir alles sehr christlich aus, und merkwürdigerweise schien auch praktisch alles auf Holländisch zu sein. In dieser internationalen Umgebung hätte ich eigentlich etwas auf Englisch erwartet – die Holländer dürften ja außerhalb des Flughafens unschwer kirchliche Unterstützung finden. Ich nehme an, dass es sich um das übliche Propagandamaterial der örtlichen Kirche handelt und dass die gar keins auf Englisch haben.

Immerhin: Ein Flyer war auf Englisch und Holländisch. Darin fand sich auch ein Verweis auf die Internationale Vereinigung der Flughafenseelsorger (IACAC). Das Piktogramm mit dem devot knienden Beter stammt offenbar aus deren Logo. Auf deren Homepage heißt es,  „Flughafenseelsorger repräsentieren die christliche Kirche ebenso wie andere Religionen“. Auf „andere Religionen“ findet sich allerdings ansonsten kein Hinweis, vielmehr ist das Material dort explizit christlich. So schreibt beispielsweise der Dresdener Flughafenseelsorger M. Andreas Sembdner zu der Frage „Was ist die IACAC für mich?“: „Eine ökumenische Vereinigung von Flughafenseelsorgern – gegründet auf der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes“. Es scheint sogar etwas katholisch-lastig zu sein, was mich wundert, denn ein katholischer Geistlicher darf ja kein ökumenisches Abendmahl verabreichen.

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5 Responses to Internationaler Gebetsraum-Check mit Skydaddy

  1. […] vermutlich als „atheistischen Gebetsraum“ bezeichnen.) Im Gegensatz zu dem multireligiösen Gebetsraum am Flughafen Amsterdam fand sich hier auch kein Hinweis, wo Muslime ihre rituelle Reinigung hätten vornehmen können. (In […]

  2. […] Gebetsraumcheck am Flughafen Berlin Neulich war ich in Berlin, um Carsten Frerk und Philipp Möller vom hpd einen Besuch abzustatten. Dabei war ich auch am Flughafen Tegel – es war also Zeit für eine weitere Gebetsraum-Recherche. […]

  3. Leserin sagt:

    „Der muslimische Gebetsraum befindet sich praktischerweise schräg gegenüber vom Büro der Flughafenpolizei.“ Genial formuliert 😀
    Ansonsten ist dieser Artikel echt schön. Man merkt, dass da viel Mühe hintersteckt.
    Für mich ist er besonders interessant, weil ich noch nie geflogen bin (bin auch noch nicht soo alt) und mir deshalb sowas noch nie selber anschauen konnte.
    Weiter so 🙂

  4. skydaddy sagt:

    Liebe Leserin, vielen Dank!

    Ich möchte betonen, dass mein Hinweis auf die Nähe des islamischen Gebetsraums zur Polizei – am Flughafen Frankfurt ist das übrigens genauso – nicht die Muslime unter Generalverdacht stellen, sondern sich gerade darüber lustig machen soll, dass manche Leute Muslime unter Generalverdacht stellen.

    Auf den deutschen Flughäfen, die ich bisher gebetsraum-mäßig ausgekundschaftet habe, waren übrigens immer auch öffentlich zugängliche Gebetsräume. Falls Du Dein Interesse für Flughafen-Gebetsräume also nicht weiter zügeln kannst, könntest Du Dir so einen Raum auch ohne Flugticket mal anschauen – sofern Du in der Nähe eines internationalen Flughafens bist… In Hamburg z.B. konnte ich anhand des Gästebuchs sehen, dass es offenbar Menschen gibt, die die Flughafenkapelle auch nutzen, ohne zu verreisen. Warum, weiß der Himmel…

    Es wäre natürlich toll, wenn meine Leserinnen und Leser mir Impressionen von anderen Flughäfen mailen würden. In Deutschland stehen z.B. noch aus: München, Stuttgart, Leipzig-Halle, Dresden und Münster-Osnabrück.

  5. Leserin sagt:

    Ich hab das mit den Muslimen schon so verstanden, wie du das meintest, und sehe das ähnlich.
    Dass ich das auch ohne Flugticket besichtigen kann, wusst ich nicht, da muss ich mal schauen, ob sich irgendwann eine Gelegenheit bietet.

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