Horst Köhler: Präsident aller, die Achtung vor der Geburt Jesu haben

Eigentlich wollte ich nur nachschauen, ob die Silvesteransprache des Bundespräsidenten schon online ist. War sie nicht,* dafür fand ich aber seine Weihnachtsansprache.

Darin heißt es gleich zu Beginn:

Liebe Landsleute,

meine Frau und ich, wir wünschen Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnacht.

Wir denken dankbar an die Geburt Jesu Christi, und wir freuen uns mit jedem, der Achtung davor hat, ganz unabhängig vom eigenen Glauben.

Ich habe jedenfalls keine Achtung vor der Geburt Jesu, wieso auch? Die Geburt Jesu hat sich mit Sicherheit nicht so abgespielt, wie in den Weihnachtsgeschichten bei den Evangelisten Matthäus und Lukas beschrieben – ganz abgesehen davon, dass sich beide widersprechen. Weder gab es einen Kindermord des Herodes, wie ihn Matthäus beschreibt (Herodes starb um das Jahr 4 v.u.Z.), noch hätten Maria und Josef für eine Volkszählung (die im Jahre 7 n.u.Z. stattgefunden haben dürfte) von ihrem Wohnort Nazareth nach Bethlehem ziehen müssen, wie es der Evangelist Lukas erzählt.

Auch kann ich nicht erkennen, weshalb ich Achtung vor der Geburt Jesu an sich haben sollte. Sein Daseinszweck bestand – der christlichen Lehre zufolge – darin, in grausamer Weise als „Sündenbock“ geopfert zu werden. Dies – und die damit verbundene Lehre von der Erbsünde – halte ich für entwürdigend. Hinzu kommt noch, dass dieser Jesus – jedenfalls nach christlicher Vorstellung – mich später einmal persönlich „zur Hölle schicken wird“, wo ich ewige Qualen erleiden soll. Nicht, weil ich ein schlechter Mensch wäre, sondern weil ich diese Jesuslehre (siehe die obigen Beispiele) für nicht überzeugend und zudem für (gelinde gesagt) überholt halte. Letzteres gilt auch für Jesu Ethik, die von der heutigen Ethik, wie sie vor allem in den Menschenrechten festgeschrieben ist, durchaus übertroffen wird.

Köhler sollte sich eigentlich als Präsident aller Deutschen präsentieren – nicht nur derjenigen, die die Geburt Jesu „achten“. Auch ist es lächerlich, den Kreis der Angesprochenen durch die Floskel „ganz unabhängig vom eigenen Glauben“ erweitern zu wollen. Köhler könnte sich ein Beispiel an Barack und Michelle Obamas Weihnachtsgruß an Soldatenfamilien nehmen – Obama spricht zwar von „Christmas“ und „Blessings“ (Segen bzw. Segenswünschen) sowie der „Botschaft von Frieden und Brüderlichkeit, die auch mehr als 2.000 Jahre nach Jesu Geburt noch Menschen inspiriert“. Das ist allerdings mehr eine Art Feststellung (wer will abstreiten, dass auch (oder gerade) heute noch Menschen sich von der Botschaft Jesu in dieser Weise inspiriert fühlen), und Obama macht sich die christliche Auffassung hier nicht zu eigen, wie es Horst Köhler tut.

Die richtigen Worte zu finden, ist für den Bundespräsidenten keine Nebensache. Dies wäre übrigens kaum einen Artikel wert, wenn sich Köhler nicht erst jüngst reichlich naiv-unkritisch über die Bibel geäußert hätte („wichtigstes Buch, das ich kenne“, „Die Bibel bietet uns Orientierung“, usw.) Daraufhin hatte die Giordano-Bruno-Stiftung in einem offenen Brief an Köhler darauf hingewiesen, „dass unsere moderne Verfassung das wichtigste Buch des Bundespräsidenten sein sollte und nicht eine 2000 Jahre alte, weltanschauliche Schrift.“

* Es fiel mir dann auch wieder ein, dass an Silvester traditionell die Bundeskanzlerin spricht, nicht der Präsident.

Anmerkung: Wenn ich die Beispielhaftigkeit von Obamas Ansprache hervorhebe, so bezieht sich das nur auf den Umgang mit der „Weihnachtsthematik“.

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9 Responses to Horst Köhler: Präsident aller, die Achtung vor der Geburt Jesu haben

  1. Oh, deine gedanken hätten super zu meinem blogeintrag gepasst. Schade, dass mir mein eintrag so gut gefällt, dass ich ihn nicht mehr ändern will.

  2. skydaddy sagt:

    @politbuerokrat: Interessanter Eintrag!

    In Köhlers Redetext spricht er von „unserem Glauben“ (anstatt neutral über den christlichen Glauben zu sprechen, macht er ihn sich zu eigen – wobei man noch nicht einmal erkennen kann, ob er mit „uns“ sich und seine Enkel meint, sich und die Anwesenden oder „uns Deutsche“) und man erfährt, dass Köhler – „der von Amts wegen eigentlich keine Nebenämter hat, ausnahmsweise, aber sehr gerne Vorsitzender des Kuratoriums der Hermann-Kunst-Stiftung geworden“ ist.

    Das heißt, der „Präsident aller Deutschen“ macht ausgerechnet für eine „Stiftung zur Förderung der neutestamentlichen Textforschung“ eine Ausnahme.

  3. Tammox sagt:

    Dieser Köhler ist irgendwie problematisch.

    Ich habe ihn nun schon derart oft sagen hören „meine Frau und ich beten für sie“, daß ich mich frage, ob das massive Gebete von höchster staatlicher Stelle nicht noch den ein oder anderen Atheisten mit in den Himmel reißen könnte.
    Auch wenn man dafür eigentlich noch ein paar andere Voraussetzungen erfüllen müßte.
    Köhlers Beterei kann offenbar recht effektiv sein – kaum im Amt (und zur parteipolitischen Neutralität verpflichtet), erklärte er doch, daß „hoffentlich bald Angela Merkel“ Bundeskanzler werden solle. Da hatte Atheist Schröder natürlich keine Chance mehr!

    Köhler betet mit also mit durchschlagendem Erfolg.

    Gutgemeint ist dabei aber nicht immer auch gut gemacht.
    Was ist mit denjenigen, die gar nicht in den Himmel wollen?
    Schließlich das nicht für jedermann was – die Gesellschaft dort (Päpste, Hitler, Eichmann,..), die Temperaturen (rund – 65°C in den Wolken), die gewöhnungsbedürftige Mode (weiße Kleider), die albernen Frisuren (Modell „Dauerwelle Exzess“ in goldblond) und nicht zuletzt die Musik (immer nur Harfe wird nach den ersten 10.000 Jahren auch etwas nervtötend)…

    Glücklicherweise bebetet die Familie Köhler ja nur ihre Landsleute. Da bin ich also schon mal sicher – Dank Roland Koch und Angela Merkel habe ich ja keinen deutschen Pass – aber an Deiner Stelle würde ich mal im Bundespräsidialamt anfragen, ob Du zukünftig bei Weihnachtsansprachen u.ä. von der präsidentiellen Bebetung ausgenommen werden könntest.

    Obama hingegen hat schon in seiner Rede zur Amtseinführung ausdrücklich auch die NICHTgläubigen erwähnt und ihnen Respekt erwiesen. Dabei gibt es davon in Amerika weniger als hier, wo die Konfessionslosen bekanntermaßen sogar eine relative Mehrheit vor Katholen und Evangelen haben.

    Mit deutschem Pass würde ich mich als Ungläubiger schon sorgen.

    Vielleicht hilft da nur Gegenbeten – im Sinne von Broders „Wir beten zurück“

    http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Henryk-M-Broder-Williamson-Antisemitismus;art141,2733521

    Mit atheistischem Grüßen..

    Tammox

  4. skydaddy sagt:

    Hi Tammox!

    Als Auslandsdeutscher sehe ich mich erst einmal als als Weltbürger und hoffe, dass die Köhlersche Gebets-Windhose mich als letzten mitreißt.

    Außerdem sollte sich Hotte mal überlegen, ob er nun für die Deutschen oder für Angela Merkel beten will. Beides gleichzeitig scheint mir unverträglich. Außerdem kommt das Merkel-Beten dem Götzendienst zumindest gefährlich nahe, wie Andreas Müller bemerkte.

    Sollte ich aber doch mitgerissen werden, dann verstimme ich aus Protest absichtlich meine Harfe!

  5. Tammox sagt:

    Hi – jaja, dieses subversiv-anarchische Herangehen mit der verstimmten Harfe gefällt mir. Nach ein paar Myriaden Jahren könnte das den ein oder anderen Engel aus der Ruhe bringen.
    Ich hatte bisher leider nur so primitive, dem Gedanken an Mammon geschuldete „Ernstfallpläne“ und dachte daran im Himmel einen Handel mit Thermounterwäsche aufzuziehen. Fragt sich, wie viel Ware man wohl mitnehmen kann. Aber es gibt ja jetzt in Amerika diese XXL-Särge; da könnte ich schon allerlei lange Goretex-Unterhosen mit reinpacken!

    LGT

  6. skydaddy sagt:

    Tammox, ich glaube, da wo wir hinkommen, brauchen wir uns keine Gedanken über warme Unterwäsche zu machen…

  7. Tammox sagt:

    ;)))

    Ist ja auch gut so.
    Die Harfen verbrennen dann auch. Musiktechnisch ist das also auch geklärt.
    Aber die Gesellschaft ist sicher interessant – Galileo, Giordano Bruno, Dawkins,…..

    LG

  8. no problem wegen der musik… rein physikalisch gesehen besteht kein wesentlicher unterschied zwischen den klangwellen, die von der instrumentellen performance einer puccini-oper ausgeht und jener, die das gegröhle einer skinheadband herbeiführt.

    vor allem gibt es dann dort auch keine countrymusik!

  9. *ausgehen … sry 4 that…

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